Die Klone sind unter uns.
Alexander Kissler,
Der geklonte Mensch. Das Spiel mit Technik, Träumen und Geld.
Im Winter 2005/2006 durchzog ein „moralischer Tsunami“ (Arthur Caplan) die Welt der Wissenschaft. Der südkoreanische Tierarzt Hwang Woo Suk behauptete, menschliche Embryonen geklont und ihnen Stammzellen entnommen zu haben. Ein ganzes Land war ihm ergeben, die ‚Scientific community’ beneidete ihn. Den Behauptungen aber folgte die Enttarnung, der Enttarnung das Leugnen und schließlich der größte Fälschungsskandal eines vermeintlich viel versprechenden Forschungszweiges: Hwang Woo Suk hatte die meisten Daten erfunden. Dieser Krimi wird akribisch nacherzählt – und eingebettet in die lange Tradition der utopischen Literatur und des verzweckten, normierten Daseins. Aufstieg und Fall des Hwang Woo Suk bedeuten den Kollaps einer globalisierten Utopie, der vielleicht einzigen, die es im 21. Jahrhundert noch gibt: der Utopie vom heilen Menschen, vom beschwerdefreien Dasein. Die „Frankfurter Rundschau“ lobt die „engagierte Polemik, die wissenschaftliche Fakten, philosophische Denktraditionen und literarische Fantasien höchst eloquent verzahnt.“ Der Berner „Bund“ nennt den „Geklonten Menschen“ ein „engagiertes und kluges Plädoyer“, die Zukunft „nicht allein den Naturwissenschaftlern zu überlassen“, und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt: „Der Leser erfährt Fakten, die für sich selbst sprechen, und wird aufgerüttelt durch ein wahres Feuerwerk von Formulierungen.“ Die koreanische Ausgabe erschien im November 2007.
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Vom „Neo-Menschen“, wie ihn der französische Schriftsteller Michel Houellebecq für das vierte Jahrtausend vorausahnt, heißt es, er bestehe ganz aus Materie plus Information. Kaum anders reden bereits heute die avanciertesten Wissenschaftler vom Homo sapiens, die Evolutionsbiologen, Hirnforscher und Gentechniker. Schlägt man ein Buch auf mit dem klassischen Titel „Was ist der Mensch?“, erschienen 2003, liest man: „Der Mensch ist eine Maschine, die von der Kultur so programmiert wurde, dass sie sich selbst nicht als solche erkennt.“
Einer der weltweit bekanntesten Biologen, Richard Dawkins, begründete seine Popularität 1976 mit dem Satz: „Wir sind Überlebensmaschinen – Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden.“ Das entscheidende Merkmal einer Maschine ist in der Tat ihre zuverlässige Blindheit. Sie vollzieht exakt jene Vorrichtungen, um deretwegen sie konzipiert wurde. Maschinen sind in der Regel wartungsarm, also anspruchslos, und langlebig, also duldsam. Und sie sind Kopien anderer Maschinen, die ihrerseits Kopien herstellen, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Originalität ist ihnen verwehrt.
Solche „Neo-Menschen“ sind kein Zukunftsspuk. Das Wiedererkennbare, das Ununterscheidbare, das Nicht-Originelle bildet den Hauptbestandteil der westlichen Mehrheitskultur. Wie sollte es da nicht hineinkriechen ins Innere des Menschen, ins Bild, das der Mensch von seinesgleichen sich macht? Auch die Alltagssprache erweist dem Geist der Kopie ihre Reverenz. Von Menschen, die scheinbar (aber eben nur scheinbar) aus der Masse der Gewöhnlichen, Angepassten herausragen, heißt es, sie seien „echte Typen“, und „Typen“ seien rar gesät. Das Gegenteil ist richtig: Man trifft fast nur noch Typen, denn Typen sind standardisierte Nachfolger verschollener Urmuster. Ob Fußballspieler mit einer Vorliebe für Alkohol und herrische Gesten, Popsternchen mit Bauchnabeltatoo oder Politiker mit je nach Sendeformat dramatischer oder abwiegelnder Rede: Geborgt sind ihre Ausdrucksformen, geklont ihre öffentlichen Existenzen.
Insofern sind die Klone längst unter uns. Ob es in zehn oder zwanzig Jahren oder nie einen buchstäblich geklonten Menschen geben wird, die genetische Kopie eines Körperzellenspenders, den es nach Verdoppelung seiner selbst drängt, ist ungewiss. Auf jeden Fall aber könnte bis zu jenem Zeitpunkt die Basis unserer gemeinsamen Selbstvergewisserung geschwunden sein. Die Art und Weise nämlich, in der das Kommende, in der die Zukunft des Menschen beredet oder beschwiegen wird, lässt nur einen Schluss zu: Der Abschied vom Menschen, wie wir ihn kannten, hat sich großteils schon vollzogen. Dieses Buch ist ein Versuch, zur historisch vielleicht letztmöglichen Stunde der Frage nachzugehen, was auf dem Spiel steht, wenn der Mensch immer mehr zum begründungspflichtigen, rechtfertigungsbedürftigen Problem wird.

Kissler, Alexander - Der geklonte Mensch
Das Spiel mit Technik, Träumen und Geld
Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2006
Verlag Herder
Format: 13.9 x 21.4 cm, 224 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
€[D] 19.90 / sFR 35.90
ISBN 3-451-29261-0
ISBN 978-3-451-29261-3

Kissler, Alexander - Der geklonte Mensch
koreanische Lizenzausgabe
Erschienen November 2007
Puripari Verlag
Format: 14.5 x 20.3 cm
276 Seiten
Klappenbroschur
Won 18.000
ISBN 978-89-90024-75-6