Peitschen-Peer, die Inquisition und die Herrenmoral | 30. März 2009

Wäre die Schweiz nicht so klein, man müsste mit dem Schlimmsten rechnen: mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen, einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, einer Sondersitzung der Vereinten Nationen. So aber quaken die „Sirupfröschli“, als welche der Schriftsteller Niklas Meienberg seine verzagten Landsleute einst charakterisierte, nur im eigenen Teich. Das Lied aber ist schrill. Es handelt vom hässlichen Deutschen.

Getroffen fühlen soll sich in erster Linie Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Seit dessen proletenhafter Rede von der deutschen „Kavallerie“, die den Schweizer „Indianern“ notfalls mit der „Peitsche“ Saures lehren müsse, vergeht kein Tag ohne Deutschen-Schelte. Auch sein im Steuerstreit ebenso barscher Vorgänger Hans Eichel (SPD) erntet in der Schweiz nur Kopfschütteln, Stirnrunzeln, Autofahrergruß – von einem sogenannten Wirtschaftswissenschaftler namens Lorenz Jarass ganz zu schweigen. Von diesem ist überliefert, er habe bei der Anhörung vergangene Woche im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages erklärt: Deutschland müsse sich gegenüber der Schweiz an die bewährten Methoden der spanischen Inquisition erinnern. Die Folterwerkzeuge müssten gezeigt werden.

Auf die Streckbank soll die Schweiz wandern, leiden soll sie unter deutschen Folterknechten, weil der Alpenstaat sich nicht ganz zum Büttel deutscher Fiskalpolitik machen will. Kein Wunder, dass die Leserbriefseiten sämtlicher Zeitungen überquellen von Zuschriften, in denen die „deutsche Herrenmoral“ rüde kritisiert wird.

Die Diskussion der „deutschen Frage“ hat solche Dimensionen angenommen, dass die „Eidgenössische Kommission gegen Rassismus“ (EKR) am zurückliegenden Freitag eine zunehmende „Fremdenfeindlichkeit gegen Deutsche“ konstatierte: „Vor dem Hintergrund der Eskalation der letzten Tage ist festzuhalten: Deutsche der heute lebenden Generationen haben ein Anrecht darauf, nicht mit dem Nazitum in Verbindung gebracht zu werden.“

Da der Printmedienmarkt in den Ballungsräumen von vier Gratiszeitungen dominiert wird, von „20 Minuten“, „News“, „.ch“ und „Blick am Abend“, wird die Debatte eher schrill denn rational geführt. Die Rubrik „Steinbrück des Tages“ sorgt für Heiterkeit, „Peitschen-Peer“ garantiert die tägliche Dosis Erregung, ein Minister gab seinen deutschen Dienstwagen zurück. Und sehr schnell ist die von der EKR gerüffelte historische Analogie bei der Hand. Kann man es den Schweizern verdenken, wenn derart offensichtlich sozialdemokratische Politiker den Eindruck erwecken, mit kleinen Nachbarstaaten wie mit dummen, dreisten, diebischen Jungs verfahren zu wollen?

Natürlich wird auch in der Schweiz erkannt, dass Steinbrück ein Minister auf Abruf ist, der im Wahlkampf nach populistischer Munition greift. Natürlich ist es ebenso offensichtlich, dass das schlechte Haushalten der Deutschen den Grund abgibt für die Suche nach einem Watschenmann jenseits der Grenzen. Darunter aber stoßen hart und unversöhnlich die Welt-, Staats- und Menschenbilder aneinander: Die herrschende deutsche Politikerelite traut im Zweifel dem Staat, also sich selbst, mehr als dem Bürger, will jenen vor diesem schützen. In der Schweiz ist es dank direkter Demokratie umgekehrt. Nicht jeder Schweizer Politik gibt in diesen Tagen eine gute Figur ab, doch Knobelbecher und Reitgerte findet man nur nördlich der Alpen.

Am Ende eines ganzseitigen Ausflugs in die „Steuerwüste“ Deutschland fand die „NZZ“ den vermutlich entscheidenden Aspekt. „Die Auffassung“, schrieb sie, „dass der Bürger in einem freiheitlichen Staat ein Recht auf Geheimnisse haben sollte, ist in Deutschland nicht gerade en vogue.“ Das geheimnislose, das öffentliche oder veröffentlichte, das ausgespähte oder überwachte Leben, an das wir uns im 21. Jahrhundert schleichend gewöhnen, reißt jede staatspolitische Klugheit mit sich in einen Abgrund aus Misstrauen.

