Teufelstanz und Weltbürgertum.
Antje Korsmeier, Alexander Kissler, Volker Koop, Helmut Engel,
Thomas Mann. Das Deutsche und die Deutschen.
In ihm sollte sich verdichten, was deutsch genannt werden kann: Thomas Mann begriff sein Leben und Schreiben als exemplarisch für eine ganze Nation. Im Guten wie im Schlechten zeichnete er von sich, auf Goethes Spuren, das Bild einer repräsentativen Existenz. Alexander Kisslers Essay in dem bei be.bra wissenschaft erschienenen Sammelband ist darum mit dem sprechenden Zitat betitelt: „Meine Bücher sind verzweifelt deutsch.“ Ausführlich werden die verschlungenen Wege nachgezeichnet, auf denen sich Thomas Mann vom Vaterlandsverherrlicher über den patriotischen Europäer zum humanistischen Weltbürger entwickelte.
Leseprobe | „Meine Bücher sind verzweifelt deutsch.“
Deutschland, schrieb Thomas Mann 1940, müsse die Wahrheit wieder begreifen lernen, „dass es nur groß und glücklich sein kann innerhalb eines politisch entgifteten, vom Wahn überlebter Hegemonie-Gedanken geheilten Europas, das in freier Interessengemeinschaft den Künsten des Friedens leben darf.“ Er spricht sogar von einem möglichen „Zusammenschluss der europäischen Staaten zu einem Commonwealth“, gleichsam den Vereinigten Staaten von Europa. Diese sind bis heute nicht Realität geworden, doch niemand wird bezweifeln, dass der Schlüssel zum dauerhaften Frieden auf dem europäischen Kontinent in den seit 1945 immer enger werdenden politischen und ökonomischen Kooperationen liegt. Die Alternativlosigkeit einer solchen Entwicklung hat Thomas Mann früh erkannt – ursprünglich gewiss aus künstlerischen Erwägungen heraus: Denn wenn das Ideal des Schreibens grundsätzlich die immer wieder reklamierte Welthaltigkeit und Weltfähigkeit ist, wenn die als Vorbild betrachtete Weltliteratur des Weltbürgers Johann Wolfgang von Goethe ein für allemal die Notwendigkeit einer Öffnung der Nationalliteratur für Anregungen mannigfaltigster Art aus nahen und fernsten Kulturen erwiesen hat, dann ist Literatur angewandter Kosmopolitismus und dann ist Politik in die Sprache des Diplomatischen übersetzte Literatur. In diesem Sinne kann der US-amerikanische Staatsbürger Thomas Mann am Ende des Jahres 1945 von sich behaupten: „Man gönne mir mein Weltdeutschtum, das mir in der Seele schon natürlich, als ich noch zu Hause war.“

Engel, Helmut; Kissler, Alexander; Koop, Volker; Korsmeier, Antje
Thomas Mann
Helden ohne Degen
Verlag: be.bra wissenschaft
188 Seiten
34 Abb.
ISBN 978-3-937233-39-0
32.00 € 51.50 sFR 32.90 € [A]