Alles so schön emotional hier | 26. Januar 2009
Während allüberall, in den Redaktionsstuben und auf den Straßen, Barack Hussein Obamas gehuldigt wird, lesen wir in der „Jüdischen Allgemeinen“: George Walker Bush sei „ein fast großer Präsident“ gewesen.
Er hinterlasse als sein größtes, schönstes Erbe „die Befreiung des Irak von der faschistischen Diktatur“. Zweitens habe er Afghanistan befreit, wenn auch nicht befriedet. Drittens habe die Nichtverbreitung von Atomwaffen unter Bush Fortschritte gemacht, viertens sei Syrien aus dem Libanon gewichen, und fünftens habe die Bush-Administration „als erste amerikanische Regierung [...] eine Zweistaatenlösung für Palästina verkündet.“ Der Autor konkludiert: „alles in allem keine schlechte Bilanz für acht Jahre.“
Das ganzseitige Plädoyer für den im Amt ergrauten Texaner stammt von Alan Posener, dem Korrespondenten für Politik und Gesellschaft bei der „Welt am Sonntag“. Mehr Auflehnung wider den Zeitgeist passt nicht auf eine Seite. Ob Posener vor allem die Freude an der Abweichung die Feder führte, kann einstweilen nicht beantwortet werden. Ob man Bush II tatsächlich „in 20 Jahren [...] ganz anders deuten wird als jetzt“, werden die eben noch ausstehenden 240 Monate zeigen. Nun aber schon – die Wette biet’ ich – steht fest, dass ein Bruchteil des Posener’schen Äon genügen wird, um die Blamage der öffentlich-rechtlichen Jubelfestspiele zu offenbaren.
Gemeinhin hält der Fernsehjournalist sich viel zugute auf seine Distanz zum und Kritik am sogenannten Politikbetrieb. Farbe bekennen sollen die Großen dieser Republik, Rede und Antwort stehen, sich erklären, rechtfertigen, begründen. Der entlarvende Gestus ist dem Fernsehjournalist eingeschrieben. Weil sein Metier das Zeigen ist, neigt er zum Deuten und Verweisen, in des Wortes doppelter Bedeutung.
Gewiss sorgt der strukturell bedingte Zwang zum Rechthaben für die Einförmigkeit der allermeisten politischen Formate. Der Politiker weicht aus, und der Fragende weicht mit, weil er die vorab gezogene Spur des Fragens nicht verlassen kann oder darf.
Volle zehn Punkte auf der Peinlichkeitsskala gebühren aber erst den Ausbrüchen aus dem Korsett vorgetäuscht kritischen Bewusstseins, den Seligpreisungen, mit denen das ZDF in vorderster Linie dem Präsidenten huldigte – einem Farbigen übrigens, einem, wie er selbst sagt, „Mischling“, keinem Schwarzen. Einmal dabei sein in der Menge, einmal jubeln und nicht kritteln, einmal ganz undeutsch Proskynese üben: davon waren die Damen und Herren, die aus Berlin und Mainz über den großen Teich durften, allesamt beseelt.
Der nach Washington verfrachtete „heute“-Moderator Steffen Seibert bekundete entwaffnend, sie seien alle „ziemlich glücklich, dass wir dabei sein dürfen. Es ist ein wunderbares Erlebnis.“ Dieses kulminierte dann in einer „großartigen Parade“, und sogar der Himmel sandte ein Zeichen, „heute kommt die Sonne raus, wie bestellt.“
Außenreporter Christian Sievers doppelte wortreich die Atmosphäre, „festlich, feierlich, aber auch fröhlich“, Außenreporterin Ina Baltes erlebte hautnah eine „schöne, fröhliche, feierliche Stimmung“, und die ebenfalls zum Volk geeilte Dennenesch Zondé fasste zusammen: „Wir hatten hier eine solche emotionale Stimmung, dass selbst mir die Gänsehaut gelaufen ist. [...] Leute habe ich gesehen, die geweint haben – große, starke Männer, die gebebt haben vor Emotionalität“.
Jedem der Beteiligten sei sein ganz privates Glücksgefühl von Herzen gegönnt; nur eben: es ist privat und maximal deplatziert im Nachrichtenprogramm gebührenfinanzierter Anstalten. „Powered by emotion“, wir erinnern uns, war einmal das Motto von Sat.1 Heute bemüht sich offenbar das ZDF, in dieser klebrigen Disziplin die Marktführerschaft zu erlangen.
Die Verwandlung des Journalismus in Gefühlsmanagement ist jedoch nicht vom Rundfunkstaatsvertrag vorgesehen. Wem das Gebührenfernsehen – für das es zweifelsohne Gründe gibt – am Herzen liegt, der muss auf eines hoffen: dass 2009 Obamas Aufstieg ende.
Da biegen sich die Gabeln | 19. Januar 2009
Das Fernsehen, nie verlegen um neue Titel, neue Tricks, hat die Berufewelt dauerhaft bereichert: um den Mentalisten. Ein Mentalist, wissen wir nun, ist ein Mensch, der im Angesicht des Löffelbiegers Uri Geller Gabeln biegen darf. Oder Zahlen erraten oder Karten herausfinden. Oder der in jene von vier Papierboxen sich stellt, die nicht vom flammenden Pfeil durchbohrt wird. All das geschah in der Zweitauflage der Show „The next Uri Geller“, die in der vergangenen Woche bei Pro Sieben bestaunt werden sollte.
