Kategorie: Tagebuch

Dampfplauderei und Dünkel

Wenn nichts mehr geht, geht immer noch das: Billiger ist kein Beifall zu haben als mit der Kritik am Zölibat. Warum nur, heißt es, werden Männer gezwungen, ein Leben lang enthaltsam zu leben? Ist das nicht gegen die Natur? Sieht man nicht am Zölibat, wie weltfremd die Kirche immer noch ist?

Deutschland debattiert über eine Vielzahl sexueller Übergriffe, die sich in evangelischen, katholischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet haben und die von der jeweiligen Leitung zögerlich oder gar nicht aufgeklärt worden sind. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel, ist eine Sünde und eine Schande; jeder einzelne Fall macht unrettbar traurig und verlangt nach juristischer wie moralischer Aufarbeitung. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass die meisten Übergriffe in der Familie stattfinden. Die Familien und die bisher kaum befragten Sportvereine sind das Hauptrisikogebiet für Heranwachsende.

Statt über dieses sehr ernste Problem zu reden, statt nach der Verantwortung der Erwachsenen für die Kinder zu fragen, holt man einen Ladenhüter aus dem Keller und attackiert den Zölibat. Bischöfe, Laienvertreter und antikirchliche Splittergruppen überbieten sich in Scheinheiligkeit. Selbstverliebte Dampfplauderer wie Hans Küng und Heiner Geißler halten ihre angestaubten Reden: Zwar sei der Zölibat nicht allein schuld an den Übergriffen, aber eben doch ein menschenfeindliches Relikt aus dem Mittelalter. Er habe zu verschwinden.

Wenn, wovon wir ausgehen müssen, Zölibat und Missbrauch nicht ursächlich verbunden sind – warum soll jetzt eine gewiss ergebnislose Debatte über seine Abschaffung geführt werden? Wollen wir auch über die Abschaffung von Sportvereinen reden, weil dort Männer und Frauen getrennt trainieren? Wollen wir die Familie abschaffen, weil nicht jeder Vater seiner Verantwortung gerecht wird? Nein: Wir brauchen zuverlässige, lautere und dabei leidenschaftliche Priester, Sportler und Eltern.

Der Zölibat ist eine theologische Einrichtung, keine Erfindung, um Seelen zu knechten. Nur auf theologische Weise kann sinnvoll geurteilt werden. Die Kritiker führen vor allem pragmatische Gründe und Vorurteile ins Feld.

Darüber werden einige Selbstverständlichkeiten vergessen: Niemand wird zum Zölibat gezwungen, niemand muss Priester einer Kirche werden, die an der Ehelosigkeit festhält. Wer es aber tut – wer es nach reiflicher Überlegung und aus freien Stücken tut –, von dem muss erwartet werden können, dass er nicht wortbrüchig wird; dass er sein Versprechen nicht wegwirft wie ein Hemd, das ihm zu eng geworden ist.

Priesterliche Ehelosigkeit ist ein Zeichen rückhaltloser Hingabe an Christus. Wer sich für diesen Weg frei entscheidet, der gibt zu verstehen: Mit meiner ganzen Person will ich dem dienen, dessen rettende Wiederkehr ich erwarte. Jesus selbst, schreibt der Theologe Klaus Berger, „lebte ehelos, damit die Menschen glauben konnten, dass Jesus es ernst meint mit Gottes zukünftiger Ehe mit seinem Volk.“

Jesus hielt sich demnach durch seine Ehelosigkeit für die endzeitliche Vermählung von Gott und Glaubensvolk bereit – gerade so wollen es auch seine priesterlichen Nachahmer halten. „Die Neigung zu geistlicher Ehelosigkeit“, fährt Klaus Berger fort, „wächst mit dem Glauben an die Auferstehung.“ Könnte es sein, dass der Sinn für den Zölibat verloren ging, weil kaum noch jemand an die Auferstehung glaubt?

Missbrauch und Missbrauch

Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, täglich herrlicher werden die Zeiten. Im Minutentakt lassen sich Meinungen in die Welt hinaus trompeten, die ohne Gedankenarbeit aus dem Griffel perlen. Bisher war es so: Man hat eine Ahnung und eine Absicht, aber partout keinen Schimmer. Also muss man mit Leuten reden, die sich auskennen, muss durch Bücher sich quälen, denken, formulieren, überdenken, und am Ende bleibt dann vielleicht von der ganzen schönen Absicht ein Schweigen. Man hat sich geirrt, nun weiß man es besser. Riskant ist das Denken auf eigene Rechnung.

Wie anders geht es heute zu. Das Denken lähmt nicht das Reden, wunderbar leicht, losgekettet von jeglichen Gedankens Schwere, hat das Plappern befreiende, ja moralische Kräfte. Ein Wort, das auf absolut verwerfliche Umstände deutet, hat das Reden entriegelt: Missbrauch. Weil eben jener sich in katholischen und evangelischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet hat, vor allem aber offenbar in römisch-katholischen, darf nun jeder und jede der Rechthaberei die Zügel schießen lassen.

Eine Zeitung titelte: „Kirche in ihrer schwersten Krise“. Ergo waren die Kirchenspaltungen von 1054 und 1517 heitere Randnotizen, ergo sorgten auch Kreuzzug und Dreißigjähriger Krieg für Kriselchen, allerhöchstens. Eine andere Zeitung forderte, überführte Priester dürften keine Priester mehr sein – als ließe sich das Weihesakrament, das eben mehr ist als ein unverbindlicher Berufseinstieg, abwaschen.

