Benedikt im Land der Zedern
Was wird bleiben von des Papstes Reise in den Libanon? Das Kontrastmittel versucht sich an einer Synthese.
Chesterton – das neue Bühnenprogramm
KISSLER LIVE! „Besser leben mit Chesterton“ – das neue Programm hatte am 13. September 2012 in Vierzehnheiligen Premiere. Einen Fünf-Minuten-Appetizer gibt es online, eine Rückschau auch.
Mein Kerl, mein Haus, mein Tabubruch
Bettina Wulff beklagt sich, distanziert sich von ihrem Mann und beschädigt dessen einstiges Amt. All das ist ein Tabubruch, meint der Konter.
All die schönen Klinker
Eine Frau will raus aus Großburgwedel. Über die erste Welle der Wulff-Entblößung schreibt das Kontrastmittel.
Gähnen verboten
In „Christ und Welt“ gebe ich ein Interview zum ewigjungen Thema Kirche und Sex. Genug ist genug.
Fury now
Norbert Lammert, Günter Jauch und 21 andere wollen „Ökumene jetzt“. Was ist davon nur zu halten? Darüber sprach ich um 13h10 im Deutschlandfunk mit Peter Kapern.
Martin Mosebach und die Lourdes-Madonna
Woran erkennt man einen konservativen Revolutionär? Was hätte er zu tun, wäre er keine bloß historische Erscheinung? Er müsste im Widerspruch stehen zur Mehrheitsmeinung, zum Zeitgeist aus wohlüberlegten Gründen. Er müsste die Gegenwart so sehr lieben, dass er sie umstürzen wollte mit Mitteln, die ihm die Vergangenheit an die Hand gibt. Er müsste durchdrungen haben, was er ablehnt, und begehren, was war, und also in etwa so reden, wie es zum „Aschermittwoch der Künstler“ Martin Mosebach in der Münchner Muffathalle tat.
Eingeladen hatte der Erzbischof und Kardinal, gekommen waren Künstler und Bistumsbeschäftigte und Öffentlichkeitsarbeiter, standen in der sonst für Pop- und Rockkonzerte genutzten Halle an Bistrotischen, auf denen kleine Brezeln, Brot und Brötchen und Wasser im Glas aufruhten. An den Hallenwänden, weit oben, hingen zu beiden Seiten Monitore. Sie zeigten später dunkle Farben im Fluss, Blau dominierte. Vorne gab es Stühle für die geladene und mitunter betagte Kirchenprominenz, davor eine Bühne, darüber eine Leinwand. Sie bot einem etwa zehnminütigen Film das Ziel, der festhielt, wie eine Tanzcompanie im Münchner Liebfrauendom einmal Asche zu Boden geworfen und darauf getanzt hatte.
Als es hell wurde in der Halle, legte Mosebach sein „Lob der Lourdes-Madonna“ dar: ein kühnes Unterfangen. Die Lourdes-Madonna hat keinen guten Ruf unter jenen „gebildeten, kunstliebenden, lesenden Menschen“, eben „in unserem Milieu“, das Mosebach jetzt als seine Herkunft benannte und das wohl die Mehrheit in der Halle bildete.
Auch die von Mosebach im Vortrag kritisierten „westeuropäischen Liturgieexperten des zwanzigsten Jahrhunderts“, selbst die gleichfalls kritisierten „oberen Etagen der Hierarchie, Päpstlichen Räte für die Kunst und ähnlichen ehrwürdigen Institutionen“ haben ihr Urteil gesprochen: Die Lourdes-Madonna sei Kitsch und darum abzulehnen.
Mosebach kämpfte gegen dieses Urteil nicht an, sondern nahm es ernst. Ja, das mag wohl sein – doch wie kommt es dann, so die listige Überlegung des Dichters, dass dieselben Experten und Räte und Hierarchen sich mit anderen Formen des Kitsches gar nicht schwer tun? Namentlich mit dem kahlen und dem sauren und dem grünen Kitsch, mit dem Betroffenheits- und Authentizitätskitsch?