Am 23. März muss das Tagebuch leider entfallen.

Bruder Tim | 16. März 2009

Deutschland ist eine betreute Republik: Kaum geboren, sollen die neuen Bürger weiter gereicht werden an Tagesmütter, Kita-Experten, Körpertrainer, Sprachtrainer, Krabbeltrainer. Angekommen in der Schule, wird von den Lehrern erwartet, die seltsamerweise trotz Betreuung noch bestehenden Defizite an sozialer wie emotionaler Kompetenz betreuend zu beheben. In Ausbildung oder Studium sollen abermals Pädagogen die weiter bestehenden kognitiven oder emotionalen Bruchstellen neu verkleben.

An jeder krisenhaften Weggabelung warten Betreuungsprofis als Schuldenberater, Eheberater, Berufsberater, als Sozialtherapeuten oder Fitnesstrainer der Antiaggressionscoaches. Auf des Lebens letzter Etappe markiert das betreute Wohnen den Übergang in die betreute Unselbständigkeit. Die Beerdigungsbranche wird gewiss bald schon das betreute Sterben bewerben.

Und dann kommt ein 17-jähriger Wohlstandsjungmann aus Schwaben, krallt sich die Pistole des Vaters und viele, viele hundert Schuss Munition und tötet fünfzehn Menschen und schließlich sich selbst. Und niemand weiß hinterher zu sagen, warum der sanfte, stille, sportliche Tim so viel Leid produzierte, so viel Leben zerstörte.

Was wir aber wissen: Nun, da das Fragezeichen über diesem maximal gescheiterten Leben täglich wächst, wächst auch die Schar der Betreuungsexperten, die die seelischen Wunden der Hinterbliebenen verarzten sollen. „Nach dem Amoklauf“, lesen wir, „betreuen Psychologen aus ganz Deutschland die Schüler in Winnenden.“ Am Samstag seien 17 Fachkräfte aus Nordrhein-Westfalen angereist, am Sonntag zehn weitere aus Bayern. Vom heutigen Montag an werden die Schüler, Eltern und Lehrer „mit voller Stärke von insgesamt 80 Personen betreut.“

Jede einzelne Träne, die so getrocknet werden kann, rechtfertigt das Bemühen. Die Hoffnung aber, die derart aufwendig ausgestellt wird, hat durch den sie auslösenden Anlass dramatisch an Plausibilität eingebüsst. Die Hoffnung der betreuten Gesellschaft besagt, alles sei verhandelbar, alles auf den einen oder anderen Grund zurückzuführen, jede Tat auf ihr Agens, jede Haltung auf ihre seelische Anfangstatsache. Allem also sei, habe man es einmal durchschaut, abzuhelfen. Nach diesem Amoklauf aber weiß sich niemand mehr zu helfen.

Die ewig gleichen Experten plappern ihr ewig gleiches Erklärungsmantra von gedemütigten Jungs, überforderten Eltern, gefährlichen Killerspielen. Keiner dieser Erklärungsansätze ist in sich komplett falsch, sie erklären aber in der Summe dieses Ereignis gerade nicht. Die Grenze der Lesbarkeit der Welt wurde in Winnenden sichtbar.

Diese Grenze ist zugleich die absolute Grenze des Sagbaren und des Verstehbaren. Die Tat von Winnenden bleibt ein irreduzibles Ereignis, das alles Reden darüber ins Stammeln zwingt. Nur drei Wörter verschont das Vakuum: Das Böse ist.

Zukunft, die aus der Retorte kam | 9. März 2009

Familienministerin von der Leyen will als Hebamme der Nation in die Annalen eingehen. Nicht nur der ebenso banale wie richtige Spruch, wonach Kinder unsere Zukunft sind und demzufolge von der Leyen uns schon siebenfach die Zukunft wies, bildet das weltanschauliche Zentrum ihres Ringens. Nein, ebendiese Zukunft wird strikt nationalökonomisch aufgefasst. Kinder sind die Rentenbeitragszahler, Arbeitsplatzbeschaffer und Konsumenten von morgen. Deshalb trat von der Leyen nun mit einer neuen Botschaft ins Rampenlicht: Mehr Retortenbabies wagen!

Die noch immer christdemokratische Politikerin lobte in der vergangenen Woche ihre christdemokratische Bündnisgenossin Christine Clauß. Die sächsische Sozialministerin will künftig mit 1,1 Millionen Euro jährlich künstliche Befruchtungen bezuschussen. Verheiratete Paare, die bereits drei erfolglose Versuche hinter sich haben, dürfen die Rechnung für einen vierten, nicht minder riskanten Anlauf komplett im Dresdner Ministerium einreichen. Der christdemokratische Amtskollege aus Hessen, Jürgen Banzer, findet die sächsische Initiative ebenfalls bedenkenswert.

