Dampfplauderei und Dünkel | 29. März 2010

Wenn nichts mehr geht, geht immer noch das: Billiger ist kein Beifall zu haben als mit der Kritik am Zölibat. Warum nur, heißt es, werden Männer gezwungen, ein Leben lang enthaltsam zu leben? Ist das nicht gegen die Natur? Sieht man nicht am Zölibat, wie weltfremd die Kirche immer noch ist?

Deutschland debattiert über eine Vielzahl sexueller Übergriffe, die sich in evangelischen, katholischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet haben und die von der jeweiligen Leitung zögerlich oder gar nicht aufgeklärt worden sind. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel, ist eine Sünde und eine Schande; jeder einzelne Fall macht unrettbar traurig und verlangt nach juristischer wie moralischer Aufarbeitung. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass die meisten Übergriffe in der Familie stattfinden. Die Familien und die bisher kaum befragten Sportvereine sind das Hauptrisikogebiet für Heranwachsende.

Statt über dieses sehr ernste Problem zu reden, statt nach der Verantwortung der Erwachsenen für die Kinder zu fragen, holt man einen Ladenhüter aus dem Keller und attackiert den Zölibat. Bischöfe, Laienvertreter und antikirchliche Splittergruppen überbieten sich in Scheinheiligkeit. Selbstverliebte Dampfplauderer wie Hans Küng und Heiner Geißler halten ihre angestaubten Reden: Zwar sei der Zölibat nicht allein schuld an den Übergriffen, aber eben doch ein menschenfeindliches Relikt aus dem Mittelalter. Er habe zu verschwinden.

Wenn, wovon wir ausgehen müssen, Zölibat und Missbrauch nicht ursächlich verbunden sind – warum soll jetzt eine gewiss ergebnislose Debatte über seine Abschaffung geführt werden? Wollen wir auch über die Abschaffung von Sportvereinen reden, weil dort Männer und Frauen getrennt trainieren? Wollen wir die Familie abschaffen, weil nicht jeder Vater seiner Verantwortung gerecht wird? Nein: Wir brauchen zuverlässige, lautere und dabei leidenschaftliche Priester, Sportler und Eltern.

Der Zölibat ist eine theologische Einrichtung, keine Erfindung, um Seelen zu knechten. Nur auf theologische Weise kann sinnvoll geurteilt werden. Die Kritiker führen vor allem pragmatische Gründe und Vorurteile ins Feld.

Darüber werden einige Selbstverständlichkeiten vergessen: Niemand wird zum Zölibat gezwungen, niemand muss Priester einer Kirche werden, die an der Ehelosigkeit festhält. Wer es aber tut – wer es nach reiflicher Überlegung und aus freien Stücken tut –, von dem muss erwartet werden können, dass er nicht wortbrüchig wird; dass er sein Versprechen nicht wegwirft wie ein Hemd, das ihm zu eng geworden ist.

Priesterliche Ehelosigkeit ist ein Zeichen rückhaltloser Hingabe an Christus. Wer sich für diesen Weg frei entscheidet, der gibt zu verstehen: Mit meiner ganzen Person will ich dem dienen, dessen rettende Wiederkehr ich erwarte. Jesus selbst, schreibt der Theologe Klaus Berger, „lebte ehelos, damit die Menschen glauben konnten, dass Jesus es ernst meint mit Gottes zukünftiger Ehe mit seinem Volk.“

Jesus hielt sich demnach durch seine Ehelosigkeit für die endzeitliche Vermählung von Gott und Glaubensvolk bereit – gerade so wollen es auch seine priesterlichen Nachahmer halten. „Die Neigung zu geistlicher Ehelosigkeit“, fährt Klaus Berger fort, „wächst mit dem Glauben an die Auferstehung.“ Könnte es sein, dass der Sinn für den Zölibat verloren ging, weil kaum noch jemand an die Auferstehung glaubt?

