Sensible Tyrannei | 25. August 2008
Nun trägt die Pharmaindustrie Trauer, Frau Müller-Hohenstein muss ihre ZDF-finanzierten Miniröcke andernorts herzeigen, und die Diktaturenversteher haben Pause: Die Olympischen Spiele zu Peking sind Geschichte. Der zweitägliche Angriff des Johannes Baptist Kerner auf unser aller Denkvermögen und Geschmacksempfinden ist überstanden. Des Blonden misogynen Schurigeleien haben (vorerst) ebenso ausgedient wie seine Zoten zur Doping- und Urinfrage. Seine charmanten Ahnungslosigkeiten nicht minder. Um ein Schlüsselwort dieser pervertierten Tage aufzugreifen: Das Fernsehen zeigte sich vollendet sensibel.
Sensibel heißt nämlich neuerdings die Bereitschaft, bestimmte Gedanken einfach nicht zuzulassen. Den Gedanken etwa, totalitäre Staaten seien womöglich keine idealen Gastgeber für die „Spiele der Jugend“. Den Gedanken etwa, hier sei meistbietend ein Premium-Produkt an Tyrannen verschachert worden, die weder vor noch nach noch bei den Spielen je beabsichtigten, in diesen etwas anderes zu sehen als ein Premium-Produkt mit patriotischer Ausschüttung und aufmerksamkeitsgesättigter Rendite. Solche Gedanken für bedenkenswert zu halten, beschieden die Konkursverwalter der olympischen Idee, rühre an allzu „sensible Punkte“, als dass man Stellung beziehe könne. China sei anders.
Sensibel war ebenfalls das Schlüsselwort gleich mehrerer „Daten-Skandale“ hierzulande. Millionen von Bankkunden müssen offenbar fürchten, dass mit ihren Daten schwunghaft Handel betrieben wird. Auch Kreditkarteninstitute seien von diesem neuen Informationsgewerbe betroffen. Und aus der Jugendstrafanstalt Schifferstadt verschwanden derweil die „sensiblen Daten“ der Insassen. Per Mülltransporter seien die aktuellen Beleglisten ins Freie und buchstäblich auf die Straße gelangt.
Soviel Sensibilität war nie. Mal dient das alte Wort dazu, Feigheit zu bemänteln und Verbotszäune zu errichten. Sensible Fragen sind Fragen, die sich einfach nicht gehören. Mal sollen Daten, Fakten, Zahlenkolonnen – abstrakter geht’s nimmer – sensibler sein als Menschenherzen.
Wir erinnern uns: Sensibel, empfindsam und empfindlich zu sein, war Vorrecht der Jugend. Wer nicht wusste, wohin der Lebensweg ihn lenken soll, der achtete auf jede sprachliche Nuance, jeden emotionalen Hauch, jeden Windstoß, um ihn so oder anders zu deuten und im endlosen Deuten neue Fragen sich zu erschließen. Es war eine Phase meist. Wer lebenslang sensibel blieb, schalt sich Dichter und durfte noch als Greis kindliche Grillen vorführen. Das Publikum applaudierte, froh, diesen Abschnitt hinter sich gelassen, froher noch, ihn erlebt zu haben. So war das damals.
Heute ist aus dem Schlüssel- ein Donnerwort geworden, sofern man es einem Menschen zuerkennt. Nicht sensibel, sondern cool zu sein begehrt der Nachwuchs – und wer es nicht sein will, trägt bösen Lohn davon, wird zum Sensibelchen erklärt. Kein Ehrenabzeichen, ein Kainsmal ist der Begriff. Man denkt an strickende Jungfern oder weinende Kerle oder arbeitsscheues Gesindel.
Hochkonjunktur hat das Sensible im nichtmenschlichen Bereich. Alles ist sensibel, da alles technisch geregelt wird und komplexe Technik keine Störung im Betriebsablauf verträgt. Eine Nuance, ein Hauch, ein Windstoß kann genügen, um aus Datengerüsten Datenbrei zu machen. Menschen haben geradezu die Pflicht zur Unsensibilität, zum Weghören und Abstreiten, wollen sie reüssieren. Sensibilität ist die Kernkompetenz nurmehr der unbelebten Materie.
