Heimkehr hinter die Dinge.
Alexander Kissler,
Wo bin ich denn behaust? Rudolf Borchardt und die Erfindung des Ichs.
Kaiserreich, Weimarer Republik, Diktatur und Exil: Die deutsche Geschichte lief mitten durch den Schriftsteller Rudolf Borchardt hindurch und riss ihn entzwei. Geboren 1877 in Königsberg, aufgewachsen in Berlin, glücklich nur in der Toskana, gestorben 1945 am Brenner auf der Flucht vor Hitlers Truppen – Borchardt war ein konservativer Anarchist jüdischer Abstammung, ein Wanderer über sich selbst hinaus, ruhelos, sehnsuchtsvoll, ein Rätsel sich und anderen. Sein Leben und seine Dichtung geben einen neuen Begriff von der Schwierigkeit, eine Heimat zu (er)finden und in ihr heimisch zu werden. Borchardts Zusammenstöße mit der äußeren Wirklichkeit, vor allem auf dem Gebiet der eigenen jüdisch-christlichen Biographie, werden hier ebenso beleuchtet wie die Selbstoffenbarungen im erzählerischen Werk. Für den „Spiegel“ ist dieses Standardwerk „ein Glücksfall: sauber recherchiert, überlegt angeordnet, souverän präsentiert.“ Die „Neue Zürcher Zeitung“ rühmt: „Subtilere Hilfe zum Verständnis von Borchardts Erzählkunst lässt sich nicht denken.
Leseprobe „Wo bin ich denn behaust?“
Das Haus am Berliner Kronprinzenufer steht fast leer. Die Eltern mitsamt den sechs Geschwistern sind nach Ostpreußen abgereist. Im Seebad Cranz wird man den Sommerurlaub verbringen. Zurückgeblieben sind einzig der achtjährige Rudolf, die Hausangestellte Justine und Herr Schulz, ein großgewachsener Student, der „Präzeptor oder Erzieher“ des Jungen. Wie die meisten der großbürgerlichen „pomphaft düsteren Mietwohnungen“ aus der Gründerzeit verfügt auch das Domizil der Familie Borchardt über zahlreiche Räume. Zwei davon sind der bevorzugte Aufenthaltsort des kleinen Rudolf: der Tanzsaal und das „Pompejanische Zimmer“, benannt nach einem Gemälde, das eine antike Schönheit aus der untergegangenen Stadt zeigt. Auf einer hölzernen Anrichte stehen vielfarbige „Meißner Papageien im durchbrochenen Porzellankäfig“. Mit ihnen hält der kleine Junge Zwiesprache, muntert sie auf, spendet als Leidensgenosse Trost. Schließlich sei auch er „gefangen und versteinert und geflügelt [...] wie sie“. Bald aber werde ihre gemeinsame bedrückende Lage ein Ende finden, wenn erst „das Tor der Verzauberung sich aufgetan hätte und die Freiheit sich erschlossen.“
Der Blick, den der fast fünfzigjährige Borchardt zurück auf seine Kindheit wirft, fördert ein Dasein in Einsamkeit und Isolation zutage. Die Ereignisse des Sommers 1885, mit denen ‚Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt‘ endet, führen zum Abschied aus dem „Paradies“ der beiden Säle. In einem solchen nämlich fühlt das Kind sich, solange es mit sich und den Dingen allein ist. Die behauptete Ähnlichkeit mit den Porzellanfiguren beschreibt insofern trotz der Klage über die gefängnishafte Existenz keinen Zustand der Verzweiflung, sondern der Erwähltheit. Noch sind die Papageien und das Kind zur Starre verurteilt, doch sie verfügen eben auch über Flügel, die kaum einem Wesen sonst geschenkt sind. Die Versteinerung verhindert einen augenblicklichen, vielleicht frühzeitigen Aufflug und damit einen Absturz. Wenn der Moment aber gekommen ist, da andere zu Fuß das Gefängnis ihrer Abhängigkeiten verlassen, sind Vogel und engelsgleicher, vogelfreier Mensch dem Himmel näher als der Erde. Das Ende der unmündigen Kindheit, wie der Achtjährige es hier imaginiert, wird im buchstäblichen und übertragenen Sinn mit einem Schlag sich vollziehen, mit einem plötzlichen Flügelschlag, der die Einsamkeit des zurückgelassenen Jungen in eine höhere Einsamkeit verwandelt, in die Einsamkeit des überfliegenden Betrachters der weit unter ihm mühsam wandernden Menschen.
Das Motiv des Adlerblicks, den nur einnehmen kann, wer peripher positioniert ist und hierdurch Distanz wahrt, verwendet Borchardt an vielen Stellen. Im doppelten Sinn erhaben ist der einsam Ausschau haltende Künstler, dessen Entrücktheit ihm den Sinn für historische Zusammenhänge und aktuelle Fehlentwicklungen schärft. Die Einsamkeit, der sich die olympische Position verdankt, ist der Preis ihrer fast richterlichen Autorität. Politisch wirksam wird der Dichter, dem Borchardt diese Isolation abverlangt, gerade durch seinen Verzicht auf die Freiheit unumschränkten Umgangs, im Vokabular Borchardts gesprochen: durch seine Selbstverleugnung. Eben deren beseligende Schmerzen erfährt der achtjährige Knabe im „Pompejanischen Zimmer“.

Alexander Kissler
»Wo bin ich denn behaust?«
Rudolf Borchardt und die Erfindung des Ichs
€ 38,00 (D)
€ 39,10 (A)
CHF 64,00
erschienen 2003
296 Seiten mit 7 Abbildungen
Einband: broschiert
Format: 14 x 22,2 cm
ISBN-10: 3-89244-631-8
ISBN-13: 978-3-89244-631-6