Die SPD und die christliche Wissenschaft | 31. August 2009

Der gestrige Wahlabend bot die bekannten Bizarrerien. Eine kleine Landsmannschaft im äußersten Südwesten der Republik verabschiedete sich aus dieser und folgte lieber Oskars Flötentönen, ein thüringischer Ministerpräsident betrauerte seine Niederlage derart gläsern, dass man jenen, die ihn nicht wählten, durchaus auch die Sorge um des Patienten Althaus Gesamtbefinden unterstellen kann, und für Sachsen interessierte man sich kaum, weil CDU und SPD ihr altes Ergebnis zu konservieren wussten und „Die Linke“ ein wenig zusammengestaucht wurde. Wann immer aber ein Herr mit roter Krawatte in die Kamera lugte und lachend sich zur SPD bekannte, lautete die fabulöse Botschaft: Wir sind wieder da.

Einen „Rückenwind“ für sich will Kanzlerkandidat Steinmeier erkannt haben und einen Dämpfer nur für die anderen: „Schwarz-gelb ist nicht gewollt in diesem Lande.“ Das sei ein guter Tag für die Sozialdemokratie. Generalsekretär Heil legte nach, „keine der Forderungen, die die Menschen mit Schwarz-Gelb verbinden, ist in diesem Land mehrheitsfähig.“ Parteivorsitzender Müntefering erblickt in den Resultaten einen „Riesen-Fortschritt“, und die nordrheinwestfälische Landesvorsitzende Kraft kommentierte das historisch schlechteste Ergebnis ihrer Partei bei den Kommunalwahlen mit den Worten: „Ich bin zufrieden.“

Tatsächlich hat die SPD in Sachsen mit Mühe und Not die Zehn-Prozent-Marke erklommen, erreichte sie im Saarland mit 24,5 Prozent ebenso ein historisches Tief wie mit den nordrhein-westfälischen 29,4 Prozent. Lediglich in Thüringen legte sie deutlich um vier Punkte auf nun 18,5 Prozent zu. In der Summe beträgt der Rückstand der „alten Tante“ auf die gleichfalls gebeutelte christdemokratische Konkurrenz zwischen zehn und 30 Prozentpunkte.

Der Rückenwind, der Riesen-Forschritt, die neue Zufriedenheit kann sich also nur auf den Umstand beziehen: Es gibt uns noch. Immer mal wieder macht der Wähler auch bei uns ein Kreuz. Die Wahlkampfkostenerstattung ist nicht gefährdet, die Rubrik „Andere“ bleibt anderen Parteien vorbehalten, man hält uns die Mikrofone früh entgegen.

Die Sozialdemokratie hält sich ihre fortgesetzte Existenz zugute. Das ist nicht nichts – das „Zentrum“ etwa und die „Christiane Democrazia Cristiana“ sind von der politischen Bildfläche verschwunden. Anno 2009 aber ist derlei Lob ein reichlich anspruchsloses Geschäft. Erklären lässt es sich nur damit, dass die SPD seit ihrer Gründung sich als die einzig wahre Volkspartei begreift und aus Gründen der Selbstachtung daran auch dann festhalten muss, wenn das Volk in weiten Teilen ihr den Rücken zuwendet.

Dort aber, wo das Volk ist und also nicht die SPD, erscheint die Selbstbeschwörung zunehmend als eine Übung im Gesundbeten. Bekanntlich hielt die Gründerin der „Christlichen Wissenschaft“, Mary Baker Eddy, das fortwährende Gebet für den besten Schlüssel zur seelischen wie körperlichen Gesundung. Noch heute bietet die „Kirche Christi, Wissenschafter“ zu diesem Zweck sowohl „Praktiker“ an als auch „Pfleger“.

Was religiös funktionieren mag oder nicht, ist politisch ein Zeichen autosuggestiver Wahrnehmung. Wird das Volk je zurückfinden zu einer Partei, die ganz offensichtlich große Schwierigkeiten damit hat, die Welt so wahrzunehmen, wie sie nun einmal ist? Ruft man gerne nach dem Doktor, der einen Arzt bräuchte?

