Die Piusbrüder, die Weihen und der Skandal | 29. Juni 2009

Das letzte Juni-Wochenende bedeutet für die Feuerwehr von Zaitzkofen Großeinsatz. Jahr um Jahr, seit 1981 schon, werden dann Wege markiert, Posten verteilt und Autos, Autos, Autos auf die Parkplätze dirigiert. Anno 2009 ist der Andrang rekordverdächtig hoch. Je nach Schätzung suchten zwischen 1500 und 2000 Menschen den Weg in das Dorf bei Regensburg. Sie wollten dabei sein, wenn das „Priesterseminar Herz Jesu“ wieder einmal seine Neupriester weiht.

Auch rund fünfzig Journalisten hatten die Objektive und die Mikrofone weit geöffnet, als der spanische Weihbischof Alfonso de Galerreta drei jungen Männern aus Schweden, Polen und der Schweiz die Hände auflegte und sie so zum Priester beförderte. Gültig war der Akt, aber kirchenrechtlich illegal. De Galerreta ist einer der vier Weihbischöfe der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ Er war vom daraufhin exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre 1988 geweiht worden.

Bis zuletzt war es unklar, ob auch 2009 die Weihen von Zaitzkofen stattfinden würden. Anders als in den Vorjahren hatten die deutschen Bischöfe in deutlichen Worten auf die Illegitimität der Weihen hingewiesen. Besonders der Ortsbischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, fühlte sich düpiert. Kirchenschädlich und nicht katholisch sei eine solche rebellische Handlung.

In der Tat hob Papst Benedikt XVI. Mitte Januar die Exkommunikation der vier lefebvrianischen Weihbischöfe zwar auf, erklärte jedoch wenig später in einem Brief: Die Bruderschaft habe bis zum Abschluss der theologischen Gespräche „keinen kanonischen Status in der Kirche, und solange üben ihre Amtsträger, auch wenn sie von der Kirchenstrafe frei sind, keine Ämter rechtmäßig in der Kirche aus.“

Wer auf dem großen Rasen zwischen dem „Schloss“, in dem das Seminar untergebracht ist, und dem lauschigen Park samt Teich eine besonders kämpferische oder besonders gedrückte Stimmung erwartete, sieht sich getäuscht. Aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz sind Gläubige herbei geströmt. Ein frommes Volksfest findet hier statt – mit in der Regel kinderreichen Familien, mit überdurchschnittlich vielen jungen Männern und mit Frauen, die Hosen prinzipiell verschmähen. Röcke tragen sie alle, ob Backfisch oder Seniorin. Die Haare sind geflochten oder kurz geschnitten, manchmal bedeckt ein Tuch die ganze Pracht – so kennt man es sonst nur von Frauen, die den Papst in Privataudienz besuchen. Selbst Angela Merkel fügte sich schon dem Brauch.

Zu Beginn der Weihen, fast pünktlich um 9 Uhr, sind die Holzbänke überfüllt. Alle Blicke sind auf das Weihezelt gerichtet mit den drei Altären. Die Hauptpersonen, die beiden künftigen Diakone und die drei künftigen Priester, ziehen an der Spitze eines gewaltigen Zuges ein. Eine unsichtbare Orgel erklingt aus den Lautsprechern.

Fahnen folgen auf Fahnen, die „Katholische Jugendbewegung Augsburg“ auf die „KJB Schönenberg“, die ihren Patron anfleht, „Heiliger Michael, bitte für uns.“ Wenige Meter später wird die „Heilige Philomena“ angerufen, die „Marianische Jugendkongregation Altötting“ hingegen wendet sich an die Gottesmutter. Aus der Schweiz ergeht die Bitte an den „Heiligen Bruder Klaus, beschütze unser Vaterland.“ Der eidgenössischen Delegation folgen sieben „Marienritter vom kostbaren Blut“, ihr Motto lautet „Jungfrau Mutter Gottes mein, lass mich ganz dein eigen sein.“

Messdiener gibt es zwölf an der Zahl, Buben ausnahmslos. Etwa 20 Seminaristen und über 50 Priester schließen sich an. Zuletzt betreten die ranghöchsten Kleriker die Weihebühne, neben Weihbischof Alfonso der oberste Piusbruder, der 51-jährige Generalobere Bernard Fellay aus der Schweiz. Gut zehn Minuten sind vergangen. Fast viereinhalb Stunden sollen noch folgen an diesem minütlich heißeren Samstagmorgen.

