Revolution und Religion | 25. Mai 2009
Da sage noch jemand, von deutschem Boden könne keine Revolution ausgehen. Vergangene Woche war es wieder soweit. Im Rückblick mag man streiten, ob der Kollaps der DDR eine „friedliche Revolution“ genannt werden darf. Auch die „Märzrevolution“ von 1848, ließe sich einwenden, brachte nicht jene Früchte hervor, von denen die Revolutionäre träumten. Diesmal aber ist alles anders. Wem, wenn nicht den Deutschen soll die „Revolution für den Klimaschutz“ gelingen?
In Bremen war es, auf dem protestantischen „Kirchentag“, wo sich die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages mit dieser Forderung in die Nachrichtensendungen hineinredete. Katrin Göring-Eckhart, muss man wissen, ist Theologin, frischgewählte Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präsidentin des Dresdner „Kirchentages“ von 2011. Sie ist also erkennbar fromm und insofern eine Ausnahme in ihrer Partei, bei „Bündnis 90 / Die Grünen“. Deshalb wirkt sie womöglich bei den Grünen frömmer, als sie ist, und bei den Frommen wiederum grüner, als sie erscheinen will.
Ungeachtet dieser Perspektivenverschiebung ist das Statement bemerkenswert – nicht deshalb, weil es so unerhört neu oder unerhört mutig oder komplett falsch wäre. Gegen einen Lebensstil, der die Ressourcen schont, kann man kaum etwas einwenden. Kein anderer Appell ist mehr aus dem Herzen der bündnisgrünen Stammklientel gesprochen. Der Ort aber macht die Musik. Ein „Kirchentag“ soll demnach der geeignete Platz sein, eine Revolution auszurufen, die mit der Seele fast nichts und mit der Materie fast alles zu tun hat.
Darf man daraus folgern, der „Klimaschutz“, der offenbar nicht identisch ist mit dem „Umweltschutz“ früherer Tage, soll religionsähnliche Züge erhalten? Bekommt man einen gerechten Gott nur dann, wenn man seinen Müll trennt und Einkaufstüten mehrfach nutzt? Ist der Weg in die Hölle mit CO2-Emissionen gepflastert, jener in den Himmel aber mit Flüssiggastankstellen und Biomassekraftwerken? Oder meldet sich mit solchen Überlegungen die verschmähte Werkgerechtigkeit tückisch zurück?
Eine „Revolution für den Klimaschutz“ müsste wie jede Revolution bedeuten, dass eine kleine Gruppe die gesellschaftlichen Verhältnisse stellvertretend umkehrt. Die Unterdrückten müssten die Unterdrücker besiegen. Wen trifft dieser Vorwurf hier? Sollen die Hersteller von PVC-Folien und Sportwagen außer Landes getrieben werden? Sollen vor jedem Lebensmitteldiscounter Störtrupps aufmarschieren, grimmige Schutzapostel mit Bio-Kartoffeln in den Händen? Sollen die Flughäfen blockiert und alle Flüge verhindert werden?
Oder aber meint die Theologin eine Umkehrung am eigenen Leib nur? Dass jede Protestantin, jeder Protestant weniger atmet, weniger konsumiert, weniger reist?
Auf dem „Kirchentag“ war es im Jahre 2009, als die Kirche und der Klimaschutz eins wurden. Fortan soll man das eine nicht sagen können, ohne an das andere denken zu müssen. Von dieser Hoffnung waren offenbar die Rednerin und ihr Publikum bewogen. Darum wird es auch der „Kirchentag“ des Jahres 2009 sein, an den man zurückdenken wird müssen, um dereinst die Frage zu beantworten: Wann war das eigentlich, als sich der Glaube von der Zivilreligion verschlingen ließ?
Der Papst, die Juden und das Schweigen | 18. Mai 2009
Man stelle sich vor. Ein entfernter Verwandter kommt zu Besuch. Lange hat er sich nicht blicken lassen, der rebellische Neuerer im Kreis der Altvorderen. Im Streit ging man damals auseinander, und Streit war das Meiste, was folgte. Nicht immer wurde der Konflikt nur mit Worten ausgetragen. Ja, es ist wahr, der Jüngere hat seinen Verwandten auch Leid angetan.