 

Deutschland auf Safari | 24. August 2009 

Er konnte es nicht lassen: Kandidat Frank-Walter Steinmeier sprach im „Interview der Woche“, gestern erst, im „Deutschlandfunk“: Die CSU sei „als bayerischer Löwe gesprungen und als Bettvorleger gelandet“ – gemeint war der wenig folgenreiche bayrische Widerstand gegen das EU-Begleitgesetz zum Reformvertrag von Lissabon.

Die Staatsfinanzen wären saniert, müsste jeder Politiker, der das Zotteltier und den Teppich in einem Satz verwendet, hundert Euro zahlen. Millionenbeiträge kämen rapide zusammen, denn niemand kann dem Griff in die rhetorische Mottenkiste widerstehen. Mit einem süffisanten Lächeln, mit hochgezogener Braue, mit effektvoller Pause danach, Beifall heischendem Blick in die Runde wird der Uraltwitz präsentiert. Und, tatsächlich, er funktioniert: Gerne wird das schlohweiß gewordene Bonmot von der Presse zum „Zitat des Tages“ oder zur Zwischenüberschrift veredelt. Trifft Langeweile auf Einfallslosigkeit, geht das selten gut – wohl aber hier, im unbesiegbaren Safarislang.

Besonders oft ist die CSU Objekt des Instantwitzes. Das landestypische Wappentier mit Mähne trägt dazu bei. „Michael Glos wird als Bettvorleger landen“, kicherte Guido Westerwelle im September 2006 aus längst vergessenem Anlass. Besagter Glos jedoch durfte sich über derlei Spottversuch nicht wundern. Er selbst hatte anno 1998, kurz vor Gerhard Schröders Kanzlerschaft, den damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen mit derselben Floskelformel traktiert: Schröder sei „kein Löwe von der Leine, sondern der Bettvorleger von Oskar Lafontaine“.

Weniger Tage vor Steinmeier ennuierte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, das Publikum mit der Variante, „der Seehofer“ sei „als bayerischer Löwe abgesprungen und als europäischer Bettvorleger gelandet.“ In einer anderen Causa am selben Objekt erprobte die bayerische SPD in Gestalt Florian Pronolds ihre Witzischkeit: Schon als Gesundheitsminister habe Seehofer gebrüllt wie ein Löwe, „und dann ist er gelandet als Bettvorleger der Pharmaindustrie.“

Auch unter den ehemaligen Partnern der rot-grünen Koalition lebt das erlahmte Steppentier fort. Jürgen Trittin wusste onkelhaft von Peer Steinbrück zu berichten, dieser „startete als Löwe und endete als Bettvorleger.“ In nicht mehr zu rekonstruierbarer Weise sollte damit eine Aussage zum Steuerstreit mit der Schweiz vorgetäuscht werden.

In Deutschland böte kein Zoo Platz für das unabsehbare Löwenheer. Der Bettvorleger wäre als Begriff längst verschwunden, würde er nicht täglich im Politikermund reanimiert. Beide zusammen sollen sie einen Hauch von Verwegenheit ins Sprachspiel bringen, eine Ahnung von Großwild, Pirsch und heißem, heißem Sand. Die Aktentasche soll sie zum Gewehr, die Büroklammer zum Schießpulver wandeln. Schließlich ist der Bettvorleger der gewesene, der erlegte Löwe, und schadenfroh triumphieren will der schmunzelnde Leichenbeschauer von der politischen Konkurrenz, herabblickend auf soviel zertrümmerten Scheinmut.

Verweilt man bei dem verblassten Bild, dann fällt es zurück auf den, der es wieder und wieder zeichnet. Es ist Platzhalter für eine Leerstelle. Wo jeder Gedanke fehlt, der über ein bloßes „Geschieht ihm ganz recht“ hinausginge, da sollen Löwe und Bettvorleger die inszenierte Schadenfreude in eine humorvolle Großtat umgießen. Den Gegner hat es zerlegt, ich kann mir an ihm nur noch die Füße abstreifen: Diese imperialistische Geste bildet den Grund von soviel Nachplapperei.

Natürlich wird das Bild ebenso schnell versendet, wie es Tag um Tag aus tieferen Bewusstseinsschichten hervorgeholt wird. Dass es aber ein unverzichtbarer Teil des Politikjargons geblieben ist, belegt einmal mehr: Dort und nur dort hat die falsche Pose des Eisenhans ihre Stätte. Politisch geht es zu, wenn echte Kerle einander zur Strecke bringen. Das Publikum ist andernorts.