Vor dem eigentlichen Ritus verliest der Leiter des Seminars, der Schweizer Stefan Frey, eine kurze Erklärung. Rom habe „den baldigen Beginn der lehrmäßigen Gespräche mit der Priesterbruderschaft über das Zweite Vatikanische Konzil nicht an die Bedingung geknüpft, dass wir fortan auf die Spendung von Sakramenten verzichten“ Die „Gewissenspflicht“ gebiete es, die Priesterausbildung gerade in einer Zeit fortzusetzen, die durch eine „Krise des Glaubens in der Kirche und eine Krise des Priestertums“ gekennzeichnet sei, „es gibt eine Notsituation, die nicht zuletzt durch Kräfte innerhalb der Kirche verursacht wurde und die den Glauben und das ewige Heil vieler Seelen in Gefahr bringt.“

Nach der Erklärung regiert fast nur mehr das Latein. Der Kampf für die überlieferte, die vorkonziliare Messe ist das Herzstück der traditionalistischen Bruderschaft. Alle Gebete und fast alle Gesänge, die eine fünfköpfige Schola anstimmt, werden auf Latein vorgetragen, auch die viertelstündige Allerheiligenlitanei: „Ab ira et odio et omni mala voluntate, libera nos domine“, „von Zorn, Hass und jeglichem bösen Willen erlöse uns, Herr.“

Die Predigt dauert über eine Stunde. Weihbischof Alfonso hält sie auf Französisch, ehe Regens Frey sie ins Deutsche übersetzt. De Galerreta hat eine hohe, nicht eben laute, nicht eben variantenreiche Stimme. Im Gleichmaß der Laute warnt er vor einem „falschen Humanismus“, ruft die Priester dazu auf, „die Messe zu leben“ und die „unaufgebbaren Schätze der Tradition zu bewahren“ und nennt die Bruderschaft ein „schwaches Werkzeug in Gottes Hand“.

Elf Uhr und sehr warm ist es geworden, als er den beiden Diakonen, einem Tschechen und einem Belgier, die Hand auflegt und die goldenen Gewänder, die Dalmatiken, überreicht. Eine halbe Stunde später sind die Neupriester an der Reihe. Im Publikum öffnen sich die ersten Sonnenschirme. Die drei Männer werden auf „himmlische Weisheit, bewährte Sitten und anhaltende Übung der Gerechtigkeit“ verpflichtet. Sie würden nun ein Leben lang „opfern, segnen, vorstehen, predigen und taufen.“ Das eindrücklichste Bild liefert den Kameras das folgende Defilee: Jeder der rund 50 Priester legt jedem der neuen Kollegen die Hand auf und reiht sich danach, die rechte Hand zum Segnen erhoben, in einen stetig wachsenden Pulk ein.

Halb eins ist es geworden, als die Fahnen mit den Gebetssprüchen für Michael, Maria, Klaus und Philomena vor der Bühne wieder aufmarschieren. Sie verneigen sich in jenem Moment, als der Bischof die Hostie erhebt. Auch sein Gewand ist golden, den Rücken, der wie in jeder tridentinischen Messe prominent zu sehen ist, ziert eine Maria im himmelsblauen Gewand. Stärker noch als nach Weihrauch riecht es nach Bärlauch und Gras. Der gesamte Schlosspark ist ein Paradies für Bärlauchfreunde.