Die „sensiblen Fragen“, die in Peking verhallten, hatten diesen Begriffswandel noch nicht verinnerlicht. Die Machthaber legten ihrem Schweigen das neue Verständnis von Sensibilität zugrunde. Sie meinten schlicht, wer solche Fragen stelle, gefährde den olympischen Betriebsablauf, solle also besser schweigen. Die Fragenden aber spürten noch den alten Klang des Wortes. Sie empfanden das Grundfalsche der ganzen Situation und begehrten jugendlich auf. Insofern erlebten wir an dieser Stelle tatsächlich einen Zusammenprall der Kulturen. Das alte Europa traf auf ein neues Denken, das jede Form von Sensibilitäten für Luxus erklärt.
Geendet haben die Olympischen Spiele übrigens unmenschlich, also sensibel: Acht US-Amerikaner und ein Deutscher wurden ausgewiesen, weil sie in Peking gegen die Tibet-Politik der chinesischen Regierung protestiert hatten.
Einmal Zukunft und zurück | 18. August 2008
In China essen sie Hunde, in Südkorea klont man sie, und darum müssen wir jetzt unbedingt von einem dreibeinigen Pferd, einem entführten Missionar und der „Miss Wyoming“ von 1973 reden. Damals war Joyce McKinney süße 22 Jahre jung. Sie gab zu Hoffnungen Anlass. Vermutlich aber trug sie schon jene Leidenschaft im Herzen, die sie nun endgültig stranden ließ: ihre Liebe zu den Hunden.
Versuche, statt der unmenschlichen Kreatur einem Manne sich zu verbinden, schlugen fehl. Die alsbald nach ihrem Schönheitstriumph zur Mormonin gewordene Joyce McKinney spürte zwar Amors Pfeile heftig brennen. Man schrieb das Jahr 1977, noch immer gab sie Anlass zu Hoffnungen. Der Angebetete jedoch, ein 21 Jahre junger Mormonenmissionar, war nicht hinreichend angetan. Flugs betäubte ihn die zur Liebe fest entschlossene Joyce. Gemeinsam fuhren sie zweihundert Meilen durch England. In einem Gartenhaus in der Grafschaft Devon zwang sie ihn aufs Bettgestell. Mehrere Tage soll er dort verbracht haben, gefesselt und darum weitgehend immobil.
Auch nach der Flucht des frommen Mannes verlor sie ihn nicht aus den Augen. Joyce stellte ihm munter nach, weshalb sie 1984 in Utah eingesperrt und verurteilt wurde. Nun war es an ihr zu fliehen. Beschloss sie jetzt endgültig, keines Menschen Herz mehr an sich zu ketten? Auf jeden Fall drang sie 1993 gewaltsam in das Veterinäramt von Washington County ein, um das Einschläfern einiger Pitbulls zu verhindern, die ein Ehepaar angefallen hatten. Und 2004 ermunterte sie einen 15-jährigen Jungen zum Einbruch. Er sollte ihr helfen, Geld aus einem Haus zu entwenden. Mit der Beute wollte sie eine Prothese kaufen für ihr dreibeiniges Pferd.
Warum wir das alles (und noch manches delikate Detail) in der zurückliegenden Woche erfahren haben? Joyce McKinney lächelte die Weltöffentlichkeit plötzlich als strahlende Welpenmutter an. Auch in Devon und Utah und Washington County sah man die Fotos einer glücksstolzen Frau, 58-jährig mittlerweile, wie sie fünf frisch geborene Pitbulls in den Armen hält. Man erinnerte sich der alten Geschichten. Joyce McKinney ist die erste Kundin der südkoreanischen Firma „RNL Bios“. Sie zahlte 50.000 US-Dollar für die fünf Klone ihres Lieblingspitbulls Booger.
