Zeit für Widerworte

Nun rotieren die Maschinen: Mein neues Buch – es dürfte das vierzehnte sein – ist in der Druckerei. Es wird am 25. Februar 2019 erscheinen und trägt den Titel „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“. In 15 Kapiteln werden 15 Phrasen vom Thron gestoßen, darunter „Wir schaffen das“, „Das ist alternativlos“ und „Haltung zeigen!“. […]

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Wo man begraben wird

Manche Monate wurden erfunden, damit sie Wort werden und Bild. Der April ist so launisch, dass er Wendehälsen und Diven eine unversiegbare Rechtfertigung gibt. Im Mai greift der Maler zum Pinsel, um neu anzufangen, neu zu lieben, neu zu erschaffen. Der September gibt den Tagen ihre schönsten Farben, der Oktober taucht sie in Gold. Und dann und nun lädt der November zum Kehraus mancher Hoffnung, zur Stille, zum Blick nach innen.

November ist der Monat, da kein Haus man sich mehr baut und also unbehaust dem Schnee entgegen schlendert. November sind die Tage, da man einsam im Nebel wandert und sich seltsam dabei erfährt. November sind kreisendes Laub im Wirbel der Chaussee. November ist der Geruch von Erde, feuchter Morgenluft und Nebelnacht. November ist immer schon der, an den wir denken, ehe wir ihn erfahren. Im Futteral der Bilder steckt er fest vertaut.

Traurig macht der November weit weniger als der Juni oder Juli. Wenn alles eingestellt scheint auf Rückschau, Vergänglichkeit, Melancholie, fühlt der Melancholiker sich pudelwohl. Er braucht nicht irre zu gehen an einer Welt, die rasend nur um sich kreist. Der Periphere rückt in die Mitte einer zentrifugalen Entschleunigung, die allgemein ist.

Im November also fiel mir wieder ein: Heimat ist, wo du begraben wirst. So ähnlich sagte es der alte Mann, der mir ungefragt eröffnete, er habe vor nunmehr vierzig Jahren, als er hierher zog, nach einem ersten Rundgang durch den Ort sofort gewusst: Hier willst du begraben sein. Gewiss war damals auch und sehr viel Liebe im Spiel, niemand zieht ganz leicht von dannen. Das Bekenntnis aber bleibt von kristalliner Klarheit. Das Grab wird uns wahr sprechen.

Wie die meisten Novembergedanken ist auch dieser eher sachlich denn traurig. Der ehemals junge Mann wusste – in der Nachhut eines Krieges, der Tod und Mord und Heimatlosigkeit und viele Gräber „in fremder Erde“ über die Welt gebracht hatte –, dass ihm einst die Stunde schlagen würde und dass sie es bitte hier tun solle. Dann würde sich sein Leben runden, auf der allerletzten Kehre.

So streckt der ganze November sich aus. Er ist ein Pfeil, kein Kreis, ein Weckruf, kein Abgesang. Er bricht die morschen Zweige, damit der Boden wachsen kann. Er hebt die Blätter, um sie einmal wenigstens flattern zu lassen, in freier Verzückung sonnenwärts. Er ist Episode, die schwindet und wiederkehrt, gerade so Epoche macht und tröstet. Ich mag ihn.

I had a dream |

Gedränge gab’s um den Altar, die Reihen waren schütter besetzt. Wo war ich nur hinein geraten? Graubärte taten ihren Dienst am steinernen Tisch. Bebrillt waren sie fast alle. Nur einer nicht, rechts außen. Er blickte ohne Glasgestell grimmig auf den Tisch zur Mitte. Bunt schimmerten ihre Kleider, grau auch waren die Haare und ungebändigt. Düster ging den Männern der Sinn. Woran sie wohl dachten bei ihrem offenkundig eingeübten Tun?

 

Ich sah’s ihnen an an der düster umwölkten Stirn, ich hörte es heraus aus ihrem brummenden Gemurmel: Die Freude wohnte hier nicht. Die Männer taten, was sie tun mussten, ihre Pflicht. Dem Volk in den Bänken missfiel es nicht. Sie schienen’s allesamt gewohnt. Und also hub an der in der Mitte, intonierte in gleichförmiger Melodie, was jeder erwartet haben musste, sagte knarzend und wie vom Grame zerfurcht: „Wir leiden…“. Und sofort wiederholte die wackere Schar, „wir leiden.“ Und der Mittlere fiel ihnen fast ins Wort, und die Brüder wiederholten erneut, „…an der Kirche.“ – „…an der Kirche.“

 

Aus dem Credo war hier ein neues Bekenntnis geworden, eine Lamentatio. Ihr kam nun zu, wozu die alte Formel offenbar nicht mehr taugte, Gemeinschaft zu stiften, Trost zu spenden, Zeiten und Räume zu überwinden. Das Leiden, nicht das Glauben hielt die Männer im Talar zusammen.

 

Sie hatten sich darin eingerichtet, durchwanderten die Räume des Missvergnügens gerade so vertraut wie die Altvorderen die Weiten ihrer Zuversicht. Sie litten so weltumspannend, wie sie einst geglaubt hatten. „Wir leiden“, erscholl erneut der psalmodische Sang, „an dem Papst“, bildete ein Echo aus, „…an dem Papst“, und pflanzte sich fort: „…und an den Dogmen und an dem Zentralismus und an der römischen Unbarmherzigkeit.“

 

Fast peinlich berührte es mich, Zeuge sein zu dürfen bei so intimem Werk. Sie wollte nicht gestört, nicht beobachtet werden, die graue Bruderschaft, kein fremder Atem sollte die Andacht unterbrechen. Es war ja ein frommes Tun, das so schnell nicht endete: „…und an aller Hierarchie, an allem, was die Menschenrechte hemmt, die Demokratie relativiert, die Gleichberechtigung erschwert. Wir leiden auch“ – hier holten alle fast im selben Zuge Atem – „an den Bischöfen, die nicht hören wollen auf das Volk, an dem Volk, das nicht hören will auf den Nazarener, und an jeder Struktur, die die Schwachen schwächt und die Starken ermächtigt. Wir leiden ferner…“ – fast sprachen sie nun mit der einen grabestiefen Stimme, der Vorbeter reihte sich ein – „…leiden ferner an einer Sexualmoral, die das Geschenk des Leibes verdunkelt statt es zu feiern, an einer Pastoralmoral, die die Dörfer entvölkert statt soziale Nahräume zu schaffen, an einem Klerikalismus, der das geschwisterliche Miteinander aller Menschen und Menschinnen verhindert, und an einer Drohbotschaft, die die Kirche unbewohnbar gemacht hat und die zu überwinden uns aufgegeben ist mit aller Wut und aller Zärtlichkeit. Wir leiden, wir leiden, wir leiden…“

 

So mag die große Lamentatio noch viele Strophen sich ergossen haben in das nahezu leere Kirchenrund, ich weiß es nicht. Ich erwachte bald. Es war ein Traum, was sonst. Ich hatte die Zukunft gesehen.