Der neckischste Witz aber gelang jener Agentur, die eine Meldung mit der Zeile überschrieb: „‘Wir sind Kirche‘ setzt Papst Benedikt unter Druck“. Bekanntlich handelt es sich bei dem als „Basisbewegung“ titulierten Verein um einen Seniorenlesezirkel, der sich an den Stellungnahmen seines Sprechers Christian Weisner und dessen politischer Theologie erfreut. Ähnlich ernsthaft wäre eine Schlagzeile der Art, „Gemeinderat von Neutraubling fordert Barack Obama zum Rücktritt auf.“

Auch der kaschubische Großdichter Grass weiß, was die Stunde geschlagen hat. Die katholische „Sündenauffassung innerhalb des Sexualbereiches, diese Verklemmtheit“ habe „Fälle zur Folge, wie sie jetzt ans Licht kommen“. Der Erwerb etwa eines Handbuchs theologischer Fachbegriffe oder des Katechismus sei dem Pfeifenschmaucher und Potenzlyriker empfohlen. Und hätte nicht ein festeres Bewusstsein der eigenen Sündenhaftigkeit, eine stabilere Sexualmoral manchen Kleriker vor Abirrungen bewahren können?

Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen. Die Wegweiser sollen fallen, weil man selbst gerne querfeldein unterwegs ist, die Ampeln und Stoppschilder verschwinden, weil man selbst gerne tüchtig auf die Tube drückt. Da soll nichts mehr sein, was das Ich hemmen könnte in seinem Drange.

Keine Frage: Jedes einzige Vergehen ist eines zu viel, jede einzige Untat verlangt nach Recht und Sühne, nach Reue und Bestrafung. Wer lügt, trickst, vertuscht, der potenziert das Leid, der wird zum Handlanger des Bösen, der schließt sich selbst aus jener Gemeinschaft aus, der er formal noch angehört. Die inflationäre Rede aber vom Missbrauch hat längst missbräuchliche Züge. Das Wort wird Tabuwort, das zudeckt, nicht aufdeckt. Es bündelt einerseits viel zu viele verschiedengestaltige Phänomene, als dass es erklärenden Charakter hätte.

Andererseits trägt es eine Unwucht in sich. Was nämlich wäre sein Gegenstück? Wenn der Missbrauch von Menschen – woran kein Zweifel besteht – schlecht ist, wäre dann der Gebrauch gut? Kann man Menschen gebrauchen oder missbrauchen, je nach dem Stand des eigenen ethischen Projekts? Sind beides also relative Größen, die auf einen mal mehr, mal weniger angemessenen zwischenmenschlichen Umgang deuten?

Nein. Menschen sind keine Sachen, auch der Gebrauch wird ihnen nicht gerecht. Das Chiffrewort ist Ausdruck eines falschen Denkens. Es muss für Schuldzuweisungen und Differenzierungsverbote herhalten, weil es unschicklich scheint, eine böse Tat als böse auszusprechen. Das ungeachtet aller Umstände Böse, das in sich Böse, mit dem die Täter, christlich gesprochen, sich ihr eigenes Gericht bereiten, soll mit ein und demselben Ersatzwort relativiert und perpetuiert werden.

Die böse Tat wird zum „Missbrauchsfall“ umetikettiert und damit zum rein säkularen Phänomen. In den Kernbereich des Christlichen, den Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung vor Gott, will die Diesseitsmoral eindringen.
Die Lektion soll lauten: Eine solchermaßen entkernte Religion braucht kein Mensch, ja darf kein Mensch mehr brauchen. Wir, die mobile Einsatztruppe des richtigen Verhaltens, müssen am moralischen Herzen dieser Sinnstiftungsagentur operieren, um Schaden von der Welt abzuhalten. Die Operation gelänge, wenn der Patient stürbe.

Es liegt nun an den Christen selbst, ob sie diese Angriffe im Gewand des Heilens und Helfens ebenso mutig wie selbstkritisch parieren. Sonst gibt es eine Alternative weniger zu den Dogmen der Diesseitigkeit und den Gelübden der Selbstverdummung.

Das Unwort des Jahres

Das Jahr ist noch jung, viel Raum also für Idiotien jedweder Art. Bekanntlich sind auf diesem Gebiet keinem Politiker, keinem Helden der Öffentlichkeit und auch keinem Schreibenden Grenzen gezogen. Ich schreibe es nieder, fasse mir an die eigene Brust und muss doch fortfahren: Für mich steht das Unwort des Jahres schon fest. Ganz sicher bin ich mir, seit ich vor wenigen Tagen ein Wort kennenlernte, dessen Existenz mir bisher komplett verborgen geblieben ist. Es handelt sich um die Sprengelpflicht.

Für wenige Augenblicke schaffte das kuriose Wörtlein es auf die vorderen Plätze der Radionachrichten. Der bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte nämlich für Recht erkannt: Die kleine Isabell muss weiterhin die Grundschule in Bach an der Donau bei Regensburg besuchen. Die Pforten der Ganztagsgrundschule im Nachbarort Tegernheim bleiben ihr verschlossen. Der Wunsch der Eltern ist nicht von Belang, die Sprengelpflicht steht höher.