Den törichten Gang in die Öffentlichkeit begründet McKinney mit dem Willen zur Güte. Eine Katharsis habe sich ereignet, ein innerer Imagetransfer, „die Leute sollten Respekt gewinnen und sehen, dass ich ein Mensch bin, der etwas Gutes tun will.“ Worin das Gute besteht, wenn man aus dem eingefrorenen Gewebe eines Pitbullohrs viele todgeweihte, missgestaltete, schwerkranke und fünf lebensfähige Klone sich produzieren lässt, führte Joyce McKinney nicht aus. Oder versteht sie sich als Botschafterin eines jungen und riskanten Gewerbes, der Haustierklonierungsindustrie?
Selbige in Gestalt des „RNL Bios“-Bosses will auch künftig die Kundschaft keinem ethischen Screening unterziehen. Nein, heißt es aus Seoul, gerade Kriminelle könnten durch die Auferstehung ihres geliebten Schoßhündchens auf den Pfad der Tugend zurückfinden. Die Tiere könnten zur Verbrechungsbekämpfung beitragen, indem sie Herrchen und Frauchen „Stabilität“ zurückgeben. Sprach Ra Jeong Chan.
Sowohl die verwirrte Kundin als auch der trickreiche Dienstleister berufen sich auf das Gute. Sie meinen also, ihrem vollendet egoistischen Treiben ein moralisches Tarnmäntelchen umhängen zu müssen – das also wäre die „gute Nachricht“ dieser schillernden Story.
Die schlechte folgt gleich hintendrein: Was als Hoffnung begann, in der Euphorie wuchs und im Betrug sich konsolidierte, hat nun das Stadium seiner rücksichtslosen Reife erreicht. Die einst für therapeutisch vielversprechend gehaltene Klonierungsmethode à la Schaf Dolly gibt den Stoff ab für Räuberpistolen. Profilneurotiker tummeln sich, wo Ärzte wirken wollten. In bunten Blättern wird verhandelt, was in Fachjournalen geboren wurde.
Von diesem trüben Ende aus dunkelt das Beginnen nach. Das Duplizieren der Tiere ist ebenso wie das verwandelnde Behandeln und Verzwecken der Menschen weder tierfreundlich noch menschengemäß. Es war und ist gespeist aus Größenwahn und Unschuldskult, ist ein Anschlag auf das Band, das alle Kreatur verbindet, die geschaffen ist und nicht gemacht ward. In bunten Blättern bereitet sich eine zweite Schöpfung vor, die ein Fließband sein wird mit angeschlossener Müllverbrennung.
„Booger“ übrigens meint in Joyce McKinneys Land verdickten Nasenschleim. Sollte auch das etwas zu bedeuten haben?
Graf Rotz, Baron von S. und der alte deutsche Dünkel | 11. August 2008
Die vergangene Woche bescherte zwei bisher unbekannten Adligen den Aufstieg zur Prominenz: Der eine wurde ordentlich gemaßregelt, der andere in Untersuchungshaft geschickt. Der eine stolperte über seine deutliche Aussprache, der andere über seine Gier. Der eine war ehrlich bis zur Grobheit, der andere durchtrieben bis zur Hemmungslosigkeit. Der eine stammt von westfälischer, der andere von saarländischer Scholle, und sie beide schrieben nun endgültig Geschichte: Wolfgang Clement, vulgo: „Graf Rotz“, und „Baron von S.“ aus Mettlach, der Architekt eines weitverzweigten Schwindelimperiums.
61 Jahre alt ist der „mutmaßliche Millionenbetrüger“ aus Mettlach, gegen den nun wegen des Verdachtes der Geldwäsche, der Untreue und des Betruges ermittelt wird. Ein weitgehend fiktives Firmengeflecht mit Niederlassungen in Luxemburg, Frankreich und der Schweiz, auf den Bermudas- und den Cayman-Inseln sicherte „Baron von S.“ ein luxuriöses Leben und seinen Kunden hohe Verluste. Er warb mit sensationellen Renditen, gab Aktien aus von Gesellschaften, deren Vermögen im Papierwert der Wertpapiere bestand. Fünfzig Millionen Euro soll er seit 2005 eingesammelt haben. Vierzig Millionen davon sollen direkt in des manierlichen Gauners Tasche gewandert sein.