Die anschließende Kommunion der Gläubigen wird ausschließlich in den Mund gespendet. Diszipliniert steht man an für einen Platz auf den Kommunionbänken, um rechtzeitig zu knien. Auch von den zahlreichen Kindern ist kein Quengeln oder Nörgeln zu hören. Überhaupt ist das Knien die hauptsächliche Körperhaltung. Der Großteil der Gebete wird kniend verrichtet. Routinierte Besucher erkennt man daran, dass sie Plastikfolien oder Kissen mitgebracht haben, die sie als kniegelenkschonende Unterlage vor sich ausbreiten.

Um halb zwei beginnt der Auszug, die Fahnen führen ihn an. Kaum sind die Neupriester verschwunden, kehren sie wieder zurück. Die Menge wartet schon, ist begierig auf den Einzelsegen. Fast jeder der aberhundert Gläubigen will sich persönlich segnen lassen. Fast abermals eine Stunde dauert das Procedere.

In der Zwischenzeit erklärt sich ein aufgeräumter, scherzender Generaloberer der Presse. Laut Fellay sieht sich die Bruderschaft nicht als Problem; „wir sind vielmehr ein Problemanzeiger, etwa so wie ein Fieberthermometer.“ Er sei „sehr positiv“ gestimmt über den Ausgang der Gespräche mit dem Vatikan. Die Lage sei „sehr komplex“, aber „ich erwarte gute Zeiten“ – spricht er und lächelt noch einmal.

Draußen nähert sich das Thermometer den dreißig Grad. Eine Blaskapelle spielt, es riecht nach Bratwürsten und immer noch nach Bärlauch. Der Weihrauch aber hat sich verzogen.

 

Die letzte Schwelle und das Regiment des Misstrauens | 22. Juni 2009

Am besten, man wird gar nicht geboren. In den ersten Jahren braucht man eine Komplettbetreuung, ist man erwachsen, treiben einen die Umstände mal hierhin, mal dorthin und selten ans Ziel, wird man älter, schwinden die Kräfte, die man doch gerade erst erwarb, und geht es dann ans Sterben, ist man umstellt von Maschinen und von herzlosen Menschen, die einen sanften Tod verhindern: So muss man sich das Bild vom Leben und vom Menschen vorstellen, wie es uns heute entgegentritt.

Leben war schon immer lebensgefährlich; heute aber scheint es fast nur noch aus Situationen zu bestehen, die eine Zumutung sind und die nach Abhilfe schreien, nach Betreuung, Beratung, Optimierung. Das Misstrauen ist universal.

Nichts hätte dieses traurige Bild besser belegen können als die Bundestagsdebatte am vergangenen Donnerstag zur Patientenverfügung. Wie auch immer sich die Parlamentarier positionierten, ob sie für diesen oder jenen Vorschlag warben – sehr leicht, ja zu leicht ging ihnen das Wort von den Lippen von der Apparatemedizin, die den Menschen zum hilflosen Objekt erniedrige; das Wort von der Intensivmedizin, die mit allen Tricks das Sterben hinauszögere; das Wort auch von der Zwangsversorgung.

Wir müssen uns demnach die Krankenhäuser als Orte vorstellen, an denen sich technikversessene Ärzte an hilflosen Patienten austoben. Auch dieses – ebenfalls verzerrte – Bild stimmt traurig.

Die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte jener Entwurf, der das Misstrauen auf die Spitze treibt und den Tod am leichtesten zuteilt. Der Vorschlag des rechtspolitischen Sprechers der SPD, Joachim Stünker, wurde Gesetz. Künftig soll eine Patientenverfügung immer gelten – egal, wie alt sie ist, egal, auf welche Krankheitsphase sie sich bezieht, egal, ob man sich von einem Arzt, einem Zechkumpan oder niemandem hat beraten lassen.

Wer etwa an Demenz leidet und deshalb vor dreißig Jahren einmal erklärt hat, bei Demenz wolle er keine künstliche Flüssigkeitszufuhr, der ist künftig vor dem Verdursten nicht sicher. Schließlich, so hieß es immer wieder, sei Rechtssicherheit das höchste Gut.

