Achtundsechzig und die Kunst des Hinterfragens | 28. April 2008

Das „Quentchen Wahn“, das laut Adorno der 68er-Bewegung beigemischt sei, wurde Ereignis: am zurückliegenden Wochenende im Bad Herrenalb. Dorthin, an den Rand des Schwarzwalds, hatte die Evangelische Akademie Baden geladen, um das „ambivalente Erbe der 68er“ darzustellen. Nicht aber die ebenfalls aufs Podium gebetenen Veteranen des Eliteprojekts wollten dessen Geist ungebrochen verkörpern. Nein, ein Exponent der damaligen Vätergeneration führte beredt und auktorial die Paradedisziplin der 68er vor: die industrielle Verfertigung von Etiketten, Slogans, Labels. An ihrer Sprache kann man sie erkennen.

Hermann Glaser also, Germanist und Autor zahlreicher deutscher „Kulturgeschichten“, von 1964 bis 1990 Kulturdezernent der Stadt Nürnberg, mittlerweile 79-jährig, mäanderte fröhlich und beharrlich zwischen den Stickern „reaktionär“ und „hinterfragen“. Nicht möglich war es dem Großteil der Diskutanten, sich da hineinzudenken, mitzudenken. Eine der beiden ihrerseits unbefragten Marken prangte immer schon auf der jeweiligen Wortkaskade: „reaktionär“, soviel war dann doch herauszuhören, sind die anderen, „hinterfragen“ ist des Redenden hauptsächliche Tugend. Ergo müsse man, müsse die Welt heute viel mehr „hinterfragen“, um nicht vollends „reaktionär“ zu werden.

Ausweislich seiner Vita und seiner über 25000 Bände zählenden Privatbibliothek ist Hermann Glaser ein gebildeter Mann. Ihn klug zu nennen, fällt schon schwerer – unterlief er nicht durch die reinliche Scheidung in jene, die zu wenig denken, und den von ihm repräsentierten Rest die Voraussetzungen der eigenen Rede? Satz um Satz hermetischer wurde seine Suada. Von Begriffen schwirrte der Raum, ein Nachfragen, eine Widerrede gar wäre absurd gewesen. Man konnte nur lauschen oder aufbrechen, (ge-)horchen oder gehen.

So wurde aus dem angekündigten Versuch, das Erbe der 68er gegen deren Renegaten zu verteidigen, ein gespenstisches Schauspiel. Die „hinterfragende“ Rede, in der keine selbstkritischen Anfragen vorgesehen waren, demonstrierte den Rückfall in die Zeit vor 68, in den eifernden Casinoton der „Engstirnler“ (Wolfgang Weiß), den jetzt ein 68er avant la lettre rehabilitierte. Der Warencharakter der Sprache wurde nirgends deutlicher als im Selbstgespräch des Seniors, der der „Reaktion“ die Leviten lesen wollte. Standpauken aber sind keine Diskurse. Im Ehrenhof der Selbstgerechtigkeit ward der Fortschritt nicht gesehen.

Die CDU, das Fernsehen und ein Männlein im Regen | 21. April 2008

Jede Berufsberatung sollte von dieser Profession abraten. Kein zermürbenderer, monotonerer Beruf ist denkbar als der des Generalsekretärs. Wenn die Premiumpolitiker außer Haus sind und die Hinterbänkler in den Federn weilen, muss der Generalsekretär ran. Und dann vollzieht sich ein absurdes Schauspiel von einschläfernder Güte. Journalisten stellen vermeintlich kritische Fragen, die vom Generalsekretär als unbegründet zurückgewiesen werden. Für diese eine Botschaft wird er bezahlt: Alles sei in Ordnung, der Partei gehe es blendend, Deutschland sei auf einem sehr guten Weg, er verstehe die Aufregung nicht.

Kein Wunder also, dass die Durchschnittlichkeit des politischen Lebens sich oft zusammenballt in Person und Rede des Generalsekretärs. Michael Kretschmer, geboren 1975 in Görlitz, kann keine Ausnahme sein. Der Generalsekretär der sächsischen CDU soll performen, wie ihm geheißen, soll das potemkinsche Elysium am Leben erhalten. Nun aber wollten die Journalisten der „tagesthemen“ das Erwartbare durchkreuzen. Sprachlich konnte dieser Versuch nicht gelingen. Noch kein Generalsekretär hat sich zur Kritik an seinem Arbeitgeber, der Partei, hinreißen lassen. Er wäre sonst Generalsekretär gewesen.

