Halloween und die doppelte Buchhaltung | 26. Oktober 2009 

Die Verwirrung ist Normalfall geworden. Bald wird es niemandem mehr auffallen, dass der Kalender des Marktes einmal der Konkurrent gewesen ist einer ganz anderen Zählweise. Kulturelle Tiefenschichten aktualisierten einst das Vergangene als das zyklisch Widerkehrende. Heute ist Wundern fehl am Platz: Adventszeit ist Lebkuchenzeit und also September, Reformationstag ist Halloween, und Allerheiligen wird als „Tag des Gedenkens“ beworben.

Weil, ökonomisch gedacht, der Markt natürlich Recht hat, es also Konsumenten gibt, die im September Heißhunger verspüren auf Dominosteine und Elisenlebkuchen, quillen im Spätsommer die Gänge in den Einkaufsmärkten über von ehemals vorweihnachtlichem Naschwerk. Kommt das Ereignis, gerüchteweise gegen Ende Dezember, ist der kalorische Hunger längst gestillt, der ehemalige Anlass nur mehr lästig. Man ist der Weihnachtstage überdrüssig, noch ehe sie begonnen haben – ganz davon zu schweigen, dass Lebkuchen einmal ohne Schokolade hergestellt wurden, weil sie eine Fastenspeise waren in der das Christfest vorbereitenden Fast- und Bußzeit.

Ähnlich machtvoll verdrängte Halloween den Reformationstag. Nur hartgesottene oder hauptberufliche Protestanten fühlen sich bemüßigt, auf den Kern ihres Gedenkens am 31. Oktober hinzuweisen: dass da anno 1517 exakt 95 weltbewegende Thesen von dem Augustinermönch Luther öffentlich gemacht wurden.

Kinder hingegen ziehen mit dem neuheidnischen Spruch „Süßes oder Saures“ von Haustür zu Haustüre, wollen Geschenke erzwingen, drohen Sachbeschädigung an. Ein schlichtes Erschnorren ungesunder Gaben ist Halloween, huldvoll unterstützt von der Gummimasken-, der Schmink- und auch der Toilettenpapierindustrie. Auf dem stillen Örtchen kann man es dank bedufteter Abreißware nach Kürbis riechen lassen.

Allerheiligen schließlich, der 1. November, brach zusammen unter dem Ansturm der Blumenhändler. „Tag des Gedenkens“ steht nun vor jeder halbwegs gut sortierten Floralfiliale. Große, teure Gestecke soll man rechtzeitig erwerben, um damit die Friedhofsmitbesucher zu beeindrucken. Das Hochfest hingegen, dem selbst die Werbung noch die Treue hält, es nicht zum „Memory day“ umettiketiert hat, bezeichnet etwas ganz Anderes.

Nicht getrauert werden soll um die gestorbenen Angehörigen, sondern Freude herrschen ob der Vielzahl der Heiligen. Weiß ist die liturgische Farbe. Erst tags darauf, an Allerseelen, kommen Schwarz oder Violett und damit die Trauer zu ihrem Recht. Allerseelen, nicht Allerheiligen kam als Totengedenktag in die Welt. Dann aber sind die Gräber wieder unbesucht, das Interesse der Floristen gilt bereits anderen Umsatzbringern.

So hat der Kalender gemeinschaftlichen Gedenkens abgedankt. An seine Stelle trat die Buchhaltung der Kaufleute. Sie macht zu Salden, was Tradition war, zur individuellen Kosten-Nutzen-Kalkulation, wo kollektives Herkunftsbewusstsein aufschien.

Wer heute darauf beharrte, Halloween sei töricht, Allerheiligen ein Freudentag, und der Advent beginne im Dezember, der verabschiedet sich aus den Bedingungen der Gegenwart. Ihn belohnen aber womöglich die Freuden des Nonkonformismus. Das Vergangene wird Avantgarde.

 

Auf der Messe - Von Menschen und Monstern | 19. Oktober 2009

Wäre man Kafka, man könnte es lakonisch formulieren: „Auf der Buchmesse gewesen. Geweint.“ Im Gegensatz zu den Tränen der Rührung, mit denen Kafka einen Kinobesuch bezahlt haben soll, ist das Frankfurter Augenwasser ein sehr schillerndes Gemisch. Nun, zurückgekehrt, weiß ich partout nicht, was mir da für einen sehr kurzen Moment den Blick verschattete. Rührung etwa auch? Oder Mitleid? Oder Wut? Am Ende gar Erleichterung?

