Gesine und der Sturmwind | 27. April 2009
Haben wir in den letzten Tagen die Demontage einer Hoffnungsträgerin erlebt? Hat Gesine Schwan sich selbst zerlegt? Darauf deuten die Kommentare aus den eigenen Reihen. Die SPD, in deren Namen Schwan Bundespräsident Horst Köhler ablösen soll, ist nicht begeistert vom Reden der Kandidatin. Laut Schwan könnte „in zwei bis drei Monaten [...] die Stimmung explosiv werden.“ Die Wirtschaftskrise könnte dazu führen, dass „die Wut der Menschen deutlich wachsen“ werde. Schließlich, setzte sie noch hinzu, gebe es „seit Jahren in Deutschland ein Unbehagen über die wachsende soziale Kluft.“
Straßenkämpfe, Generalstreiks, Barrikadenbau, Schwerter statt Pflugscharen: Sieht so das Zukunftsbild der womöglich ersten Frau im Staate aus? Schwan beeilte sich klarzustellen, dass sie keinem Bürgerkrieg das Wort rede. Dass sie aber so rasch zurückrudern und das Offensichtliche bekräftigen musste, dokumentiert den Ruin ihres Redens. Der Schuss hinein ins Blaue einer unkalkulierbaren Zukunft wurde prompt mit Liebensentzug bestraft. Der Vorsitzende der SPD replizierte mit der ihm eigenen Knorrigkeit – „Deutschland ist stark. Wir sind gut aufgestellt“ –, der Kanzlerkandidat der SPD mit der wiederum ihm ganz eigenen Hasenpfötigkeit: „Ich glaube, die sozialen Unruhen sollen wir nicht herbeireden.“
Das wäre also klar gestellt. Klar ist damit aber auch: Blamiert hat sich mit der düsteren Kaffeesatzleserei weniger die Kandidatin als der Kreis ihrer Förderer, die sie abermals ins Rennen um das Präsidentenamt schickten. Schwan ist die Frau geblieben, die sie immer schon war. Sie ist eine keineswegs unsympathische, bis zur Besserwisserei selbstbewusste Politologin, deren Politikverständnis agonal ausgerichtet ist. Politik ist bei ihr das Bündeln von Konflikten, die erst tüchtig angeheizt werden müssen, damit sie moderiert werden können. Das Leben nämlich (und damit auch die Politik) „braucht ein wenig Sturm, ab und an wenigstens“.
So steht es im Buch zum Wahlkampf, „Woraus wir leben“ betitelt. Die Politologin zeigt darin, weshalb man als wache Bürgerin den Mut zur Krawallschachtel haben muss. Besonders, sagt sie, schätzt sie „das Hinhören auf Opposition“. Sie bekennt sich ausdrücklich zur „Optimierung durch Kontroverse“. Das Kontroverse ist für sie das Interessante. Öffentliche Gespräche müssen einen „kontroversen Charakter“ haben. Wenn die Gesprächsteilnehmer „nicht richtig kontrovers“ eingestellt sind, dann, rät Schwan, müsse man die Kontroversen selbst entwickeln, indem man „die Gegeneinwände [zu] formulieren“ beginnt.
In Schwans Optik ist Politik ein großes öffentliches Gespräch, in dem man sich tüchtig die Meinung sagen muss: ohne Streit, ohne Krach, ohne Radau kein Fortschritt in der Erkenntnis. Darum, nur darum sind explosive Stimmungen für sie nichts Bedrohliches. Sie sind der Normalzustand auf den Podien und Foren, die für sie die Politik ausmachen. Sie übersieht dabei ganz professoral, dass es auch eine Politik jenseits der Diskurse gibt, eine Politik der Straße und des Affekts. Dort lassen sich explosive Stimmungen nicht durch den Zwischenruf eines Moderators oder den gemeinsamen Gang zum Büchertisch einhegen.
Gesine Schwan als Präsidentin wäre der größte anzunehmende Kontrapunkt zum letzten SPD-Bundespräsidenten Johannes Rau. Dessen zuweilen belächeltes Motto, „Versöhnen statt Spalten“ würde abgelöst durch ein „Schwestern, Brüder, guckt nicht so betroffen, das muss man schon aushalten.“
Deshalb ist es kein Schade, wenn Gesine Schwan scheitern wird. Der Tadel aber gebührt jenen, die eine forsche Intellektuelle auf den Schild heben, ohne sich mit ihr intellektuell auseinander gesetzt zu haben. Durch pure Kontroverse lässt sich kein Land optimieren.
Holger ist raus | 6. April 2009
Es war ein Abgang vor großem Publikum: Über fünfeinhalb Millionen Zuschauer schalteten am vergangenen Samstag ein, als der fränkische „Captain Entertainment“, der singende, zappelnde, nuschelnde, fiepsende Verwaltungsangestellte aus Güntersleben, Holger Göpfert, letztmals bei „Deutschland sucht den Superstar“ auftreten durfte. Er war mit seinen bald 28 Lenzen der älteste Endrundenteilnehmer und gewiss nicht der talentierteste. Er war ein Prototyp des Fernsehens der Zukunft.