 

Horst Schlämmer, der Bundeshase und ein fröhliches Verdämmern | 17. August 2009

Der hässliche Deutsche hat wieder Konjunktur. Diesmal ist es kein Zerrbild, aufgebaut und ausgebreitet von dritter, durchaus interessierter Seite. Nein, diesmal kommt der hässliche Deutsche aus der Mitte des Volkes, ja fühlt dieses sich bei ihm aufgehoben, will es vielleicht von ihm sich gar vertreten lassen. Der hässliche Deutsche riecht streng nach Schnaps, er nuschelt, er schwitzt, er versprüht den Charme von Dosenbier und Herrentoilette. Horst Schlämmer ist sein Name.

Wie in früheren Zeiten auch ist der hässliche Deutsche ein Kunstprodukt, ein Resultat raffinierter Propaganda. Der Schauspieler Hans Peter Kerkeling spielt den fiktiven stellvertretenden Chefredakteur des erfundenen „Grevenbroicher Tagblatts“, und in dieser Rolle füllt Kerkeling die größte Zeit eines Kinofilmes, welcher die Kandidatur Schlämmers zum Bundeskanzler zum Inhalt hat: ein Klamauk, was sonst.

Der propagandistische Trick jedoch, der vertrackt und dekuvrierend sich auswirkt, besteht darin, dass die Rollenfigur Schlämmer momentan die einzige öffentliche Erscheinungsform Kerkelings ist. Als Schlämmer, nicht als Kerkeling war er zu Gast bei „Wetten, dass?“ und bei „Wer wird Millionär?“, als Schlämmer und also als fiktiver Kanzlerkandidat der virtuellen „Horst-Schlämmer-Partei“ (HSP) bestritt er eine realiter krachvolle Pressekonferenz, bei der er vor einer guten Hundertschaft Journalisten sein „politisches“ Programm zum Besten gab.

Ein Nachrichtensender übertrug komplett und schenkte dem Marketingtrick damit dreimal so viel Aufmerksamkeit wie der Grundsatzrede des echten Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Dieser wiederum tat im Anschluss das Falscheste überhaupt: Er wollte witzig sein, indem er einen Witz des Filmschauspielers retournierte – Grevenbroich könne schon aus logistischen Gründen nicht Bundeshauptstadt werden. Tatsächlich gab Steinmeier so zu verstehen, dass auch er kapituliert hat vor der Verschmelzung von Realität und Simulation im Namen des Klamauks.

Längst sind die ehedem journalistischen TV-Formate zu Unterhaltungssendungen abgewrackt worden, welchen Frauennamen auch immer sie tragen. Schlämmer, die auf Kinogröße aufgeblasene Fernsehfigur, eine RTL-Geburt aus der Show „Hape trifft“, vollendet den Sieg des Boulevards.

Jene 18 Prozent der Deutschen, die ihn angeblich zum Nachfolger Angela Merkels wählten, wenn man sie denn ließe, geben humorlos preis, wie gering sie von sich und wie geringer noch sie vom Realitätsprinzip denken. Sie wollen heraus gebeamt werden aus sich selbst, aus der Zivilisation, aus den Sitten, aus den Kausalitäten, die das Leben ausmachen. Der hässliche als der oberste Deutsche wäre ein unüberbietbares Signal: Lohnt sich alles nicht, ist alles nicht ernst zu nehmen, alles sinnlos hier.

Manche Medien spielen mit, wollen spaßig sein, nennen den real inexistenten Schlämmer „Grevenbroichs bekanntesten Sohn“ oder zitieren ihn schlicht als Schlämmer, ohne auf den Rollencharakter hinzuweisen. Auf diesem Weg ist der übel riechende Schwadroneur tatsächlich real geworden. Man reagiert auf ihn wie auf einen Menschen, nicht auf eine Filmfigur.

Natürlich: Von einer gewissen Abstraktionshöhe aus kann man sich rein darüber amüsieren, kann man die 18 Prozent für souveräne Ironiker halten, Hans Peter Kerkeling für einen gnadenlos begabten Selbstvermarkter, die Fernsehsender für geschickte Quotenmechaniker.

