Wie man die Welt flieht.
Alexander Kissler und Carsten S. Leimbach,
Alles über Patrick Süskinds ‚Das Parfum’: Der Film – Das Buch – Der Autor
Tom Tykwers Verfilmung eines Bestsellers, der lange Zeit als unverfilmbar galt, bildet den Anlass für eine umfassende Recherche: Was fasziniert Millionen von Menschen an der traurigen Geschichte des Duftgenies und Massenmörders Jean-Baptiste Grenouille? Auf welche Themen und Motive griff Patrick Süskind zurück, und wie machte er sie sich dienstbar? Und wie wurde und wird Parfum tatsächlich hergestellt? Außerdem begeben sich Kissler und Leimbach auf Spurensuche in München und am Starnberger See. Freunde und Weggefährten werden befragt, Quellen der entlegensten Sorte aufgestöbert, und plötzlich entsteht sehr lebensnah das Bild des bekanntesten Unbekannten der deutschen Literatur, des menschenscheuen Sonderlings Patrick Süskind. Laut der „Neuen Luzerner Zeitung“ überzeugt das Buch „mit viel Material, geistreichen Schlussfolgerungen und einem süffigen Stil.“
Leseprobe „Ein Welterfolg und seine Geheimnisse“
Sein Name ist Frosch, Johann Baptist Frosch, und seit er am 16. Oktober 1984 die Bühne der Weltliteratur betrat, bekommt die Welt nicht genug von ihm. Der Frosch, französisch: Grenouille, mit dem frommen Namen, dieser Jean-Baptiste Grenouille, ist eher ein Tier als ein Mensch, mehr ein Monster, ein Vampir als ein Held. Und ein Mörder, ein Serienkiller ist er auch. Jungfrauen, sechsundzwanzig an der Zahl, meuchelt er nieder. Er redet kaum, denkt wenig und kommt bestialisch zu Tode. Nichts bleibt übrig von ihm, nachdem die Mädchen tot und die Morde vergessen sind. Warum nur hat die Welt das gewissenlose Scheusal so sehr ins Herz geschlossen, dass sie seine Lebensgeschichte bisher zwölf Millionen Mal kaufte? In über 50 Ländern, dies- und jenseits des Äquators?
Sein Name ist Süskind, Patrick Süskind, und seit er am 26. März 1949 das Licht der Welt erblickte, will er sich die Welt vom Leibe halten. Er selbst hat diese Formulierung geprägt, ohne sie auf sich zu beziehen. Vieles jedoch, fast alles spricht dafür, dass damit das Selbst- und Weltbild des Patrick Süskind beschrieben ist. Der scheue Autor aus Ambach am Starnberger See lässt nichts unversucht, um falsche Fährten zu legen. Er ist ein Meister des Schweigens und ein Genie der Maskerade. Doch wie schon im Fall seines Romanhelden Jean-Baptiste Grenouille lässt die Welt sich nicht abschütteln. Sie quillt hervor noch aus den kunstvollsten Ablenkungsmanövern, sie ist der verborgene, aber bei weitem nicht unauffindbare Schlüssel zu den Rätseln und Legenden, die „Das Parfum“ umstellen. Dieses Buch erzählt von den richtigen Spuren hinter den falschen Fährten. Wir erzählen von den Welten des Autors und seines geliebten Ungeheuers – und von der Welt dahinter, dem Kosmos der Bücher und dem verführerischen Reich der Düfte.
Eng sind diese Welten verwoben. Wer sich mit ihnen beschäftigt, stößt immer wieder auf das vermeintliche Ur-Mysterium aller kleinen und großen Geheimnisse, die zum enormen Erfolg des „Parfums“ beitragen, den Autor. In der Regel heißt es: Wenig sei über ihn bekannt, kaum jemand kenne ihn, und wer ihn kenne, der schweige, ja der müsse schweigen, weil ihm sonst „der Patrick“, genannt „Petzi“, die Freundschaft kündige. So ist es aber nicht. Keine Verschwörung findet da statt, keine Bruderschaft des Schweigens hat der ehemalige Geschichtsstudent aus der Taufe gehoben. Wer sein Umfeld befragt, bekommt erstaunlich detaillierte Auskünfte aus einem teils hochkomplexen, teils sympathisch bodenständigen Dichterdasein. Allein damit ließe sich die zwar lückenhafte, doch ungemein spannende Chronik eines Welterfolgs schreiben.
Die Lücken, die das Leben noch lässt, beginnen sich zu schließen, untersucht man sodann die verschiedenen Textwelten des Patrick Süskind. An sehr vielen, oft entlegenen Stellen hat der Autor von sich und seinem Schreiben gesprochen. Nie geschah dies in enthüllender Absicht, nie wollte er sich öffentlich erklären. Die Hinweise aber ergeben in der Summe ein stimmiges Porträt. Es könnte den Titel tragen: Patrick Süskind und wie er vergeblich die Welt floh. Warum will er die Welt und die Menschen meiden? Er sagt es uns selbst: Aus Angst, aus panischer Angst. Angst aber wovor? Aus Angst vor Enttäuschung, Angst vor Unordnung, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor dem Untergang in der Masse. Es sind also die Ängste des spätmodernen Menschen, die Ängste des 20. und des 21. Jahrhunderts, die das Süskind’sche Schreiben explosionsartig in Gang brachten und die es nun ins Verstummen führten

ALEXANDER KISSLER, CARSTEN S. LEIMBACH
Alles über Patrick Süskinds Das Parfum
Der Film - Das Buch - Der Autor
ORIGINALAUSGABE
Taschenbuch, 304 Seiten, 12,0 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-81089-1
€ 8,95 [D] | € 9,20 [A] | SFr 16,90 (UVP)
Verlag: Heyne
Erscheinungstermin: September 2006
Zweite Auflage: August 2007