Am Beginn der Singfestspiele unter Dieter Bohlens grinsender Leitung hatte der „Poptitan“ erklärt, worauf es 2009 ankommt: „Normalos mit tollen Stimmen haben heute keine Chance.“ Die „härteste Jury Deutschlands“, bestehend aus Bohlen und zwei pflegeleichten Nachbetern Bohlenscher Weisheiten, wolle „dieses Mal zur Stimme auch noch andere Sachen, Personality, dann auch Mut. Ihr müsst über eure eigenen Grenzen auch gehen wollen.“
Holger, der röhrend rührende Grobmotoriker, ist von Grenzen umstellt. Er hat keine Freundin, aber einen leichten Silberblick, er kann nicht schwimmen, er wiegt zu viel, jede Bewegung gerät ihm zum Zucken, Zappeln, Implodieren. Gliederpuppen werfen so die Glieder von sich. Wenn er redet, verlässt seinen Mund eine gewaltige, kaum geformte Luftmenge, die nur Freunde in Sätze und Wörter zu teilen wissen. Ruheinseln sind die epidemisch eingestreuten, kurz stockenden Laute „äähhh“ und „äh“.
Der Mann aus der Günterslebener Puppenkiste ist aber auch Alleinunterhalter. Er durchstreift die Kneipen seiner Stammlande, ein altersschwaches Keyboard im Gepäck, die Sonnenbrille auf der Nase, und singt die Lieder der „Beatles“ und von „Queen“ nach. Tatsächlich ist er dort gut aufgehoben, zwischen Zapfhahn und Stammtisch. Wenn er loslegt, wenn er „seine eigene Welt“ (Bohlen) singend verlässt, verwandelt er sich in einen lauten, schwungvollen, wenn auch nicht immer takt- und notensicheren Gutelaunebär. Die extreme Kluft zwischen Holgers linkischer Lebens- und seiner leidenschaftlichen Singweise fasziniert.
Holger ist auch autoritätsfixiert. Nach jeder TV-Darbietung fragt er prustend, wie das denn, wie er denn gewesen sei, grundsätzlich fällt er dem Moderator brabbelnd ins Wort. Auf „Dieter“ lässt er nichts kommen, seit dieser ihn beim „1. Recall“ überredete, trotz aller Ängste weiterzumachen. Holger hatte drei Nächte lang nicht geschlafen, „ich kann nimmer“ entfleuchte es ihm. Der „Poptitan“ sprach ihm Mut zu. Ein früher Ausstieg wäre katastrophal gewesen für das Format, verkörpert Holger doch idealtypisch jenen unterwürfigen, mit sich selbst umfassend überforderten, also unselbständigen Menschentyp, an dem das Fernsehen seine Lieblingsrolle als wohlmeinende Gouvernante vorführen kann.
Ein großes dickes Kind stand da Samstag um Samstag, ein unausgewachsener Mann, dem das Fernsehen seine falschen Fittiche entgegen streckte. Das Publikum konnte sowohl Mitleid mit ihm haben, als auch sich erheitern über den zappeligen Kloß am Klavier. Zyniker und Tugendbolde kamen auf ihre Kosten.
Warum aber ist er dann ausgeschieden, bekam angeblich die wenigsten Anrufe und verließ so den Wettbewerb am Samstagabend als immerhin Siebtbester? Vielleicht ist es ein inszeniertes Spiel, und Sender und „Titan“ haben umsatzträchtige Pläne mit Holger, die sich bei einer Totalblamage in den folgenden Runden nicht umsetzen ließen. Oder aber das Publikum ist Holgers schlicht überdrüssig, oder es rechnete mit dem abermals sicheren Weiterkommen und mied so den kostenpflichtigen Griff zum Telephon.
Denkbar ist auch: Ein Schauder des Entsetzens machte sich unter den fünfeinhalb Millionen Deutschen breit. Soll Personality wirklich darin bestehen, soziale und intellektuelle Randständigkeit vorzuführen? Soll Mut wirklich bedeuten, sich so lange öffentlich zum Affen zu machen, bis der Mensch ruiniert ist, leer, abgefrühstuckt, und ausgespieen wird von der Relevanzsimulationsmaschine Fernsehen? Gewiss, mit vielen seiner Sternchen verfährt das Fernsehen genau so, weniger als einen Miniruhm wird auch der Sieger des Wettbewerbs nicht ernten.
Bei Holger aber war es offensichtlich von Anfang an, dass hier ein Kneipenheld und Tresensänger sich verirrt hat in die Welt der karrieregeilen Teenager. Womöglich wurde er durch seinen Abgang vor dem Schlimmsten bewahrt, der Fahrt in den Orkus des Gelächters, das nachklänge bis nach Würzburg und Güntersleben. Oder möblieren Dieter Bohlen und RTL schon eine neue Marionettenhölle für ihn?