Über „moderne Betonkirchen“ echauffiert sich kaum ein zeitgenössischer Kunst- und/oder Kirchenkunstexperte. Dort wird vielmehr das „kleine, zart geschminkte Puppengesicht“ der Lourdes-Madonna zum Zeichen des Widerstands. Mit ihr begehrt das „gläubige Volk“ auf gegen den verordneten „Individualismus und Subjektivismus“, an den die kirchliche Kunst ausgeliefert worden sei. Mit der Lourdes-Madonna rebelliert die Volksfrömmigkeit wider den Zwang zur Abstraktion und praktiziert so eine machtvolle „Re-Ikonisierung“ von unten. Die Lourdes-Madonna sei „die Ikone des Westens.“
Was zeichnet eine Ikone aus? Dass sie keiner Erfindung eines Künstlers sich verdankt, gar keine Kunst sein will, sondern göttlichen Ursprungs ist. So verhält es sich bei den Ikonen des Ostens, die auf das „Tuch der Tücher“ mit Jesu Antlitz zurückgehen, so ist es bei der Ikone des Westens, die in den Visionen der Bernadette Soubirous von 1858 ihren Anfang nahm. Wo seither „die Lourdes-Madonna steht, ist die katholische Kirche. Angesichts solcher Durchsetzungsgewalt – und wie sanft ist diese Gewalt! – schnurrt jedes Geschmacksurteil über sie zum höchst belanglosen persönlichen Schön- oder Hässlichfinden zusammen.“
Außerdem ist eine Ikone stets nach „strengen Gesetzen“ gearbeitet, ist „immer eine andere und immer dieselbe“, verbannt alles Zufällige zugunsten fest gebundener Formen, hat demnach einen geradezu antisubjektivistischen Zug; so auch die Lourdes-Madonna. Als bewusste Absage an den Individualismus werden die Ikonen vom Volk verehrt, von den Theologen und Künstlern des Westens aber beargwöhnt.
Dergestalt heilt die Lourdes-Madonna laut Mosebach einen kulturgeschichtlichen Bruch. Mit der weißen Frau in der Beterpose, den Rosenkranz über den gefalteten Händen tragend, ende ein fast tausendjähriger westlicher Sonderweg, die Abkehr von der „Tradition der Bilder der alten Kirche.“ Daraus darf man wohl folgern: Die oft belächelte Lourdes-Madonna nimmt eine Einheit vorweg, die es theologisch (noch) nicht gibt. Sie ist das Unterpfand der Hoffnung auf eine Versöhnung von westlicher und östlicher Kirche, von Katholizismus und Orthodoxie, letztlich deren vorauseilende Realpräsenz. Spe salvi.
Und dass sie industriell vom Band läuft, die lächelnde Frau, aus Gips meist nur ist, spricht etwa nicht gegen sie? Mosebach schloss mit dem kristallenen Satz: Ja, eine Massenprodukt sei sie durchaus, die Lourdes-Madonna, aber „wer wagt es zu behaupten, wir hätten Besseres verdient?“
Der Heizer von Zürich
Er war der Heizer von Zürich. Er hielt das Schiff auf Kurs, den Laden am Laufen. Der Schweiß, der ihm die Backen benetzte, die Augen verklebte, war sein Manna. Er schuf es sich selbst, indem er schuftete, jeden Tag, tief unten im Bauch des Schiffes, wo kein Licht zu sehen, kein Fenster zu finden war.
Die immer gleichen Bewegungen führten ihn in der immer gleichen Weise in seinem Käfig herum, sechs Schritte nach rechts, fünf nach links, er wurde überall gebraucht. Seine Hände waren Pranken, in denen kein Glas je zerbrach. Seine Augen waren pechschwarze Kiesel, denen kein Wink entging.
Um ihn wogten die Gestalten, wankten herbei und perlten rasch davon, die er durch sein Tun zum Leben erweckt hatte. Konnte etwas entstehen ohne ihn, ohne seinen harten Griff in den breiten Nacken, der spannte, ohne das immer wieder kurze Rucken des Schädels zur Seite, den Griff des Fleisches nach dem Fleische, wenn er die Flaschen öffnete, die Tassen füllte, die Münzen wog und warf? Über ihm schwoll das Tirilieren an zum schrillen Chor und erblühte im stumpfen, dumpfen Schlagen hier unten, wo von den Tönen nur der Rhythmus blieb, sein Rhythmus, er hatte ihn gemacht.
Manchmal, wenn die Gestalten ihn schonten, weil sie oben saßen bei den Melodien, packte er das allerkleinste Glas am Henkel, füllte es mit einem scharfen Wasser und schüttete es hinunter. Die Brauen zog er dann zusammen, sodass kein Auge mehr da war. Oben, ja oben, suchte Papageno sein Mädchen, war Falstaff wieder betrunken, fand Karlos einen trüben Tod, mordete Macbeth und schmiedete Hagen finstere Pläne.