Zollitsch, Wulff, das Mittelmaß

Vor einer Woche stand an dieser Stelle eine szenische Imagination aus Anlass der PR-Offensive des Robert Zollitsch. Der Freiburger Erzbischof ist mittlerweile ein gutes Stück vorangekommen. Dem Interview in der „Zeit“ vom 1. September folgten fast ebenso umfängliche Auftritte in der „Augsburger Allgemeinen“, der „Welt“, der „Westfalenpost“.

 

Der Besuch Benedikts XVI. in Deutschland wird thematisch arrondiert. Tenor: Man muss, darf, soll über alles reden, auch über heiße Eisen wie Interkommunion und wiederverheiratet Geschiedene, muss, darf, soll alles „theologisch durchdringen und pastoral durchdenken“, und dann schauen wir mal, was herauskommt. Der Soundtrack zu derlei barrierefreier Gutwilligkeit lautete einst, „ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt…“.
Auf scharfe Kritik wie lautes Lob stieß besagte szenische Miniatur über des Bischofs verbale Munterkeit. Man vermisste mehr als einmal Fairness und Respekt gegenüber Zollitsch und Wulff. Der Kolumnist sei ein Spötter, nichts sonst. Man könne nur hoffen, dass es ein einmaliger Ausrutscher war. Eine Entschuldigung sei angebracht.
Die bemerkenswerteste Passage im „Zeit“-Gespräch war die bisher unentdeckte Tatsache, Christian Wulff sei „ein Katholik, der seinen Glauben lebt“. Bekanntlich hat Wulff im Juni 2006 die Meldung, sich von seiner Frau nach 18 Ehejahren getrennt zu haben, verknüpft mit der Präsentation einer neuen Freundin, der geschiedenen Bettina Körner, mittlerweile Wulff, First Lady.

 

Margot Käßmann, damals Landesbischöfin in Hannover, kommentierte scharf: Sie könne „in keiner Weise nachvollziehen, dass (…) ganz plötzlich eine neue Partnerin öffentlich präsentiert wird, als sei nichts gewesen.“ Wulff habe „einfach die eine Frau durch die andere ersetzt, bevor wirklich eine Trennung (…) stattgefunden hat. Da gibt es für mich Schamgrenzen und Anstandsfristen, da geht es um die Verletzung von Gefühlen und auch um die Würde aller Beteiligten.“
Wollen wir hoffen, dass der einmal schamfreie Christian Wulff derart geläutert ist, dass er das Lob Zollitschs in zweiter Ehe verdient und zum katholischen Role model nun taugt. Wollen wir ebenfalls hoffen, dass sich bei der Begrüßungsrede am 22. September für Benedikt XVI. nicht urplötzlich der alte Adam im Bundespräsidenten melden wird, der einst den Papst schurigelte.

 

Als Angela Merkel grund- und stillos im Februar 2009 eine weitere Distanzierung Benedikts vom Holocaust forderte, sprang Parteifreund Wulff ihr bei und sorgte für eine Ökumene des Dünkels. Eine „Klarstellung“ vom Papst einzufordern, sei legitim – wohlgemerkt hatte es eine solche damals längst gegeben –, auch die Kirche müsse sich „von Radikalen klar abgrenzen.“
Warum also, wenn nicht aus arkanen Gründen, hat Zollitsch sich Christian Wulff zur besonderen Belobigung ausgesucht? Weil er der prominenteste Patchworker Deutschlands ist und die Fetzenehe als Ausweis von Modernität gilt? Ein Leser schreibt dazu: Zollitsch bewege sich ganz im Strom der Zeit, wenn er Barmherzigkeit für Wulff fordere und Wunscherfüllung meine, „denn das passiert in einer auf Wünsche abgestellten Gesellschaft ständig. Nur ist es selbstverständlich keine Barmherzigkeit, einem Kind so unendlich großen Mengen an Schokolade zu geben, wie es sich wünscht, sondern Lieblosigkeit. (…) Die Folge der derzeit allerorten verbreiteten Zollitsch‘schen Haltung, dass man jeden Wunsch erfüllen müsse, ist nämlich, dass dann die Wünsche gezielt manipuliert werden müssen.“

 

So werde der Mensch auf lange Sicht vollständig unfrei. Das Böse siege letztlich. Und dass er „mit Christian Wulff paktiert, zeigt eben, dass Zollitsch wie alle Mediokren den mediokren deutschen Politiker dem fabelhaft intelligenten Papst in Rom vorzieht.“ Müsste er diesem, nebenbei bemerkt, nicht eher Gehorsam entgegen bringen statt dialektischem Kalkül?
Zumindest das also wird sich aus den Interviews des Versammlungsleiters der Deutschen Bischofskonferenz lernen lassen: Im noch so freundlichen öffentlichen Reden über Glaube, Kultus, Solidargemeinschaft triumphieren die Parameter ganz weltlicher Weltanschauung. Gehorsam und Demut sind nicht vermittelbar, nicht vorgesehen, Wunscherfüllung und Subjektivismus verstehen sich von selbst. Hat das nur strukturelle Gründe? Ist die Zeit nun einmal so, oder sind wir es, die die Zeit so furchtsam verbiegen?