Die Frankfurter Buchmesse ist – man kann das nicht oft genug, nicht sachlich genug wiederholen – eine Messe. Zum Warenverkauf wurde sie ersonnen, Umsatz ist ihr Ziel. Insofern wohnt ihr ein pornographisches Moment inne.

Die Köpfe der Erfolgsautoren hängen allesamt in etwa zwei Meter fünfzig Höhe über jenen Büchern, die Erfolge sind oder werden sollen. Wie Fahndungsfotos wirken die fast ausnahmslos in Schwarz-weiß gehaltenen Fotos zunächst. Tritt man den Ständen näher, verwandeln sie sich in Trophäen, erlegtem Großwild gleich, das von des Hausherrn Jagdglück kündet. Hier war der jeweilige Verlag ganz munter auf der Pirsch.

Drittens dann scheinen die Porträts schlicht Werbung zu sein auf Litfasssäulen der besonderen Art. Käufliche Dienste schreien sie aus, Nimm-mich-mit! ist ihre Botschaft. Lust und Laune verheißen lächelnde Köpfe.

Im Laufhaus der Stars reüssiert, wer prunken kann mit erprobter  Prominenz. Das Gütesiegel auf dem Roman liefert die dem Roman ganz fremde Welt der Oberfläche und des Unsinns. Wenn Herr Schätzing sich durch sein neues Weltall-Epos hindurch kölscht oder der wehende Schal des unlustigen Mediziners von Hirschhausen zum Nasalpalaver lädt, sind Sitzplätze rar. Erfolg zeitigt Erfolg, Geld macht begehrt.

Dagegen ist wenig einzuwenden, und doch machte es mich schlucken, als ich sah, wer wenige Meter entfernt seinem Handwerk nachging. Eine Frau las, sekundiert vom Verleger, beäugt von exakt fünf fluktuierenden Unentwegten, aus einem wissenschaftlichen Sachbuch über die „Irrfahrt von sieben kanadischen Frauen im Dritten Reich.“ Hundertschaften bejohlten unweit den Schwadroneur. Irgendetwas stimmt da nicht, irgendetwas am Buch und am Geist, den es transportiert, ging entzwei. Rührend war das zarte Gespräch der beiden Einzelkämpfer.

Mitleid fast empfing den Flaneur an einem der trotzigen Bezahlverlage. Wer für in der Regel sehr viel Geld seinem Text eine ISBN-Nummer und eine Seitenleimung kauft, erwirbt sich das Recht zur Lesung. Sehr routiniert wird die Kundschaft hinters Pult geführt, um von dort 25 Minuten vorzutragen.

Die Geschichten handeln von den Enkelkindern, den Haustieren, dem Sinn der Welt oder all dem gemeinsam. Der Verlag schießt Fotos zwecks Dokumentation, die Hostessen verteilen schmale Blätter ans winzige Publikum, damit es wisse, welche A. oder B. oder C. sich hier einen Traum erfüllt. So sieht es die Autorin vermutlich auch. Ist Mitleid also angebracht?

Gut fühlte sich der Zorn an beim Queren der Hallen, die minütlich neue Prominenz ausspuckten. Wer im Zeitalter rasend wuchernder Illiterarität viele Bücher verkaufen will, darf nicht auf deren Lektüre angewiesen sein. Er muss jenen emotionalen Nährwert liefern, der entsteht, wenn der Kauf den Käufer ans Image des Gekauften bindet, den Konsum also seiner selbst im Medium des Buches ermöglicht. Kurze Sätze, wenig Sätze, kleine Themen, sehr viel Ich und wenig Welt erleichtern diese Rückkopplung. Jeder Gedanke ist ein Umweg und damit eine Störung.

Ach nein, dachte ich dann, Zorn verdient vielleicht der Markt doch nicht, der geistlos ist, wie jeder Markt es eben sein muss, weg mit den steigenden Wassern.

Die stöckelnden Frauen und durchparfümierten Männer, die schiefen Chinesen und die wirschen Frankfurter sausten vorbei wie Kulissen auf der Drehbühne. Endlich, am Ende, eine Gestalt aus Plüsch, vielleicht entlaufen aus der Kinderbuchabteilung. Ein zahmes Monster war’s, grünes Fell mit lila Zacken, halb Kalb und halb Bär, und ich dachte bei mir, erleichtert dann doch: Endlich ein Mensch.

