Eine schwarze Lichtgestalt | 28. Juli 2008

Barack Obama ist der Franz Beckenbauer unter den Weltpolitikern: Er selbst ist die Botschaft, und diese Botschaft ist ein Lächeln, ist gute Laune, ist Optimismus, gepaart mit großem Ehrgeiz.

Erst wenn der „Kaiser“ aus München-Giesing die Fernsehstudios verlassen hat, merkt man, dass man sich prächtig unterhalten, dass man sich gerne hat anstrahlen und anstecken lassen, dass es aber einigermaßen schwer fällt, die Beckenbauersche Rede auf den Begriff zu bringen. Hat er nun das jeweilige Fußballteam gelobt oder kritisiert, fordert er mehr oder weniger Einkäufe, bricht er auf nach Madrid oder kommt er von dort, besteigt er den Hubschrauber oder will er Berge erklimmen?

Kaum anders verhält es sich bei der Lichtgestalt aus Honolulu. Der designierte Präsidentschaftskandidat sprach eine halbe Stunde an der Berliner Siegessäule. Deutschland lag ihm zu Füßen, die Euphorie wollte nicht enden. Acht deutsche Fernsehsender übertrugen life. Keine Freudenträne blieb verborgen, kein Jubelschrei unentdeckt. Dass wir das noch erleben dürfen: soviel Charisma, soviel Freundlichkeit, jetzt wird die Welt heil – auf diesen Refrain einigten sich die Augenzeugen.

Tatsächlich aber müssen wir uns sorgen, und zwar sehr, um Deutschland, um die Vereinigten Staaten, um die Freiheit. Barack Obama, der sechzehnmal, also alle 110 Sekunden, von „Mauern“ sprach, die es vorzugsweise einzureißen oder zu überwinden gelte, brachte planetarische Gefahren zum Vorschein. Seine Rede war eine US-amerikanische Mischung aus Pathos und Naivität, gedankenarm und gefühlsreich.

Die „Bürger Berlins“ und die „Völker der Welt“ seien „Erben eines Freiheitskampfes“ und zugleich „Menschen mit unwahrscheinlicher Hoffnung“. Diese sei jetzt – in „unserem Moment“, in „unserer Zeit“ – das entscheidende Unterpfand, damit die Berlinbürger und die Weltvölker endlich „dem Schicksal antworten und die Welt wieder erneuern.“ Der Dalai Lama hätte es nicht süffiger formulieren können.

Fatalerweise wurde diese konventionelle Wahlkampfrede, groß nur als rhetorische Antithese zu George Walker Bush, bedenklich kommentiert. Die SPD-Granden Bahr und Wowereit erklärten unisono und im Einklang mit weiten Teilen der Öffentlichkeit: „Mutig“ sei es gewesen von Obama, so und nicht anders zu reden.

Was folgt daraus? Die Bundesrepublik Deutschland und die USA müssen scheindemokratische Veranstaltungen sein, Republiken bloß dem Namen nach. Nur unter auktorialen Vorzeichen nämlich wäre es mutig, in Deutschland die Amerikaner zu umgarnen, indem man von der Welt Frieden fordert und Brückenbau und Mauernabriss. Nur in Diktaturen wäre es mutig, an das einende Band der Menschheit namens Menschlichkeit zu erinnern. Nur in Schurkenstaaten wäre es mutig, den Freiheitskampf als universalen Imperativ zu begreifen.

So lautet die Lektion der dreißig Obamaminuten weit eher: Wenn politischer Bekennermut anno 2008 in derart kleiner Münze ausgezahlt wird, beginnt er erst dort, wo die Politik endet. In keinen mutigen, sondern gratismutigen und ergo mutlosen Zeiten leben wir – jetzt, hier, in unserem Moment.