 

Herr Zollitsch und das Zirkuspferd | 5. September 2011

In Freiburg wird der Trank zum ewigen Leben gebraut. Der glückliche Herr Zollitsch genießt ihn täglich, in kleinen Schlückchen. Er setzt das Gläslein an, freut sich, wenn der wunderbare Trank sacht die Kehle hinunter rinnt, und hebt es aufs Neue. Solchermaßen gestärkt, verlässt der liebe Herr Zollitsch munter und freundlich sein Arbeitszimmer im Breisgau, hinaus in die große weite Welt, wo man ihn so gerne befragt nach diesem und jenem. Dann gibt er Antwort und verliert seine Munterkeit nicht.
Wer ihm zuhört, der fühlt sich ganz aufgehoben im besänftigenden Fluss der Silben. Da ist keine Stromschnelle in Sicht, kein Wasserfall voraus. Unwetter gibt es nicht in diesem, in seinem singenden Ton. Etwas wandert die Stimme nach oben, um sogleich sich zurückfallen zu lassen auf die sehr stabile Mittellage, die kein Klang länger verlassen darf, feind dem Punkt, wider das Komma. Es ist ein Eiapopeia des Einvernehmens mit jenem und diesem und gewiss auch mit sich. Könnten Kinder, bettete man sie in diese Silbenwiege, je das Schlummern verlernen?
Der sanfte Herr Zollitsch plaudert gerne, und er weiß, ihm ist dabei kein Maß gesetzt. Vor den Zumutungen der Zeit bewahrt ihn der wunderbare Trank. Schon 73 Lenze währt das Leben des rüstigen Herrn Zollitsch. Es steckt also, solange das Elixier in Freiburg gebraut wird, noch ganz in den Kinderschuhen. Ohne den Trank im Leibe könnte der frohe Herr Zollitsch nicht einmal denken, was er nun so herzig in der „Zeit“ aussprach. Er werde „zu meinen Lebzeiten“ noch erleben, „dass wir in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen weiterkommen werden.“
Ob Methusalems 969 Lebensjahre das Maß sind für die Tagträume des milden Herrn Zollitsch? Eine gehörige Spanne Zeit muss es sein, da doch in dieser „Frage“ ein „Weiterkommen“ an keinem Kirchenhorizont sich abzeichnet. Der gütige Herr Zollitsch redet gerne von den „Reformen“ in den Lehrgebäuden seines Dienstherrn, der Kirche, als sei diese bereits vollständig umschritten, wenn er seine Füße um das Freiburger Münster gelenkt hat.

 

Mit der Langsamkeit der bürgerlichen Veränderungen im römischen Haupthaus mag er sich nicht anfreunden – obwohl er doch der Zeiten ganzer Herr sein muss. Ja, wenn es nach ihm ginge, würden die „wiederverheirateten Geschiedenen“ eilig durchgewunken, wenn sie –wie es in Freiburg offenbar der Fall ist – in Legionenstärke Sonntag um Sonntag mit den Füßen scharren im Kirchenschiff und nach der Eucharistie verlangen.

 

Dass er die römische Leitung, die zu vertreten er bestellt ist, mit solchen Improvisationen schwer düpiert, drückt ihn nicht. Dass er Stimmungen die Stimme leiht ohne Argument, ohne Theologie, auch nicht. Er wollte es einmal aussprechen, einfach so, der Tag war schön, die Luft sehr lind.
Oder sang sich da am Ende eine Weise aus, die andere ihm auf- und vorgesetzt hatten? Las er recht und schlecht vom Blatte ab, das ihm von interessierter Seite routiniert gereicht wurde? Bauchredner verfahren ähnlich mit ihren Puppen. Wir wissen es nicht, wir hören nur den singenden, wehenden, fliehenden Klang und staunen: Ist der litaneiende Herr Zollitsch wirklich im Brotberuf Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz?
Er sang sich zumindest hinein in die Herzen der Journalisten mit diesem „Zeit“-Gespräch über sich, den guten Reformator, und die anderen, die römischen Herren, die schlimmen Bremser. Für einmal packte die „Frankfurter Rundschau“ ihren antikirchlichen Furor in Watte, pries sanft und süß den „liebenswürdigen Vorsitzenden“ und „beharrlichen Bohrer dicker Bretter.“ Die „Bild“-Zeitung erkor ihn gar zum „Gewinner des Tages“, nannte ihn „mutig und gütig.“ Applaus bekommt das Zirkuspferd, wenn es die richtigen Pirouetten dreht.
Am Abend dann schloss der lächelnde Herr Zollitsch die Vorhänge in der badischen Stube sacht wieder, rückte den Sessel näher an den Schallplattenspieler und genehmigte sich einen letzten Schluck aus der Flasche mit dem Zaubertrunk. Es war ihm behaglich zumute. Er war sehr mit sich im Reinen.

Kuh Yvonne und andere Kulte

Das hat im Portfolio der neuen säkularen Götter noch gefehlt: eine „Kult-Kuh“. Die Lücke schloss „Yvonne“. Der scheue Wiederkäuer hält seit Wochen die Boulevardpresse in Atem. Die „Kuh, die ein Reh sein will,“ büxte bereits im Mai aus, entkam dem Schlachter und ward seitdem nicht mehr gefunden. Wie sie wohl enden wird? Wir werden es todsicher erfahren.
An „Stil-Ikonen“ herrscht schon lange kein Mangel. Jedes zweite Starlet und jede dritte Nebenrollenfilmschauspielerin taugt zu diesem Attribut. Verena Pooth, geschiedene Bohlen, gilt neuerdings als „Werbe-Ikone“. Sprach ich schon vom „Kult-Kaiser“, dem nachgemachten Franz Beckenbauer in der Persiflage des Komikers Matze Knop? Und ganz ohne Frage verdient auch jeder Film das kultige Präfix, sobald er von mehr Leuten gesehen als produziert worden ist.

 

Gleiches gilt von Cocktails, die zur selben Zeit in derselben Stadt dutzendfach getrunken werden, und von Liedern, die in vielen Diskotheken parallel aus den Boxen dröhnen, und von Kleidern, die plötzlich jeder haben will: alles Kult. Selbst beim Kauf von Rasierklingen für Damen geht es gegenweltlich zu. Sie hören auf den Namen „Mystique“.
Den Klimax aber der Selbst- und Fremdverblödung durch religiöse Rhetorik erklomm souverän die linke Tageszeitung „tageszeitung“. Journalist Falk Lüke betextete den Wechsel an der Spitze eines US-amerikanischen Kommunikationskonzerns mit den berückend verrückten Worten: „Apple heißt Schönheit. Apple heißt Fortschritt. Apple heißt: Das, was selten nervt. Und Apple heißt: Kult.“ Zum Anbeter von Mobiltelefonen wird der Journalist, nachdem alle nicht-säkulare Anbetung journalistisch zum Teufel gejagt worden ist.
Ohne Kult ist kein Auskommen in spätmodern agnostischer Zeit. Ohne Ikonen und Mythen klingeln die Kassen zu leise. Wie kommt das? Zum einen ist die inflationäre Rede ein Verkaufstrick, ein Etikett an vermeintlich heißer Ware, ein Stempel für Massenkompatibilität. Kult soll sein, was alle kaufen, woran alle teilhaben dürfen.