Mentalisten – darauf legt Uri Geller Wert – sind nicht etwa Magier. Aber nein doch. Menschen seien es mit „besonderen Energien“, mit einer außerordentlichen Wachheit für ihre Charismen. Der Gabelbieger aus Nürnberg wurde darum, begleitet vom „Walkürenritt“, angekündigt als jemand, der „plötzlich eine Person neben sich spürte, die real, aber nicht zu sehen war.“ Sein Gabeltrick ist bereits wenige Minuten später im Internet entlarvt.
Nicht anders ergeht es dem „perfekten Gedankenleser“, der versprochen hatte: „Ich halte dir den Spiegel vor und öffne dir damit das Tor zu deinem Innenleben“. Tatsächlich erriet er dann Geburtsdaten und Sternzeichen auf rundherum irdische Weise. Der „Poker-Mentalist“ spielte sehr wahrscheinlich mit präparierten Karten, und der Papierboxenverstecker, der „Mann mit den sieben Leben“, verließ sich vor allem auf die Technik statt auf die „innere Stimme“. Er riskierte nicht, wie verhießen, sein Leben, sondern höchstens den Verdruss der Betrachter.
Arme, böse Welt! Will denn niemand mehr sich verzaubern lassen? Sind wir alle so unrettbar nüchtern geworden, dass nur anderthalb Millionen Fernsehnutzer aus der werberelevanten Zielgruppe sich die Mentalisten gönnen wollten? Wo sind sie geblieben, die Romantiker und Kinder im Herzen?
Das geringe Interesse an den rhetorisch grotesk aufgeblasenen Tricks hat einen anderen, einen guten Grund. Das Publikum ahnt, dass hier das Fernsehen an sich verhandelt wird und dessen Zwang, den Konsumenten mit Tricks an sich zu binden. Eine solche Botschaft mag man nicht im Minutentakt hören. Man will nicht immer und immer wieder hören, dass hier Menschen angeblich „den Geist anderer manipulieren“, dass Gedanken „gelenkt und manipuliert“ werden, dass ein Mentalist „Gedanken und Gefühle manipuliert“, dass ein Gaukler in der Lage sei, „Menschen, ohne dass sie es merken, so zu lenken, dass sie genau das tun, was ich will.“
Die Zauberkünstler tun dann zwar etwas ganz anderes – die eine stumpfe Aussage aber steht im Raum, dringt in die Ohren, setzt sich fest und führt zur bewussten Tat, zum Aus- oder Weiterschalten. Das Fernsehen setzt im Bemühen, das Offensichtliche zu bemänteln, genau jene Botschaft frei, die es als Ganzes entlarvt: alles nur Mache, alles nur Manipulation. Irgendwann hat es der Gutmütigste begriffen und zieht dorthin weiter, wo der derselbe Hokuspokus stattfindet, ohne dass er permanent ausgesprochen würde. Zum „Bergdoktor“ etwa oder zum „Traumhotel“.
Der Staat, der Sex und der Wahnsinn | 12. Januar 2009
Woran soll man in diesen trüben Zeiten sich noch halten, wenn ehernste Grundsätze zusammenbrechen wie Fertighäuser im Erdbebengebiet? Die scheinbar unverrückbare Losung „sex sells“ gilt nicht mehr. Mit Sinn für Timing und Tränen verkündeten in der vergangenen Woche Larry Flynt und Joe Francis: Die Pornoindustrie brauche staatliche Hilfe. Fünf Milliarden US-Dollar seien nötig, um „den sexuellen Appetit Amerikas wieder aufzufrischen.“
Ja, so kann es gehen. Gestern bangten Banker um ihre Boni, fürchteten Autobauer das Aus, dräute Immobilienfirmen der Imperfekt, und heute sind es die Könige des konfektionierten Koitus’, die nach dem Übervater schreien. In allen Branchen weist der jeweils in Milliarden zu berechnende Umsatz steil nach unten. Der Konsument spart überall, weicht aus auf Gebrauchtwagen, Mietwohnungen, Internet und stürzt so ein um die andere Industrie und also wiederum die Konsumentenschar ins finanzielle Elend. Wer will da nicht anstehen in der staatlichen Suppenküche, wer hat noch nicht?
Mister Flynt gehört das Schmuddelmagazin „Hustler“, Mister Francis präsidiert der ebenso schlüpfrigen Firma „Girls go wild“. Ebendiesen Imperativ dauerhaft aufrechtzuerhalten, sei möglich nur mit einer Geldspitze des Repräsentantenhauses. Schließlich, so Francis, gelte es auch „jede andere vom amerikanischen Volk geliebte Industrie zu unterstützen“.
