Glauben, Wissen und der Neue Atheismus
Alexander Kissler,
Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam.
Fundamentalistische Überzeugungen, seien sie religiös oder wissenschaftlich motiviert, bieten keinen Ausweg aus der spätmodernen Sinn- und Lebenskrise. Was wir nötiger denn je brauchen, ist eine neue Allianz von Vernunft und Glaube – von jenem Glauben, der der Vernunft sich öffnet, weil er sie in sich trägt, und von jener Vernunft, die den Glauben verstehen will, weil auch sie aus Freiheit geboren ist und Wahrheit sucht. Dieser pointierte, leidenschaftliche Essay über das Verhältnis von Glaube und Vernunft nimmt die Debatten der vergangenen 3000 Jahre in den Blick, schlägt den Bogen von Moses zu Schiller, schaut Goethe dabei zu, wie er das Kulturchristentum erfindet, folgt Richard Dawkins auf das blaue Sofa und führt mitten hinein in die aktuellen Diskussionen: Ist der Mensch mehr als eine empfindsame Maschine?
Klaus Berger besprach das Opus im „Rheinischen Merkur“ vom 27. November 2008: „Das Erfreuliche an diesem Buch, das viele Einsichten und schöne Formulierungen bietet, ist: Die theologische Diskussion in Deutschland hat wieder Tritt gefasst.“
Auch der „Spiegel“ hat sich des Buches angenommen. Im „Spiegel Special“ 6/2008 zur Buchmesse und mit dem Schwertpunktthema „Türkei“ heißt es über den „Aufgeklärten Gott“: Es handele sich um eine „kluge Streitschrift“, Kissler vertraue „wie einst Justin und später etwa Zwingli schlicht auf das ‚bessere Argument’. Zum Beispiel konfrontiert er die funktionalistische Gewaltherrschaft über die Natur mit der staunenden Naturanschauung Goethes – und verbindet das Reden von Gott wieder mit einem wirklich umfassenden Begriff von ‚Schöpfung’.“
Am 18. September 2008 hat „Die Zeit“ mein Buch „Der aufgeklärte Gott“ besprochen. Das Fazit lautet: Kissler bleibe, „was er auch als Zeitungsautor ist: eine vernehmbare, unbequeme, manchmal erfrischend unzeitgemäße Stimme, die zum offenen Diskurs herausfordert. Und das ist heutzutage eine Menge.“
Im „Radiofeuilleton“ von Deutschlandradio Kultur wurde „Der aufgeklärte Gott“ am 25. Juni 2008 besprochen. Die Kritik mündet in den Satz: „Kissler schreibt ebenso flott wie engagiert und scharfzüngig, was zur Auseinandersetzung reizt. Er legt ein gut lesbares, blitzgescheites Buch vor.“ Der Beitrag ist online nachzuhören und nachzulesen.
In der Sendung „Andruck“ des Deutschlandfunks wurde am Montag, 5. Mai 2008, „Der aufgeklärte Gott“ besprochen. Auch ich selbst kam zu Wort.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat am 25. April 2008 den „Aufgeklärten Gott“ besprochen. Rezensent Thomas Jansen gelangte zum Ergebnis, das Buch sei „kein theologisches Traktat über das Verhältnis von Glauben und Vernunft, keine pastorale Weichspülung oder Hirtenrhetorik. Es ist eine scharfzüngige Streitschrift, wie sie hierzulande, zumal wenn es um religiöse Fragen geht, selten zu finden ist, ja als geradezu unschicklich gilt, wenn es um die Verteidigung des Glaubens geht. [...] Kisslers Buch ist erfrischend angriffslustig und regt auch dort zum Nachdenken an, wo es übers Ziel hinausschießt.“
Mit einer spannenden Podiumsdiskussion im Münchner Rathaus wurde „Der aufgeklärte Gott“ in die Debattenlandschaft entlassen. Teilgenommen haben neben dem Autor u.a. Gloria von Thurn und Taxis und Jan Mühlstein. Der Bayerische Rundfunk berichtete am 6. April 2008 in der Sendung B5 - Die Kirchen von der Veranstaltung. Das Bayerische Fernsehen nahm sich gleichentags im Boulevard Bayern des Themas und der streitbaren Fürstin an.
Ein Interview mit mir zum Buch findet sich auf dem Online-Portal kath.net.