Obwohl mancher Nachrichtensender das zentrale Detail unterschlug: „Baron von S.“ gehört nach allem, was wir wissen, keineswegs dem Adel an. Eine Schöpfung eigenen Rechts war wohl der Titel, ein Entrebillet in jene Kreise, die er auszunehmen gedachte. Die Masche verfing, weshalb sich nun desto größerer Spott über ihn und seine Opfer ergießt: Jede Narretei reüssiere als Geschäftsidee, werden die Kontrakte mit blauem Blut gezeichnet – auf lange Sicht aber triumphiere die harte (Ermittlungs-)Arbeit der Bürgerwehr.
Auch Wolfgang Clement ist kein Adelsspross und schon gar kein „Graf Rotz“. Der despektierliche Ehrentitel wurde ihm von Jochen Ott verliehen, dem Vizechef der nordrhein-westfälischen SPD. Clement, sagte Ott, sei „absolut selbstverliebt“ und von „unerträglicher Arroganz“. Den Genossen Ott empört Clements fortgesetzte Weigerung, sich mit der hessischen SPD-Linken Andrea Ypsilanti und deren Energiepolitik zu solidarisieren. „Graf Rotz“ solle die Partei verlassen.
Geldgier und kriminelle Phantasie im einen, Narzissmus und Halsstarrigkeit im anderen Fall erscheinen hier als Signa eines nur in der Ablehnung präsenten Adels. Gesellschaft und Politik eint demnach der Wille, von Zeit zu Zeit dem Außergewöhnlichen und Raren kräftig einzuschenken. Am Adel als homogener Gruppe kann speziell die Sozialdemokratie ebenso leicht ihr Mütchen kühlen wie – beispielsweise – an Intellektuellen und Künstlern. Des Ex-Kanzlers Schmähwort wider den „Professor aus Heidelberg“ (gemeint war Paul Kirchhof) bediente dasselbe Vorurteil, das zusammenschweißt wie Pech und Schwefel und also programmatische Zwecke erfüllt: Wer herausragt, habe Dreck am Stecken, wer andere überragt, stehe auf geborgten Stelzen, die es ihm im Namen der Gerechtigkeit zu stehlen gilt.
Ja, natürlich: Clement ist kein Sympathieträger, der Saarländer und seine Opfer sind keine bemitleidenswerten Gestalten. Wer derzeit die TV-Doku-Soap „Gräfin gesucht“ erleidet, zweifelt ganz generell an manches Adligen Selbstachtung. Regelmäßig aber den Stammtisch zu bedienen und gegen Exzellenz und Exzellenzen zu wettern, gewordene wie geborene, zeugt von Dünkelei, nicht von (Sozial-)Demokratie. Eine Gesellschaft, die nur das Durchschnittliche ganz gelten lässt, kann unmöglich exzellent verwaltet werden. Und umgekehrt ist wahr: Nichts fürchtet das Mittelmaß, einmal an die Macht gelangt, mehr als die Trauben, die ihm ewig zu hoch hängen.
Bayern, das Stimmvieh und die Eigentlichkeit | 4. August 2008
In Bayern wird wahlgekämpft: Jahrzehntelang wäre eine solche Nachricht die Mutter aller sauren Gurken gewesen. Landtagswahlen in Bayern bedeuteten nämlich exakt zwei Alternativen. Entweder kämpfte die CSU lausig, dann landete sie bei 55 Prozent. Oder sie kämpfte furios, dann standen hinterher 60 und mehr Prozent zu Buche. Ein Drittes gab es tatsächlich nicht, denn Bayern hieß CSU, und die CSU war Bayern. Im Jahr 2008 ist manches anders. Huber und Beckstein könnten die absolute Mehrheit verfehlen. Deshalb grassiert nun auch zwischen Aschaffenburg und Traunstein eine gesamtdeutsche Malaise: Die Hatz auf den Wechselwähler.