Man muss hier nicht zum groben Analogiebesteck greifen und einer ehemals rechts beheimateten Partei unselige Traditionen zum Wohle des „Volkskörpers“ unterstellen. Gleichwohl ist die Vehemenz, mit der christdemokratische Politiker die Technisierbarkeit der Fortpflanzung zur nationalen Schicksalsfrage erklären, erstaunlich. Einerseits leistet man Lobbydienste für eine unzufriedene Industrie. Derzeit setzen die Pharmafirmen rund 150 Millionen Euro jährlich mit Fertilitätsprodukten um. Die Zahl der nur in jedem fünften bis vierten Fall erfolgreichen Behandlungen sank jedoch seit 2003 um 40 Prozent auf nunmehr zirka 60.000 pro Jahr.

Andererseits – und diese Weiterung dürfte sich als folgenschwerer erweisen – wird nun ganz offen auch die Geburtenrate als ein Problem aufgefasst, das der Staat technisch zu lösen imstande sei. Aus der „Lufthoheit über den Kinderbetten“, die der heutige sozialdemokratische Arbeitsminister Olaf Scholz einst flapsig und unernst einklagte, wurde die sehr ernste christdemokratische Aufforderung, die Hoheit über die Zeugung endlich zu erreichen. Denn ein Staat, der seinen Untertanen Kinder schenkt, wird doch wohl von diesen geliebt werden? Wird doch wohl zugleich sich selbst etwas Gutes, da Herrschaftsstabilisierendes tun?

Der Staat ist und bleibt aber der falsche Akteur auf diesem intimsten aller Lebensfelder. Er würde total, regierte er auch noch in dieses prinzipiell unpolitische Residuum hinein. Falsch, einfallslos, unreif ist zweitens die Vorstellung, jedes und somit auch dieses Problem ließe sich technisch lösen. Sehr zurecht schrieb die linksliberale Wochenzeitung „Der Freitag“: „Der Geburtenrate technisch aufzuhelfen, ist weder medizinisch noch volkswirtschaftlich eine sinnvolle Strategie, egal, ob die Mittel von den Krankenkassen oder aus Steuergeldern aufgebracht werden. [...] Dieses Land verhindert durch seine überholten Arbeits- und Lebensmodelle nicht nur, dass Menschen zu Eltern werden und Eltern Zeit haben für ihren Nachwuchs, sondern auch, dass Eltern, älter geworden, beruflich nach- und aufholen können. Eine Familienpolitik, die mit Pipette und Reagenzglas auf diese Bedürfnisse antwortet, hat das noch immer nicht verstanden.“

Schon die Urväter der „Dialektik der Aufklärung“ wussten, dass mit Technik allein sich weder soziale noch geistige Probleme lösen lassen. Technik bringt Probleme hervor, die auf abermals technische Antworten drängen und so den Herrschaftsbereich der Technik ausweiten, den Raum der Unfreiheit also vergrößern. Wenn nun die christdemokratische Troika hinter diese Allgemeingut gewordene Einsicht zurückfällt, offenbart sie ein kurioses Zugleich von Spätmoderne und Frühmoderne, von 21. und 17. Jahrhundert. Die Zeit, da sozialtechnische Utopien plausibel und aufklärend erschienen, ist vorbei. Bedauern mag man das, ändern kann man es nicht.

Die Kirche, das Konzil und die Hesselbachs | 2. März 2009

Liebling, ich habe den Glauben geschrumpft: Einem Außenstehenden kann dieser Stoßseufzer entfahren, hört er das in diesen Tagen mantragleich aus allen Radiogeräten und Fernsehschirmen und Zeitungsseiten hervorquellende Bekenntnis, es könne innerhalb der katholischen Kirche „kein Zurück“ geben hinter das Zweite Vatikanische Konzil.

Natürlich, denkt der Außenstehende sich da zunächst, kann im Jahr 2009 nicht per Zeitmaschine die Zeit vor 1962 wiederhergestellt werden. Natürlich kann niemand mit wachem Verstand sich aus der Gegenwart derart brachial verabschieden wollen, dass er die Zeit seitdem im Geiste durchstreicht. Insofern ist es die blanke Selbstverständlichkeit, die sich da mit Getöse ergießt.