Darunter aber liegt das wabernd wachsende Unbehagen am Projekt der Zivilisation, das prinzipielle Ungenügen sämtlicher funktionalen Weltbezüge. Der Bundeshase von Horst-Hans-Peter lädt ein ins fröhliche Verdämmern, und lachend hoppeln wir hinterher.

 

Vom Wandern | 10. August 2009 

Unten feierte das Dorf sein Winzerfest, oben machte die Sonne die Vögel verrückt, und dazwischen, der Erde näher als dem wolkenlosen Horizont, bergaufwärts unter dem Tannendach, setzte ich einen Fuß vor den nächsten. Ein Samstag war es, da ich wanderte und also von mir absah. Wandern heißt, sich Zeichen anvertrauen, die andere setzten.

Das können jene Holzschilder sein, die der Pfälzerwaldverein errichtet hat, oder das örtliche Fremdenverkehrsamt. Ein Reh, ein Salamander, ein Hase in der Raute weist den jeweiligen Weg. Manchmal sind es auch nur Ziffern, die Drei auf blauem, die Vier auf gelbem Grund, oder aber Miniaturausgaben von Straßenschildern, die wissen, wohin der Mensch zu laufen hat: zur Annakapelle, zum Teufelsstein, zum Trifelsblick.

Am Beginn des Wanderns, das schrittweise von der lärmenden Festgemeinde emanzipiert und also Freiheit herstellt, steht der vertrauensvolle Entschluss, sich einer Route und damit einer Markierung anzuvertrauen. Während des Wanderns muss man vertrauen, dass die markierenden Männer nicht vor der Zeit die Lust verloren und dass kein übermütiger Geselle die Schilder vertauschte, versteckte, sie stahl.

An jeder Weggabelung reckt der Wanderer den Blick steil aufwärts, in alle Richtungen. Nicht immer findet sich der Hinweis, mal ist er überwuchert, mal fehlt er ganz, weil die Markierenden den Fortgang genau hier oder exakt dort stillschweigend voraussetzten. Dann heißt es der Witterung vertrauen, die man noch eben, im Tale, gar nicht hatte. Meist folgt die glückliche Erkenntnis: Ja, so ist es richtig gewesen.

Die Tannen weichen den Laubbäumen und diese den Tannen. Von der hochsommerlichen Hitze bleibt ein heller Widerschein von sehr weit oben her. Die Sonnenbrille, unverzichtbar in den Gassen, macht hier blind. Kühl ist es und wäre kühler noch, pumpte das überraschte Herz nicht so energisch Blut in die Körperpfade. Der Atem meldet sich zu Wort, gibt geheime Kunde den Bäumen und Felsen. Keine Silbe verlässt den Leib, im Gleichmaß reden die Glieder, die Muskeln. Das Auge ruht sich aus am Grün.

Oben dann, auf der Anhöhe, die Kapelle im Rücken, darf es wieder die ganze Palette aufsaugen, das Blau und das Weiß und das Rot und die hellen Strahlen hineinlassen in einen froh ermatteten Leib. In der Tiefe liegt das Dorf, das jetzt nur der schüchterne Appendix ist unbegrenzter Himmelsfläche. Laut sind sie, die Menschlein, man hört sie spielen und musizieren, doch nur als sanfter Schall dringen sie empor.

Alles Behauptende, Anmaßende, das sonst in groben Gebärden sich ballt, bleibt dem talwärts Blickenden verborgen. Der kleinste Vogel kann das Echo übertönen, und Vögel gibt es mehr hier als Menschen.

Nun wird der erfahrene Wanderer mäkeln. Wandern auf der Vereine Route sei bloß ein Spazierengehen, und überhaupt beginne das rechte Wandern nach der fünften oder sechsten Wanderstunde, allerfrühestens. Auch das Mäkeln aber dringt nicht hoch bis hierher.

Ich weiß, bald schon sitze ich dort unten, spüre Pflasterstein statt Nadelteppich und werde wieder kantiger mich bewegen, ruckweise reden. Doch an einem kurzen Sommersamstag war ich Teil der Wanderseelen, die – nach einem Worte Béla Balázs’ – die Räder sind, „auf denen die Welt, die auch noch lange nicht fertig ist, weiterkommt.“

 

Der Kandidat, der Buddhist und die politische Archäologie | 3. August 2009

Die fünfte Jahreszeit hat begonnen, die närrischste von allen, der Wahlkampf. Sehr nass war der Sommer bisher, da soll wenigstens auf den Zielgeraden karibisches Flair herrschen. Zuständig hierfür erklärt hat sich der künftighin gewesene Kanzlerkandidat, Steinmeier mit Namen. Er versprach denen, die ihn wählen werden, eine Vertreibung der Arbeitslosigkeit aus Deutschland bis zum Jahr 2020. Hohn und Spott waren die Folge.

