Am 28. März 2019 forderte eine Wirtschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung: „Politik muss auch mal frustrieren.“ Das „EU-Verbot von Einwegplastik“ könne nur ein „winziger Anfang“ sein. Die Einschnitte müssten „auch in Deutschland viel tiefer gehen. Die Konsumenten werden es schon verkraften.“ Am 6. Juni 2019 forderte ein ehemaliger schleswig-holsteinischer Innenminister, Mitglied der SPD, in der Süddeutschen Zeitung „mehr Verbote“. Es sei „ein Trauerspiel, dass selbst bekennende Ökologen sich scheuen, zur Durchsetzung der Klimaziele für gesetzliche Verbote oder Auflagen zu werben.“ Die „strikte Regulierung gemeinwohlschädlicher Technik“ dürfe nicht länger tabu sein. Am 7. Juni 2019 erklärte Ellsworth Toohey auf der Bühne des Thalia-Theaters in Hamburg: „Das Grundübel unserer Zeit ist der Trugschluss, Freiheit und Zwang seien Gegensätze. (…) In ihrem Wesen sind Freiheit und Zwang dasselbe.“


Ellsworth Toohey ist ein Salonsozialist der schreibenden Zunft. Ersonnen hat ihn die philosophische Schriftstellerin, dichtende Philosophin Ayn Rand für ihren 1943 in den Vereinigten Staaten erschienenen Roman „The Fountainhead“. Dessen Adaption wurde nun in Hamburg aufgeführt. Natürlich, 1943 gab es noch keinen Heribert Prantl oder Jakob Augstein, wohl aber den Prototyp eines hochtourigen Schaufenstermoralisten, wie Ellsworth Toohey ihn verkörpert. Er vermag keinen Artikel zu schreiben, keine Rede zu halten, ohne nach „Umverteilung“, „Solidarität“, „Gerechtigkeit“ zu rufen. Ihm liegen die „Bedürfnisse aller“ am Herzen, während er sich das einzelne Individuum als Schuft denkt.

Ganz in Weiß ist Ellsworth Toohey in Hamburg gekleidet. Der dreiteilige Anzug steht ihm gut. Der Salonsozialist als Salonlöwe und Besserverdiener. „Verkehrsampeln“, erklärt Toohey gegen Ende der fast viereinhalbstündigen, in ihrer Präzision ebenso unterhaltenden wie anregenden, rundum empfehlenswerten Inszenierung Johan Simons’, „Verkehrsampeln schränken Ihre Freiheit ein, eine Straße jederzeit zu überqueren. Doch diese Einschränkung gibt Ihnen die Freiheit, nicht von einem Lastwagen überfahren zu werden. (…) Durch jeden neuen uns auferlegten Zwang gewinnen wir automatisch eine neue Freiheit.“ So hütchenspielerschlau die Klauberei sein mag (hat jemand schon den Zwang zur Armut gerühmt, die in Venezuela gerade die Freiheit kalorienarmer Ernährung schenkt?): Solche Begriffsjonglage erfreut sich hierzulande großer Beliebtheit unter grün-linken Vorzeichen, in Medien, Politik, Teilen der Gesellschaft.

Ellsworth Toohey ist eine Edelfeder im Medienimperium des Gail Wynard. In dessen boulevardesker Tageszeitung The New York Banner, entnehmen wir der deutschen Übersetzung des Romans „The Fountainhead“ durch Werner Habermehl unter dem Titel „Der Ursprung“, spiegelt sich ein „neuer Trend der öffentlichen Meinung“ wieder. Auch diese Beobachtung Ayn Rands klingt wie für deutsche Verhältnisse des Jahres 2019 geschrieben: „In Berichten über Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wurden die Arbeitgeber allein schon durch die Wortwahl schuldig gesprochen, was auch immer die Tatsachen sein mussten. In Texten über die Vergangenheit hieß es immer ‚unsere dunkle Vergangenheit‘ oder ‚unsere trübe Vergangenheit‘. In Erörterungen persönlicher Motive waren die Menschen immer von ‚Eigennutz getrieben‘ oder ‚von Habgier besessen‘. In einem Kreuzworträtsel war der Suchbegriff ‚Antiquierte Individuen‘. Das Lösungswort lautete ‚Kapitalisten‘.“