Ich lernte: Neben dem Schulzwang gibt es in weiten Teilen Deutschlands die Sprengelpflicht. Die sogenannten Pflichtschulen, also Grund- und Hauptschule, sollen gleichmäßig befüllt werden. Deshalb haben die Kinder die ihrem Lebensmittelpunkt nächstgelegene Schule zu besuchen. Eine Ausnahme ist nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ möglich.

Ein solcher, entschied nun das Gericht, ist weder der Wunsch der Mutter, ins Berufsleben zurückzukehren, noch die Auffassung der Eltern, das pädagogische Konzept der weiter entfernt liegenden Schule sei für ihr Kind besser geeignet. Bereits im August 2009 hat das Bundesverfassungsgericht die Sprengelpflicht für verfassungskonform erklärt.

Deftig ist die im bayerischen Urteil überlieferte Begründung. Der Elternwunsch, lese ich, laufe der staatlichen Schulorganisation zuwider. Und dann folgt der beeindruckend klare Satz: „Ein zwingender persönlicher Grund, der gewichtiger als das Staatsinteresse sei, liegt nicht vor.“ Der Staat hat also, einem Lebewesen gleich, Interessen. Diese können mit anderen Interessen und Wünschen kollidieren, die dann in der Regel zurückzutreten haben.

Schließlich, heißt das wohl, ist der Staat Interessengeber und interessierter Akteur gleichermaßen, er hat Interessen und er teilt sie zu, er wacht über das Interesse, das andere ihm gegenüber anmelden und schneidet es sich zurecht. Freiheit sind dann die Schnipsel, die am Boden liegen bleiben, nachdem der Staat seinen Schnitt gemacht hat.

Der Sprengel war ursprünglich jener Bereich, den der Bischof mit Weihwasser besprenkelte. Er markierte den Einflussbereich einer bestimmten geistlichen, später auch weltlichen Macht, ist also eine Erscheinung aus Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Heute noch aber fährt der Staat segnend und teilend durch die Lande, sammelt die Kinderlein ein und liefert sie ab, wie und wo es ihm gefällt. Er kommt nicht zu Pferde, ein papierner Pegasus namens Erziehungs- und Unterrichtsgesetz genügt ihm.

Des Preisens muss kein Ende sein. Wie wäre es mit der Volksbank- und Raiffeisenpflicht? Denn wo der Staat den Untertan wohnen lässt, da soll er auch sein Geld lassen. Der teure Ankauf ausländischer Daten-CDs entfiele dann ganz. Oder mit der Urlaubs- und Freizeitpflicht, die Fernreisen nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ zulässt, dem heimatlichen Sprengel zuliebe? Sollte nicht auch Schluss sein mit der Ausbildungs- und Berufswahl? Angeboten wird nur noch, was die heimische Hochschule hergibt, das örtliche Handwerk braucht, dem regionalen Markt ermangelt.

Bleibe im Lande und nähre dich redlich: Vieles ließe sich da noch bessern, von Sprengel zu Sprengel, Scholle zu Scholle. Die Zukunft wird, wie alles einmal war, sie bringt Lohn gegen Fron, Leben für den Leviathan und Gehorsam für mich, Schutz und Schild im Wechsel. Narrhallamarsch!

Missbrauch, Skandal und verschwiegene Fragen

Aus vielen Zutaten ist die aktuelle Debatte über Missbrauchsfälle an jesuitischen Schulen in den siebziger Jahren zusammengesetzt: Eine dröhnende und späte Selbstanklage trifft auf gratismutige Empörung, katholisches Lavieren und Kirchenhass befeuern sich wechselseitig. Diese trübe Suppe kann keinem schmecken.

Dennoch serviert man sie uns täglich. Die, die es schon immer wussten, prosten denen, die es schon immer besser wussten, zu: Mit der Kirche im Allgemeinen und dieser römisch-katholischen im Besonderen sei einfach kein Staat zu machen. Besser wäre es, sie verschwände ganz.

Der Eifer, mit dem der Hexentrunk befeuert wird, täuscht über die Tiefendimension des Falles hinweg. Die Etiketten sind schnell zur Stelle, weil sie argumentative Sollbruchstellen bemänteln. Das vermeintlich Fraglose soll dem Fragen eine strikte Grenze ziehen. Nur sehr selten wird etwa die Frage erörtert, ob es denn gerecht zugehe, wenn mit anklagendem Getöse eine besondere Disposition katholischer Würdenträger zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger unterstellt wird.

Vor elf Jahren etwa, erinnerte jetzt der Berliner Politik-Blog „Spreeblick“, war die säkulare und recht elitäre „Odenwaldschule“ Zentrum derselben quälenden, peinigenden Aufklärung. Im November 1999 wurde der langjährige Leiter der eher linksliberal-multikulturellen Reformschule der Pädophilie überführt. In den 1980er Jahren hatte er laut einem Betroffenen männliche Schüler „in inflationärem Umfang sexuell missbraucht“.

Verständlich ist das gesteigerte Maß an Entrüstung, wenn die Täter zuvor versprachen, ihr ganzes Leben Christus zu weihen. Derber kann man das Versprechen nicht verhöhnen als durch Gewalt gegenüber jenen, die der Nazarener in die Mitte stellte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich gelangen.“

Symptomatisch ist derlei Verbrechen aber nicht. Käme irgendjemand auf die Idee, Männer keine Jungen mehr unterrichten zu lassen, um diese vor jenen zu schützen? Ein solcher Generalverdacht wäre abwegig und ehrabschneidend. Und ebenso abwegig sollte er auch dann sein, wenn er geistliches Personal betrifft.