Für mindestens einen Tag also gab es erhitzte Gemüter hier, schwitzende Genossen da. „Die Arbeit von morgen“ nennt das Team Steinmeier die 67-seitige Fleißarbeit. Exakt vier Millionen neue Arbeitsplätze sollen in den nächsten exakt elf Jahren entstehen, und zwar exakt zwei Millionen davon in der produzierenden Industrie.

Exakt eine Million soll der Gesundheitssektor beisteuern und exakt eine weitere Million die „Kreativwirtschaft“ einschließlich der Logistik. Ganz ohne Frage: Die nicht zu Unrecht im Ruf mangelnder Zahlentreue stehenden Sozialdemokraten wollen ein Klischee vom Sockel stoßen.

Dumm nur, dass sie damit in jene, nunmehr selbstgestellte Falle tappen, die ihnen sonst der politische Gegner aufbaut. Die Berechnung ist purer Talmi, da niemand um sämtliche Parameter weiß, die bis 2020 zu Abbau oder Zunahme der Beschäftigung beitragen werden.

Vielleicht gibt es dramatische Einbrüche in dem einen, die jeglichen Zuwachs in dem anderen Bereich zunichte machen. Vielleicht drohen Ölkrise, Terror, Entvölkerung, vielleicht sind die Mittel prinzipiell untauglich – vor allem aber: Wie soll aus einer 20- eine 40-Prozent-Partei werden, die allein ein Minimum an Macht hätte, um den „Deutschland-Plan“ umzusetzen?

Die trotzige Fixiertheit auf Zahlen, die man nicht durchschaut, die Weigerung, deren prekären Charakter einzusehen, aber auch das Beharren auf dem illusionären Ziel Vollbeschäftigung zeigen leider: die SPD betreibt Klientelismus ohne Klientel.

Es käme heute darauf an, einen neuen Begriff von Arbeit politisch zu verankern – einen Arbeitsbegriff, der sich nicht im Erwerben erschöpft, der auch den Tausch, das gemeinnützige, das zweckfreie musische und das karitative Tun miteinbezieht. An die alten, obsolet gewordenen Ziele klammert sich nur, wer eine gleichfalls vergangene Klientel vor Augen hat, den Arbeiter am Fließband, den Angestellten in Lebensdauerstellung.

In dieser Hinsicht gleicht die SPD einem anderen Phänomen dieser Tage, dem Glückskeks-Philosophen mit dem lächelnden Kassengestell. Der Dalai Lama kam wieder einmal über Deutschland, woraus erhellt, dass der Reinkarnierte mit der Vertretung seiner tibetischen Landsleute nicht ausgelastet ist – oder aber trotz anderweitiger Beteuerungen gerne missionierend auf Reisen geht.

Diesmal hinterließ er ein Defizit von 150.000 Euro; die rund 10.000 Besucher an jedem der vier Frankfurter Predigttage in der Commerzbank-Arena deckten die Unkosten nicht. In Marburg wurde es billiger, wo er im Landgrafenschloss aus gewiss ehrenwerten Gründen vom Fachbereich Fremdsprachliche Philologien die Ehrendoktorwürde verliehen bekam.

Auch der Dalai Lama geriert sich als Sendbote aus einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat und die nie war. Man verschließe einfach die Augen, plaudere höflich, aber unbestimmt, und gebe der vorgestellten Zielgruppe, was diese zu hören wünscht: Nach solcher Methode verfahren der Kandidat und der Buddhist. Zweifelnde, Zögernde, Denkende können sie so nicht gewinnen.

Darum sind die Schauspiele von Berlin, Frankfurt, Marburg von Tragik umweht. Der Tanz auf dem Vulkan schreitet voran, und ihrer beider gemeinsame Antwort ist das blinzelnde Beharren auf der Welt von gestern: Ein Fall für Archäologen.



Tagebuch



Feed abonnieren