Also vollzog sich die Rache der Journalisten auf der ikonischen Ebene. Man stellte den armen Michael Kretschmer spätabends in den strömenden Regen von Dresden, wies ihn an, den Regenschirm in der Linken zu halten, und vermutlich hielt er auch das Mikro in der Rechten. Und der Regen durchnässte sein Sakko, tiefe Wasserflecken bildeten sich zwischen Brust und Schulter, der Regen fiel maschinengewehrsalvengleich auf den Schirm, der Regen spritzte im Hintergrund auf den Asphalt, der Regen floss hinein in Michael Kretschmer.

Die Rede funktionierte wie sonst auch, Kretschmer lobte Ministerpräsident Milbradt, der gerade seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte. Milbradt habe „viel erricht für unser Land“, er gehe „auch gestärkt aus dem Amt“, er habe „beherzt zugegriffen, als die Finanzkrise kam.“ Doch die Worte ersoffen im Regen von Dresden, der Wind peitschte sie von seinen Lippen, die Nacht verschluckte sie unbarmherzig.

In der Redaktionskabine der „tagesthemen“ mag man gelacht haben ob der Willfährigkeit, mit der Michael Kretschmer vom Kakao trank, durch den man ihn zog. Der Bildeinfall kontaminierte die Rede: Nichts ist hier in Butter, eine Sintflut spült die sächsische CDU mitleidlos hinweg.

Darum sind diese fünf Minuten fünf Minuten für die Ewigkeit. Sie zeigen die weitgehende Irrelevanz des Wortes im Bildermedium Fernsehen und dessen verzwergende Kräfte – und die Demütigungsbereitschaft der politischen Garde. Ob sich wohl jemand fand, der Michael Kretschmer eine heiße Schokolade reichte?

Die CSU, das Gymnasium und ein entsorgter Kaiser | 14. April 2008

Bernd Sibler ist ein ehrenwerter Mann. Dass er nun einen scharfen Dolch führen muss, hat ihm niemand an der Wiege gesungen. Er nämlich, ausgerechnet er, der Lehrer für Deutsch und Geschichte aus Deggendorf, Jahrgang 1971, seit Oktober 2007 Staatssekretär im bayerischen Ministerium für Kultus und Bildung, musste nun im Beisein von Kultusminister und Ministerpräsident das Ergebnis einer Notoperation verkünden. Operiert worden war am neuen achtjährigen Gymnasium (G 8), das ob seiner Stofffülle unter Beschuss geraten war. Eltern, Schüler, Lehrer hatten bitter geklagt, die Verkürzung von neun auf acht Jahre werde plump erkauft durch eine höhere Stundenzahl, erhöhten Leistungsdruck, weniger Freizeit, weniger Freiheit.

Die CSU hat verstanden. Deshalb sprach Bernd Sibler vergangene Woche in die Mikrofone folgenden Satz: „Wir haben beim Grundwissen ein paar Begriffe ’rausgenommen: Nationalversammlung, Attentat von Sarajevo, Wilhelm II. ist nicht mehr Grundwissen.“

Ungerecht wäre es, über den richtigen Gebrauch von Einzahl und Mehrzahl zu diskutieren oder über den Unterschied von Begriffen und Inhalten. Noch ungerechter wäre es, darauf zu verweisen, dass Deutschlehrer Bernd Sibler schon im Dezember 2006 durch eine denkwürdige Rede im bayerischen Landtag auf sich aufmerksam machte. Damals stellte er fest: „Trotz Rückgang der Schülerzahlen bleiben also mehr Planstellen bei der Volksschule als rechnerisch hätten eingezogen werden können!“ Damals lobte er, „dass Bayern anhaltend hohe Schülerzahlen hat, wir erreichen jedoch auch einen Höchststand an Lehrerkapazitäten.“ Damals nannte er „ein Beschränken der Sozialarbeiter auf schulische Belange ganz einfach zu kurz gegriffen“ und forderte laut verbreitetem Manuskript „eine Vernetzung in die Gesellschaft hinein [...], will man eine [!] ganzheitlichen Ansatz erreichen.“ Und damals rühmte er, „dass der Freistaat Bayern einen Schwerpunkt für Bildung setzt.“

Nein, über richtige und falsche Genetive oder fehlende Kommata wollen wir nicht rechten, nicht sinnieren wollen wir über Schwerpunkte, die man eher auf etwas legt als für etwas setzt, oder über Ganzheitlichkeit und Vernetzung als pompöse Platzhalter für des Gedankens arge Blässe. Hier und heute soll einzig gefragt werden: Warum zählt an Bayerns Gymnasien der Aufbruch Deutschlands zur Demokratie, wie sie die Nationalversammlung in der Paulskirche 1848 markiert, nicht länger zum Grundwissen? Soll von der Französischen Revolution eine direkte Linie gezogen werden zum Deutsch-Französischen Krieg und zur Reichsgründung? Soll diese dann direkt in die Weimarer Republik münden, unter Umgehung jenes Attentats, das den Ersten Weltkrieg auslöste? Und soll dieser wiederum ohne den deutschen Kaiser Wilhelm II. erzählt werden? Soll Hitler unmittelbar anschließen an Stresemann?