Die römisch-katholische Kirche sieht sich auf der Anklagebank, weil man mit dem Zölibat das „missing link“ zwischen Pädophilie und Profession meint gefunden zu haben. Davon abgesehen, dass auch andere christliche Bekenntnisse unter derselben Geißel leiden: Der Zölibat ist im 21. Jahrhundert das am deutlichsten sichtbare Zeichen, dem die Welt widerspricht; schließlich bezweifelt er deren gesamte Logik.

Da in der Spätmoderne alles Welt werden soll, da alles aufgehen soll im Ewiggleichen, im Durchschnitt und im Diesseitigen, gilt dem Zölibat ausdauernde Ablehnung. Dass er im Kern ein Hoffnungszeichen ist für die Welt, indem er das Unbedingte zur Bedingung macht einer ganz anderen Existenzform, darf die Welt sich nicht eingestehen.

Der Zölibat hält inmitten all des Vorläufigen und Relativen dem Absoluten die Tür offen. Die Welt aber will mehr vom Gleichen, nichts vom Besonderen; will mehr von der Gegenwart, kaum etwas von der Zukunft und schon gar nichts aus den Tiefen der Vergangenheit. Dort reicht ihr Regiment nicht hin.
Der zölibatär lebende Priester kränkt, allein weil er ist, die Gegenwart fundamental. Sie vergilt es ihm mit Generalverdacht, Sippenhaft, Schuldsvermutung.

Ebenso kränkend mag man einen weiteren, darum verschwiegenen Gedanken empfinden: Die Zeit, in der sich die nun in Rede stehenden Übergriffe ereignet haben, war der Höhepunkt einer inneren Krise der Kirche. In dieser nachkonziliaren Krise wiederum bildeten die Jesuiten die Speerspitze des Neuen. Unter ihrem von 1965 bis 1981 amtierenden Generaloberen Pedro Arrupe, einem Basken, wandelten sie sich von den Prätorianern des Papstes, ihm unüberbietbar ergeben, zu „des heiligen Vaters ungehorsamen Söhnen“ – so ein Buchtitel von 1991.

Es waren Jesuiten, die den lockenden Seim des Marxismus und der Befreiungstheologie in sich aufsogen und den „Arbeiterpriester“ salonfähig machten; Jesuiten stemmten sich gegen die „Pillen-Enzyklika“ Pauls VI. und gegen den Pflichtzölibat, und Jesuiten wurden auch von Johannes Paul II. mehrfach zur (Kirchen-)Ordnung gerufen. Für jede liturgische oder theologische Extravaganz findet sich noch heute zuverlässig ein Jesuit, der sie gutheißt.

Schon Paul VI. fragte 1966 die Generalkongregation der Societas Jesu, ob er „noch“ auf deren besondere Treue bauen könne. Erstaunen und Schmerz erfüllten ihn angesichts der „Übernahme weltlicher Lebensart“ durch einige Jesuiten. Johannes Paul I. sah 1978 die Gefahr, dass jesuitische „Lehren und Publikationen unter den Gläubigen Verwirrung und Desorientierung anrichten“.

Johannes Paul II. dekretierte 1982 vor den Provinzoberen der Jesuiten, die Aufgabe eines Priesters sei nicht „die eines Arztes, eines Sozialarbeiters, Politikers oder Gewerkschafters“. Die Glaubenslehre dürfe nicht von „persönlichen Kriterien oder sozio-psychologischen Theorien“ bestimmt werden. Eine Ahnung dieser Spannung war noch greifbar, als Benedikt XVI. im Januar 2008 an den scheidenden Generaloberen schrieb. Die Gesellschaft möge „das wahre Charisma des Gründers wieder klar und deutlich bejahen“.

Wir lernen: Reformeifer und der Hang zur Selbstsäkularisierung schützen nicht vor Abgründen. Die moralische Lauterkeit in der Kirche wächst keineswegs automatisch, wenn die Kirche sich weltlicher gibt. Das Rüstzeug wider die Versuchung wird nicht mit der Romkritik frei Haus geliefert. Man kann sich moralistisch über Tradition und Konvention erheben und dennoch nicht die bessere Moral gepachtet haben. Der Umkehrschluss gilt natürlich auch – damit aber wäre der weiche Boden des allgemein Fraglosen wieder erreicht.

Guttenbergsche Geschichtsprophetie

Von zweierlei Art kann das akademische Vorwort sein. Oft dient es dem Dank an die Lehrer und stellt die Arbeit umständlich unter den Scheffel, damit sie desto heller erstrahle. Solches Vorwort ist das Graubrot an Deutschlands Universitäten und die Regel.

Manchmal aber schwingt das Proömium sich auf in die Höhen eines Manifests, hebt ab in den Orbit der Globaldeutung, des ein und für alle Mal und sehr zu Recht Gesagten über Mensch, Welt, Kosmos, Geschichte. Von solcher Art ist das Vorwort, mit dem Karl-Theodor zu Guttenberg seine juristische Dissertation einläutete. Sie heißt „Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“.

Wer heute, da der Verteidigungsminister heikel jettet zwischen Hindukusch und Berlin, das 2009 publizierte Bayreuther Werk noch einmal hervorholt, der begreift: Nur in der internationalen Politik konnte dieser Deutungswille eine Form findet. Zu Guttenberg erweist sich auf den zwei sentenzensatten Seiten als Meister der Verknappung.

