Im Rausch der Nullen | 23. Februar 2009
Willkommen in Absurdistan: Eine Billion Euro soll die neuerlich entdeckte Liquiditätslücke bei der Hypo Real Estate betragen. Der entsprechende Zeitungsbericht wurde zwar in der zurückliegenden Woche prompt dementiert, aber auf den Wahrheitsgehalt einer HRE-Aussage zu wetten, dürfte selbst einem risikofreudigen Profizocker nicht einfallen. Weitgehend unstrittig sind hingegen die 42 Milliarden US-Dollar, die im kalifornischen Landeshaushalt fehlen, und die mehr als zehn Milliarden Euro Schulden, die die fränkische Unternehmerwitwe Schäffler anhäufen ließ.
Nimmt man die in Deutschland schreiend erbetenen Hilfen zum Maßstab, dann steuerte ein Staat, der sich angesichts dieser Sirenenrufen nicht taub stellt, seinerseits in den Bankrott. Die Rückkehr der Inflation und eine weitgehende Gestaltungsunfähigkeit in den kommenden Jahren wären die Folge. Solange kein Dagobert Duck mit seinen Fantastilliarden sich erbarmt, legt jeder heute ins monetäre Grab versenkte Euro den künftigen Bürgern die Schlinge enger um die Hals. Kein Geld dieser Welt kann eine Automarke am Leben halten, dessen Autos kaum jemand kaufen will. Kein Staat darf das ihm anvertraute Geld zur Aufhübschung komatöser Firmen verwenden.
In dieser Lage spricht der Chefvolkswirt von Barclays Capital einen bemerkenswerten Satz aus: „Das staatlich kontrollierte Papiergeldsystem hat versagt, nicht das System der freien Märkte.“ Thorsten Polleit erinnert so an einen unbekannt gewordenen Sachverhalt. Jeder Geldschein, den wir in der Tasche tragen, ist ein Vertrauensvorschuss an den Staat, der diesen Schein ausgegeben hat.
Das materialiter wertlose Papier können wir nur deshalb gegen Materie eintauschen, weil ein Staat dem Käufer wie dem Verkäufer garantiert, dass die von ihm ausgegebenen Scheine hinreichend knapp verteilt sind. Schwindet dieses Vertrauen, weil der Staat für weniger Kapital einstehen kann, als in seinem Herrschaftsgebiet zirkuliert, kommt es zu Kapitalflucht, Inflation, vielleicht auch zu sozialen Unruhen.
Polleit belässt es nicht bei der Kritik. Er empfiehlt, „alles zu kaufen, was keine feste Zahl aufgedruckt hat – also Gold, Land und Immobilien.“ Diese Pointe will so rein gar nicht zur sonstigen Zahlenfixiertheit der Banker und Ökonomen passen. Und natürlich werden auch diese Anlageklassen an Märkten gehandelt, unterliegen Gold, Land und Immobilien ebenso Wertschwankungen wie Renten und Aktien.
Dennoch transzendiert der Ratschlag das überkommene Bild vom Anlegen und Wirtschaften. Polleit begibt sich in die Nähe politischer Romantik, etwa eines Adam Müller, der in seinen „Elementen der Staatskunst“ das Geld eine Idee nannte, die nur im Moment des Handelns wirklich werde. Das Geld, besonders wenn es auf der „geselligsten Sache, dem Metalle,“ beruhe, sei die Idee der bürgerlichen Gesellschaft in Erscheinung. Darum rief Müller Geld und Gesellschaft „ein Universal-Salz, welches allen, allen Besitztümern des Lebens beigefügt werden muss, und ohne welches sie alle, alle völlig unschmackhaft, ungenießbar, unbrauchbar sind.“
Jede Geldkrise ist Ausdruck einer Gesellschaftskrise. Das wusste Müller, das ahnt Polleit. Ergo zeichnen sich momentan die Konturen einer Gesellschaft neuen Typs ab. Das Papiergeld lahmt und mit ihm, zaghaft noch, das Staatsvertrauen. Künftig wird es darauf ankommen, unseren Beziehungen wieder ein rundherum persönliches Gesicht, emphatisch gesprochen: ein Antlitz zu geben – dies- und jenseits der Wirtschaft.
Kehlmann und die andre Welt | 16. Februar 2009
Kehlmann lesen heißt Siegen lernen: Wer wissen will, wie man erfolgreiche Romane schreibt, dem kann nicht unbedingt der Besuch eines Seminars für Creative writing empfohlen werden, wohl aber die Lektüre des Ruhm verstetigenden „Ruhms“ von Daniel Kehlmann. Das neue Buch suchte und fand eine derart große Leserschar, dass es raketenschnell die ihm gemäße Position in der Bestsellerliste einnahm, den ersten Platz. Was begehrt das deutsche Publikum hier so händeringend?
