Deutschland, (d)ein Tatort | 26. Mai 2008

Keine Chance gab es, dem Jubiläum zu entkommen: Zum siebenhundertsten Mal flackerte am vergangenen Sonntag ein neuer „Tatort“ über die Breitbildschirme. Keine Zeitung, kaum eine Zeitschrift, wenige Rundfunksender ließen sich die Chance entgehen, vorab zu trommeln und die gesellschaftliche Bedeutung des Rituals zu betonen. Zu Recht titelte die Berliner „tageszeitung“: „Der ‚Tatort’ ist das letzte Lagerfeuer, an dem sich die Fernsehnation wärmt und unterhält. Falls es noch einmal eine Revolution in Deutschland geben sollte – am Sonntagabend um 20.15 Uhr wird sie nicht stattfinden.“

Antirevolutionär geriet auch der erste Auftritt des neuen Leipziger Ermittlerduos. Simone Thomalla, Gemahlin und zum Bierkonsum animierende Werbepartnerin des ehemaligen Schalkemanagers und Berufsmachos Rudi Assauer, schürzte die Lippen, wenn sie nachdachte, und Thomalla kniff die Augen, wenn ein Verdacht sie beschlich. Martin Wuttke, Theatermann und Hörspielsprecher der ersten Garde, sprach wenig, grüßte nie. Er kultivierte die zynische Nonchalance des lonesome rider – eine Weiterentwicklung des bei „Polizeiruf 110“ gerade in Rente geschickten, von Edgar Selge verkörperten einarmigen Ermittlers Tauber. Gewiss wird eines Tages auch Keppler alias Wuttke ein dunkles Geheimnis offenbaren. Und gewiss wird auch er irgendwann einmal weinen. Raue Schalen bergen weiche Kerne. So haben wir es gelernt.

Thomalla und Wuttke werden bald in die Endlosschleife der Vielfachverwertung eingespeist. Fast jeder Tag lässt sich dank des Recyclings in den dritten Programmen mit einem „Tatort“ krönen. Ein Haudegen aus alten Tagen, Götz George, stieß sich unlängst daran und kritisierte die Abschleifung des Besonderen, Herausgehobenen, eben nur Einmal-Wöchentlichen.

Gerade das aber macht den „Tatort“ zum Symbol eines alternden Landes.
Wochentags sehen wir die Ermittler als die, die sie waren, faltenarm, normalgewichtig, frisurentauglich. Sonntags schlägt die neue Realität zu, ist man zerfurcht, dicklich, dünn behaart. Im Extremfall liegen nur 24 Stunden zwischen dem, was war, und dem, was ist – und damit auch zwischen einem sonntäglichen Deutschland, wie es Status quo sein wird im 21. Jahrhundert, und einem Deutschland von gestern, wie es nicht wieder kommen wird.

Die Frischzellenkur durch Thomalla/Wuttke kann daran nichts ändern. Der „Tatort“ ist die einzige massenmediale Einrichtung, die die Zeit in ihrem steten Fortgang abbildet. Genau das ist sein Verdienst: Der „Tatort“ ist ein Andachtsbild geworden, der Vanitas gewidmet. Künftig werden sich Kulturhistoriker und später dann Archäologen seiner annehmen.

Das gute Gespräch und die Kaffeetanten | 19. Mai 2008

Was einer Drogeriemarktkette und einem Pharmakonzern recht ist, soll nun einem Kaffeeröster billig sein: Dieser will „mit Worten die Welt verändern.“ So steht es als Motto über der frisch gestarteten „Initiative für das gute Gespräch“ aus dem Hause Jacobs. Das Wundern über derlei nur auf den ersten Blick sachfremde Erwägungen hat der Konsument sich abgewöhnt. Ins Prähistorische gesunken sind die Zeiten, da Werbung darin bestand, die Vorzüge eines Produktes herauszustellen. Heute muss jeder Unternehmer ein Weltretter sein, jedes Ding eine verwirklichte Utopie. Darunter tun sie es nicht.