Essenz ist hier alles: das an Spengler wie Toynbee mahnende morphologische Denken, die Melancholie, das Schaudern zwischen Schimmer, Schemen und dem „Blick nach innen“. Zu Guttenberg hebt nach einer knappen Exposition des Themas – „Europa und die USA“ – an mit dem „Schimmer der Ernüchterung“, der „kleinen wie epochalen Erschütterung“ und „mancher Tradition“, die der Nostalgie gewichen sei. Gemeint ist besagtes Verhältnis von Alter und Neuer Welt.

Dem Historiker klassischer Prägung, der wie zu Guttenberg in der Geschichte ein Gewebe erblickt aus „Kraftfeld“ und „gestaltenden Persönlichkeiten“, wird nicht bang. Er weiß, dass Geschichte ein zyklisch‘ Ding ist und dennoch immer nah am Scheitern. Europa habe seinen „Pfad“, lesen wir, „eklektisch eigen beschritten“, den Weg der Verfassung nämlich, und sei „wiederkehrend am Scheideweg“: „Kann man demgemäß und aktuell von Scheitern sprechen? Von einem großen Projekt, das im Angesicht des Hafens noch tragisch Schiffbruch erleidet? Oder vernehmen wir lediglich ein erneutes, wenngleich keuchendes historisches Durchatmen?“

Die asthmatische Rede geht vom europäischen Verfassungsvertrag, der als „Vertrag von Lissabon“ keine Verfassung geworden ist. Eine „Zäsur“ ortet zu Guttenberg, ohne zu verschweigen, dass Zäsuren wie Scheidewege, mögen sie uns auch erschüttern und ernüchtern, „traditionell paradox“ auf Kontinuität deuten: „In jeder noch so brachialen Ablehnung“ sei „immanent der Fortgang angelegt.“ Die Historie lässt sich nicht betrügen, sie geht über den Menschen hinweg. Der Historiker ist in zu Guttenbergs Perspektive ihr rückwärtsgewandter Prophet, nicht ihr Gestalter.

Alles bleibt sich gleich im Haus der Sprache, das hier ein Haus des ganzen Seins sein soll. Wer Geschichte studiert, wie sie hier studiert wird und wie sie etwa im Kaiserreich überall gelehrt worden ist, der steht immer kurz davor zu verzweifeln und zweifelt dann eben nicht. Ihm bleibt das Los auferlegt, noch in den Adverbien, die „demzufolge“ heißen und „indes“ und „gleichwohl“ und „nunmehr“, dem Einst die Treue zu halten.

Zu Guttenberg weiß: Beitragen kann er nur „eigenes Gemurmel“, entstanden trotz „intellektuell dürftigerer Alltagserlebnisse“. Im Winter 2008, als er das Vorwort schrieb, war er bekanntlich Generalsekretär der CSU, zuvor Vorsitzender des CSU-Bezirksverbandes Oberfranken.

Wenn es abschließend heißt, der Verfasser habe eine „verwegene Charakter- und Lebensmelange“ einschließlich einer „beklagenswerten Eitelkeit“, dann ist dieses Bekenntnis mehr als eine Captatio benevolentiae. Karl-Theodor zu Guttenberg müssen wir einen Aphoristiker und Geschichtsmorphologen nennen, den Kairos suchend, Kairo findend.

Mundschenk Merkel und die Wechselwähler

Im pfälzischen Neustadt hat man dem Elwedritsche ein Denkmal errichtet. Der Elwedritsche ist ein scheues Tier. Man hat ihn kaum je gesehen, obwohl Jahr um Jahr sich eine Jägersmeute auf den Weg macht. Sie zieht aus in die pfälzischen Wälder, will das Wesen im Unterholz aufspüren. Fliegen kann der Elwedritsche nicht, obwohl er Flügel hat. Springend, hüpfend muss er sich bewegen, hakenschlagend so schnell, dass manche gar behaupten, es gäbe ihn gar nicht. Das aber wäre gelogen.

Der Elwedritsche von Berlin heißt Wechselwähler. Gewiss, es muss ihn geben, doch unfassbar scheu ist auch er. Kaum hat sich eine Partei auf die Jagd nach ihm begeben, nimmt er Reißaus. Weil das traditionelle Unterholz, Milieu genannt, schwindet, schlage der Wechselwähler mal Haken nach links, mal nach rechts, sei nie da, wo man ihn erwartet.

Die SPD erfand einen „Basta“-Kanzler, um den Wechselwähler, den man weit jenseits des klassischen Proletariertums vermutete, an sich zu binden: Das Experiment missglückte. Die FDP zog sich einen Spaßvorsitzenden heran, der dem Wechselwähler zeigen sollte, wie schön es doch sein kann, wenn man sich beim Geldverdienen auf die Schenkel klopft: Das Experiment misslang. Die ehemalige SED-PDS bot dickschädligen Kommunisten ein Heim, um sich für das westdeutsche Schaufenster heraus zu putzen: das Experiment wird scheitern.