Nun aber kehrt er zurück und spricht Worte, die direkt der gemeinsamen Vergangenheit entstammen. Er beschwört das Familienerbe. Kaum hat er geendet, da schüttelt die ältere Verwandtschaft zornig den Kopf. Jedem, der es hören will, erklärt sie: Nein, nein, nein, nein, nein, so werde das nie etwas mit der Wiederversöhnung. Man sei sehr enttäuscht vom Jungspund. Er hätte viel mehr Gefühl zeigen, er hätte sich noch einmal entschuldigen müssen für das Vergangene, Schande über ihn.
So könnte ein Freund der Parabel die Ereignisse verfremden, die sich auf der Pilgerfahrt Benedikts XVI. ins Heilige Land zutrugen. Der Papst sprach unter anderem in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Er begann mit einem Wort des Propheten Jesaja, er zitierte die Genesis und die Psalmen 9 und 98, und er schloss mit den ebenfalls alttestamentlichen Klageliedern, „gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht. Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn.“ Dazwischen hatte er das Gedächtnis der Opfer der Shoah beschworen; ihr Leid dürfe „nie geleugnet, herabgesetzt oder vergessen werden“.
Dann brach der Sturm los. Oberrabbiner Meir Lau erklärte den Fernsehkameras in vorwurfsvollem Ton, der Papst habe von den „getöteten“, nicht den „ermordeten“ Juden gesprochen, und er habe deren Zahl (sechs Millionen) unterschlagen. Die Rede sei eine „große Enttäuschung“ gewesen und „ohne Leidenschaft, Anteilnahme und Gefühl“.
Davon abgesehen, dass der sofortige öffentliche Tadel jedem Gebot der Höflichkeit und der Gastfreundschaft widerspricht: Dasselbe Argument bildete auch hierzulande den Cantus firmus der Papstkritik. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Graumann, war „sehr enttäuscht. [...] Der Inhalt war zwar nicht schlecht, aber es sprang kein Funke über. Die Ansprache wirkte emotionslos, kühl und sachlich. [...] Mehr Emotionalität wäre besser, wäre nötig gewesen.“
Der Generalsekretär des Zentralrats, Kramer, urteilte, die Rede habe Benedikts „Unglaubwürdigkeit“ erhöht. Der Papst hätte sich in Yad Vashem abermals von der Priesterbruderschaft St. Pius X. distanzieren müssen. Und die Präsidentin des Zentralrates, Knobloch, stellte einen dreiteiligen Forderungskatalog auf. Benedikt hätte in Yad Vashem sich von der Bruderschaft ebenso distanzieren müssen wie von deren Bischof und Geschichtsrevisionist Williamson und auch von der neu kompilierten Karfreitagsfürbitte zur „Erleuchtung“ der Juden.
Jeder darf in einem demokratischen Gemeinwesen jeden kritisieren in einem Tonfall, den er selbst für angemessen hält. Der Papst ist in dieser Hinsicht wahrlich nicht sakrosankt. Die Wortmeldungen aus dem organisierten Judentum zeigen jedoch, dass der Zentralrat weder die Neigung verspürt noch die Kompetenz besitzt für ein jüdisch-katholisches Religionsgespräch. Aus zwei Gründen ist dieses Vakuum nicht verwunderlich. Der Zentralrat ist eine politische Interessenvertretung. Für die geistliche Redeweise des Papstes fehlt ihm das Sensorium.
Zum zweiten ist der Dialog zwischen altem und neuem Bund für Christen theologisch essentiell, für Juden aber im besten Fall kulturell interessant. Jeder Christ muss die jüdischen Wurzeln seines Glaubens wach halten und jeglichem Antisemitismus entgegen treten, ist dieser doch immer auch ein Anschlag auf das eigene Bekenntnis. Jesus war Jude, und unter Juden begann seine Mission. Für Juden hingegen ist der eigene Glaube durchaus komplett, wenn sie in Jesus keinen Messias sehen. Christen erblicken darin, neutestamentlich geschult, ein Defizit.
