Neue Körper, alte Sehnsüchte.

Alexander Kissler,
Schimpansenzeit. Kommt die Zukunft ohne Menschen aus?

Am 23. Oktober 2005 erhielt ich den Bad Herrenalber Akademiepreis 2005. Prämiert wurde der Vortrag „Utopia ist abgebrannt. Wie das Neue in Verruf geriet“, gehalten am 16. Mai 2004 ebendort. Die ausgezeichnete Rede erschien zusammen mit dem Festvortrag zur Preisverleihung („Schimpansenzeit. Von der Abschaffung des Menschen im 21. Jahrhundert“) und einem weiteren Herrenalber Vortrag („Starkmenschentum. Der Traum vom perfekten Leben“) in dem Büchlein „Schimpansenzeit“. Es ist über die Evangelische Akademie Baden leicht zu beziehen. In seiner Laudatio rühmt Jan Badewien, der Geehrte sei ein „kritischer Beobachter der Gegenwart“, den „die Fragen nach dem Menschen, seinen Bindungen, seinen Möglichkeiten und seinen Versuchungen, seiner Geschichte und seiner Zukunft faszinieren.“

Leseprobe „Utopia ist abgebrannt“

Der Mensch ist dank eigener Fertigkeiten drauf und dran, sich selbst vom Sockel der Einzigartigkeit zu stoßen. Die Stunde seines größten Triumphes wird der Moment seiner Abschaffung sein. Er wird unter all den empfindsamen Maschinen und optimierten Klonen nicht mehr zu erkennen sein. Die Befürworter der transhumanen Kultur stürzen sich mit Feuereifer in dieses Szenario und erhoffen sich auf diesem Wege die endgültige und endgültig unumkehrbare Umwertung aller Werte.

Wer solchen Visionen nicht kampflos das Feld überlassen will, der muss sich damit auseinandersetzen, der muss jeden Tag neugierig sein auf alles Neue, der muss die Wagenburg verlassen und die Scheuklappen ablegen, der darf sich vom Ruin des utopischen Denkens die widerständige Lust am Neuen nicht vergällen, der muss sich wieder reizen lassen von den Zumutungen und Lockungen des Übermorgen, der braucht, was Jacques Derrida ein „messianisches Gedächtnis“ nannte, ein Erinnerungsvermögen, das die Zukunft in sich einlässt, gerade so, wie es bei Novalis vorgeprägt war. In seiner Fragmentensammlung „Glauben und Liebe“ kleidet Novalis das Verhältnis von Zukunft und Vergangenheit, von Altem und Neuem ins Bild der Kristallisation.

Novalis schreibt: „So nötig es vielleicht ist, dass in gewissen Perioden alles in Fluss gebracht wird, um neue, notwendige Mischungen hervorzubringen, und eine neue, reinere Kristallisation zu veranlassen, so unentbehrlich ist es jedoch ebenfalls, diese Krisis zu mildern und die totale Zerfließung zu behindern, damit ein Stock übrig bleibe, ein Kern, an den die neue Masse anschieße, und in neuen schönen Formen sich um ihn her bilde.“

Das eben scheint mir ein im Wortsinne gesundes Verhältnis zu sein: Die Kultur des Menschen braucht immer wieder „neue, notwendige Mischungen“, beschleunigte Phasen, Reformen, Revolten, manchmal auch Revolutionen. Diese dürfen aber nicht zur „totalen Zerfließung“ führen; sie dürfen nicht die Grundlagen hinwegschwemmen, auf denen unser Zusammenleben aus sehr guten Gründen beruht. Eine transhumane, posthumane Kultur wäre eben auch: inhuman. Die „neuen schönen Formen“ dürfen weder am Traditionalismus zugrunde gehen, noch darf der Preis, den sie kosten, Wert und Würde des menschlichen Lebens übersteigen. Das Allerfalscheste und Allergefährlichste ist die neue Ignoranz, das prinzipielle Desinteresse am Neuen.

Leseprobe „Schimpansenzeit. Von der Abschaffung des Menschen im 21. Jahrhundert“

Besonders gut lässt sich das rasante Verschwinden des Menschen – genauer: die Selbstaustreibung des Menschlichen – an seinen Erfindungen ablesen. Wesentlich menschlich ist gewiss der Versuch, zur Welt ein objektives Verhältnis zu gewinnen, also von sich abzusehen. Helmuth Plessner hat deshalb die Formel geprägt, den Menschen zeichne eine dergestalt doppelte Bestimmung aus; Umweltgebundenheit, wie bei den Tieren, verbinde sich mit Weltoffenheit. Heute scheint sich indes der objektive Blick auf die Welt in einen objektivierenden Blick auf den Menschen verwandelt zu haben.