Das perlende Parlando beherrscht der Autor von „Die Vermessung der Welt“ auch im ungleich schmäleren „Ruhm“, diesem „Roman in neun Geschichten“. Humorig geht es obendrein zu, doch nicht zotig; man schmunzelt, ohne unter sein Niveau zu sinken. Als running gag etwa fungiert die Klage über eine weltweit schlechte Küche. Die Frau des Datentechnikers Ebling kocht „erbärmlich schlecht“. In einer ehemals sowjetischen Teilrepublik wird eine Krimi-Schriftstellerin stets „mit fettem Fleisch und Mayonnaise“ abgespeist, „mit schwartigem Schweinebraten“. Der korpulente Sachbearbeiter Mollwitz wiederum schlingt hemmungslos das Hotelfrühstück in sich hinein, „Mutter macht ja kein gutes Breakfast“.
Der nörgelnde, kulinarisch unterforderte Deutsche ist nicht die einzige Figur mit Identifikationspotential. Fast alle Personen in diesem Geschichtenkarussell, das dann doch kein Roman wurde, drängt es nach Irrealisation ihrer selbst. Sie wollen werden, wie die Botschaften der Kommunikationsgeräte, die sie umgeben: virtuell, fiktiv, nur möglich statt gewiss. Gerade die avancierten Techniken sollen einem atavistischen Ziel dienen. Der Mensch, seiner Gegenwart (und seiner selbst) überdrüssig, will, wie es Prince Leonce in Georg Büchners Lustspiel ausdrückt, „sich einmal auf den Kopf sehen.“ Und Leonce setzt hinzu: „Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen.“
Indem Datentechniker Ebling durch eine falsche Handynummervergabe in ein fremdes Leben eindringt, gelingt ihm tragisch das. Er schaut sich selbst dabei zu, wie er ein anderer wird. Mollwitz hingegen bedrängt einen Schriftsteller, damit dieser ihn zu einer Romanfigur mache. Er weiß, „wer ihn trifft, kann in einer Story auftauchen.“ Er will so „sich selbst übertragen in was andres“ und erfährt schließlich, nachdem seine Versuche nicht fruchteten: „Ich hab für immer nur mich. Immer bloß hier, auf dieser Seite, auf der andren: never. Keine andre Welt.“
Auch das übrige Personal will seinen jetzigen Status oder gar, wie die krebskranke Rosalie, die ganze Existenz überwinden durch Technik. Mit Handy oder Internet, mit Pillen, Spritzen oder der klassischen Verwandlungskunst, dem Schreiben, soll das Dasein momentweise transzendiert werden. Alles, sagen sich die Kehlmannschen Figuren, ist besser als immer nur eine Frau, die nicht kochen kann, immer ein Beruf, der langweilt, eine Krankheit, die schmerzt.
Diese Sehnsucht nach einem zweiten Dasein, nach dem Parallelleben, in dem man endlich ganz Herr seiner Umstände ist, zeitigt zwar fatale Folgen – Tod oder Kündigung oder Karriereende. Zugleich aber fühlt sich ein sehr großes Publikum dadurch an- und ausgesprochen. In der Postmoderne plötzlich und dank Technik ein ganz anderer sein, ohne Nostalgiker oder Aussteiger werden zu müssen: diese individualistische Utopie hält Kehlmanns „Ruhm“ auf Trab. Es ist die Sehnsucht nach dem Ende aller Politik. Dass sie scheitert, belegt ihre Unmöglichkeit ebenso wie ihre Unbesiegbarkeit.
Die Kanzlerin und ihr Patient | 9. Februar 2009
Ein Hosenanzug warf sich in Pose: Angela Merkel nahm sich am zurückliegenden Dienstag den Papst zur Brust. Dieser habe „noch nicht ausreichend“ klargestellt, dass es „keine Leugnung geben kann“ des Holocaust und dass bei solchen und ähnlich „grundsätzlichen Fragen des Umgangs mit dem Judentum“ eine derartige Zweideutigkeit „nicht ohne Folgen im Raum stehen bleiben“ dürfe. Sprach also die uckermärkische Pastorentocher Richtung Rom, wie weiland viele Deutsche schon vor ihr; sprach es wirkungsbewusst an jenem Dienstag, als ihr Konkurrent ums Kanzleramt, der Außenminister, bei Hillary Clinton weilte und ihr sonst die Schlagzeilen gestohlen hätte.