Ayn Rand war eine leidenschaftliche Verfechterin des Kapitalismus. Als Philosophie wie als Praxis war der Kapitalismus der russischen Emigrantin aus jüdischem Elternhaus die größte Garantie für das größtmögliche individuelle Glück, verstanden als Zustand widerspruchsloser Freude. Nur in einer kapitalistisch verfassten Welt schienen ihr das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf Eigentum und nicht zuletzt der freie Wille verbürgt. Ayn Rand schrieb in ihrem Hauptwerk, dem Roman „Atlas shrugged“ von 1957: „Wenn der Mensch auf der Erde leben soll, ist es richtig, dass er seinen Verstand verwendet, ist es richtig, dass er nach eigenem freien Ermessen handelt, ist es richtig, dass er für seine Werte arbeitet und das Produkt seiner Arbeit behält. Wenn das Leben auf der Erde sein Ziel ist, hat er ein Recht, als ein rationales Wesen zu leben.“

Als Hohepriesterin des Egoismus gilt Ayn Rand – freilich eines rationalen oder klassischen Egoismus’, worauf Tibor R. Machan in seiner Monographie „Ayn Rand“ von 1999 eindrücklich hinweist. Rands Egoismus lehre gerade nicht, „dass jeder immer selbstsüchtig ist. Diese Lehre sagt nicht: ‚Tu, was immer du tun willst.‘ Er lehrt, dass ein gutes menschliches Leben zu führen bedeutet, eine denkende, überlegende, aufmerksame Person zu sein.“ Dann und erst dann kann sich eine gute Gesellschaft entwickeln. „Die Frage ‚Wie sollte eine menschliche Gemeinschaft organisiert sein?‘ ist nur im Sinne von ‚Wie sollte ich, ein Mensch, mein Leben leben?‘ beantwortbar.“ Heute dominieren Verbotskulturen und Gruppenphantasmen in der Nachfolge eines Ellsworth Toohey.

Schlechte Zeiten sind es wieder einmal für Rands Musteregoisten Howard Roark, einen unangepassten Architekten, die Hauptfigur in „Fountainhead“. Er schätzt an sich und anderen exakt zwei Dinge: ein autarkes Ego und eine rationale Weltwahrnehmung. Sie verbürgen Glück, nur sie. Wenn Ellsworth Toohey den Bauten Roarks eine „beleidigende Unabhängigkeit“ vorwirft – sie fügen sich in keine Umgebung –, benennt er den fundamentalen Gegensatz. Toohey will Gleichklang, Allgemeines, die Masse, Roark Unterschiede, Besonderes, das Individuum: „Der schöpferische Mensch denkt und arbeitet allein. Er opfert niemanden.“ Ergo: Wer die Menschheit im Munde führt, ist bereit, den Menschen zu opfern.

Toohey bekennt es. Er habe den Massen immer Altruismus gepredigt, damit diese sich schuldig fühlen und sich in ihrer Schuld zu ihm flüchten. Um herrschen zu können, griff er ins hohe Moralregister: „Treibe einen Keil in die Seele eines Menschen, lege deine Hand darauf – und er gehört dir. (…) Lass nicht zu, dass jemand glücklich ist. Glück bedeutet Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Glückliche Menschen sind freie Menschen. Zerstöre also ihre Lebensfreude. (…) Der Altruismus ist dabei von großer Hilfe.“ Die grün-linke Verbotspastoral unserer Tage lässt sich vor diesem Hintergrund als Einladung zur Unterordnung deuten. Und der schrille Panikton als Leitmotiv geistiger Einebnung. So schwindet Freiheit, denn Freiheit braucht Unterschiede, braucht Eigentum, materielles wie intellektuelles, braucht die Bereitschaft, selber zu handeln statt andere zu ermahnen.

Howard Roark setzt „das wunderbare, unabhängige Denken seines Geists“ dagegen. In einer abschließenden Rede erkennt er „keine Verpflichtungen gegen Menschen an außer einer: ihre Freiheit zu achten und mich nicht mit einer Gesellschaft von Sklavenhaltern einzulassen.“ Ayn Rand wusste, woran es damals gebrach und heute gebricht und was wir bräuchten, ehe wir im geistigen Treibsand ertrinken: Den Mut zur Freiheit. Die Leidenschaft des eigenen Gedankens. Die Verantwortung für unsere Taten.

Insofern heißt der lange Hamburger Abend uns hoffen. Es darf noch differenziert, darf weiterhin gedacht werden auf öffentlichen Bühnen. Demnächst vielleicht auch am Schauspielhaus Zürich, wo ab Januar 2020 Ayn Rands „Atlas Shrugged“ unter dem Titel „Der Streik“ zu sehen sein wird. Bis dahin, bis auf Widerruf und nicht nur in süddeutschen Zeitungen gilt: Überprüfen Sie Ihre Prämissen!