Leseprobe 1 | Ein Pflaster für den Größenwahn
Nur der Glaube kann die Vernunft zu sich selbst befreien: Das vorliegende Buch ist ein Versuch, die Wahrheit dieses Satzes darzulegen – eines Satzes, der uns zunächst so gar nicht einleuchten will. Viel zu sehr sind wir Kinder der Moderne, als dass sich nicht alles in uns gegen diesen Satz sträubte. Vernunft und Glaube halten wir für hoffnungslos verfeindete Weltanschauungen, für konkurrierende Unternehmen auf dem Weltmarkt der Sinnangebote. Die Gläubigen, das sind doch jene Menschen, die ihren eigenen Kopf an der Garderobe abgeben, im Vorraum jener düsteren Kathedralen oder gleißend hellen Spiritualitätszentren, wo sie sich regelmäßig zu törichten Zwecken einfinden. Und die Vernünftigen, das sind die restlichen Menschen, die alles gründlich durchdenken, alles prüfen im Licht des eigenen Verstandes, Menschen, die sich kein X für ein U und schon gar kein Wasser für Wein vormachen lassen. Was dem einen heilig, das entlockt dem anderen ein Schmunzeln, und was dieser für wissenschaftlich widerlegt hält, ist jenem der Grund seines Daseins. Was, bitte schön, sollen Vernunft und Glaube sich zu sagen haben? Läuft nicht unsere ganze Lebenserfahrung auf ein Entweder-Oder hinaus?
Groß und weit ist die Welt, und darum sehnt sich der Mensch nach überschaubaren Räumen, in denen alles seine Ordnung hat. Wer tagtäglich zwischen sechzig Käse- und achtzig Brotsorten zu wählen hat, wer Jahr um Jahr den Saldo seiner Lebensabschnittsbeziehung kalkuliert, der braucht eine Geborgenheit im Grundsätzlichen, eine Heimat in der Fraglosigkeit des ein für allemal als wahr oder falsch Erkannten. Anders kann es im 21. Jahrhundert nicht sein. Kein Feld aber bietet verlässlicheren Schutz vor den Zumutungen der Spätmoderne als das Vorurteil. Und ein Vorurteil ist die Ansicht von den konkurrierenden Sinnsystemen Glaube und Vernunft, die nicht eher Ruhe geben, bis eines von beiden gesiegt hat, die Welt ein Gottesstaat oder eine Atheistenrepublik geworden ist. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Es geht ja immer um alles: um Freiheit oder Unvernunft, Lüge oder Wahrheit.
Leseprobe 2 | Best of
Schwach ist die Vernunft geworden, schwächer noch als in den vermeintlich überwundenen voraufklärerischen Jahrhunderten von ehedem. Sie steckt heute in jener dogmatischen Krise, aus der sich das verhärtete Christentum der Renaissance mühsam herauswinden musste. Sie ist eng statt weit, doktrinär statt emanzipativ, zerstörend statt aufbauend. Und sie hat derart schlechte Fürsprecher, dass sie keine Gegner mehr braucht.
Das Christentum muss neu lernen, was ihm einst in die Wiege gelegt worden ist: die Radikalität der Nachfolge, der Verzicht auf Macht und Ansehen, die Auflehnung gegen allzu viel Beheimatung in dieser Welt. Das Christentum der Zukunft muss sich wieder als das Nicht-Selbstverständliche bezeugen.
Jede Gewissheit muss immer wieder neu durch das Stahlbad des Zweifels hindurch. Darum sind im 21. Jahrhundert die Glaubenshasser die einzigen Dogmatiker, die noch stolz sind auf ihren Dogmatismus. Sie nennen ihn Vernunft.
Manche Pioniere der Aufklärung sind auch Pioniere der Ausgrenzung.
Die Hysterie von heute ist der Baldrian von morgen.
Jeder Glaube bringt Ketzer hervor, und in jedem Ketzer kündigt sich ein neuer Glaube an.
Offenbar ist die Ablehnung der jüdischen Wurzel von den ersten bis zu den heutigen Ketzern kennzeichnend für häretische oder auch nur betont kirchenkritisch auftrumpfende Lehren. Überspitzt formuliert: Die Juden gehen oft über Bord, wenn das Christentum aufgeklärt werden soll.
Vernünftig wäre die Hoffnung, dass das Böse überwunden werden kann und die Gerechtigkeit siegen wird. Vernünftig wäre es, dem anderen jene Vernunft zuzutrauen, die man selbst nicht abgesprochen bekommen will. Vernünftig wäre es, sich selbst immer neu zu bescheiden. Ob die Menschheit, ob wir und ich die Kraft dazu aufbringen?

Alexander Kissler
Der aufgeklärte Gott
Wie die Religion zur Vernunft kam
Verlag: Pattloch
Seitenzahl: 288
Klappenbroschur
EUR (D) 16,95
ISBN:
3-629-02188-3
ISBN-13:
978-3-629-02188-5