Gewiss ist solche kalkulierte Selbstüberhebung ein Mittel, aus dem Meer des Ununterscheidbaren herauszuragen. Pillen herstellen, Zahnbürsten verkaufen, Bohnen rösten kann jeder – kaufentscheidend soll sich die Philosophie dahinter auswirken, das gute Gefühl, einem besseren Morgen die Gasse zu bahnen. Wir sind von Menschenfreunden umstellt. Selbst in den Regalen lauert nichts als die pure Philanthropie.

Die Firma Jacobs, eine Tochter des US-Nahrungsmittelgiganten Altria, ehedem Philip Morris, will ihren Glauben missionarisch verbreiten. Man glaube „seit jeher an die Bedeutung guter Gespräche“ und wolle nun motivieren, inspirieren, Denkanstöße geben. Erstes Resultat dieser Bemühungen ist eine repräsentative Umfrage unter 1000 Frauen in Deutschland. Demnach nennen 89 Prozent ein gutes Gespräch „Balsam für die Seele“, 93 Prozent ist es „im Alltag sehr wichtig“, 86 Prozent beklagen, die Menschen redeten zu wenig miteinander, und 59 Prozent stimmen der Aussage zu, „eine Tasse Kaffee bereichert ein gutes Gespräch.“

Aus nahe liegenden Gründen kneift die „Initiative“ an der entscheidenden Stelle: Was ist ein gutes Gespräch? Für Jacobs muss es eine strikt weibliche Angelegenheit sein unter Zuhilfenahme von Coffea arabica. Die spannende und hier natürlich unbeantwortbare Frage lautet aber: Worauf zielt das gute Gespräch? Ist es ein assistierter Monolog unter Gleichgesinnten? Will es ein bestehendes Einverständnis rituell bekräftigten? Zum Lob und Ruhm der unverbrüchlich gemeinsamen Sache?

Dies- und jenseits des Kaffeetisches mangelt es heute am freien, nicht am solchermaßen „guten“ Gespräch, am konstruktiven Ausloten der Unterschiede, die meist unter einem Berg aus Desinteresse verborgen liegen. Neugier auf das Fremde, Abweichende, Trotzige wäre wichtiger als das balsamische Konservieren formalen Gleichklangs. Und vielleicht stimmt sogar die Ahnung Rudolf Borchardts: „An der Art, wie ein Mensch zur Tür herausgeht, erkennst du ihn besser als aus einer Stunde Gespräch.“

Pfingsten und der Ungeist | 12. Mai 2008

Weihnachten ist unzerstörbar, seit es zum Fest der Familie säkularisiert wurde. An Ostern feiern auch Skeptiker gerne den Frühling und das Leben. Nur Pfingsten hat bisher keinen zweiten, keinen weltlichen Sinn gefunden. Darum entschwindet es sanft aus dem Bewusstsein.

Noch immer zwar ließe sich mit Johannes Müller, dem Gründer von Schloss Elmau, behaupten: „Was das Christentum von allen Religionen unterscheidet, ist die Hoffnung auf die Ausgießung eines neuen Geistes. Wir finden das sonst nirgends.“ Noch immer ließe sich mit Müller dieser pfingstliche Geist umschreiben als jene „Fülle von Klarheiten, Impulsen, Kräften und Bewegungen, die aus dem ursprünglichen Empfinden Gottes quellen.“ Doch derlei Rede vermag heute nichts auszurichten gegen die grundsätzliche Unverständlichkeit von Pfingsten: Geist, was war das noch mal?

Klügelnde Köpfe betreiben heute eine „geistlose Evolutionsforschung“ und sehen darin nichts Verwerfliches. Alles Geistige fügt sich schließlich nicht ins Raster der Versuchsanordnung. Geist lässt sich nicht wiegen, messen, bezahlen, oder höchstens im Auf und Ab der Hirnströme. Geist widerstrebt den Geistern, die ganz auf die Materie setzen, und wer tut das längst nicht auch, offen oder insgeheim?