Papst und Hush Puppy | 22. März 2010

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Ein Brief braucht einen Absender, einen Empfänger und ein gemeinsames Thema. So verhält es sich mit allen Briefen, so verhält es sich mit Hirtenbriefen. Jener, der nun in aller Munde ist, stammt von Papst Benedikt XVI., er ist an „die Katholiken in Irland“ gerichtet und behandelt die dortigen Fälle sexuellen Missbrauchs. Insofern wäre es in höchstem Maße verwunderlich gewesen, hätte der Absender mit den Empfängern über Gott und die Welt gesprochen, vielleicht gar über andere Probleme in anderen Ländern.

Das wäre in etwa so, als schriebe der Vermieter dem Mieter einen Brief, in dem er sich über den beklagenswerten Zustand ganz anderer Objekte auslässt, über die schlechte Zahlungsmoral ganz anderer Mieter oder allgemein über die Krise auf dem Wohnungsmarkt. Einen solchen Brief hielte der Adressat für eine arge, eine peinliche Belästigung – und nicht anders hätten es die Katholiken in Irland empfunden, wenn der Papst ihnen die Schwierigkeiten in Berlin und Ettal auseinandergesetzt hätte.

Eigentlich ist es auch ganz einfach herauszufinden, was momentan kaum jemand herausfinden will: Was macht eigentlich ein Papst, was ist eine Kirche? Der Papst ist nicht der Chef eines weltweit agierenden Sozialunternehmens, nicht der Vorsitzende einer Krisenlinderungs- oder Moralgebungsagentur. Er ist zunächst und vor allem Priester, ein Mann also des Gebets und der Sakramente.

Als solcher hat er die oberste, die leitende und richtende Gewalt in jener Kirche inne, die ein Zeichen sein soll des Heils in einer oftmals heillosen Welt. Insofern kann der Papst weder auf Zuruf aus jenem Land, aus dem er zufällig stammt, Presseerklärungen abgeben, noch kann er sich die Maßstäbe jener Welt zu Eigen machen, die zu wenden und nicht zu verdoppeln er berufen ist. Der Papst ist kein Hush Puppy, und er ist auch kein Politiker.

Der faktenresistente Furor wider den Papst kann demnach nur aus zwei Quellen gespeist sein: aus Ignoranz oder Infamie. Ignorant ist es, den Eindruck zu erwecken, es wäre tatsächlich eine Äußerung möglich, die vollkommen den Bedingungen des zivilreligiösen Diskurses hierzulande und zugleich dem geistlichen Zuschnitt des Papstamtes genüge tut. Der Papst kann und darf nicht reden, wie es die weltliche Ad-hoc-Elite so gerne tut; es wäre ein Missbrauch des ihm treuhänderisch verliehenen Amtes. Sachwalter einer zweitausendjährigen Glaubensgeschichte muss er sein, kein Lautsprecher gegenwärtiger Erregung.

Infam ist es, die päpstliche Rede als Schweigen zu bezeichnen, weil sie nicht den wütenden Wunsch nach maximaler Weltlichkeit befriedigt. Täglich in Ansprache, Predigt, Sakrament spricht dieser Papst. Wer hören will, der möge hören – zum Beispiel auf die am 4. Februar veröffentlichte Fastenbotschaft: „Die Ungerechtigkeit, die aus dem Bösen hervorgeht, hat nicht nur einen äußeren Ursprung; sie gründet im Herzen des Menschen, wo sich die Keime für ein geheimnisvolles Übereinkommen mit dem Bösen finden lassen.“ Weil das Hören solcher Sätze aber immer auch ein Hören tief hinein ins eigene Herz bedeutet, hört man lieber weg und konstruiert ein Schweigen, das es nicht gibt.

So auch beim Brief an die Katholiken in Irland. Benedikt XVI. lässt keinen Zweifel an der unentschuldbaren Schwere der „sündhaften und kriminellen Taten“, die sich ereignet haben und die von ebenso sündhaften Bischöfen vertuscht worden sind. Er kritisiert „die oftmals unangemessene Reaktion der kirchlichen Autoritäten in eurem Land“, er ist beschämt und entsetzt von der „schweren Sünde gegen schutzlose Kinder“. Den kriminellen Priestern stellt er die Rechtfertigung „vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten“ in Aussicht. „Schande und Unehre“ hätten sie auf ihre Mitbrüder gebracht, die „Achtung der Menschen Irlands verspielt“.