Aus dieser Schieflage kann sich das Religionsgespräch nicht befreien. Die „Jüdische Allgemeine“ beklagt immer wieder, dass es für die ritualisierten Gespräche von jüdischer Seite nur wenig kompetente Partner gibt. Die Aufregungen um Benedikts Yad-Vashem-Rede belegen, dass der Zentralrat aufgrund seiner politischen Brille als Dialogteilnehmer ausfällt. Ein Gespräch kann nicht in Gang kommen, wenn die eine Seite am Gegenüber nur dessen tatsächliche oder vermeintliche Schattenseiten wahrnimmt. Vertrauen ist der Anfang, Misstrauen das Ende von allem.
Auf humorvolle Weise erkannt hat dieses Ungenügen der New Yorker Rabbiner Irwin Kula. Mit Blick auf Richard Williamson erklärte er: „Wo ist bei dieser zwar irritierenden, aber im Gesamtbild doch eher unbedeutenden Sache die ‚Verhältnismäßigkeit’, wo die Bereitschaft, im Zweifel nicht gleich das Schlimmste zu vermuten, die doch ein zentraler religiöser und spiritueller Imperativ sein müsste? [...] Wollen wir Juden wirklich nach dem Schrulligsten, Verkehrtesten, Beleidigendsten und Dümmsten beurteilt werden, was irgendwo in der Welt ein Rabbi über Katholiken oder Christen sagt?“
Bei der letzten Etappe übrigens auf seiner Pilgerfahrt, in der Grabeskirche zu Jerusalem, sagte Benedikt XVI.: „Das Evangelium beteuert uns, dass Gott alles neu machen kann, dass Geschichte sich nicht wiederholen muss, dass Gedächtnisse geheilt werden können, dass die Bitterkeit von Beschuldigung und Feindseligkeit überwunden werden kann“.
Die Kanzlerin, die DDR und das Merkeldeutsch | 11. Mai 2009
Jedes Volk habe die Regierung, die es verdient. So heißt es. Hat aber auch jede Zeit die Sprache, die sie verdient? Können wir an der Sprache ablesen, wie frei oder unfrei, wie demokratisch oder monarchisch, wie knechtend oder liberal eine Gegenwart ist? Für die meisten Epochen lässt sich der Beweis antreten, und für das beginnende 21. Jahrhundert verheißt er nichts Gutes. Denn das Deutsch der Kanzlerin ist das schlechteste Deutsch, das ein bundesrepublikanischer Kanzler je sprach.
Heerscharen von Kabarettisten sind Merkel dankbar für ihre Lieblingsfloskel „ich sage aber auch“. Ein Kontrast wird da inszeniert, ein Gegensatz vorgegaukelt, der nur an der Oberfläche besteht. Sowohl vor als auch nach der Scharnierfloskel ergeht sich die Kanzlerin in Platituden, die eine persönliche Färbung gerade vermissen lassen. Das Einerseits-Andererseits ist ihr Metier, die Synthese, die immer schon geleistet ist, ohne dass die Positionen trennscharf erfasst worden wären.
Bei der Sicherheitskonferenz in München sagte sie einmal: Deutschland verdanke den USA viel, „ich sage aber auch, dass die deutsch-amerikanische Partnerschaft zu lange allein mit Dankbarkeit begründet wurde.“ Ende Januar verteidigte sie das Konjunkturpaket II und den Plan einer Schuldenbremse, „ich sage aber auch: Das ist dringend erforderlich und nur verantwortbar, wenn damit Tilgungsregelungen verbunden sind.“ Den Opelanern in Rüsselsheim rief sie Ende März zu, man brauche General Motors, „ich sage aber auch selbstbewusst: General Motors braucht auch Opel.“
Ist das nicht eine pure Selbstverständlichkeit? Machen nicht immer mindestens zwei Partner eine Beziehung aus? Sollten nicht alle Schulden irgendwann einmal getilgt sein? Hat jemand wirklich behauptet, das Verhältnis von Deutschland und USA habe eine ausreichende Basis, wenn es allein auf Dankbarkeit beruhe?