Er kannte sie, die Abgründe der Seele, die hier unten ein Wimmern waren, ein Wummern, ein Pochen in den Eingeweiden des Schiffs, das er befehligte. Mehr brauchte man vom Leben nicht zu wissen und seinen Verwicklungen. Kein Kapitän ohne Heizer, keine Hitze ohne Kohlen, und die Kohlen waren sein Geschäft: Das wusste er genau, das machte ihn manchmal lachen. Der Treibstoff der Leidenschaft rann durch sein Fleisch, damit sie dort oben zur Form gerinnen konnte. Ohne ihn wären sie Schemen geblieben, die Damen und Herren mit den offenen Mündern und den hohen, spitzen, tiefen Tönen, Schatten ohne ihn.
Er war der erste, der kam, der letzte, der ging. Er rief das Leben ins Leben, wenn er die Stufen hinab schritt zum Gehäuse im Keller. War sein Leib ein Hort den Schlüsseln, mit denen alles hier begann, Abend um Abend und sonntags viel eher? Er war Mittelpunkt der Schänke, um ihn zischte und brodelte und knallte es, ruhig blieb er.
Der harte Klang trug die Stimme eines Fremden, jenseits der Alpen stand seine Wiege. Wann war das gewesen, ehedem? Nun war er eins geworden mit den Gerüchen, die er anzog, die er ausdünstete noch in der Nacht, mit Kaffee und Wein und Amber und Weihrauch und Orange. Er schwitzte sie aus und nahm sie auf, im ewigen Kreislauf des Heizens, in den Pausen und davor und dazwischen, während und ehe ein Maestro den Stab hob und das Blech befreite, dort oben. So sah ich ihn oft.
Nun bin ich wieder dort gewesen. Das Schiff steht noch am selben Ort, das Gehäuse im Keller aber ist kein Maschinenraum mehr. Jetzt drängelt sich dort Fachpersonal vom Cateringservice, junge Frauen, junge Männer, gertenschlank allesamt, drei Trippelschritte nach rechts, zwei nach links. Wenn die Gestalten schweben dort oben, dösen sie hier, drehen das Haar zwischen hageren Fingern. Was ist aus dem Heizer geworden? Wer weicht dem Eisberg nun aus? Jeder Heizer trägt ein Polarmeer in sich.
Bischof Konrad und die Gerechtigkeit
Es gibt sanftere Polster als jenes auf dem Stuhl des heiligen Ulrich, den unlängst Walter Mixa innehatte und auf dem nun Konrad Zdarsa sitzt. Das katholische Bistum Augsburg gilt als schwieriges Pflaster. Der dort seit 2010 amtierende, aus Görlitz gekommene Bischof lässt sich, so scheint es, weder von der Querelen um den in Augsburg ansässigen nennkatholischen Handelskonzern „Weltbild“ noch von den üblichen „kritischen Stimmen“ verdrießen, die sich für Allgäu und Oberschwaben eine durchsäkularisierte Laienkirche wünschen. Wer Zdarsa sieht, sieht einen munteren Herrn, nicht eben groß, eher asketisch denn barock, eher zupackend denn klügelnd.
Wie bereits sein unmittelbarer Vorgänger stattete Zdarsa der Gemeinde der St.-Margreth-Kirche einen Besuch ab, am „zweiten Sonntag nach Erscheinung“. Dort wird die klassische lateinische Messe gefeiert, wie sie von Konzilspapst Johannes XXIII. approbiert wurde. Doch welcher ikonische Unterschied zu Mixa: Nicht auf einem Bischofssitz wohnte Zdarsa der Messe bei, sondern hinter einer herbeigetragenen schmalen Bank im Chorraum, die ihm nur den Wahl ließ zu knien oder zu stehen, stets den Altar im Blick. Auch Mitra und Stab hatte er zuhause gelassen. Der violette Pileolus zierte das Haupt.