Wir durchleben aber ein Leben, in dem fast täglich Recht und Wirklichkeit kollidieren. Wir sollen auf die grüne Ampel warten und laufen los bei rot; wir haben einen Kaufvertrag abgeschlossen, und die Ware wird nicht geliefert. Und ausgerechnet am Krankenbett soll die Maxime gelten, je mehr Gesetz, desto mehr Klarheit? Je mehr Papier, desto mehr Selbstbestimmung? Das wird nicht funktionieren.

Statt dessen wird es häufig heißen: Wir sehen uns vor Gericht. Die Gerichte werden entscheiden müssen, ob der niedergelegte oder der vermutete Wille der Situation entspricht. Wer ganz ohne Patientenverfügung auf der Intensivstation landet, muss damit rechnen, dass andere über sein Sterben entscheiden.

Mit wachsender Verbreitung wird vermutlich auch der Druck zunehmen, eine möglichst weitreichende Verfügung abzufassen. Sie wird ein Mittel sein, explodierende Kosten zu minimieren, den Sterbeprozess frühzeitig einzuleiten, ehe der Etat überzogen wird.

Wer sein Sterben so ernst nimmt wie sein Leben, der sollte am besten gar keine Patientenverfügung abschließen. Nur eine Vorsorgevollmacht bietet die Gewähr, dass an der letzten Schwelle Menschen über Menschen entscheiden und nicht Zettel oder Gerichte. Die Vorsorgevollmacht traut einem anderen Menschen zu, an seiner Statt zu sprechen. Sie ist ein Akt des Vertrauens, nicht des Misstrauens.

In seiner Enzyklika „Spe Salvi“ schreibt Benedikt XVI.: „Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen [...] kann, [...] ist eine grausame und inhumane Gesellschaft.“ Das Leiden aber wird da angenommen, wo es Trost hervorruft, und nicht da, wo es Gesetze gebiert.

 

Karstadt, die Scham und eine öffentliche Hand | 8. Juni 2009

Der Mann weiß, was er will. Seit Karl-Gerhard Eick den Chefsessel des durch seine Vorgänger zugrunde gerichteten „Handelsriesen“ Arcandor/Karstadt übernommen hat, übt er sich in einer nur in Kontinentaleuropa vorgesehenen Disziplin: dem öffentlichen Hilferuf. Nur die hiesige Schuldkultur erlaubt es, sein Gesicht zerknirscht zu Markte zu tragen, es zu wahren, indem man Schuld eingesteht, für diese aber keine Verantwortung übernimmt.

Die Schamkultur hingegen, wie sie jüngst in Südkorea das Leben eines ehemaligen Staatspräsidenten forderte, besteht aus dem Verschweigen dessen, wofür man sich schämt. Jede Schuld hat in dieser Perspektive Gründe, aber keinen direkten Verursacher. Scham hingegen braucht das Opfer einer Person.

Der Refrain der Hilferufe des Herrn Eick ist gleichfalls bemerkenswert. Die „öffentliche Hand“ möge helfen. Sie möge eine Bürgschaft von 650 Millionen Euro bereitstellen. Leicht kommt die Metapher über die Lippen. Gemeint ist natürlich, wie es „Verdi“-Chef Bsirske rasch präzisierte, „der Staat“. Aus dem Bundeshaushalt sollen die Mittel stammen, die das Überleben eines bestimmten privatwirtschaftlichen Unternehmens verlängern sollen, das Verscheiden verschieben. Welches Staats- und Gesellschaftsbild bemäntelt die Rede von der „öffentlichen Hand“?

Vermutlich meint die Hand pars pro toto deren beide. Mit rechter und mit linker Hand soll Geld ausgeschüttet werden. Hände brauchen, damit sie dergleichen tun können, Arme, die zu einem Rumpf führen, der in einen Kopf übergeht, in dem sich ein Gehirn befindet. Praktisch wären auch Beine, damit die Hände mal hierhin, mal dorthin gelangen können, wo man ihrer bedarf. Hände sind immer nur Teil eines Körpers, den sie nicht steuern.