Im Kern ist das Schreiben natürlich ein geistliches Dokument. Ein schweres irdisches Versagen wird im Licht des Glaubens, der Adressat und Empfänger eint, gedeutet. Benedikt will den „Weg der Heilung, der Erneuerung und der Wiedergutmachung“ beschreiten. Jede Sünde verlangt, christlich betrachtet, nach tätiger Reue, nach Umkehr und Gebet. Würde der Papst einen anderen Pfad weisen, verabschiedete er sich vom katholischen Christentum. Sollte man damit wirklich rechnen?

Also kritisiert er die Abkehr von den „sakramentalen und andächtigen Gebräuchen, die den Glauben erhalten und ihm erlauben zu wachsen, wie etwa die regelmäßige Beichte, das tägliche Gebet und jährliche Einkehrtage“. Also rät er zum verwandelnden Blick auf das „erlösende Leiden“ Christi, durch das „die Macht des Bösen“ gebrochen werde. Also fordert er alle Priester und Ordensleute auf, „immer mehr Männer und Frauen des Gebets zu werden, die mutig den Weg der Bekehrung, Reinigung und Versöhnung gehen.“ Also ruft er – neben der rücksichtslosen juristischen Aufarbeitung – zur landesweiten Mission auf. Ihren alten Glauben sollen die katholischen Iren durch eucharistische Anbetung und gemeinsame Lektüre neu erfahren.

Hinter all dem steht abermals ein sehr einfacher Gedanke. Wer seinen Glauben wirklich begriffen und erfahren hat, der schützt die Schwachen, der ist wirklich, was der Name bezeichnet: ein Christ. Jeder Missbrauch war ein praktizierter Glaubensabfall. Wo der Glaube ergo wieder wächst, weicht die Versuchung zur Sünde. Diesen Zusammenhang muss kein Nichtchrist teilen – ihn aber nicht zur Kenntnis zu nehmen oder dem Papst die Christlichkeit seiner Rede vorzuwerfen, ist ignorant, ist infam. Weltfremd erscheint Benedikt denen, die ihren Kopf für die ganze Welt halten.


Missbrauch und Missbrauch | 15. März 2010

Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, täglich herrlicher werden die Zeiten. Im Minutentakt lassen sich Meinungen in die Welt hinaus trompeten, die ohne Gedankenarbeit aus dem Griffel perlen. Bisher war es so: Man hat eine Ahnung und eine Absicht, aber partout keinen Schimmer. Also muss man mit Leuten reden, die sich auskennen, muss durch Bücher sich quälen, denken, formulieren, überdenken, und am Ende bleibt dann vielleicht von der ganzen schönen Absicht ein Schweigen. Man hat sich geirrt, nun weiß man es besser. Riskant ist das Denken auf eigene Rechnung.

Wie anders geht es heute zu. Das Denken lähmt nicht das Reden, wunderbar leicht, losgekettet von jeglichen Gedankens Schwere, hat das Plappern befreiende, ja moralische Kräfte. Ein Wort, das auf absolut verwerfliche Umstände deutet, hat das Reden entriegelt: Missbrauch. Weil eben jener sich in katholischen und evangelischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet hat, vor allem aber offenbar in römisch-katholischen, darf nun jeder und jede der Rechthaberei die Zügel schießen lassen.

Eine Zeitung titelte: „Kirche in ihrer schwersten Krise“. Ergo waren die Kirchenspaltungen von 1054 und 1517 heitere Randnotizen, ergo sorgten auch Kreuzzug und Dreißigjähriger Krieg für Kriselchen, allerhöchstens. Eine andere Zeitung forderte, überführte Priester dürften keine Priester mehr sein – als ließe sich das Weihesakrament, das eben mehr ist als ein unverbindlicher Berufseinstieg, abwaschen.