Sie stand damit in einer sehr langen Tradition, die spätestens 1077 in Canossa begann und im nationalprotestantischen Kaiserreich von Wilhelm Zwo nicht endete. Deutsch sein und antimontan sein, sind in der politischen Elite oft zwei Seiten des einen Sendungsbewusstseins. Den Popen zeigen, wo der deutsche Bartel den Most holt, wo der fromme Hammer wirklich hängt, wo auf einen groben Klotz noch derbere Keile gehören: Schneller lassen sich viele Milieus hierzulande nicht kurzschließen, im Groll der rheinischen Stämme wider den Empörer am Tiber.
Vor 75 Jahren schrieb Rudolf Borchardt: „Nur im deutschen Volke lebt immer heimlich und hält sich zäh in Winkeln der Einzelnen und der Gesamtheit der wütende Argwohn, durch das Christentum eigentlich gefoppt zu sein und durch Rom nur ausgebeutet und düpiert, durch die Höfe genarrt, durch Mittelalter und Kirche verhöhnt“.
Jeder bläst in jenes Horn, das dem Mund am nächsten ist. Die Kanzlerin blamierte sich durch ihr hochwohlmögendes Getöse – als hätte Benedikt XVI. nicht bereits dutzendfach die Gräuel der Shoah verurteilt, zuletzt am Mittwoch vor Merkels Solo-Show. Michel Friedman blamierte sich unterdessen durch eine auch in diesem Fall hochtourige Rede, innerhalb derer er den Papst einen Lügner und Heuchler nannte und schrill eine unverrückbare Eindeutigkeit in moribus einklagte – als lägen des Moralisten eigene unmoralische Verwicklungen schon Jahrzehnte zurück. Und kaum ein Kommentator entschlug sich des bizarren Hinweises, die „deutsche Kirche“, so ZDF-Katholik Peter Frey, müsse hier eindeutig Position beziehen – als werde von deutschen Kanzeln täglich zum Rassenhass aufgerufen, als sei jeder Katholik ein potentieller Antisemit und als habe sich die deutsche Catholica bereits von Rom gelöst.
Nur Angela Merkel aber wählte bei ihrem Versuch, der CDU eine kirchenkämpferische Note zu geben, eine fehlleistende Sprache. Der Anlass, um dem Papst den Marsch zu blasen, war bekanntlich die ebenso dumme wie unwahre Behauptung eines traditionalistischen Weihbischofs mit Namen Williamson, die Gaskammern der Nationalsozialisten habe es nicht gegeben. Williamson, von Benedikt XVI. aus der Exkommunikation befreit, berief sich zu seiner eigenen Schande auf das Lieblingsspielzeug der Revisionisten, den sogenannten „Leuchter-Report“. Wir lernen: Groteske Unbildung, gepaart mit einem Hang zu antisemitischen Klischees, bewahrte Herrn Williamson nicht davor, einer von gerade einmal vier Bischöfen der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ zu werden. Dass diese gleichwohl nicht in toto, nicht in all ihren Mitgliedern antisemitisch ist oder faschistisch, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Die Fehlleistung der Angela Merkel, die einen lebenslangen, nicht immer erfolgreichen Kampf mit der deutschen Sprache ficht, lautete: Solches Schwadronieren, solches Leugnen könne es nicht geben – ein offensichtlich unsinniger Satz. Keine Widerstände nämlich sind der Sprache eingebaut, die den Ausdruck des Dummen, Unwahren ausschlössen. Ich kann sehr wohl sagen und schreiben: Die Erde ist eine Scheibe, sie dreht sich um die Sonne, der Klapperstorch bringt die Kinder. Auch die zurecht inkriminierten Sätze des Herrn Williamson waren definitiv sagbar – und zu unser aller Beunruhigung werden sie es auch bleiben. Merkel meinte also wohl, Leugnung oder Verharmlosung dürfe es straffrei nicht geben.
Indem sie vom Nicht-Können statt vom Nicht-Dürfen sprach, verschob sie die gesamte Angelegenheit und damit, über Bande, auch das behauptete Ungenügen des Papstes vom moralischen in den naturwüchsigen Bereich. Dort haben wir es nicht mehr mit dem zu tun, was sein soll oder muss, sondern mit dem, was sein kann und was nicht sein kann, mit dem also, was ist oder eben nicht ist, mit Sein oder Nichtsein, Leben oder Tod.