Einzig Angela Merkel weiß es besser. Ihre Partei, derzeit CDU gerufen, stimmt einen Lockruf an namens „Berliner Erklärung“. Nach dieser neuen Melodie will man tanzen, um den Wechselwähler zu beeindrucken: „Weniger als 25 Prozent der deutschen Wählerinnen und Wähler sagen heute, für sie käme nur eine einzige Partei in Frage. Es wird daher mehr denn je entscheidend darauf ankommen, die eigenen Stammwähler zu binden und neue Wähler hinzu zu gewinnen. Wahlen werden in der Mitte gewonnen.“

In der Mitte also muss der Wechselwähler sitzen. Dort sitzt er und freut sich ganz ungemein, dass die CDU nun Ja sagt zu „allen Schichten und Gruppen“ und also auch zu ihm. Er lauscht der „Berliner Erklärung“ und freut sich noch mehr, dass die CDU alle „bisherige Wählerinnen und Wähler der SPD“ gewinnen will, „die vom Linksruck dieser Partei enttäuscht sind“ und auch die „Zuwandererfamilien“, dass ferner der CDU „die Bewahrung der Schöpfung ein besonderes Anliegen ist“, ebenso „eine internationale Finanztransaktionssteuer“.

Der Wechselwähler ist demnach ein zoon politikon mit schlechten Manieren. Er nascht von jedem Tisch, auf dem ihm gerade aufgetragen wird. Es macht ihm nichts aus, sich mit „allen Schichten und Gruppen“ an derselben Tafel wiederzufinden. Er ist gerne wie jeder – solange ihm der Eindruck vermittelt wird, er sei etwas ganz Besonderes. Er mag, genäschig, wie er ist, mal dieses, mal jenes, und wenn alles serviert wird, findet er gewiss das Richtige für sich. Die Köchin lässt ihn nicht darben, stets dampfen die Kessel, an alle ist gedacht und also auch an ihn.

So stellt der Wechselwähler aus parteistrategischer Sicht sich dar. Kein einnehmendes Wesen hat er. Bedient will er werden, und die Politik bedient gerne, gibt den Mundschenk der Masse. Noch jemand ohne? Nichts ist aus, alles ist da, kein Problem, komme gleich, komme gern!

Es ist der traurige Unernst, ist das Misstrauen gegen sich selbst, das die „Berliner Erklärung“ zu einem so miserablen Stück Papier macht. Hier ruft eine Partei, die an sich selber zu verzweifeln droht, ganz pathetisch und mit viel Tremolo in der Stimme: Habt uns lieb! Wählt uns! Von uns bekommt ihr alles!

Das mag den einen oder anderen aufhorchen lassen. Schnell aber wird der Wechselwähler aufstehen, zu schwer sein für jeden Gedanken und den Schlaf des Vergessens schlafen. Wenn er aufwacht, wird er von nur einem Vorsatz getrieben sein: Nie wieder ein solches Gelage. Diese Köchin merk’ ich mir. Und dann beginn schönere, ernstere und viel vernünftigere Tage.

In der Panikfalle

Also sprach die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache: „Wir können nicht erwarten, dass der Wirtschaftseinbruch schnell wieder vorbei ist. Manches wird gerade im neuen Jahr erst noch schwieriger, bevor es wieder besser werden kann.“ Also ergänzte wenig später Parteifreund Wolfgang Bosbach: In einem halben Jahr schon werde auf Deutschlands Flughäfen der Körper- oder Nacktscanner probeweise eingesetzt. „Zügige Antworten“ seien beim „Thema Flugsicherheit“ gefragt.

CSU-Fraktionskollege Hans-Peter Uhl sekundierte: „In Zeiten des Massen-Tourismus können wir auf Körperscanner nicht verzichten, um Terroristen aus dem Strom der Fluggäste schnell herauszufischen.“ Die Niederlande und Nigeria haben sich bereits dazu entschlossen, Italien und Großbritannien wollen es ihnen gleich tun. Uhl weiß, man kann Bilder auswerten, „ohne dass Sicherheitsbeamte sie zu sehen bekommen. Erkennt der Rechner einen versteckten Gegenstand, gibt er ein Warnsignal, und der betroffene Passagier wird von Hand durchsucht.“

Vor wenigen Tagen schien die Wirtschaftskrise bereits hinter uns zu liegen. Der Chef-Volkswirt der Allianz prophezeite „ein gutes Konjunkturjahr für die deutsche Wirtschaft“, konkret ein Wachstum von 2,8 Prozent. „Das wäre das stärkste Plus seit 2006.“ Die Kanzlerin selbst jubelte im August mit, als ein Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 0,3 Prozent im zweiten Quartal als Epilog der Krise galt.

Nun ist Merkel wieder sehr in Moll gestimmt – vergleichbar ihrem Ressortkollegen Rösler, der sich Anfang Dezember öffentlich gegen Schweinegrippe impfen ließ. Der „sicherste und wirksamste Schutz“ gegen das H1N1-Virus sei eine solche Impfung. Einen „Impfgipfel“ berief er ein. Die Mediziner sollten sich rasch informieren, die Patienten aber gedulden, nicht drängeln, jeder komme dran. Einen Monat ist das her.

Heute verhandelt die Regierung mit der Pharmaindustrie, um den Impfstoff Pandemrix kostengünstig zurückgeben zu können. In Deutschland sollen im zurückliegenden Jahr 132 Menschen der Schweinegrippe zum Opfer gefallen sein – also etwa 0,00165 Promille der Bevölkerung. Die Pandemie hat nicht stattgefunden. Die Wirtschaft hat bisher auch nicht kollabiert, Pauperismus ist anderswo, Depression war einmal. Nicht anders wird es der Jagd nach den menschenwürdeschonenden Nacktbildern für Computeraugen ergehen. Kein Halali wird da erschallen.