Der neckischste Witz aber gelang jener Agentur, die eine Meldung mit der Zeile überschrieb: „‘Wir sind Kirche‘ setzt Papst Benedikt unter Druck“. Bekanntlich handelt es sich bei dem als „Basisbewegung“ titulierten Verein um einen Seniorenlesezirkel, der sich an den Stellungnahmen seines Sprechers Christian Weisner und dessen politischer Theologie erfreut. Ähnlich ernsthaft wäre eine Schlagzeile der Art, „Gemeinderat von Neutraubling fordert Barack Obama zum Rücktritt auf.“

Auch der kaschubische Großdichter Grass weiß, was die Stunde geschlagen hat. Die katholische „Sündenauffassung innerhalb des Sexualbereiches, diese Verklemmtheit“ habe „Fälle zur Folge, wie sie jetzt ans Licht kommen“. Der Erwerb etwa eines Handbuchs theologischer Fachbegriffe oder des Katechismus sei dem Pfeifenschmaucher und Potenzlyriker empfohlen. Und hätte nicht ein festeres Bewusstsein der eigenen Sündenhaftigkeit, eine stabilere Sexualmoral manchen Kleriker vor Abirrungen bewahren können?

Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen. Die Wegweiser sollen fallen, weil man selbst gerne querfeldein unterwegs ist, die Ampeln und Stoppschilder verschwinden, weil man selbst gerne tüchtig auf die Tube drückt. Da soll nichts mehr sein, was das Ich hemmen könnte in seinem Drange.

Keine Frage: Jedes einzige Vergehen ist eines zu viel, jede einzige Untat verlangt nach Recht und Sühne, nach Reue und Bestrafung. Wer lügt, trickst, vertuscht, der potenziert das Leid, der wird zum Handlanger des Bösen, der schließt sich selbst aus jener Gemeinschaft aus, der er formal noch angehört. Die inflationäre Rede aber vom Missbrauch hat längst missbräuchliche Züge. Das Wort wird Tabuwort, das zudeckt, nicht aufdeckt. Es bündelt einerseits viel zu viele verschiedengestaltige Phänomene, als dass es erklärenden Charakter hätte.

Andererseits trägt es eine Unwucht in sich. Was nämlich wäre sein Gegenstück? Wenn der Missbrauch von Menschen – woran kein Zweifel besteht – schlecht ist, wäre dann der Gebrauch gut? Kann man Menschen gebrauchen oder missbrauchen, je nach dem Stand des eigenen ethischen Projekts? Sind beides also relative Größen, die auf einen mal mehr, mal weniger angemessenen zwischenmenschlichen Umgang deuten?

Nein. Menschen sind keine Sachen, auch der Gebrauch wird ihnen nicht gerecht. Das Chiffrewort ist Ausdruck eines falschen Denkens. Es muss für Schuldzuweisungen und Differenzierungsverbote herhalten, weil es unschicklich scheint, eine böse Tat als böse auszusprechen. Das ungeachtet aller Umstände Böse, das in sich Böse, mit dem die Täter, christlich gesprochen, sich ihr eigenes Gericht bereiten, soll mit ein und demselben Ersatzwort relativiert und perpetuiert werden.

Die böse Tat wird zum „Missbrauchsfall“ umetikettiert und damit zum rein säkularen Phänomen. In den Kernbereich des Christlichen, den Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung vor Gott, will die Diesseitsmoral eindringen.
Die Lektion soll lauten: Eine solchermaßen entkernte Religion braucht kein Mensch, ja darf kein Mensch mehr brauchen. Wir, die mobile Einsatztruppe des richtigen Verhaltens, müssen am moralischen Herzen dieser Sinnstiftungsagentur operieren, um Schaden von der Welt abzuhalten. Die Operation gelänge, wenn der Patient stürbe.

Es liegt nun an den Christen selbst, ob sie diese Angriffe im Gewand des Heilens und Helfens ebenso mutig wie selbstkritisch parieren. Sonst gibt es eine Alternative weniger zu den Dogmen der Diesseitigkeit und den Gelübden der Selbstverdummung.



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