 

Am liturgischen Kult hatte und hat das ganze Volk Gottes teil; er kulminierte und kulminiert in der punktuellen Verwandlung des Alltags, dessen auch dinglich fassbarer Entrückung in eine höhere Sphäre. Der „Kult“ um die „Ikonen“ soll auf vergleichbare Weise – durch Kauf, nicht Gebetshandlung – eine tendenziell unendlich große Gruppe um das jeweilige Ding- und Kaufsymbol versammeln, damit dieses jene momentweise transzendiere. So werden aus großen Erfahrungen kleine Mythen und schließlich billige Münzen.
Zum anderen hat in der überspringenden Sprache ein globales Menschheitswissen seine feste Stätte. Die Sprache bewahrt, wenn auch an meist untauglichen Objekten, die Einsicht, dass zur conditio humana das Ausstrecken nach dem, was droben ist, immer gehört. Und dass die Erfahrung des inkommensurabel Besonderen dem Menschen zustößt, ihn trifft, ihn anfällt aus Höhen, die nicht er geschaffen hat. Mit einem Wort: dass der Mensch in der Lage ist, ganz aus sich heraus zu treten, ohne für immer entrückt zu werden. Genau mit diesem falschen Versprechen treten die „Kult“-Produzenten auf den Markt.
In der kompensatorischen Rede sitzt also und wartet und lauert das uneingestandene Erlösungsbedürfnis – solange, bis ein neues Geschlecht die alten Fragen wieder zu stellen wird wissen.

Martin Mosebach feiert Geburtstag

Im Juli, der ein November war, taufte Berlin seine Besucher. Wasser peitschte die Menschlein, Wasser kroch die Beine empor, Wasser schlug ins Gesicht, machte die Gassen zu Kanälen und die Straßen zu Flüssen und ganz Berlin zum Binnenhafen. Es regnete, es rann, es tropfte zwei Tage ohne Unterlass. Zwischen Regensturm und Sturmregen lud Martin Mosebach in die herrschaftliche Villa des „Wissenschaftskollegs“ nach Grunewald. Sein sechzigster Geburtstag stand zu feiern an.

 

Mosebach hatte 2009/2010 ein akademisches Jahr als „Fellow“ ebendort verbracht, in der 1910 errichteten „Villa Linde“, wohin nun die Taxis und Privatwagen strömten, aus denen Regenschirme sich wanden und Regenschirmträger von menschlicher Gestalt. Hier hatte er in unseren leidenschaftslosen Zeiten an seinem Roman „Was davor geschah“ gearbeitet, hier hatte er den Hundekehlesee kennen und lieben gelernt. Das Gewässer nämlich mit dem bizarren Namen, der „Kunstsee“, wie Mosebach ihn nun nannte, konnte mit „authentischem Meeresrauschen“ prunken, erzeugt von der nahegelegenen sechsspurigen Stadtautobahn.

 

Martin Mosebachs Begrüßungsrede vor rund 130 geladenen Gästen, Schriftstellern und Künstlern und Wissenschaftlern und Verlagsleuten und Journalisten und Priestern, gab ein Muster ab für die typisch nationalfrankfurterische Eigenschaft der Beiläufigkeit. Der gebürtige und leidenschaftliche Frankfurter Mosebach ist bekanntlich überzeugt, dass im Gewand jeder anderen Region Deutschland unvorteilhaft angezogen wäre. So stand denn nun, in tiefschwarzer Regennacht, Martin Mosebach vor keiner kleinen Aufgabe: Wie lobt man Berlin und die gastgebenden Berliner, ohne sich an der Heimatstadt zu versündigen?

 

Martin Mosebach wählte den denkbar elegantesten Weg. Er fragte, links vom Flügel im Vortragssaal zu ebener Ebene, „wofür steht Berlin?“ und gab sich und uns Massenmenschen die Antwort: „Niemandsland und Deutschland gehen hier zusammen und bilden ein neuartiges, noch nicht definiertes Drittes. (…) Wir zogen in die Stadt, und die Stadt zog zu uns.“ Berlin wäre demnach eine Hauptstadt ganz eigener Art. Sie bündelt ein Land, das sie selbst transzendiert, ist Zentrum und zugleich programmatisch Peripherie, mehr Zustand denn Ort, mehr Ausblick als Stätte. Gerade so, folgerte Mosebach, gelang es Berlin, „uns in Frankfurt zu entwurzeln.“ Wurzellosigkeit sei die vornehmste Frucht des Berliner Jahres.

 

Zu den Heimatländern der Seele müssen wir demnach Berlin rechnen, die schroffe Metropole. Der damals eröffnete und vollendete „Kreis aus Licht, Dunst und Wasser“ machte den Dichter aber nicht sentimental. Auch den Ehrengreisen unter den Gästen gab Mosebach keine Gelegenheit zur Rührung. Er dankte den Verlegern, die er ja „sammele“, erinnerte an sein „erfolgreichstes Buch“, die „Häresie der Formlosigkeit“, und wies voraus auf den „bis zum Rand gefüllten Speisesaal“ im Souterrain. Um dort es bequem auszuhalten, möge man sich bitte vorstellen, man sei gerettet, unten dann.

 

Sodann laudatierte ein Lektor mit leiser Stimme, während seine Finger sich an einem Tanz in den Lüften versuchten, auf und ab glitten, sich verknäulten, sich lösten und von neuem ineinander fuhren. Rudolf Borchardt, sagte der leise Lektor, habe den hypochondrisch begabten Hugo von Hofmannstahl an dessen 50. Geburtstag mit der Bemerkung getröstet: „Man wird nicht ohne Schmerzen historisch.“ Auf dem „Weg des Historischwerdens“ befinde sich längst Martin Mosebach.

