Deutscher Stolz, muslimische Spießer | 31. März 2008
In derselben Woche, da Europas Politiker in einem Akt kalkulierter Spontanentrüstung sich von einem islamkritischen Propagandafilmchen aus den Niederlanden distanzieren, in derselben Woche, da das Filmchen vom Server genommen wird, weil man Anlass habe, um Leib und Leben der Serverbetreiber fürchten zu müssen, in derselben Woche auch, da die Frankfurter Eintracht einen neuen Trikotentwurf zurückzieht mit schwarzem Kreuz auf weißem Grund, weil selbiges als „religiöse Aussage“ missverstanden werden und dergestalt die Muslime verärgern könnte, in dieser Woche also blättere ich im „Spiesser“. Der Name will hier nicht Programm sein – oder doch?
Zu den erstaunlichsten Begriffskarrieren jüngerer Zeit zählt der Aufstieg des Spießers. Er vollzog sich ähnlich rasant wie der Absturz der „Postmoderne“. Vollendet war der Aufstieg bereits vor zwei Jahren im Werbespot eines Baufinanzierers. Ein Wohnwagenbewohner, Altachtundsechziger und Machtverachter (Ingo Naujoks) musste sich von der Tochter sagen lasse, sie wolle auch spießig werden – wenn spießig sein denn bedeute, ein so schönes, sauberes Eigenheim zu haben wie die Eltern der anderen. Da fiel dem Barrikadenstürmer das Kauholz aus dem Gesichtsgeviert.
Und nun heißt „Spiesser“ Deutschlands größte Jugendzeitschrift, kostenlos zu haben an Deutschlands Schulen, Auflage: knapp eine Million. Verlagsort und Redaktionssitz ist Dresden. In einem zwölfseitigen „spezial“ stellen die Jugendlichen sich die Frage: „Seid ihr stolz, deutsch zu sein?“. In Zeiten, da der Wohnwagenbewohner noch Barrikaden stürmte, hätte zur Beantwortung dieser Frage eine Zeile genügt und ein Wort mit vier Buchstaben, wäre sie überhaupt gestellt worden.
Auch anno 2008 gibt es „Nein“-Sager, reflektierte und grobe, doch es ist die Minderheit. Dominierend sind „Na klar“, „Ja, immer“, „ich auch“ und „sehr“. Erstaunlicherweise scheint die „Heimatliebe“ unter den Migrantenkindern besonders ungebrochen. Sümmeye, 14, aus Berlin, verkündet: „Ja, weil hier gibt es viele gute Menschen. Hier gibt es mehr Freiräume, und die Leute sind nicht gegen Muslime.“ Büsra, 13, ebenfalls aus Berlin, sekundiert: „Weil wir hier Kopftuch tragen dürfen und uns niemand wegen unserer Religion diskriminiert!“. Kenji, 29, Halbjapaner ist „in gewisser Weise schon“ stolz, „man lebt hier recht sorgenfrei.“ Adel, 21, erklärt: „Ich bin Türke. Bei uns ist das normal, stolz auf seine Heimat und seine Herkunft zu sein.“
So scheint denn der Exportweltmeister Deutschland vom Import ehemals deutscher Spezialitäten wie der sogenannten Heimatliebe zu profitieren. Was Sportler begannen, setzen Migrantenkinder offenbar fort: die Normalisierung des sehr begründetermaßen vielseitig belasteten Verhältnisses zum Eigenen, das gerade als Eigenes anziehend, nicht abstoßend, integrierend, nicht exkludierend wirken könnte. Was lehrt uns das im Umgang mit gratismutigen, also vielleicht feigen, auf jeden Fall unernsten Politikern? Diese brauchen künftig nicht Kotau und Respekt zu verwechseln, brauchen künftig nicht das Abendland zu bemühen, wo ihnen schlicht die Knie schlottern.
Hoffnung verheißt auch da der „Spiesser“. In der Kurzumfrage „Was ist mutig?“ antwortet Richard, 21, aus Kiel: „Mutig ist, das Risiko einzugehen, sich zu verändern.“
Ehnert, Hitler und die Postmoderne | 24. März 2008
Sie hat ein schlechtes Image: die Postmoderne. Wo sie überhaupt noch präsent ist, da taugt sie nur als Chiffre für ein „Anything goes“. Eben davon will niemand etwas hören. War es nicht genau diese Überzeugung der achtziger Jahre, man möge viele bunte Blumen wachsen lassen, die den Ruf nach dem Gegenteil provoziert hat? Den Ruf also nach Werten und nach Hierarchie, nach Sonderung und Moral? Auf dem Feld der großen wie der kleinen Politik ist das sehr vermutlich der Fall. Insofern gibt es anno 2008 wenig Gründe, traurig zu sein über die Scheinblüte und den Niedergang eines rasch versimpelten Schlagwortes.