War es also eher der pilgernde Mitbruder denn der residierende Hirte, der den Freunden der Tradition die Ehre erwies? War der Aufseher oder der Nachbar gekommen? Es fand kein Pontifikalamt statt. Zelebrant war der Pater der Petrusbruderschaft. Dieser erinnerte eingangs daran, dass die Diaspora-Erfahrung des Bischofs aus dem Osten in gewisser Weise korreliere mit der inneren Diaspora, in dem sich jahrelang die Anhänger der gregorianischen Messe befanden. Auch diese mussten und müssen mitunter große Strecken zurücklegen, um treu zu bleiben – inmitten, darf man wohl ergänzen, blühender Wüsteneien ringsum.
Der Bischof spendete den Asperges-Segen, zog durch die Reihen, ließ das Weihwasser herabregnen auf Gerechte und Ungerechte, wie es Brauch ist. Des Bades bedürfen die ganz Reinen nicht, „asperge me, Domine, hyssopo et mundabor: lavabis me, et super nivem dealbabor“. Ins Bad der evangelischen Worte lud der Gast in der übervollen Kirche, als er anhob zu predigen: erzählend, plaudernd fast, 25 Minuten lang, als wolle er den rechten Ton nicht verfehlen im Angesicht der Frommen. Traf er ihn?
„Gerade hier und heute“ und also vis-a-vis der ungeteilt römisch-katholischen Katholiken wand er dem ökumenischen Gespräch einen Kranz. Manchmal zeigten protestantische Gelehrte katholischen Professoren, was eine katholische Harke sei, und beschämten diese geradezu, „ich könnte einen Namen nennen.“ Letztlich sei die eine, die frohe Botschaft unstrittig.
Ganz im Sinne des letzten Konzils und des gegenwärtigen Papstes bekräftigte Zdarsa die Einheit der Sendung in der Verschiedenheit des Dienstes: „Immer wenn die Heilige Schrift vorgetragen wird, spricht Christus selbst zu uns, der erhöhte Herr. Darum ist es nur Aufgabe des geweihten Priesters, das Evangelium zu verkünden. Nur er stellt seine Person, seine Stimme, auch die Anstrengung seines Gedankens bei der Predigt Christus zur Verfügung, damit Er zur Sprache kommen kann, damit Er sich den Menschen mitteilen kann. Welch hohe Verantwortung haben wir bei der Verkündigung des Evangeliums!“ Laienpredigt ist demnach ebenso ein hölzernes Eisen wie Laienverkündigung.
Am Schluss griff kehrte der Gedanke wieder. Zdarsa warnte vor einem falschen Gerechtigkeitsempfinden in der Kirche. Die Mahnung aus der Lesung machte er sich zu Eigen – „Wer lehrt, soll lehren“ – und fuhr fort: „„Im Laufe der Zeit hat sich bei uns vieles auf die Priester konzentriert. Wir sollten uns (…) auf unsere persönliche Berufung besinnen und diese ausführen und nicht versuchen, dass jeder aus Gerechtigkeitsgründen jedes machen kann. Nein, jeder muss seiner Berufung gemäß handeln. Das gilt es zu respektieren. Niemand soll sich anmaßen, was eigentlich die Berufung eines anderen Menschen ist – aus Gnade wohlgemerkt und nicht aus eigenem Verdienst.“ Priesteramt in Laienhand, so die abermals sehr konzilstreue Pointe, wäre der nächste schwarze Schimmel.
Dazwischen wandte sich Zdarsa implizit gegen die Neigung der Bruderschaft des Hl. Pius X., für dieses oder jenes Ziel einen „Gebetssturm“ zu entfachen. Nur Beten genügt nicht; „das nämlich hieße, dass wir nur auf den Knien liegen müssen und beten, und dann kann Gott gar nicht mehr anders. (…) Es geht nicht darum, dass wir quasi mit anderen Mitteln – und wenn es das Mittel des Gebets ist – unseren eigenen Willen verfolgen.“ Beten heiße immer, auf den Willen des Vaters zu hören. Nicht anders formuliert es Benedikt XVI. derzeit in seinen Mittwochskatechesen.
Danach reichte man nebenan Sekt und Saft und Salzgebäck. Sonnig war der Himmel, heiter die Stimmung. Die Zeichen des Tages besagen: Es ist normal, wenn ein Bischof auch im außerordentlichen Ritus betet und segnet. Es ist normal, dass Zweites Vatikanum und Alte Messe aufeinander hören. Es wird bald normal sein, dass Bischöfe sonntags den Ysop erflehen und den Schnee und hoffen, „iudica me“.