Die Politik steckt in der Panikfalle. Ein Durchlauferhitzer ist sie geworden. Nachrichten werden nach dem Muster einfacher Reiz-Reaktionsmechanismen in politische Reflexe übersetzt. Der Umweg über das  Gehirn ist nicht vorgesehen. Jedem Problem und jeder Problemvermutung wird mit markigen Worten begegnet, deren Halbwertszeit nach Wochen rechnet.

Immer lautet der Refrain, da dürfe man sich keine Zeit lassen, immer heißt es in der Strophe, wenn man nur könnte, wie man wollte, wäre die Welt eine bessere. Allein die politischen Mitbewerber wüssten nicht, was die Stunde geschlagen hat. Das Bild des Machers will die Menge sehen, und sie bekommt ein Panoptikum energischer Verkünder und Durchblicker geliefert, die sich gegenseitig auf den Zehen stehen.

Die erste Szene des neuen Stücks von Botho Strauß, „Leichtes Spiel“, trägt den Titel „Paniktag“. In einem weitgehend leeren Supermarkt treffen sich „Die Ängstliche“ und „Der linkische Mann“. Sie ist zu spät, die Regale sind wie leergefegt. Er hingegen hat die Meldungen in den Nachrichten, die auf eine allgemeine Drohung deuten, gar nicht gehört. Und so kaufen sie, was noch übrig ist, Topflappen im Dutzend, aber keine Handtücher. Es ist mal wieder einer von den Paniktagen, an denen man den Schauder konsumiert wie sonst das Dosenbier oder den Kurzurlaub.

Wie war das noch mal mit der Vogelgrippe, mit BSE und saurem Regen?

Die Käßmann-Krise

Ein großes Paket lag unter Deutschlands Weihnachtsbäumen. Es enthielt die Forderung, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen, die Forderung, das Betreuungsgeld nicht einzuführen und stattdessen die staatliche Ganztagsbetreuung auszubauen, die Forderung, den Castingshows im Fernsehen den Boden zu entziehen. Gepackt und geschnürt worden war das Paket von Margot Käßmann.

Die so reich ihr Land beschenkende Frau gab unlängst zu Protokoll, sie wolle „24 Stunden am Tag Bischöfin“ sein. Also muss wohl auch dem Paket mit den handelsüblichen politischen Forderungen ein bischöflicher, am Ende gar christlicher Sinn innewohnen. Bischöfin ist Margot Käßmann seit 1999 und seit Oktober 2009 zudem Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche. Gemeinhin wird sie Deutschlands ranghöchste Protestantin genannt.

Wie begründet sie ihre politischen Forderungen? In Afghanistan herrsche Krieg, „Krieg zieht immer Unrecht und Gewalt nach sich“, also dürfe die Bundeswehr sich nicht daran beteiligen. Das Betreuungsgeld, das von 2013 an jene Eltern erhalten sollen, die ihre kleinen Kinder zu Hause erziehen, könnte „ein Anreiz für manche Eltern sein, Kinder gerade nicht einer Bildungseinrichtung anzuvertrauen.“

Außerdem entspreche ein „Familienbild nicht mehr der Realität“, wonach Eltern für die Kinder kochen und mit ihnen Hausaufgaben machen. Drittens sei in Castingshows und verwandten Formaten der „programmierte Tabubruch“ das einzige Ziel, werde die Menschenwürde nicht hinreichend beachtet.

Es war keine Sternstunde des Protestantismus, als dieser sich als Deutschlands autoritäre Leitreligion verstand und die Nähe des Throns ganz selbstverständlich suchte. An die für überwunden geglaubte Allianz von Staatsmacht und Nationalkirche erinnert das Käßmannsche Credo, die Kompetenz für Kleinkinderbetreuung ganz dem Staat zuzuschreiben. Die „Realität“ gebiete es.

Das heißt doch wohl: Weil flächendeckend keine Mutter, kein Vater sich zu Hause um seinen Nachwuchs kümmern kann oder will, muss der Staat einen Normalfall etablieren, der die Minderheit der selbst erziehenden Eltern marginalisiert, wenn nicht gar unter Generalverdacht stellt. Die Protestantin traut dem Staat all jenes Gute zu, das die Eltern verspielt haben sollen.

Das Credo vom Pazifismus setzt ebenfalls bei einer „Realität“ an. Krieg ist ein schmutziges Geschäft, wer wollte es bestreiten. Ihm zu wehren ist Christenpflicht. Abermals jedoch ist die nationale Optik bezeichnend. Die Bundeswehr soll aufhören, sich am Krieg am Hindukusch zu beteiligen – völlig ungeachtet der Frage, ob nach dem Ausscheiden der Soldaten die Unrecht und die Gewalt und das Töten tatsächlich ein Ende haben werden. Zumindest kein deutsches Blut soll mehr fließen. Käßmann will „mit zivilen Mitteln Frieden schaffen, gerade in einem so gespaltenen Land.“ Der Realitätstest für diese Hoffnung steht aus.

Die Kritik an entwürdigenden Fernsehsendungen kann sich mit dem Verweis auf die Menschenwürde auf ein Kriterium berufen, das aus der christlichen Tradition hervorgegangen ist. Begründet indes wird es nicht christlich, sondern mit Blick auf die sozialen und psychologischen Nebenfolgen der televisionären Stigmatisierung Minderjähriger: „Wie sollen solche Kinder am nächsten Tag wieder mit Selbstbewusstsein in die Schule gehen?”