Andererseits ist es auch heute möglich, Funken zu schlagen, Freudenfunken und Geistesblitze, aus diesem Stilbegriff – dann nämlich, wenn man ihn so begreift, wie er einmal gemeint war und ihn zurückführt in sein Kerngebiet, die Ästhetik. Als Stil ist die Postmoderne nicht erledigt, kein Architekturfreund und kein Designspezialist wird es bezweifeln. Und nun gibt es – Tusch, Narhallamarsch – den lebenden Beweis, dass die Postmoderne auf Theaterbühnen ein quicklebendig’ Ding sein kann. Der Beweis heißt Ehnert, Vorname Michael.
Dessen Ein-Personen-Stück „Heldenwinter“, seit Herbst 2006 deutschlandweit zu besichtigen, ist eine ebenso kluge wie vergnügliche Expedition ins Tollhaus Gegenwart. Ehnert spielt einen Drehbuchautor, der im ICE zwischen Hannover und Hamburg-Altona letzte Hand anlegen will an sein Actiondrehbuch über den Weltretter Thornton, der nach einer Verkörperung durch Bruce Willis schreit. Im ICE begegnet dem Ich-Darsteller allerlei skurriles Personal, vor allem ein italienischer Mafiosi, der zugleich ein Heiliger sein könnte – oder umgekehrt. Minute um Minute zerrinnt das Drehbuch unter des Drehbuchautors Fingern, denn: Heldsein im 21. Jahrhundert, Heldsein in der Phantasie ausgerechnet eines Deutschen ist unmöglich. Warum?
Siegfried, der letzte deutsche Held, war tumb und kräftig, heute sind die Männer überreflektiert und unterernährt, fit und grüblerisch. Im Drehbuch erlegt Thornton, der für das deutsche Publikum zu Thorsten Tengelmann wird, keinen Drachen, doch immerhin in höchster Lebensgefahr einen Eisbären. Wie reagiert darauf die Frau an seiner Seite? Sie macht dem Helden Vorwürfe ob dessen unsensibler, eher tierischer als menschlicher Tötungstat. Sie verstrickt ihn in fruchtlose Rechtfertigungsdiskurse. Heldsein, soviel ist klar, verlangte ein ungebrochenes Mensch- und Mannsein, das als solches nicht mehr verstanden wird.
Postmodern ist diese Verunmöglichung insofern, als sie direkt aus der Unerzählbarkeit des Lebens folgt. Da jedes Geschehen heute in Episoden zerfällt, untragisch, zusammengehalten durch die Struktur, nicht den Inhalt, kann kein Lebensgang mehr erzählt werden. Ohne Kontinuum aber, ohne Person und ohne Kausalität, gibt es weder Helden noch Versager, nur Durch-Wurstler und Therapierte. Postmodern am und im „Heldenwinter“ ist auch der bruchlose Übergang von Zitat zu Zitat, von Parodie zu Parodie, die dann Leben heißt. Ehnert wechselt sekundenschnell, mitten im berühmten Satz vom „krummen Holz“ des Menschen, von Klaus Kinski, der solchermaßen Kant zitiert, zu Adolf Hitler, der das Kant-Zitat vollendet. Darstellung ist alles, Grammatik plus Emphase, und wer da nicht lachen mag, lebt altmodisch, also modern.
Die Absage an Kant ist konsequent, weil der Denker der Person und der Würde nichts mehr zu melden hat im Stakkato der Reize, deren Teil wir alle sind. Was Erzählung hieß, ist Gewebe: Thornton steht auf der Scholle, will seine Partnerin aus dem Packeis ziehen, diese aber beschwört ihn loszulassen, sie sinken und sterben zu lassen. So ergeht es dem Erzählverlangen der Gegenwart: Man müsste festhalten an dem, was war, um das Gegenwärtige darstellen zu können. Konditionalisiert aber sind wir darauf, Knoten zu knüpfen, die man leicht und gerne löst, Episoden, die man hurtig herunterhaspelt, hurtiger vergisst.