Geisteswissenschaften werden in die Nähe gerückt von Esoterik, Nonsens, Hekuba. Wissenschaft muss durchs Nadelöhr der Verwertbarkeit, Lehre wird zum schmerzenden Wurmfortsatz der Forschung und diese wiederum zum Drittmittelrefugium der Industrie. Eine Geistesgröße ist ein Faktotum, beklatscht nur bei der Ein-Millionen-Euro-Frage, geistig sind die Getränke, und Esprit heißt das Textil am Körper, nicht der Witz eines Charakterkopfes. Pfingsten kam so der Echoraum abhanden, in den hinein sich seine tröstende Botschaft sagen ließe.

In diesem Jahr stopft die Geschenkeindustrie das Sinnvakuum. Als Muttertag zieht der Pfingstsonntag schmerzfrei vorüber. Im nächsten Jahr wird der fünfzigste Tag nach Ostern wieder ein Sonntag wie jeder andere Sonntag auch, und noch viele Pfingsten werden kommen müssen, ehe vielleicht an der Schwelle vom Geistlosen zum Ungeist wir den Geist wieder schätzen lernen. Vielleicht aber hat er sich dann schon nach bester Spirituosenart verflüchtigt.

„Da wissen Sie mehr als ich“ | 5. Mai 2008

Zu den unsäglichsten der unbesiegbaren Phrasen zählt diese: Person A unterhält sich mit Person B über ein Thema von beliebiger Relevanz, etwa über die Kunst des Brezelbackens. Person A ist Bäcker, sollte also wissen, wovon die Rede ist. Person B ist Moderator, hat sich also vorbereitet. Wie es der Gang des Gesprächs nun so will, ist bald der Punkt erreicht, an dem der Bäcker aus Erfahrung weiß, was der Moderator nicht wissen kann. Oder der Moderator hat sich angelesen, wozu der Bäcker keine Zeit hatte. Und dann sagt derjenige, der gerade etwas Neues, ihm bis dato gänzlich Unbekanntes erfahren hat: „Da wissen Sie mehr als ich.“ Das Gespräch stirbt den Kältetod. Beschämung macht sich breit. Ein Schweigen lastet bleiern auf dem Schlagabtausch.

„Da wissen Sie mehr als ich“: Potzblitz, könnte man da naiv denken, warum auch soll ein Praktiker hie und da nicht mehr wissen als ein Experte, warum ein Experte nicht zuweilen mehr als der Praktiker? Dem fatalen Ausdruck aber wohnt eine doppelte Geringschätzung inne: eine des Wissens und eine des Wissenden. Dass der andere nämlich hinterrücks mehr weiß als man selbst, war nicht vorgesehen.

Die allermeisten Gespräche beruhen auf der Konvention, man sei sich im Grunde einig und man habe im Grunde denselben Kenntnisstand – wisse zum Beispiel, warum die Brezel eine eigentümlich doppelt geschwungene Form hat. Und da, wo die Kenntnisse einen doch verlassen, stellt zur rechten Zeit ein Nicken oder Lächeln sich ein, da triumphiert die stumme Form.

Der schändliche Ausdruck zerstört diese Konvention und, weit schlimmer noch, kehrt die Verhältnisse um. Plötzlich sieht sich der Wissende gegenüber dem Nicht-Wissenden im Hintertreffen. „Da wissen Sie mehr als ich“ meint nämlich: „Oh, da bildet sich aber jemand ganz gehörig etwas auf sein Wissen ein. Schämen Sie sich!“ Die falsche Floskel prämiert das Nicht-Wissen. Sie ist ein Loblied auf die eigene Wissenslücke.

Nun stirbt das Gespräch einem raschen Ende entgegen. Der Wissende wird sich nicht noch einmal aus der Deckung wagen. Er will dem Gegenüber die vermeintliche Blamage ersparen. Darum aber ist dieser nun endgültig blamiert – als jemand, der aus dem Wissen, das er nicht hat, einen Vorwurf drechselte an die Adresse dessen, der weiß. Darum empfiehlt sich als Replik auf jedes „Da wissen Sie mehr als ich“ der knappe Hinweis: „Jetzt nicht mehr.“

Brezeln übrigens sollen so aussehen, wie sie aussehen, weil sie an betende Hände erinnern. Oder weiß da wer mehr?



Tagebuch



Feed abonnieren