Wem also gehört der leitende Rest des Körpers? Wer denkt die Gedanken, die die Hände zum Handeln veranlassen? In der romantischen Staatsphilosophie, zuweilen bei Novalis, Schlegel, Müller, ist der ganze Staat ein Makroanthropos, ein „großes Ich“, ein „gesellschaftlicher Körper“. Die Gesellschaft wird vom Staat her gedacht, das Individuum von der Gemeinschaft, die Freiheit von der Ordnung her. Eine egalitäre Demokratie wäre mit einem solchen Staatsbild nicht zu vereinbaren. Der Monarch ist der Kopf, die Stände gelten als Glieder. Erst innerhalb solcher Korporationen ist der einzelne bei sich.

Wer heute den Staat als Körper denkt und sich selbst diesem gegenüber positioniert, als Bittsteller und Gabenempfänger, der hat den Wandel zur repräsentativen Demokratie verschlafen; der will Untertan sein und untertänigst erhalten, was ihm gerade ermangelt. Die Bsirskes, Eicks, Münteferings und Seehofers, die schamlos nach dem Staat rufen, vergessen: Den Staat als absoluten Souverän gibt es nicht mehr.

Ein Staat, der solche Hilferufe erhörte, striche seine eigene Geschichte durch. Er wäre das denkbar größte Misstrauensvotum an die Freiheitsfähigkeit der Bürger, die ihn dereinst ins Leben riefen.

 

Im Rausch des Glücks | 2. Juni 2009

Wir müssen uns Deutschland als ein glückliches Land vorstellen. Soviel Glücksberatung war nie. Innerhalb von zwei Tagen erschienen nun: Ein Fernsehmagazin mit dem Titelthema „Die neue Glücks-Formel“, ein Nachrichtenmagazin mit dem Titelthema „Was Glück ist“, ein Konkurrenzprodukt mit dem Titelthema „Glück, selbst gemacht“. Und von Platz Eins der Sachbuchbestsellerliste lächelt glückstrunken der Laienkabarettist Eckart von Hirschhausen mit der Gute-Laune-Fibel „Glück kommt selten allein.“ Das 21. Jahrhundert, so scheint es, hat sich einer neuheidnischen Glücksreligion verschrieben.

Als Griesgram gilt und Misanthrop, wer im Angesicht des Glücks von seinem Menschenrecht auf Zweifel Gebrauch macht. Was gibt es an der Sehnsucht nach einem glücklichen Leben zu bekritteln? Dachte nicht schon Plato einen „Staat von Glücklichen“? Schrieb der Aufklärer John Locke nicht, allen Menschen seien „das Begehren nach Glück und der Abscheu vor Unglück“ angeboren? Will nicht auch der Glückskritiker selbst lieber glücklich als unglücklich seine Tage verbringen?

Ja, das will er. Dennoch macht soviel Glücksreklame stutzig. Von welcher Art ist das Glück, das öffentlich feilgeboten wird? Im Wochenmagazin „Focus“ lautet die Unterzeile zum Titel „Hammer, Harke, Kochlöffel – Die Deutschen entdecken den Spaß, ihr Leben in die Hand zu nehmen.“ Im Innenteil folgen Geschichten über „Die Ladys und das Laminat“ und Tipps zum richtigen Gemüseanbau, „Hacken, säen und genießen.“ Das „Focus“-Glück besteht demnach ganz im spaßigen Handhaben von Werkzeugen zur Verschönerung des häuslichen Umfelds. Es ist das Glück der Nähe, das Glück der kleinen Menge und des kleinen Raums, das Glück als Handarbeit, das Glück als Technik.