 

Es folgte ein junger Pianist chinesischer Abstimmung, der am Flügel Satie (erste „Gymnopédie“), Johann Sebastian Bach („Komm der Heiden Heiland“ in Busonis Bearbeitung) und Messiaen sehr einnehmend darbot. Das letzte Stück, „Kuss des Jesuskindes“ aus den „20 Betrachtungen des Jesuskindes“, schichtet schrille, hohe, gleichförmig wiederholte Tonfolgen auf einen Grund aus zarten Harmonien, um dann in langsamen Kaskaden zu enden: scheue Frühlingsschritte auf feuchtem Gras. Draußen gaben Nacht und Regen derweil keinen Blick frei auf den Villengarten mit Rhododendron, Tanne, Apfelbaum.

 

Von den Gesprächen im Souterrain schweigt des Chronisten Höflichkeit, der Spielraum der Freiheit ist ohnehin klein bemessen. Nur soviel sei gesagt, dass tatsächlich, wie Mosebach schelmisch ankündigte, „Erfrischungen gereicht“ wurden. Um Mitternacht gratulierte die singende Schar. Und die Fluten stürzten draußen herab, tauften die dort Rauchenden aufs Neue. Die Natur spielt bekanntlich ihre Symphonie in voller Besetzung auch vor zerstreutem Publikum.

 

Der folgende Tag war der siebte Sonntag nach Pfingsten. In der alten Messordnung im klassischen Ritus, dem auch der Geehrte beiwohnte, heißt es im Graduale, accedite ad eum, et illuminamini – nahet euch ihm, ihr sollt strahlen vor Freude. Allein der Regen ließ sich nicht bekehren und begrub Berlin weiter unter sich.

 

So endete das hohe Fest rein äußerlich ganz so, wie es begonnen hatte. Und obwohl vermutlich das Leben eine Anhäufung aus Gemeinheiten und Enttäuschungen geblieben war, verließen die Gäste Berlin heiterer, als sie gekommen waren.

 

 

(Die kursiv gesetzten Zitate entstammen dem Roman „Westend“)

Sommer auf dem Dorfe

Ob es sein erster Einsatz war? Zögernd, als wolle er sich versichern, dass der Boden ihn wirklich trage, zog er seine schlingernden Kreise; es waren deren vier. Er trat durch die Lichtschranke ins Innere des Supermarktes, blieb stehen knapp hinter der Schwelle, in der Abteilung mit Gemüse und Obst, getroffen von einem unsichtbaren Zollstock. Kam er ins Straucheln, jetzt schon? Er stand und blickte, nach links zu den Tomaten, nach rechts zu Paprika und Gurke. Das rechte Bein federte lose im Takt, die Augen schossen wieder von rechts nach links, retour. Er begann den ersten Kreis trippelnd.

Nicht nur der blauen Plastikkrücken wegen, an denen der junge Mann mit dem sandfarbenen Gesicht und der dunklen Tigermähne durch den Gang tänzelte, hatte sein Gang etwas seltsam Absichtsloses. Er schien gekommen, nicht um zu kaufen, sondern um sich in einer denkbar exotischen Welt deren neuesten Kuriositäten zeigen zu lassen. Ach, das hier also nennt man Bohne, das hier Apfel? Und was fängt man damit an?

Das kurze Gespräch, in das er eine nicht eben ranke Stammkundin verwickelte, hatte vermutlich die Besonderheiten spitzer Früchte und den Nachteil runden Obstes zum Inhalt. Der junge Mann hörte zu, nickte freundlich und verständnislos, tanzte zurück, schloss den zweiten Kreis.

Nun erst sah ich: Das rechte Bein, das knapp über dem unsicheren Boden dahin flog, war so dick nur wie ein Besenstiel. Die Augen glänzten, der Mund schickte der Kundin in deren Rücken ein Lächeln nach, die Mähne umschwebte das Haupt wie eine schiefe Aureole, das Bein allein erzählte von Entbehrung, Niederlage, Hässlichkeit. Es hielt ihn nicht davon ab, zum dritten und zum vierten Mal die nämliche Runde zurückzulegen, somnambul nach einer Zwetschge zu greifen, sie fassungslos zurückzulegen, die gegenüberliegende Sellerie schon im Blick. Das rechte Bein war sein Ruderblatt. Was wollte er hier?

Als der vierte Kreis vollendet war, schlug der Zollstock wieder zu. Der junge Mann hielt inne, kurz vor der Lichtschranke. Für einen Moment verwandelte er sich zurück in jene Salzsäule, als die er seinen Habichtsdienst begonnen hatte. Schon war er wieder draußen, mit einem letzten, klar als Abschluss gekennzeichneten Ausfallschritt zur Seite hin.

Zwischen Eingangspforte und Einkaufswagen stand er im Lot. Die Augen sollten nun die neu hinzu tretende Kundschaft freundlich, ja schelmisch willkommen heißen. Dann und wann verließ die rechte Hand die Krücke, auf die sie sacht gestützt blieb, und formte einen Kessel, gerade groß genug für einen Spatz.

Auf dem Parkplatz kauerte derweil, in sich gebogen, vom grauen Pflasterstein fast verborgen, der Besitzer des jungen Mannes. Er schaute angestrengt auf ein rot eingefasstes Display und dann und wann in absichtsvoller Beiläufigkeit hin zu seinem Eigentum. Er führte Buch. Er berührte das Display mit einem dünnen Stift, blickte zur Eingangspforte, machte wieder einen Eintrag im Leistungskonto des Profibettlers mit dem abgemagerten Bein.

Wie lange die Beiden, wie lange Herr und Knecht ihrer abgezirkelten Arbeit wohl nachgingen? Wie hoch der Ertrag war, wer wem was schuldig und also unvermindert abhängig blieb? Sie waren verschwunden, als ich später zurückkam. Jedes Handwerk hat seine Abgründe.

Wer hat dich, Geist, so ruiniert?