Langfristige Bindungen schwinden, die Schar der Wahlverweigerer wächst, Vertrauen ist ein scheues Reh und eher nicht zu erwarten. Diese Lektionen der sozialen Feldforschung haben die Anbieter wie die Nachfrager auf dem Markt der politischen Möglichkeiten verinnerlicht. Da kann eine Angela Merkel noch so gewinnend wirken, ihre Partei, die CDU, will in den Umfragen dennoch nicht die früher notorische 40-Prozent-Marke zurückerobern. Die Zeit der Volksparteien scheint perdu, weil das Volk nicht weiß, wohin es aufbrechen will, zerfallen in unzählbare Milieus und Submilieus. Ergo, denkt man sich in Parteistrategenkreisen, müssen wir neue Schichten für uns erschließen: Die alten Wurzelgründe sterben ab, also auf zu frischen Weideflächen!
Darum empfiehlt sich die CSU auf ihren Stellwänden als „Die Umweltpartei“, während die Grünen als Ansammlung tiefbayerischer Gaudiburschen und fescher Madeln daherkommen. Ihr Spitzenkandidat heißt Sepp Daxenberger, trägt Vollbart und ein grundsolides Lachen, ist Bauer und Schmied und Bürgermeister und dreifacher Familienvater. So, schlussfolgert der Laie, muss ein typischer bayrischer Lokalpolitiker aussehen, mit Händen wie Mühlrädern und tiefer Dialektstimme. Daxenberger will dem bürgerlichen Wechselwähler die Angst vor der ehemaligen Bürgerschreckpartei nehmen. Uns können sie wählen, sagen die Bilder, wir sind fast wie die CSU, nur umweltbewusster und emanzipatorischer.
Im Gegenzug will die CSU das bessere grüne Projekt sein. Die „Umweltpartei“ verspricht einen ebenso sorgsamen Umgang mit der Natur, die sie zuweilen Schöpfung nennt, doch weniger gesellschaftliche Experimente. Beckstein, Huber etc. wollen den konservativen Vogelfreund und Fauna-Flora-Habitat-Aktivisten überzeugen. Im Grundsatzprogramm von 2007 heißt es: „Notwendig ist eine präventive Umweltpolitik, die unserer konservativen und christlichen Wertorientierung entspricht. Mit allen persönlichen und politischen Entscheidungen müssen wir unserer Verantwortung für die Schöpfung und für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen Wasser, Boden, Luft gerecht werden.“
Wer mag da widersprechen? Dennoch bleibt ein Beigeschmack. Unmittelbar vor Wahlen der Wechselwählerschar schöne Augen zu machen, ist mittlerweile eine konventionelle Übung und doch vielleicht Ursache, nicht Ausweg aus der wachsenden Verdrossenheit. Die Parteien kranken nicht nur an ihrem Personal und ganz disparaten Eitelkeiten, sondern auch am Verlust des Eigenen. Der vielbeklagte Verlust der Mitte folgt auf diesen, nicht umgekehrt.
Wohin nämlich flüchtet sich der einstige Stammwähler, sei es der Grünen, sei es der CSU, wenn man ihn so ostentativ links liegen lässt, ihn also als marginalisiertes Stimmvieh betrachtet, das so oder so bei der Stange bleibt? In die Enthaltung flüchtet er oder aus Trotz an die politischen Ränder. Und was wird der Wechselwähler tun, wenn er erstmals für CSU oder Grüne votiert und dann merken muss, dass die Schwarzen doch nicht so grün, die Grünen doch nicht so bürgerlich sind? Er wird schmollen, also beim nächsten Mal gar nicht wählen.
Dieses Paradox müssen Parteien, denen an dauerhaften Erfolgen, mithin an bestätigtem Vertrauen gelegen ist, überwinden: dass sie mit großer Geste um neue Kunden werben, während sie zwinkernd der Stammkundschaft bedeuten, bitteschön dennoch am Tisch des Hauses sitzen zu bleiben. So heiß werde das alles schon nicht gegessen. Wer diesen Unernst nicht hinter sich lässt, der züchtet sich Autisten oder Ehrgeizlinge heran.
Den Trend zur Ununterscheidbarkeit umkehren, das Eigene, das Widerständige, mitunter auch das Schroffe stärken, wäre das Gebot der Stunde. Überzeugen kann man nur, wenn man von seiner Wahrheit überzeugt ist.