Der „Spiegel“ hingegen verspricht „Eine Kulturgeschichte des schönsten Gefühls der Welt.“ Ein Gefühl, das sich nach getaner Arbeit einstellt, eine innere Belohnung ist das Glück auch hier, doch wurde, historisch sehr zu Recht, aus dem kleinen Raum die ganze Welt. Auf den technischen Zugriff aber mag auch der mittlerweile als „Glücksexperte“ firmierende Auflagen- und Einkommensmillionär von Hirschhausen nicht verzichten. Dem „Spiegel“ vertraut er an, Glück sei eine „Übungssache“ und ergo „eher im aktiven Handeln als am Strand zu erleben.“ Individualistisch und primär im Anstrengen zu haben ist das von Hirschhausensche Glück.

In der Fernsehzeitschrift schließlich, „Gong“ mit Namen, ist Glück weitgehend mit „Hochstimmung“ und „Besser drauf“-Sein identisch. Vier „Tricks“, also Techniken, werden hierfür empfohlen: mehr Schlaf, mehr Bewegung, mehr Denken, mehr Serotonin. „Glück kann man futtern“, heißt es; „ist genügend Serotonin im Körper vorhanden, fühlen wir uns ruhig und ausgeglichen.“ Ein Körperglück und ein Gefühl ist das Glück also wiederum. Es endet wenige Millimeter vor der eigenen Nase, dem eigenen Bauch, den eigenen Zehenspitzen.

Ergo hat die Glücksinflation, die wir zurzeit erleben, rein gar nichts zu tun mit dem guten Leben, das klassischerweise unter einem glücklichen Leben verstanden wird. Keine beatitudo wird hier angestrebt, keine „Vollendung in Hinsicht auf die Tugend“, keine vollendete Freude im Herzen dank der „Vereinigung aller Güter“ – so die Formulierung des Boëthius. Das spätmoderne Glück ist eine Fünf-Minuten-Terrine für die Mittagspause, ein Instantgefühl mit Soforteffekt, ein Peeling fürs Ego.

Diese reduktionistische Glücksdoktrin aber ist eine zweischneidige Sache und zudem ein politisch’ Ding. Nach seinem eigenen Glück streben und es im Körper vermuten – „Operation Glück“ betitelte eine Teeny-Zeitschrift die Ausgabe zum Boom der Schönheitsoperationen –, kann und darf keinem verwehrt werden. Alle aber sind betroffen, wenn aus den Körpertechniken fürs Einzelwesen eine Gruppenmoral zu werden droht.

Dann nämlich ist der Unglückliche nicht nur der Spielverderber und Störenfried, sondern der Gesellschaftsfeind. Unglück wird zum Makel, wenn Glück das Resultat sein soll einer Leistung. Man wird dann kein Pech mehr haben, wird nicht mehr traurig, sondern faul gewesen sein. Man hätte eben rechtzeitig Vorsorge treffen müssen gegen seine Trauer, hätte mehr Nüsse knabbern müssen, mehr sich bewegen, mehr schlafen, mehr von Hirschhausen lesen müssen.

Der Unglückliche wäre der Versager schlechthin. Darüber geriete in Vergessenheit: Glück ist nicht die Regel, Glück wird trotz aller Anstrengung die Ausnahme bleiben, die verzweifelte Glücksanstrengung kann Unglück züchten.
Wenn das Glück die höchste Norm ist, braucht zudem jede sinistre Absicht sich nur ein Glückskleid überzuziehen, um allgemein anerkannt zu werden.

Glücklich, aber fremdbestimmt lebt man in Aldous Huxleys böser Utopie, glücklich, aber unfrei sind die letzten Menschen, die Nietzsche imaginierte, im Sonnenstaat des Tommaso Campanella wird das Glück durch Gleichheit verordnet, aber die Todesstrafe winkt Frauen, die sich schminken. Noch in den Glückspillen unserer Tage schwingt dies dunkle Erbe mit.

Die Wahrheit gepachtet hat hier einmal Hermann Burger, der sein Leben leider sehr unglücklich zu Ende brachte: „Nirgendwo steht verbrieft, der Mensch habe ein Anrecht auf ein Quäntchen Glück.“ Wer das Gegenteil behauptet, treibt dem Unglück neue Knechte zu.



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