Der „Dominica Pentecostes“ liegt im Fadenkreuz gar vieler Missverständnisse: Pfingsten, wie bitte? Ein schöner Auftakt in den Sommer ist das doch, ein verlängertes Wochenende, und sonst? Das Hochfest leidet massiv an seiner Unhandlichkeit. Vordergründig sperrt es sich gegen die Übersetzung. Wie malt man nur ein Brausen, wie wendet man „Zungen wie von Feuer“ ins Gegenwärtige, was soll ein „Heiliger Geist“ bedeuten?

Die Schwierigkeiten mit Pfingsten liegen aber auch und vermutlich vor allem daran, dass alles Geistige, das sich jenseits der Spirituosenabteilung in den Supermärkten vollzieht, ruiniert scheint. Es ist nicht wie weiland noch bei Goethe ein präzise zu fassender, ein ganz besonderer, ein eben teuflischer „Geist, der stets verneint“. Nein: Es ist der Geist an sich und überhaupt, der als das Anti-Prinzip schlechthin gilt.

Wer den Geist – sei es den menschlichen, sei es den schöpferischen – ehren will, gilt als Verneiner, als Spaßverderber. Von der Materie, heißt es dann, leben wir schließlich, Materie sind wir, sie ist für Luxus, Laune, Laster zuständig, für Sofortvergnügungen und Totalerlebnisse, für den Kick und den Kitzel, das Risiko und die Rendite.

Gerade darum wäre heute mehr Geist vonnöten – Geist als Moment der Besinnung und Verlangsamung, des Gedankens und Gedenkens, der Zurücknahme jenes fatalen Menschentyps, der machen und modeln will und darüber die Richtung seiner Projekte vergisst. Der ewige Betrieb, den unser Werkeln veranstaltet, ohne Werke zu hinterlassen, ist nicht nur ein geistloses, sondern oft auch ein geisttötendes Unterfangen. Wo alles Leben auf Ziffer und Zahl reduziert wird, verkümmert das Sein und flieht jener inspirierende Funke, der den Menschen erst die Krone der Schöpfung zurecht tragen lässt.

Diesen Zusammenhang hat schon vor rund 70 Jahren der Schriftsteller Rudolf Borchardt erkannt. Der reformierte Christ mit jüdischen Wurzeln bekannte sich emphatisch zur „zweiten Epiphanie nach der weihnachtlichen“, zum „revolutionären Wiederausbrechen der ins Irdische eingeflößten Sprengwirkung“, zum „heiligen Contagium“.

Und er benannte präzise den Preis für dessen Vernachlässigung: „Pfingsten, Vorform des Gottesreichs und der Gemeinschaft der Kinder Gottes, enthält die Kirche ganz und selber und sollte das höchste Fest überhaupt der Seelenhaften sein – wie es das vernachlässigste der Entseelten und Abgeplatteten allerdings geworden ist.“

So auch 2011: Wer die Seele retten will, muss zuerst den Geist rehabilitieren.

Mosebach, Keyserling und die Stimmung der Welt

Zu Eduard von Keyserling kam ich so: Eines sehr heißen Sommers war‘s, als der Roman „Wellen“ mich fand. Er lugte hervor, im kommoden Urlaubsumfang von 160 Seiten, aus der Bibliothek eines Schiffes, das die Donau unter sich spürte. „Wellen“ auf den Wellen, das passte formidabel. Dann aber waren die Keyserling’schen Bewegungen zu Ende, noch ehe der Urlaub sein nämliches gefunden hatte. Ich geriet in allergrößte Verlegenheit. Was sollte nun noch kommen?

Die „Wellen“ sind jene am Ufer des Baltikums, die in der verschatteten, da unschicklichen Liebe der Gräfin Doralice Köjne-Jasky zu dem Maler Hans Grill den Hauptpart übernehmen – neben dem Meer und dem Himmel, in jenem sich spiegelnd. Eduard von Keyserling schildert den „Abgrund von Licht“, in den die Liebenden fallen, den „Rausch der Weite und des Lichtes“.

Einmal sagt Doralice „müde und mitleidig zugleich“ zu Hans: „Zusammen, wir bleiben zusammen, wir beide sind ja doch miteinander ganz allein.“ Kurz darauf wird der Himmel farbig, „die Wolken am Horizont bekamen dicke goldene Säume, und eine Welle von Rot übergoss den Himmel. Auch in das Graugrün des Meeres mischten sich blanke Fäden, und die Höhlungen der brechenden Wellen am Strande füllten sich mit Rosenrot, und plötzlich begann des Meer weiter dem Horizonte zu ganz in Rotgold zu brennen.“

Wegen solch impressionistischer Naturschilderung gilt Eduard von Keyserling als Meister der Stimmungen. Auch Martin Mosebach, der nun in der „Bayerischen Akademie der schönen Künste“ im Verein mit den Literaturwissenschaftlern Dieter Borchmeyer und Jens Malte Fischer seinen Keyserling rezitierte und interpretierte, griff zum heute leider übel beleumundeten Wort von der Stimmung. Zur schönsten Demonstration las er mit baritonal schnurrender, akkurat prononcierender Stimme, das Kostbare durch Präzision, nicht Pathos verdeutlichend, aus den „Schwülen Tagen“, entstanden 1904 bis 1906.

Nicht Welle und Licht sind in der Novelle die eigentlichen Akteure, sondern die kurländischen Schlösser, laut Mosebach „aus der Zeit gefallene Lebensgemeinschaften.“ Weil der wahre Dichter eben immer – man schlage nach bei Rudolf Borchardt – die Stimme erheben muss in Namen der causae victae, der gewesenen, besiegten Dinge, darf die Liebe zum Schloss mit Mosebachs allergrößter Sympathie rechnen.

Keyserling, fuhr der Büchner-Preisträger fort, habe eine veritable „Unterweltmagie“ durch die fein abgestufte „Abstraktion der Natur“ geschaffen. Indem diese ins Musikalische verdichtet worden sei, „wie eine angeschlagene Cellosaite“, habe sie ihren dinglichen Charakter verloren. Conclusio meinerseits: Nur die exakteste Beobachtung des Besonderen gebiert das Allgemeine.

Mosebach erwartet trotz zyklisch wiederkehrender Renaissancen kein großes Publikum für derlei betörende „abstrakte Literatur“. Die Deutschen nämlich, die lieben Deutschen, „wollen sich immer konkret belehren lassen“. Da aber gerieten sie bei Keyserling und dessen „kostbarer Note“, die genossen, nicht erklärt werden will, an den Falschen. Im Lichte von Mosebachs Einsatz für die katholische Orthodoxie ist man versucht hinzuzufügen: Darum wollen die Deutschen selbst im Gottesdienst unterwiesen, nicht umgeschmolzen werden.