 

Kanzlerin im Schützengraben | 12. Oktober 2009

Seien wir gerecht: Vermutlich wurde die „Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Tages der Deutschen Einheit“ nicht von Angela Merkel geschrieben. Vermutlich muss auch das Bundeskanzleramt sparen und kann sich keinen Redenschreiber aus der ersten Reihe leisten. Andererseits dürfte die Bundeskanzlerin vorab gewusst haben, was sie da in Saarbrücken freiwillig würde lesen. Insofern ist die Frage erlaubt: Wie redet, wie denkt eigentlich die Kanzlerin?

Die Auswahl treffender Verben zählt nicht zum Merkelschen Ehrgeiz. Hauptsache, man werde verstanden, mehr oder weniger, der Rest sei dann Glückssache, Luxus, Zufall – nur mit einer solchen Maxime ist erklärbar, warum Merkel „Kenntnis nimmt“, nicht erfährt, oder warum „wir eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise haben“, also wohl besitzen, aber nicht durchleben, erleiden, wahrnehmen, oder weshalb das einende Band „dabei sein muss, dass…“ und selbstredend nicht „darin bestehen“ darf. So gibt es noch gar „vieles, was nicht in Ordnung ist“, aber natürlich überhaupt nichts, was misslungen, gescheitert wäre.

Wer angesichts großflächig gestreuter Hilfsverben seine Hoffnung setzt auf knackige Substantive, muss ebenfalls darben. Merkel ruft dazu auf, aus der gegenwärtigen Situation „eine Zukunftssituation für Deutschland“ zu machen. Darf’s vielleicht auch eine Möglichkeitsgegenwart sein oder ein Übermorgenjahr?

Groß scheint ferner das Ansinnen, „aus der Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie eine Meisterschaft zu machen.“ Künftig wird es demnach einen Wettbewerb der Versöhnung geben, eine Konkurrenz der Identität, mit Deutschland als dem Sieger in dieser Vereinung des Vereinten. Café Dada lächelt schelmisch.

Halten wir uns nicht auf bei einem kurios gesteigerten Adjektivattribut, beim „formbarsten Moment“, ziehen wir tapfer vorbei an der schiefen Zuschreibung, das Jahr 2009 sei „ein Jahr historischer Wegmarken“, während es doch eher ein Jahr ist, in dem man sich an eben solche Marken erinnert.

Halten wir inne an einem plötzlichen Ausbruch von Bellizität: „Wir“ könnten ein „neues Miteinander schaffen, wenn es uns gelingt, aus alten Schützengräben herauszuklettern“. Außerdem dürften nicht länger „wirtschaftliche Effizienz und ökologische Rücksicht einander bekriegen“. Im Umkehrschluss besteht der Status quo aus Krieg und Schützengraben. Sind das die Früchte von vier Jahren großer Koalition?

Natürlich gibt es hier und da Gedanken zu erhaschen. In der Wirtschaftskrise von 2008/09 „haben wir gelernt, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören.“ Recht jung, geradezu neugeboren sollen wir uns eine altväterliche Erkenntnis vorstellen. Frisch vorbei sei auch „die Zeit, in der Nutzenmaximierung und ethisches Verhalten in der Wirtschaft angeblich nicht zusammenpassen.“

Ein schlicht maximierter Nutzen, steht zu befürchten, wird sich auch künftig keinen Deut um ethisches Verhalten scheren. Käme es nicht darauf an, von der Nutzenmaximierung als höchstem Wert abzurücken, statt ihr ethisierende Leitplänkelchen an die Seite zu stellen?

Und woran schließlich denkt die Kanzlerin, wenn sie final Deutschland, die „Zukunftswerkstatt“, rühmen will? Sie erinnert an folgende Wegmarken: „In Deutschland wurde das erste Auto gebaut, der Computer erfunden, das Aspirin entwickelt. Von diesen Innovationen zehren wir noch heute.“

Im Umfeld einer Merkelrede hat die Trias ihre Richtigkeit. Ja, das waren allesamt umsatzträchtige Basisinnovationen. Gibt es aber – pardon – nicht auch die Kraft klarer Gedanken, die Zukunft vorwegnehmen? Ist Deutschland immer nur das Reich gewesen der Tüftler und Bastler, nie der Philosophen und Poeten?