Kommt dann und wann ein großes Gefühl uns in die Quere, müssen wir uns verhalten, wie Umberto Eco es beschrieb: „Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher weiß, dass er ihr nicht sagen kann ‚Ich liebe dich inniglich’, weil er weiß, dass sie weiß (und dass sie weiß, dass er weiß), dass genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: ‚Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe dich inniglich.’ In diesem Moment, nachdem er klar zum Ausdruck gebracht hat, dass man nicht mehr unschuldig reden kann, hat er gleichwohl der Frau gesagt, was er ihr sagen wollte, nämlich dass er sie liebe, aber dass er sie in einer Zeit der verlorenen Unschuld liebe.“
Darum lebt der Bühnen-Ehnert nur im Drehbuch seiner selbst, genauer: im imaginierten ICE und im dort wiederum herbeiphantasierten Drehbuch, nirgends sonst. Man muss es gesehen haben, um es loslassen zu können.
Die Welt zu Gast | 17. März 2008
Wir müssen uns Jean-Pierre Bruneau als einen traurigen Tropf vorstellen. Jeden Morgen, und zwar „bei Sonnenaufgang“, verlässt er seine bleierne Bleibe zu Brüssel, schleppt sich auf den Markt und „diskutiert mit den Händlern“. Da mag es regnen oder schneien, hageln oder blitzen, im Halbdunkel zieht es ihn ins Freie, immer im Halbdunkel. Ansonsten „verlässt er nur selten sein Restaurant“. Und was stellt er an in den wenigen Minuten jenseits der Gaststubenmauern, wenn er frei atmen, frei blicken kann und nicht gesehen werden will? Er „diskutiert mit den Händlern über die Qualität ihrer Waren“. Kann das eine freudige Angelegenheit sein? Was werden sie schon sagen, die Herren der Hühner und Küken und Kräuter, die Aufseherinnen der Apfelsinen? Preisen werden sie ihre Waren, immer nur preisen, jeden Morgen, und der arme Jean-Pierre wird ihnen müde zustimmen, matt widersprechen. Die vielen Jahre in ein und demselben Restaurant – „seit 1975 am Herd“ –, die ewiggleichen Gänge zu stets denselben Krämern haben ihn mundträge, mürbe gemacht. Er diskutierte gerne einmal mit anderen Menschen über andere Themen, er sähe gerne einmal ganz Brüssel bei Tageslicht und nicht immer diesen Markt im Dämmerschein. Ein Schicksal waltet über ihm, das er kaum lieben wird.
So lautet des Lebens unerbittlicher Lauf, wie ihn die Deutsche Bahn AG im März fatalistisch ausbreitet. Jedem Gast in Zugbistro und Zugrestaurant legt sie das belgische Drama vor, es ist der saure Stoff auf dem Papieruntersetzer, dem „Tischset 4050“. Am Bespiel Jean-Pierres lädt da die Deutsche Bahn AG zur „kulinarischen Entdeckungsreise mit internationalen Spitzenköchen.“ Der melancholische Belgier, schwarzweiß abgelichtet, grüblerisch den Kopf auf den rechten Handballen gestützt, ist der Pate der Erbsensuppe (4 Euro 50) und des Bohneneintopfs (8 Euro 90) und des Huhns in Altbiersoße (11 Euro 90) und des Schweinefilets (13 Euro 90). Freundliche Servicemitarbeiter schieben all dies gerne in die Mikrowelle. Ob Jean-Pierre deshalb so verzagt herausblickt aus dem Tischset?
Wir wissen es nicht, wir ahnen nur: Ein einziges Mal war des Zwei-Sterne-Kochs Brust himmelwärts geweitet. Im Jahre 1989 nämlich, weiß die Deutsche Bahn AG, „machte er ein Ausnahme“. Er verließ die Brüsseler Herdstätte forschen Schritts, zum Ruhm des belgischen, seines Königs, der ihn gebeten hatte, „ein offizielles Bankett auszurichten.“ Es waren Sternstunden im Leben eines Frühaufstehers und Marktplatzphilosophen. Mögen weitere folgen! Habe Mut, Jean-Pierre, dich deines eigenen Ganges zu bedienen! Da riss mich das Piepsen der Mikrowelle aus den Gedanken.