Es war also eine weltliche Predigt, war ein säkulares Sinnieren, das die Ratsvorsitzende am Hochfest der Geburt Christi massenmedial übermittelte. Der Cantusfirmus war strikt politisch und sehr deutsch. Weder der wahrlich internationale Charakter des Festes noch dessen Heilsbedeutung, von der doch Christen überzeugt sein müssten, fand sich wieder im Politjargon der Fachfrau.

War es nicht der urevangelische Glaubenszeuge Johann Sebastian Bach, der im Oratorium zu Weihnachten dessen Aussage ganz anders und sehr prägnant verdichtete? „Denn Christus hat zerbrochen, was euch zuwider war.  Tod, Teufel, Sünd‘ und Hölle sind ganz und gar geschwächt. Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.”

Wie anders klang doch Käßmann anno 2009 selbst in ihrer Weihnachtspredigt zu Hannover: Der Inhalt des Weihnachtsfestes bestehe darin, dass Gott „mitten unter uns ist wie ein Freund oder eine Schwester.“

Mit Margot Käßmann ist der deutsche Protestantismus in eine fundamentale Krise eingetreten. Aus Transzendenz  wird Politik, aus Theologie Gesellschaftskritik, aus Christentum Sittlichkeit. Als Krise kann die neue Ägide  zweierlei sein: der Durchbruch zum Neuen oder bloß der Abbau des Alten.

Das Klima, die Sache mit Kundus und die Gier nach Ewigkeit

Die großen K’s beherrschen den Augenblick: Kundus und Krise, Kopenhagen und Klima. In beiden Fällen kommt für den Betrachter ein fünftes K hinzu, das die Dinge undurchdringlich macht, die Komplexität. Niemand von uns war dabei, sintemal beim Tanklastzugbombardement in Kundus, niemand von uns wird dabei sein, wenn das Klima endgültig die Skeptiker oder die Hysteriker oder die Bedächtigen wird bestätigen.

Ganz andere Menschen als wir werden schmelzende Polkappen oder nichts Besonderes oder gar eine neue Eiszeit gewärtigen. Das vergangene Ereignis wird sich in seiner Komplexität nie so weit reduzieren lassen, dass alle Fragen sich klären. Die Zukunft wird sich nie so akkurat voraussagen lassen, dass die Debatten enden und irgendjemand das letzte Wort hat.

Erst das verschwiegene, das sechste K bildet den gemeinsamen Nenner: die Katastrophe hinter alldem. Das epidemisch wachsende Unbehagen an den Vorfällen zu Kundus verbirgt eine Urangst. Dass kein Krieg sei, nicht dort und grundsätzlich nirgends, wünschen wir uns. Und wenn schon ein Krieg oder eine kriegsähnliche Auseinandersetzung sein muss, möge es bitte keine Opfer geben aus Fleisch und Blut, nur Farben, die beim Blick durch die Kamera explodieren, nur Umrisse, die ihre Form verlieren, berstende Linien, kollabierende Kreise unter dem Druck der Verhältnisse. Ein Strategiespiel, keine Katastrophe soll der „Krieg 21“ sein.

Auch „Klimaleugner“ wie „Klimahysteriker“, als welche man sich wechselseitig bezichtigt, operieren vom selben verleugneten Grund aus. Niemand, der nun so laut das Wort erhebt, wird sich je für seine Prophetie rechtfertigen müssen. Wenn tatsächlich das von Menschen verursachte Kohlendioxid einen Anteil von maximal drei Prozent an der Gesamtmenge ergibt, ist womöglich der „Treibhauseffekt“ ein Schauermärchen.

Ebenso wenig aber kann der gemeine Nachrichtenkonsument das Gegenteil ausschließen: dass des Menschen Industrie die Atmosphäre irreversibel vergiftet hat, zum Schaden für Flora, Fauna, Homo sapiens.

Beide Fraktionen engagieren sich über jedes Debattenmaß hinaus, weil eine gemeinsame Schreckensvision sie quält, ein Bild, das im Gegensatz zu ihren so unterschiedlichen Voraussagen untrüglich wahr werden wird: alles endet. Die Erde wird es eines Tages nicht mehr geben, und wie jeder einzelne Mensch in Bezug auf seine Lebensspanne will das die Menschheit als Gattung nicht wahrhaben. Man will das Enden hinausschieben, am liebsten verhindern, indem entweder man dem „Klimatod“ entgegenarbeitet oder bestreitet, dass es diesen je geben wird.

An irgendetwas wird der Planet sterben. Er ist kein Ding, das unter idealen Umständen endlos bestehen kann. Er wird eines fernen Tages nicht mehr sein. Der Mensch wird verschwinden, die Erde vergehen. Diese lange Perspektive befreit nicht von der Verantwortung, ist kein Persilschein für einen Massenegoismus der Gegenwart zulasten der Zukunft. Wohl aber zeigen die Aufgeregtheiten dieser Tage, dass der Mensch wieder einmal schrill wird und unehrlich, wenn er mit dem Enden konfrontiert wird. Er wünscht sich Ewigkeit und tut alles, um dieser Illusion die Treue zu halten.

Insofern hat die Klimadebatte ebenso wie etwa der Streit um die Sterbehilfe Stellvertreterfunktion. Sie wird geführt, damit wir im Reden und Zetern vergessen, wie machtlos wir sind im Angesicht des Endens. Viel wäre gewonnen, sähen wir darin keine Katastrophe mehr, sondern das letzte Kapitel einer Geschichte, an der wir alle schreiben.

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