Aber, ließe sich in einem zweiten Schritt fragen, ist ein Zurück zum offenbar zur Konservierung freigegebenen Zweiten Vatikanischen Konzil nicht auch ein Zurück? Ist ein Zurück in die Jahre 1962 bis 1965 statthaft, ja moralisch geboten, eines in die Jahre vor 1962 aber ruchlos? Denn, da beißt die Kirchenmaus keinen Faden ab, das Zweite Vatikanum atmet den Geist einer Epoche, die versunken ist wie die damals eine Nation erwärmende Fernsehfamilie Hesselbach und deren Polkamusik.

In der ebenso geschwätzigen wie bestens beleumundeten Konstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ etwa, im Original: „Gaudium et spes“, lesen wir erstaunliche Dinge. Diese „Welt von heute“ ist, wie sollte es auch anders sein, vorgestrig geworden. Es gibt sie nicht mehr, die Welt des in mäandernden Satzgirlanden beschworenen „Rüstungswettlaufs“, der „die Frage des Krieges mit einer ganz neuen inneren Einstellung zu prüfen“ erzwinge. Es gibt sie nicht mehr, die „heute sich vollziehenden Umwälzungen im Wirtschaftsleben“ mit ihrem „Gestaltwandel zur industriellen Gesellschaft, wo beispielsweise die Automation im Vormarsch ist“. Es gibt nicht mehr die „Fortschritte in der Produktionstechnik“ auf dem Stand von 1965, und wir sind auch nicht mehr „Zeugen der Geburt eines neuen Humanismus“.

Vorbei ist die „neue Epoche der Menschheitsgeschichte“, in der „die neueren Forschungen der Psychologie“ als Dernier cri gelten konnten, überwunden sind die „besonders schweren Nöte dieser Zeit“ von 1965 und die „vielen Probleme, die heute die Sorge aller wachrufen“, einschließlich des offenbar damals noch zu erkämpfenden Rechts auf Freizeit.

Vorbei auch ist der „Prozess einer gesunden Sozialisation und Vergesellschaftung im bürgerlichen und wirtschaftlichen Bereich“, die „der heutige Mensch“ einst vorantrieb. Keinen Zugriff mehr haben wir auf die „heute der Menschheit zur Verfügung stehenden reichen Hilfen zu einer umfassenderen Kultur des inneren Menschen“ und zur 1965 „situationsgerechten Darlegung der Lehre [...] der Kirche“. Wir können nur mühsam „jene Werte“ rekonstruieren, „die heute besonders in Geltung“ waren, als der wissenschaftliche Optimismus boomte und zugleich ein Dritter Weltkrieg eine katastrophale Option war. Und unverständlich ist uns der „geschärfte kritische Sinn“ von 1965 geworden, kraft dessen der „heutige Lauf der Dinge“ in einer „Wachstumskrise“ bestand. Eine solche Krise hätte man 2009 gerne.

Natürlich, die 20 Konzile vor dem Zweiten Vatikanum sind ebenfalls vorgestrig geworden – nur eben wird dieses Faktum niemand in Abrede stellen wollen, während die Texte von 1962 bis 1965 zunehmend als das finale und in seiner Finalität ewig taufrische Wort zur Kirche, zur Welt und zu allem dazwischen vorgeführt werden. Und natürlich, allein der Umstand, dass die Altvorderen sich damals aufmachten und auf die Welt freudig zugingen statt sich vor ihr abzuschotten, bleibt begrüßenswert und hoch verdienstvoll. Aber das letzte Wort kann es nicht sein.

Es käme heute, wie stets, darauf an, das Gesamt der Tradition schöpferisch weiterzutragen. Es käme darauf an, nicht mit dem Codewort „Kein Zurück!“ eine aschfahl gewordene Modernität lebendig zu schminken. Solchermaßen schrumpft der Glaube auf das Heute der frühen sechziger Jahre und sieht also sehr alt aus. Die Binsenweisheit gilt auch hier: Je enger eine Zeit sich an ihre Gegenwart kettet, desto schneller wird sie Vergangenheit.

Die Hesselbachs sind schwarzweiß geblieben, man hat sie nicht koloriert. Man kann sie noch immer mit Genuss sehen, als Sittenbild einer untergegangenen Epoche mit Schrankwand und Nierentisch und Häkeldecke. Geschichte ist weit und groß, sie wächst täglich, und immer trennt ein Abgrund uns von ihr. Unredlich aber wäre es, diesen Abgrund für eine Brücke zu halten und munter ins Gestern fortzuschreiten.



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