Die Merkelsche Meisterschaft im fortgeschrittenen Floskeltum zeitigt geradezu sinnwidrige Folgen, wenn sie auf historischem Feld agiert. Bei ihrer Videobotschaft Anfang Mai wäre es schon plump genug gewesen, hätte sie nur der Neigung nachgegeben, Verben brachial zu substantivieren. Im Rückblick auf die gefälschten Kommunalwahlen in der DDR vom Mai 1989 urteilte sie historisch korrekt, aber stilistisch ungenügend: „Das Bekanntwerden und Sich-Herumsprechen des Wahlbetruges gab der Bürgerrechtsbewegung massiven Auftrieb.“
Wie soll einem PISA-gebeutelten Schüler vermittelt werden, er müsse seinen schriftlichen wie mündlichen Ausdruck verbessern, wenn die erste Frau im Staate derart schlampig formuliert? Wenn Verben – abgesehen von „tun“ und „machen“ – zu Auslaufmodellen erklärt und primär mit Substantiven und Hilfsverben gearbeitet wird? Die falsche Moral kann doch nur lauten: Hauptsache, man versteht dich irgendwie. Dass Arbeit am Ausdruck immer Arbeit am Gedanken ist und wir deshalb in oft so gedankenlosen Zeiten leben, will der Kanzlerin nicht einleuchten.
Schlimmer aber ist die historisch wie stilistisch falsche Rede von der „ehemaligen DDR“. Die „ehemalige DDR“ ist nichts anderes als der östliche Teil der heutigen Bundesrepublik. Solange die DDR noch existierte, kann sie nicht ehemalig gewesen sein. Deshalb ist es dreifach falsch, wenn Merkel im Video räsoniert: In Berlin-Hohenschönhausen „war in der ehemaligen DDR die Untersuchungshaftanstalt des Staatssicherheitsdienstes.“ Die Kommunalwahlen bedeuteten den ersten großen Erfolg der Bürgerrechtler „in der ehemaligen DDR“, ja seien geradezu „der Anfang vom Ende der ehemaligen DDR“ gewesen.
Zwischen Dadaismus und hermetischer Lyrik schwanken diese Aussagen. Wie soll etwas Ehemaliges untergehen, etwas Totes also sterben? Wie sollen Bürgerrechtler gegen einen Staat protestieren, der zum Zeitpunkt des Protestes bereits nicht mehr bestand? Und gab es tatsächlich in der „ehemaligen DDR“, also doch wohl in der Bundesrepublik Deutschland, einen „Staatssicherheitsdienst“?
Absurd sind diese Fragen, weil die Merkelschen Formulierungen absurd sind. Vermutlich werden Sätze so geformt, wenn man zur Sprache ein rein technisches Verhältnis hat. Das offensichtlich Widersinnige möge der Zuhörer abziehen, um zum Kern des Gemeinten vorzudringen: Mit dieser Anmutung treten die Sätze in eine Öffentlichkeit, der man jenes Sprachgefühl nicht mehr zutraut, das nötig ist, um die Fehler zu erkennen und stillschweigend zu beheben.
Dass Merkel unter den führenden deutschen Politikern kein Einzelfall ist, macht die Sache nicht besser. Laut dem Werbetexter Reinhard Siemes bestehen 50 Prozent der heutigen Politikerreden aus „verbaler Spachtelmasse.“
Ich sage aber auch: Das ist erst der Anfang. Erst wenn der letzte Sinn zusammengestaucht worden ist auf SMS-Länge, werden die Abwracker der Sprache Ruhe geben.
Brüllende Männer | 4. Mai 2009
Wehe, wenn sie los gelassen. Dann plärren und kläffen sie, schlagen Radau und werfen sich mit wehenden Haaren und zerfurchten Zügen mächtig in Pose. Dann ist jeder Satz ein Trommelwirbel, poltern die Vokale, zischen die Konsonanten, da bleibt kein Auge trocken. Einmal im Jahr wollen Politiker den Volkstribun geben, wollen sie sich ganz zurückverwandeln in jene Bierhallenhelden, die auch ein Kapitel sind in der Geschichte moderner Parteienbildung. Nichts aber ist heute nostalgischer.