Vom Märchenschlosserbauer Ludwig II., dem populären ‚Kini’, ging die Siblersche Rede nicht. Die Königstreuen können aufatmen, nur das preußische Natterngezücht der Hohenzollern „ist nicht mehr Grundwissen“. Müssen wir uns G 8 demnach als Mittel einer brachialen bayerischen Geschichtspolitik vorstellen?

Zu fürchten ist eher: Die bloße Gedankenlosigkeit führte Griffel, Hirn und Zunge und flickschusterte dies Wunderland einer entschlackten Geschichte. Wo das ganze Leben in einzelne „Content“-Häppchen zerspringt, wo an Universitäten Module hin- und her geschoben und Inhalte verklappt werden, da ist auch Geschichte die Fortsetzung des Outsourcing mit anderen Mitteln. Da wird rationalisiert, weil man im Rationalisieren so geübt ist.
Nichts anderes zählt als die Zahl.

(K)ein Frankenstein aus Newcastle | 7. April 2008

Den Schweizer Studenten Viktor Frankenstein hat es nie gegeben, und doch kennt ihn die ganze Welt. Mary Wollstonecraft Shelley ersann ihn 1818 für ihren Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus.“ Das fiktive Experiment verstört bis heute: Aus Leichenteilen bastelte Viktor Frankenstein einen künstlichen Menschen, lebens- und liebes- und hassensfähig. Als in diesem der Drang entstand nach Partnerschaft und Nachkommen, will der Schöpfer sein Geschöpf in die Schranken weisen, wird aber von diesem getötet. Ist anno 2008 der reale Frankenstein gefunden? Heißt er John Burn?

Besagter Humangenetiker leitet jenes Institut an der Universität Newcastle, das vergangene Woche vermeldete, es habe die Erbinformationen von Kuh und Mensch erfolgreich vermischt. Der nach drei Tagen abgetötete Embryo habe zu 99 Prozent aus menschlichem, zu einem Prozent aus tierischer DNA bestanden. Prompt zeigte die „Bild“-Zeitung die Fotomontage eines Menschen mit Rinderkopf und schnaubenden Nüstern. Sähe so das Lebewesen aus, das entstünde, wenn man den Embryo einer Frau implantierte und er wider alle Wahrscheinlichkeit bis zur Geburt heranwüchse?

John Burn beruhigt: Es könne keine Rede davon sein, dass die Wissenschaftler Monster schaffen. Wer sich mit der Problematik genauer beschäftige, erkenne rasch, dass sie kein neues ethisches Problem aufwirft. Es handele sich nur um einen Vorgang in der Petrischale, um einen „Zellhaufen, der sich nicht weiterentwickeln könnte.“ In der Tat ist das Ziel, aus den geklonten Embryos angeblich so wundertätige Stammzellen zu entnehmen, ohne für die Entstehung des Embryos zuvor auf menschliche weibliche Eizellen zurückgreifen zu müssen. Kühe sollen eine günstigere Trägermasse bereitstellen.

Von frankensteinschen Experimenten sprach dennoch der katholische Bischof von Schottland. Der deutsche Parlamentarier Hubert Hüppe (CDU) tat es ihm gleich. Weltweit überwiegen, auch auf wissenschaftlicher Seite, Unverständnis, Zorn, Empörung. Wie weit will eine offenbar enthemmte Wissenschaft noch gehen in ihrem Drang nach Innovation und Kommerz – so die bange Frage.

Viktor Frankenstein ist gleichwohl die falsche Assoziation. Der künstliche Mensch, ein Topos für „des Menschen Herrschsucht und Nützlichkeitsdenken“ (Elisabeth Frenzel), ist Burn herzlich egal. Er will, den Fakten zum Trotz, an einem anderen Mythos bauen: dem Mythos vom neuen Menschen, leidminimiert, stark und effektiv, dessen Gebresten in zu Ersatzteilfabriken gewordenen Laboren und Hospitälern besiegt werden sollen. Auf dem Weg zu dieser regressiven Utopie werden heute schon die Grenzen zwischen Mensch und Nicht-Mensch nivelliert. Das Gespür für das spezifisch Menschliche soll ein Relikt sein aus vergangenen, aus überwundenen Zeiten.

Ist es ein Zufall, dass die Gattungsgrenzen justament dann brüchig werden, wenn auch Politik und Wirtschaft und Kultur kaum mehr wissen, was eigentlich den Mensch zum Menschen macht, was seiner Würde entspricht, was diese grob und dauerhaft entstellt?



Tagebuch



Feed abonnieren