Glücklich das Land, in dem die Kanzlerin kein Deutsch können und keine Dichter kennen muss. Auch das ist fast schon ein Beispiel gelungener Integration.

 

Von Kasten und Ständen, Tattoos und Kevins | 5. Oktober 2009

In einem Land, kurz nach unserer Zeit, könnte geschehen, was der Kabarettist Thomas Pigor vorsorglich in ein Lied verpackt. „Die Kevins hau’n uns raus“, singt er in schmeichlerischem Breitwand-Pop, „die Kevins hau’n uns raus, die bringen das Land in Schwung, / die stell’n sich der globalen Herausforderung!“. Zu lachen sei da unangebracht, trällert Pigor, denn auch wer heute das Wort „Chirurg“ nicht buchstabieren kann, wird morgen schon operieren. „Dass es wieder aufwärts geht, weißt du, wenn der erste Bundeskanzler Kevin heißt.“

Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios wurde unlängst ein wenig gedämpft. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, verkündete ein Lehrer, der es wissen muss. Er wurde zitiert in jener Studie der Universität Oldenburg, derzufolge Kevin ein „stereotyper Vorname für einen verhaltensauffälligen Schüler“ sei.

Rund 2000 Fragebögen bildeten die Basis für eine Erkenntnis, die spontan einleuchtet: Unter Deutschlands Pädagogen sind die Schülernamen Kevin, Justin, Dennis, Marvin und Chantal, Jacqueline, Angelina, Mandy herausragend negativ besetzt. Den Trägerinnen und Trägern traue man eine hohe Rüpelkompetenz zu, wohingegen Charlotte und Sophie, Alexander und Maximilian auf verträgliche, pflegeleichte Naturen aus der Mittelschicht deuten.

Die importierten Modenamen sind zum Stigma geworden. Die Häufigkeit, mit der man ihnen im Prekariatsfernsehen begegnet, blieb nicht ohne Folgen. Weil dort eben eine Mandy der Jacqueline an die Wäsche geht und beide auf den Dennis spitz sind, traut auch die Lehrerzunft, bestätigt durch eigene Anschauung, den schrillen Namen alles Schlimme zu. Ganz offensichtlich hat sich hier eine bildungsferne Schicht tüchtig selbst ausgegrenzt. Sie prägt ihren Kindern das Mal der eigenen Deklassierung ein.

Die Namen sind das Äquivalent zu der ebenfalls – so der Soziologe Lieven Vandekerckhove – in den „weniger privilegierten Klassen“ boomenden Tattookunst. Die Herkunft im Hafen und bei den Sträflingen konnte das „Kulturgut“ (Vandeckerckhove) nur kurzfristig überwunden. Die Popstars und Schönheitsdarsteller, die damit in den neunziger Jahren für ihre eigene Exzentrizität warben, sieht man heute meist ohne Anker am Oberarm, Jungfrau an der Wade, Hieroglyphengewirr am Dekolleté. Sie hatten Mittel und also auch Wege, die „dauerhaften Zeichen“ (Vandeckerckhove) verschwinden zu machen.

Wer heute im Baumarkt noch immer wie weiland in einem Video-Clip herumläuft, der trägt seine Malaise geradeso traurig vor sich her wie der Schulabgänger, der in der Aula mit einem kernigen „Kevin!“ nach vorne gerufen wird. Neue selbstgewählte Stände, neue aufgeprägte Kasten umzirken eine nur oberflächlich durchlässige Gesellschaft. Nicht per Geburt, nicht qua Blut wird der Aufstieg nahezu verunmöglicht, sondern aus einer Laune gedankenloser Eltern heraus.

Gewiss, ewig undurchlässig ist die internalisierte Milieuzuschreibung dann doch nicht. Vielleicht gibt es dereinst einen Erzbischof Dennis und eine Aufsichtsratsvorsitzende Mandy. Der Abstieg aber des Tattoos vom Lifestyleaccessoire zum Kainsmal und parallel der Modenamen vom Pop zum Plebs deutet auf die Grenze aller egalitären Projekte.

Es wird, nach oben wie nach unten, immer eine breite Schicht geben, die sich von der Mitte nicht einfangen lassen kann oder will. Die Ordinären erinnern uns wie die Elite daran, dass man nicht jedes Problem vergesellschaften kann. Manchmal ist das Leben ein Misstrauensvotum gegen sich selbst.



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