Vier Buddhas und ein Todesfall | 7. Juli 2008

Damit also hat Deutschland sich eine Woche lang beschäftigt: mit dem Dienstbeginn von Jürgen Klinsmann und dem Lebensende der Bettina Schardt. Der neue Cheftrainer des FC Bayern München, auch bekannt als „FC Hollywood“, hat aus dem kalifornischen Exil neben einer Prise landestypischen „Spirits“ und „Feelings“ die Vorliebe für Esoterik und Anverwandtes mitgebracht.

Kein Traumfänger aber, kein Guru und kein Karma-Spezialist fand Aufnahme in die gewaltige Trainerkohorte. Nein, vier Buddhas sind es, die am vergangenen Montag ihren Dienst antraten. Erst lächelten sie von der Dachterrasse des Trainingsgeländes herab. Mittlerweile sind sie in dessen Inneres gewandert. Zwischen Ledergarnitur und Bonsaizweig lächeln sie unentwegt.

Klinsmann ließ eine teure „Wohlfühl-Oase“ für seine Spieler entstehen, samt Billardtisch, Playstation, Espressobar. An nichts soll es den Millionären fehlen, auch nicht an „gutem Energiefluss“ (Klinsmann). Dafür sorgen die fernöstlichen Figuren, darunter ein goldener Buddha Shakjamuni aus Burma. Er rechnet zu den Asketen und ruht in der sogenannten Löwenstellung. Im Buddhismus, hören wir, soll aus eigener Kraft die Reinheit und Vollkommenheit des Geistes erreicht werden.

Bettina Schardt kann laut Abschiedsbrief auf ein „interessantes, erfülltes Leben zurückblicken“. Die 79-jährige Würzburgerin wollte indes „nicht tatenlos einem unausweichlichen Siechtum“ entgegengehen. Diese mögliche Aussicht veranlasste die gesunde Frau, sich von dem ehemaligen Hamburger Regionalpolitiker Dr. Roger Kusch „wertvolle Hinweise“ geben zu lassen, wie man todsicher sterbe. Zwei Stunden nach der letzten Begegnung mit dem Gründer der „Dr. Kusch Sterbehilfe e. V.“ konnte dieser den Tod seiner ersten Auftraggeberin feststellen.

Mit Jürgen Klinsmann hat diese Verzweiflungstat auf den ersten Blick wenig gemein. Und doch sind beide Aktionen – der Suizid, zu dem sich Bettina Schardt durch Dr. Kusch ermuntert sah, und der vierfache Buddha-Import – hoch symptomatisch für den spätmodernen Menschen. Bettina Schardts Leben war, nach allem, was wir wissen, keine Wohlfühloase und keine Hölle. Kein Buddha trieb sie zu mehr Leistung an, kein kalifornischer Schabernack eskamotierte ihre Zweifel. Sie schien jedoch zu spüren, dass die Perspektive eines „Siechtums“ ausreiche, dem Leben fliehen zu wollen. Sie fand einen, der sie darin bestärkte, der ihre Ängste unumkehrbar machte statt sie zu lindern.

Offenbar ist der spätmoderne Mensch zwischen diesen beiden Extremen mittelos gefangen: Alles muss ihm zum Lächeln geraten oder ins Nichts zerstieben. Das Leben muss ein Kunstwerk sein oder darf nicht sein. Das Ich muss alle Momente bemeistern oder alle Hoffnung fahren lassen. Dem rund um die Uhr gehätschelten, anspruchsvollen Ego korrespondiert die Leere, in die das Subjekt zu fallen meint, wenn die Autonomie schwindet. Bettina Schardt fehlte, was auch ein goldiger Götze der Gelassenheit nicht spenden kann, Trost in der Trauer.

Daran aber wird sich unser aller Zukunft entscheiden: Ob und wie wir mit unseren Einsamkeiten und Ängsten umgehen. Ob wir es zulassen, dass diese sich gegen uns und andere tödlich kehren – oder ob wir uns einander tragen und ertragen, auch wenn wir schwinden und kein Buddha weit und breit.



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