Der Seebär. Zum Tod des Schriftstellers Ulrich Schacht

Diesen Satz aus einer Biographie habe ich lange nicht verstanden: Geboren worden sei dieser Mann, dieser Mensch „im Frauengefängnis Hoheneck“. Wie kann das sein, dachte ich naiv, dass ein Mensch, ein Knabe in einem Gefängnis nur für Frauen zur Welt kam? Gewiss, das war eine sehr kindische Frage. Die DDR des Jahres 1951, von dem hier die Rede ist, hielt zur segregierten Bestrafung sogenannter Staatsfeinde Gefängnisse für beide Geschlechter parat, und warum sollte dort nicht, zwangsgetrennt vom Vater, der kleine Ulrich geboren werden? Als aus diesem der Erwachsene Ulrich Schacht geworden war, viele Jahrzehnte später, sagte er: „Es gibt eine Tradition in meiner Familie, in entscheidenden Momenten keine Rücksicht auf Bedrohungen zu nehmen und das zu sagen, was man für die Wahrheit hält. Ich bilde mir gar nichts darauf ein.“

Auch der Sohn einer deutschen Mutter und eines sowjetischen Offiziers, den er erst spät und mühsam kennenlernen sollte, worüber er „ein literarisches Meisterwerk“ (FAZ) namens „Vereister Sommer“ (2011) schreiben sollte, auch dieser Sohn Ulrich verbrachte wegen „staatsfeindlicher Hetze“ Jahre im DDR-Gefängnis. Knapp drei, um genau zu sein, ehe er im November 1976 von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft werden sollte. So kam der gelernte Bäcker und studierte Theologe nach Hamburg, studierte weiter Politologie und Philosophie, wurde Kulturjournalist bei der Tageszeitung „Die Welt“, hochdekoriert mit dem Theodor-Wolff-Preis des Jahres 1990. Auch als Schriftsteller, als Lyriker und Erzähler vor allem, erwarb er sich den Ruf des feingeistigen Solitärs, die Masse weder findend noch suchend. Den Eichendorff-Preis erhielt er 2013, den Preis der LiteraTour Nord dann 2016, nach Michael Köhlmeier und vor Tilmann Ramstedt. Ulrich Schacht war angekommen, anerkannt in der Bel Etage des literarischen Erzählens, erst recht mit seinem späten Romandebüt „Notre Dame“ (2017), einer doppelten Liebesgeschichte aus der Nachwendezeit.

In Erinnerung bleiben wird er mir als Seebär. So erschien er, ehe ich wusste, dass er in der Hansestadt Wismar aufgewachsen war, bei Großmutter, Mutter und Schwester, allein unter Frauen. Ob er je zur See fuhr? Niemanden vermochte ich mir passender am Steuerrad auf Holzplanken vorzustellen als diese bullige Gestalt mit nacktem Schädel, tief getönter Stimme, kollerndem Lachen, kecken kleinen Augen, kraftvollem Händedruck und immer, wirklich immer in Schwarz gekleidet, schwarze Hose, schwarzes Hemd, darüber ein zweites, dickeres, noch schwärzer, weit über den Gürtel reichend. Liturgisch streng war das und sehr bequem. Passend also für den Genussmenschen und orthodoxen Lutheraner, der 1987 die in Erfurt angesiedelte „Evangelische Bruderschaft St. Georgs-Orden“ gegründet hatte. Diese will „in protestantischer Gestalt und Substanz entschieden und streitbar die Wahrheit des Evangeliums in unserer Zeit und Gesellschaft leben und verbreiten.“

Wie verträgt sich derlei christliches Sendungsbewusstsein mit der Herausgeberschaft (gemeinsam mit Heimo Schwilk) des Sammelbandes „Die selbstbewusste Nation“ von 1995? War das die Lehre aus zwei Diktaturen: wieder wer sein wollen? Während Botho Strauß in seinem anlassgebenden Essay vom „Anschwellenden Bocksgesang“ den „Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream“ forderte und die „Diktatur des Vorübergehenden“ beklagte, „an die die Medien das Volk gewöhnt haben“, dachte Schacht heilspsychologisch. Es sei „die Pflicht der Deutschen, von Auschwitz zu wissen“ und aus diesem Wissen „nicht Stigma, sondern Sorge“ erwachsen zu lassen: „Die einzige – allerdings umfassende und dauerhafte – praktisch-moralische und eben nicht lediglich rhetorisch-rituelle oder bloß finanzielle Konsequenz aus diesem Wissen ist die Sorge um Israel. Denn jeder neue mögliche Holocaust-Versuch an Juden findet dort statt, wo das jüdische Volk lebt, nirgends sonst.“

Ulrich Schacht war ein politischer Mensch mit der Gabe der schneidenden Prägnanz: „Rechts und links sind Stand-Punkte, auf die sich nur noch berufen kann, wer ein schlechtes Gedächtnis hat.“ Er konnte sich über gegenwärtige Meinungskorridore und Sprechverbote in langen Wortkaskaden ebenso empören wie über die Merkelsche Migrationspolitik, doch die zarte Seele hat den Seebär nie verlassen. Ganz schwingt sie aus in seinen Gedichten und in seiner wunderbar inwendigen Novelle „Grimsey“ von 2015 über die Reise eines Mannes auf eine fiktive, vor Island gelegene Insel. Dort angekommen, weiß der Mann „für einige Minuten nicht, welche Richtung er einschlagen sollte.“ Ulrich Schacht beantwortete diese Frage in seinem Schreiben und Leben mit der Wahrheit unter den Bedingungen des Tages, der meist keiner Wahrheit günstig gesonnen war: „Der Rhythmus, in dem er über die Straßen lief, ja schwebte, sein Pfeifen in Wind und Himmel hinein verrieten, dass er die kleinste Gelegenheit nutzen würde, abzuschweifen.“

Ulrich Schacht starb am 16. September 2018 im Alter von 67 Jahren im schwedischen Förslov, wo er seit 1998 wohnte.

Nachtrag: In einer ausrangierten Brieftasche finde ich ein Schnipselchen Text aus dem Jahr 1992. Es entstammt der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ist „Herbst Brief“ überschrieben und ein Gedicht von Ulrich Schacht. Es geht so: „Verrat mir ein / Geheimnis. Oder mich. Oder / lösch ganz einfach das / Licht in deinem / Auge wenn du / gehst will // ich in der / Tür stehn die / Blätter zählen die der / Wind aufwirbelt ihre / Summe wissen wenn / sie wieder am / Boden // liegen: Das / Muster bergen das / unseren Augen / bleibt.“