Die Rede ist – natürlich – vom ersten Mai, und sollten diese Zeilen so gelesen werden, wie die Feiertagsdompteure gebellt haben, gäbe es zur Großschrift keine Alternative. „VOR UNS LIEGT EINE VERDAMMT HARTE, VERDAMMT SCHWERE ZEIT“, verkündete Frank-Walter Steinmeier in Ludwigshafen. „MANAGERN, DIE SCHEIßE BAUEN, GESETZE BRECHEN UND ANSCHLIEßEND MIT ABFINDUNGEN NACH HAUSE GEHEN“, drohte Frank Bsirske in Mannheim. „GIERIGE MÄNNER HABEN UNSERE EINE WELT AN DEN RAND DER KATASTROPHE GEFÜHRT“, rief Michael Sommer in Bremen.
Ein Spruch aus versunkenen Gutmenschenzeiten behauptet, wer schreit, habe Unrecht. Zumindest hat, wer schreit, kein Gefühl für Satzbau und für Manieren und auch kein Gefühl für die unrettbar aporetische Situation, in die er sich schreiend begibt. Menschlich verständlich ist es, wenn die „Arbeiterführer“ am „Tag der Arbeit“ lautstarke Lebenszeichen geben. An diesem, an ihrem Tag wollen sie zeigen, dass sie Arbeiter geblieben sind. Sie übersehen, dass Bellen und Geifern anno 2009 nicht unbedingt zur Kernkompetenz der Arbeiter zählt – und diesen, nebenbei bemerkt, ein eher rüpelhaftes Zeugnis ausstellt.
DGB-Chef Sommer wetterte gegen „gegelte Boni-Jäger mit Jachten und eigenen Inseln“, Verdi-Chef Bsirske gegen die rhetorisch notorische „Villa mit Park und Seezugang“. Sommer ereiferte sich über „willfährige Publizisten“, die das falsche Lied des Neoliberalismus gesungen hätten, Bsirke über den „Herrn Westerwelle“, der „so doof wie dreist“ die Erbschaftssteuer kritisiert habe. Sommer verdammt den „Siegeszug des Brutalkapitalismus“, Bsirske das „systematische Bereicherungsprogramm für Kapitalbesitzer“ durch die Steuerpolitik der letzten Jahre.
Grundfalsch ist das alles nicht, aber es ist weit mehr Ritual denn Substanz. Wenn Sommer von der „bösen Saat“ spricht, die nun katastrophal aufgegangen sei und zu deren Eindämmung eine „Vermögensanleihe der Reichen und Superreichen“ nötig sei, dann verbindet er Verschwörungstheorien mit Sozialismus. Durch einen enormen Eingriff des Staates in die Freiheits- und Eigentumsrechte seiner Bürger soll das hier metaphysisch überhöhte „Böse“ verschwinden. Grotesker können Diagnose und vermeintliche Therapie nicht aneinander stoßen.
Wenn Bsirske im Namen der „Interessen der lebendigen Arbeit“ zu reden vorgibt, unterstellt er, „die“ Arbeit als solche könne Interessen haben, so sie „lebendig“ sei. Gibt es auch unlebendige, also tote Arbeit? Wie hat man sich das vorzustellen? Und können nicht nur Menschen Interessen haben, weil und sofern sie eine ganz bestimmte Arbeit ausführen? Die Arbeit hat überhaupt kein Interesse – außer vielleicht jener, dass sie erledigt wird. Und hierfür braucht es keinen Lautsprecher.
Ohne das Ritual der brüllenden Männer würde am ersten Mai etwas fehlen. Wie jedes verschwundene Ritual hinterließe auch ein Absenken der Dezibelzahl eine Lücke. Jedes Jahr aber fällt es den Protagonisten schwerer, ihr Ritual mit Inhalt zu füllen. Sie brüllen gegen den eigenen Relevanzverlust an. Sie spüren, dass es die eine industrielle Arbeit, als deren Anwälte sie auftreten, längst nicht mehr gibt. Sie ahnen, dass gerade in Krisenzeiten das Diffamieren der Gegenseite nicht unbedingt vertrauensbildend wirkt. Wären die Herren etwas leiser, würde sogleich offenbar: Fassade ist ihr Reden, Kulissengeschrei vor Publikum.