Und wohl auch diese Einsicht ist nicht unbedingt mehrheitsfähig: Der Dichter – man nehme Keyserling, Mosebach, Borchardt – schreibe „in Erinnerung an eine Welt, die er verlassen hat.“ Borchardt näherte sich Königsberg von Berlin, Deutschland von der Toskana aus, Mosebach selbst schreibt außerhalb Europas über diabolische deutsche Liebeshändel, Keyserling wurde in München zum Sänger des Baltikums. Nicht, was bleibt, stiften demnach die Dichter, sondern was war.

Die letzte Volte aber dieses erstaunlichen Abends wäre fast in den frohgemuten Abschiedsreden und im Rascheln der Tücher untergegangen, die sich Münchens feine Damen umgeworfen hatten. Gerade nämlich, so Martin Mosebach, das verdichtete, zu Musik und Atmosphäre geronnene Schauen, gerade diese ungemein farbige Abstraktionskunst gewinne der Literatur die Realität zurück. Denn nehmen wir Menschlein unsere Welt nicht auch in Bruchstücken nur wahr, die sich stetig neu ineinander schieben? Ist Stimmung nicht die Weise, in der wir Welt erfahren?

Hans Grill, das sei hier nicht verschwiegen, bleibt schließlich in den Wellen. Und die schöne, bleiche Doralice geht am Strand auf und ab, „sie wollte Hans dienen“, bis „das blassere Gold der Oktobersonne über den Wellen lag.“

Martin Mosebach und der Ritenstreit zu Weilheim

Weilheim liegt im Pfaffenwinkel. Der Starnberger See rauscht unweit sacht vor sich hin, der Große Ostersee lockt und auch der Ammersee. Auf jede Hebung folgt eine Senke, und von jeder Wiese aus sieht der Gast einen Zwiebelturm, einen Glockenturm, einen Kirchturm. Nach Gras riecht es und Erde und manchmal auch ein wenig nach Streit. An diesem Abend steht im oberbayerischen Weilheim nichts Geringeres zur Diskussion als „Kirche zwischen Tradition und Zukunft“.

Geladen wurde unter dieser Überschrift und zum Abschluss der erstmals ausgerufenen „Weilheimer Glaubensfragen“ der Schriftsteller Martin Mosebach. Ob ihn der weite Weg aus Frankfurt am Main schließlich reute? Die zwei Stunden im „Haus der Begegnung“ wurden vor etwa 150 Besuchern zur erhellenden, nicht erheiternden Blaupause einer Zukunft, die Gegenwart zu werden sich anschickt und die der Leidenschaft, dem Streit, der rückhaltlosen Offenheit wieder Heimrecht gibt im kirchlichen Binnenraum. Die Zeit der Formelkompromisse und der Double-Bind-Kommunikationssurrogate ist vorbei.

Martin Mosebach trug zu Beginn das erste Kapitel aus seiner „Häresie der Formlosigkeit“ vor. Es ist die Geschichte eines Menschen, der vom notgedrungen kulinarischen Konsumenten gregorianischer Choräle zum mitfeiernden Apologeten der gregorianischen Messe wurde. Es ist die Geschichte einer Befreiung, die sich 2007 zum Panorama einer weltkirchlichen Renaissance weitete, als Benedikt XVI. die Gleichrangigkeit von alter gregorianischer und neuer reformierter Messe mit gesetzgeberischer Autorität bekräftigte.

Schon die Lesung war für einige Besucher schwer zu ertragen. Man grummelte immer dann, wenn Mosebach den gewordenen Charakter der älteren Messform, deren Anfänge „sich im Dunkel der Geschichte verlieren“, dem gemachten Charakter des Reformwerks von 1970 gegenüberstellte. In der Diskussion schieden sich vollends die Geister. Grüppchen um Grüppchen verließ mal leise und mal türenschlagend den Saal, sodass am Ende vielleicht noch 100 bis 120 Menschen anwesend waren. Unter diesen konnten, dem Applaus nach zu schließen, die Freunde der lateinischen Messe einen knappen Sieg davon tragen.

Kristallklar, nicht konziliant argumentierte Mosebach. Aufgebracht widersprachen ihm viele Männer und drei Frauen, in der Regel „Kinder von ’68 wie wir alle“ (Mosebach). Der Mann mit der ersten Wortmeldung erregte sich derart, dass er nach seinem anklagenden Stakkato flugs den Raum verlassen wollte und von Mosebach ermahnt wurde, doch bitte wenigstens die Antwort abzuwarten. Im Stakkato eingewickelt war eine Rede, wonach die gemeinschaftliche betende Zusammenkunft das entscheidend Christliche am Gottesdienst sei und nicht dessen Form. Das aber, beschied der Dichter den Diskutanten, sei ein Zerrbild des 19. Jahrhunderts. Im Kult, nicht in der Gemeinschaft werde Christus gegenwärtig.

Mal um Mal entschiedener bekräftigte und ergänzte und verschärfte Mosebach: Die Messe sei keine Vergegenwärtigung des Abendmahls, sondern „Phase“, Vorübergang Gottes. Die erste Messe überhaupt habe nicht im Abendmahlssaal, sondern auf Golgatha stattgefunden. Die Christen kennten ihren Glauben, bräuchten ihn nicht in der Messe erst zu erfahren, weshalb die wortlastige Didaxe dort fehl am Platze sei. Keine differenzierteren Aussagen über Gott ließen sich finden als in den Texten der Alten und nur der Alten Messe. Die verheerenden Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil hätten mit ihrem Glaubenskollaps über dieses ein denkbar schlechtes Urteil gesprochen – obwohl es an den Texten kein Jota zu beanstanden gäbe. Vielmehr hätten die deutschen Bischöfe im offenen Widerstand gegen das Konzil Handkommunion und Zelebration versus populum erzwungen. Papst Paul VI., der sein Placet gab zur nachkonziliaren Liturgiereform, müsse man leider einen Tyrannen nennen in jenem spezifisch griechischen Sinne, wonach der Tyrann ein Traditionsunterbrecher sei.

