Vom Wahren und Guten und Schönen.

Alexander Kissler,
Der deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat.

Die Bücher über Papst Benedikt XVI. sind so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Bis heute ist „Der deutsche Papst“ der einzige Versuch, Joseph Ratzingers Denken vor dem Hintergrund spezifisch deutscher Traditionen zu deuten. Lebenslang arbeitete und arbeitet sich der Theologe und Kirchenmann an deutschen Debatten ab – und fast stets bezieht er dabei eine Minderheitenposition, ist er eher Kulturkritiker als Fortschrittsoptimist, eher Romantiker als Kantianer, eher bei Platon als bei Adorno. Den Rahmen für diese anziehende Abstoßung bilden hier die deutsch-römischen Kollisionen, vom Canossa-Gang über Ultramontanismus und Kulturkampf bis hin zu den Konflikten um die Befreiungstheologie, um „Dominus Jesus“ und um die Schwangerenkonfliktberatung. Ausführlich werden Ratzingers Liturgieverständnis und sein Schönheitsbegriff dargestellt. Zentral ist seine Ablehnung innerweltlicher Utopien und Heilsansprüche. Das Buch endet mit einem unverändert gültigen Ausblick auf das „Ende der Muskelspiele“ und den beiden Sätzen: „Viel steht auf dem Spiel. Babylon ist überall.“

Die Tageszeitung „Die Welt“ nennt das Buch eine „ebenso packende wie unaufgeregte Analyse“, laut dem Wiener „Standard“ ist es „kenntnisreich, detailgenau, theologische und gesellschaftspolitsche Ansichten nachzeichnend“, und die „Hannoversche Allgemeine“ urteilt, es sei „ausgesprochen klug und spannend“: „Kissler findet einen unerwarteten und frischen Zugang zum Weltbild des Mannes, der Oberhaupt der mitgliederstärksten Organisation der Welt ist.“

Leseprobe „Der deutsche Papst“:

Ohne die deutsche Universitätstheologie, zu der er sich lange Jahre im Widerspruch befand, ohne den deutschen Gremienkatholizismus, dem er in herzlicher Abneigung verbunden blieb, ohne diese konkreten und historisch wie geographisch einmaligen Widerstände, an denen er sich abarbeitete und die ihm so ein unverwechselbares intellektuelles Profil gaben, wäre aus dem Theologen Ratzinger nicht der Präfekt der Glaubenskongregation und aus diesem nicht der Nachfolger Johannes Pauls II. geworden. Deutschland ist aber auch Ursprungsort und, zumindest keimhaft, Schauplatz jener Sehnsucht, die das Zentrum seines Pontifikats bildet: der Sehnsucht nach einer erneuerten Christenheit, nach einer schöpferischen, glaubensstarken, mutigen Minderheit, die eine Mehrheit aus Andersgläubigen, Agnostikern, Atheisten und innerlich längst dem Glauben entfremdeten Christen dauerhaft umgestaltet. „Entweder“, sprach Joseph Ratzinger im Dezember 2000, „haben wir noch etwas zu sagen, oder wir haben nichts mehr zu sagen; in diesem Fall sollten wir aber zugeben, dass wir am Ende sind mit unserem Latein, und nicht weitermachen, weil wir nun halt einmal da sind und einen Apparat haben.“

Ratzinger ist ein Kirchenkritiker ganz eigenen Zuschnitts. Wer im deutschen Sprachraum gemeinhin unter diesem Etikett gehandelt wird, bezieht seine Legitimation aus einer persönlichen Enttäuschung, einem, wie es im österreichischen Kirchenvolks-Begehren hieß, Leiden an der Kirche, genauer: einem Leiden an der römisch-katholischen Glaubenslehre. Der klassische Kirchenkritiker, die konventionelle Kirchenkritikerin hat sich ein ums andere Mal den Kopf blutig gestoßen an der Mauern der Dogmen, die Kardinal Ratzinger verwaltete. Dieser wiederum, im Innern der bestürmten Mauern, vergleicht den dogmatischen Glaubenskern mit dem gelebten Glauben und gerät darüber in ähnlich große Verzweiflung. Schon in dem 1958 gehaltenen Vortrag „Die neuen Heiden und die Kirche“ stand für ihn fest: „Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst.“

Zwei zeittypische Hauptgefährdungen quittierte er immer wieder mit Kopfschütteln, und beide feiern, von vatikanischer Warte aus, besonders im deutschen Sprachraum fröhliche Urständ: die Umwandlung der Glaubensgemeinschaft in eine durchdemokratisierte Rätekirche und die Überinstitutionalisierung. Letzteres als ein für Wohlstandskirchen symptomatisches Phänomen träfe mutatis mutandis auch auf die nordamerikanische oder italienische Kirche zu. Doch wer je auf einem deutschen Professoren- oder Studentenstuhl saß oder in einer deutschen Behörde sich anschickte, einem Auskunftsbegehren Nachdruck zu verliehen, der weiß um die deutsche Vorliebe für Amt und Struktur.

» Inhaltsverzeichnis

 

Kissler, Alexander
Der deutsche Papst

Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat
Aufl./Jahr: 1. Aufl.  2005
Verlag Herder
Format: 13.9 x 21.4 cm, 192 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
€[D] 17.90 / sFR 32.20
ISBN 3-451-28867-2
ISBN 978-3-451-28867-8



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