Eine patriotische Pflicht soll es demnach sein, konjunkturelle Abschwünge abzufedern. Vaterlandsliebe soll man daran erkennen, dass möglichst viele, ja dass idealiter alle Branchen auf Kosten der Steuerzahler reanimiert werden. Mehr Schizophrenie war nie: Derselbe Bürger, der aufgrund veröffentlichter oder tatsächlicher Krise die Taschen fest verschlossen hält, soll diese Taschen vom Staat geplündert bekommen, damit das aus freien Stücken verweigerte Geld doch noch in der Industrie ankommt, aus Gründen dann der Staatsraison.
Ein Markt, der schwächelt, soll aufgebläht werden von seinem natürlichen Widersacher, dem Staat. Das nennt man Sozialismus – und nach dieser bekanntlich eher prüden Veranstaltung rufen die Produzenten der Perversionen.
Zu danken ist den Herren Flynt und Francis gleichwohl. Ihre Forderung imaginiert den Endpunkt des gegenwärtig so rauschhaft hinausposaunten Rufes nach dem Staat als Unternehmer. Einem Staat, der verrückt genug ist, zum Mehrheitseigner börsennotierter Banken zu werden, wäre tatsächlich zuzutrauen, dass er auch noch die bisher beihilfefreien Beischläfereien in die eigenen, die zittrigen Hände nimmt. Davon abhalten wird ihn vermutlich nur ein Verdacht: Bei weitem nicht das ganze Volk liebt seine Pornos. Deutlich bessere Chancen hätten etwa die Fast-Food-Industrie und die Reisebranche.
Rational begründen lässt sich das alles längst nicht mehr. Des Wahnsinns abgemagerte Beute werden wir noch alle. Helau und Alaaf – d’r Zoch kütt!
Vor allem Gesundheit | 5. Januar 2009
Kein Brötchen, keine Zeitung kann man in diesen Tagen kaufen, ohne dass gratis der saisonal typische Wunsch mitgeliefert würde: Gutes neues Jahr! Die Häufigkeit, mit der wildfremde Menschen einander diese Konvention erweisen, verdeckt die durchaus unkonventionelle Verzahnung dahinter. Ein neuer Jahreskreis beginnt, und wider alle Lebenserfahrung möge dieser gut verlaufen – warum aber ausgerechnet er, warum ausgerechnet das Jahr 2009?
Und wer wüsste auch zu sagen, was für den einzelnen gut wäre? Ob nicht das vom Wünschenden erhoffte Gute geradewegs das Schlechte für den Bewünschten wäre? Für diesen wäre vielleicht ein gutes ein arbeitsreiches Jahr, wohingegen jener endlich einmal faul sein möchte, monatelang?
Der scheinbar harmlose Wunsch hat auch darin seine Tücke, dass er dem Neuen das Gute zutraut. Meistens ist der Mensch froh, ungestört weiterwursteln zu dürfen. Vermutlich ist also das die erste Bedingung, damit aus dem Unbekannten wieder das Gute werden kann: Die Unlust an der Zukunft, die reflexhafte Abwehr des Neuen müssen ad acta gelegt werden.
Aus den Kalamitäten soll gesprächsweise ein präzisierender Zusatz befreien. Mit verschwörerischer Privatgelehrtenmiene einigt man sich zwischen Kellner und Kunde auf das Postskriptum „vor allem Gesundheit“ und setzt damit auf eine Konvention deren anderthalbe. Niemand mag leiden, niemand mag ernstlich erkranken, doch wäre ein medikamentenfreies wirklich schon ein gutes Jahr? Fehlt da nicht das Entscheidende? Kann nicht auch ein von Krankheiten immer wieder angehaltener Zeitenlauf zur Güte sich runden, weil in den Pausen die Seele wächst, weil erst dann man klarer blickt auf sich und andere?
Léon Bloy gibt der Floskel „Vor allem Gesundheit“ die Ordnungsnummer 125 in seiner „Auslegung der Gemeinplätze“. Scheinbar stimmt er zu: „Pflege Dein Fleisch, Du hast nichts Kostbareres, und es wächst auch nicht nach. Mach es so haltbar wie möglich und ziehe daraus nach Kräften Genuss.“ Dann beruft Bloy sich tückisch auf einen betrügerischen und darum steinreichen Kaufmann. Dieser, ein gewisser Gibier, rühmt sich seiner Kunst, noch im dichtesten Gedränge Hosenknöpfe für Münzen auszugeben, „aber dazu braucht man Gesundheit, eiserne Gesundheit, denn man muss stets auf der Hut sein und sich nie einen Ruhetag gönnen“.
Für Bloy ist der Fall klar. Die Gesundheit muss der als das allerhöchste Gut preisen, dem an Reichtum und Macht alles gelegen ist. Den freundlichen Bäckern, Kellnern und Zeitungsverkäufern wird man heute nicht derlei unmoralische Geldgier unterstellen wollen. Und doch ist der konventionelle Höchstrang dieses Gutes frappierend.
Wie sähe eine Welt wohl aus, in der nicht das, was einem selbst widerfährt, sondern das, wodurch man anderen beisteht, die Güte eines Jahres ausmachte? „Lass Dir Deine Knochen angelegen sein“, schließt Bloy reichlich desillusioniert, „vor allem Gesundheit.“