Was einst der Nächste war, ist das gerade durch seine Nähe fremd gewordene Objekt wissenschaftlicher Betrachtung. Und mit diesem Objekt wird verfahren wie mit den meisten Gegenständen, bevor sie endgültig verschwinden, seien es aussterbende Tiere, Radioempfänger der Frühzeit oder Telefone mit Drehwählscheibe: man vermisst sie, ehe man sie vermisst. Der verschwindende Mensch ist der Mensch im Stadium seiner fortwährenden Vermessung, und diese Vermessung, die Verzifferung menschlicher Seinsweise, geht der Archivierung und Musealisierung des Homo sapiens voraus.

So ist es denn kein Wunder, dass im 21. Jahrhundert eine längst überwunden geglaubte Disziplin wieder kehrt, eine anthropometrische Übung par excellence: die Schädellehre.

Leseprobe „Starkmenschentum. Der Traum vom perfekten Leben.“

Vorbei, lange vorbei sind die Zeiten, da ein fester Glaube und eine umfassende Bildung genügten, um sich davon überzeugen zu können, überzeugen zu wollen: Ja, auch jetzt, ja, auch hier, im Deutschen Reich, am Ende des 17. Jahrhunderts leben wir in der „besten aller möglichen Welten“. Der christlich grundierte Fortschrittsoptimismus eines Gottfried Wilhelm Leibniz liegt Äonen hinter uns. Kriege folgten ihm nach, Revolutionen und Umstürze, Aufbrüche und Abbrüche, und sie alle schrieben sich mit Blut ins Buch der Geschichte. Es war das Blut derer, die auf der falschen Seite standen, die nicht beizeiten sich aus dem Staub machten, keine Entschuldigung parat hatten, bevor das Bajonett, die Kugel, die Seuche ihren Körper zerstörte. Die „beste aller möglichen Welten“, Gottes Werk? Es waren, wie gesagt, ein sehr fester Glaube und eine sehr umfassende Bildung nötig, um sich in der Atempause zwischen Dreißigjährigem Krieg und Spanischem Erbfolgekrieg derart hoffnungsfroh äußern zu können wie Gottfried Wilhelm Leibniz.

Heute leben wir in vielen kleinen, nur fallweise zahmeren Welten, und wer Glück hat und gehört und gesehen wird, der mag ausrufen: Ja, auch jetzt, ja, auch hier, in Deutschland, im 21. Jahrhundert erleben wir – eine „geile Zeit“. Geil, das hieß einmal fröhlich, wild, ungestüm, wäre also, dem Wortsinne nach, nicht weit entfernt vom Optimismus des barocken Aufklärers: Ja, hieße es dann, wir erleben eine frohe Zeit, wir sind dankbar, dass uns des Daseins Freude so ganz zuteil wird. Aber natürlich haben die zwölf Frauen, die jüngst die Geilheit ihrer eigenen Zeit auf ganzseitigen Zeitungsanzeigen hinaus posaunten, anderes im Sinn. Sie wollen uns beruhigen. Sie wollen „völlig konstruierte Geschichten“ aus der Welt räumen, „die nichts mit dem zu tun haben, was wir erleben und erlebt haben.“ Und sie beglaubigen diese ihre Wahrheit durch eine elaborierte Körperrede: in knappe Bikinis haben sie sich geworfen, damit kein kritischer Blick am tückischen Textil abpralle. Denn die Überschrift der ganzseitigen Zeitungsanzeige vom 8. Februar 2006 lautet: „Sind WIR zu dünn?“

Es handelt sich um die Teilnehmerinnen der „Heidi-Klum-Show“ auf Pro Sieben, mit der „Germany’s next top model“ gesucht wird. Die „völlig konstruierten Geschichten“ sind jene Fabeleien, die die „Bild“-Zeitung auf den schönen Begriff des „Rippenwahns“ gebracht hat.

 

Alexander Kissler
Schimpansenzeit

Kommt die Zukunft ohne Menschen aus?
brosch., 79 S., 8 EUR,
ISBN 3-89674-549-2
Herrenalber Forum
Band 48, Karlsruhe 2006



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