Martin Mosebach ist der Prototyp eines engagierten Laien, der durch seinen gelehrten Furor die sonstige Blässe dieses wohlfeilen Etiketts offenlegt. Gemeinhin ist der engagierte Laie ein halbgebildeter Institutionenkritiker, dessen Engagement den Herrschaftsbereich des Politischen in die Kirche hinein ausdehnen und also vollenden will. Der engagierte Laie will in der Regel mehr vom Selben, die Welt noch einmal. Das Gegenteil will Martin Mosebach: Konzentration statt Diffusion, Sakrament statt Politik, Hierarchie statt Pluralismus.

Verdutzt erklärte eine Dame schließlich, sie frage sich schon sehr, ob es denn zum Anlass des Abends nicht mehr zu sagen gebe als diese oder jene liturgische Betrachtung, ob er denn kein anderes Thema habe. Martin Mosebach replizierte knapp: „Nein, es gibt für mich zunächst einmal kein anderes Thema als die Messe.“ Denn alles, ließe sich sagen, buchstäblich alles in Welt und Nachwelt entscheidet sich daran, ob im Kultus noch ein letztes Mal der christliche Glaube ins Lot kommt.

Bischof Fürst schreitet fort

Spalten statt versöhnen: Nach diesem bewährten Motto verfährt ein Oberhirte, von dem man es nicht erwartet hätte. Ich saß einst neben ihm in lauschiger Runde, hörte ihn reden und scherzen und lachen und fühlte mich nicht unwohl. Gebhard Fürst, Bischof in Rottenburg, schien mir ein Mann, der auf bodenständige Weise fromm ist, ausgestattet mit einem sympathischen Grenzenbewusstsein. Da habe ich mich getäuscht.

Stutzig machte mich Anfang des Jahres sein Buch mit dem hochwahrscheinlich ernstgemeinten Titel „Für eine bewohnbare Kirche. Perspektiven einer menschennahen Pastoral.“ Der Autor skizzierte darin eine Kirche, vermutlich die römisch-katholische, die bewohnbar zu machen sei durch seine, durch Fürstens Ratschläge, die es also offenbar momentan, in der prägebhardischen Ära Benedikts XVI. noch nicht ist.

Damit man endlich wohnen können in der aktuell weitgehend entvölkerten, da unwohnlichen römischen Kirche, schlug Fürst vor: Man solle Eucharistie verstehen als Einweisung „in den Weg Jesu Christi mit und zu den Menschen.“ Die „Christinnen und Christen“ sollten darum „in der Nachfolge Jesu (…) als Gemeinde und Kirche in seine Fußstapfen treten und zu ‚Tätern und Täterinnen des Wortes‘ werden.“ Maßstab sei der „Lebensstil“ Jesu, gerade nun in der „schweren Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise, wie sie die katholische Kirche seit Menschengedenken nicht erlebt hat“.

Historisches Denken können wir eher nicht der Fürstschen Kernkompetenz zurechnen. „Seit Menschengedenken“, meint der gedächtnisschwache Schwabe, seit Jahrhunderten demnach soll es in der katholischen Kirche keine schlimmere Krise gegeben habe als die von interessierter Seite aufgeblähte Vertrauenskrise von 2010? Das möge man bitte den Historikern subito mitteilen, die töricht genug sind, sich noch immer am Schisma von 1054, an der Reformation, am Dreißigjährigen Krieg abzuarbeiten: allesamt Petitessen, weiß der schwäbische Schlaue.

Dass jede Epoche defekt sei gegen die Gegenwart und fast alles Mist außer Deutschland, führte Fürst nun in den Redaktionsräumen der „Ludwigsburger Kreiszeitung“ gekonnt aus. In seinem von massiver Kirchenflucht gebeutelten Bistum gibt es derzeit einen jungen Mann, der sich auf die Priesterweihe 2012 vorbereitet. Offenbar ist das genau einer zuviel, denn Fürst teilt dem jungen Mann laut Zeitung mit: Weibliche Priester seien in „fortschrittlichen Ländern, wie Deutschland oder den USA (…) denkbar“, wenn auch „vorerst nicht“.

Der arme Tropf muss sich also anhören lassen, sein Entschluss zur priesterlichen Lebensweise sei ein Steinzeitreflex, Überbleibsel eines nicht so „fortschrittlichen“ Denkens, er sei kindisch aus der Zeit gefallen. „Fortschritt“ hingegen besteht im Fürstschen Weltbild darin, die endgültige dogmatische Entscheidung von Papst Johannes Paul II. – ulkigerweise desselben Papstes, der Fürst auf den viel zu großen Bischofsstuhl von Rottenburg-Stuttgart hievte – lächelnd zu missachten.

„Fortschritt“ á la Fürst heißt, der Kirche theologisch eine Nase zu drehen, ihre Alimente aber anzunehmen, heißt den Papst zum Grüßaugust zu verzwergen und sich selbst, dem Provinzhirten, den Lorbeerkranz der Weltklugheit aufzusetzen.

Fürst führt offenbar nicht nur mit der Muttersprache, sondern auch mit Mutter Kirche einen possierlichen Kleinkrieg. Ich darf nicht? Darf ich doch, ätschi-bätschi: So löckt der oberste Verwalter einer serbelnden Diözese gegen die Weltkirche, die alles in allem wächst und gedeiht, so gießt er Häme auf all jene Länder, in denen der Glauben blüht und die sich nun als gestrig beschimpft sehen.

Gebhard, Gebhard, magst Du Dich nicht befreien von der Kirche, die Dir solche Pein verursacht? Dann müsstest Du auch nicht länger jene Gläubigen, denen wie Pontifex Benedikt die klassische lateinische Messe am Herzen liegt, als „oftmals fundamentalistisch“ verunglimpfen. Warst Du Dir, in der gemütlichen Ludwigsburger Redaktionsstube, bewusst, dass Du damit auch Benedikt XVI. zum Fundamentalisten stempelst?

Ein Bischof, der die Gläubigen anderer Länder für rückschrittlich erklärt, den Papst einen Fundamentalisten schimpft und die eigenen geistlichen Wüsteneien zur Oase umbiegt, bleibt natürlich Bischof. Aber er ist es nicht länger.

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