Die führende Politikerin griff damit zu einer prinzipiell unpolitischen Kategorie. Sie formulierte ein Naturgesetz, keinen Appell. Wer dem Alternativlosen, dem einzig Einleuchtenden, dem einzig Gesunden sich verweigere, wie es in ihrer Sicht der Papst noch tue, der irrt nicht nur, der ist verrückt, der ist nicht ganz zurechnungsfähig.
Darin liegt die Dramatik der Merkelschen Selbstdemontage: Sie hat nicht nur, statt im Namen des Volkes, das sie vertritt, im Namen eines Affekts gesprochen; sie hat dies auch noch in biologischen, nicht politischen Kategorien getan. Ein Fall für den Arzt soll sein, wer ihr nicht folgt. Wenn die Zeichen nicht trügen, fällt soviel Verwirrung jetzt auf die Verwirrte zurück.
Der Pistengott und seine Jünger | 2. Februar 2009
Ein Wochenende ist vorbei, der Despot forderte Opfer. Diesmal traf es auch den ehemaligen Vorstandschef der längst in der Unicredito untergegangenen Münchner Hypo-Bank. Eberhard Martini, 73 Jahre alt geworden, raste sich zu Tod. Bei Lech am Arlberg kollidierte er mit einem 57-jährigen Sportkumpan, der Martinis Piste querte – mit sporttypisch „hohem Tempo“, typisch auch „von oben“ kommend. Die beiden rasenden Senioren trugen abwärts keinen Helm.
Die Rettungsärzte und die Alpenwacht geben Jahr um Jahr lautere Hilferufe von sich, stets vergeblich. Auf den Pisten sei der Wahnsinn zu Hause, die Rücksichtslosigkeit der Normalfall, wachse das Risiko stetig. Ein „Gipsbomber“ genanntes Rettungsflugzeug etwa sorgt mehrmals wöchentlich für den Heimtransport eingegipster Niederländer von Innsbruck nach Rotterdam. Zwischen Snowboardern und Schifahrern tobe ein erbarmungsloser Wettkampf.
Wie kommt es, dass ein wachsender Teil der Gesellschaft – bis hin zu aktuellen Ministerpräsidenten und einstigen Vorstandschefs – den lebensgefährlichen Geschwindigkeitsrausch als Freizeitvergnügen missversteht? Wieso kalkuliert dieser Teil den eigenen und den fremden Tod billigend mit ein? Selbst wer sich peinlichst an die Benimmregeln und die Spurenführung hält, ist bekanntlich nicht davor gefeit, dass ein Rowdy ihm jagend den Lebensnerv durchtrennt.
Im Gegensatz zum Straßenverkehr, in dem die Geschwindigkeit in der Regel ein Nebeneffekt ist des Fort- und Ankommens, ist der technisch aufgerüstete Brettersport das pure Tempo, der reine Rausch, das Vakuum als Inhalt.
Ganz offenbar produziert unsere so sehr auf Mäßigung und Ausgleich bedachte Gesellschaft einen anderweitig nicht legal zu stillenden Drang nach Entgrenzung, nach einer riskanten Auszeit vom Ich, nach einer Pause im Bewusstsein.
Wem die soften Techniken zu feminin erscheinen, wer nicht einstimmen will in den Wellness-Fetischismus, der greift zum gefährlichen Moment, wie er weiland im Krieg sich manifestieren sollte. Männer vor allem, als Opfer wie Täter, wollen zu sich finden, indem sie radikal von sich absehen, radikal verleugnen, was ihr Ich sonst ausmacht: alles Gesicherte, Konziliante, Wechselseitige. Wenn der Berg ruft, ruft nicht der Berg, sondern das Ich in seiner plötzlich hervorbrechenden zivilisatorischen Fremdheit.
Der von Nietzsche als „Einbruch des Unverständlichen“ gefeierte „gefährliche Moment“ findet heute sein Kraftfeld in Schnee und Eis. Wir müssen uns daran gewöhnen: Nicht nur Verlierer und Marginalisierte und coole Gewinner stellt unsere globale Konkurrenzwelt her. Auch Rasende bilden ihr Personal, die Wochenend’ um Wochenend’ dem Despot Geschwindigkeit sich unterwerfen. Für Momente und Minuten wollen sie leibhaft an sich ihre eigene Gefährlichkeit erfahren.
Wenn künftig sich die Archäologen des spätmodernen Bewusstseins über unsere Gegenwart beugen werden, dann werden sie Blutspuren erspähen im Schnee, rote Flecken auf weißem Grund, und sie werden daraus ganz ohne Mühe jenes Muster zeichnen, das die Heutigen zusammenhält: eine neue Verhaltenslehre der Kälte.