Wird 2026 ein gutes Jahr?
Immer gerne, aber besonders am Ende eines Kalenderjahres wird dieser Spruch zitiert: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Eine doppelte Botschaft verbirgt sich dahinter. Einerseits hat die Hoffnung demnach eine sehr lange Lebensdauer. Damit Hoffnung als Letztes sterben kann, muss zuvor fast alles in die Brüche gegangen sein. Ohne Hoffnung, heißt das, kann der Mensch nicht leben, bis zu seinem letzten Atemzug.
Andererseits sagt der Satz aber auch: Irgendwann stirbt sie doch, die Hoffnung. Irgendwann ist sie aufgebracht. Ja, erst ganz am Ende, aber sterben wird sie.
Eine zwiespältige Botschaft wird uns da also hinterbracht – gerade deshalb passt sie so gut am Ende eines Jahres, das von großen Hoffnungsaufschwüngen verschont blieb.

Dabei war es für viele Menschen ein Zeichen der Hoffnung, dass die dilettierende „Ampel“ vorzeitig vom Wähler in die Versenkung geschickt wurde. Sie hatte ihre Zeit, und sie nutzte sie nicht. Die knapp dreieinhalb „Ampel“-Jahre haben Deutschland nicht gutgetan.
Dass Frau Faeser nicht mehr Innenministerin, Herr Habeck nicht mehr Wirtschaftsminister, Frau Baerbock nicht mehr Außenministerin, Frau Paus nicht mehr Familienministerin und Herr Lauterbach nicht mehr Gesundheitsminister ist, kann niemand ernstlich bedauern.
Doch kam mit den Merz-Truppen Besseres nach? Da gehen die Meinungen auseinander. Der Hausherr im Kanzleramt ist eine groteske Fehlbesetzung. Merz reitet alle Hoffnung auf einen durchgreifenden Politikwechsel zuschanden.
Das Amt, das Merz so energisch über alle Rückschläge hinweg anstrebte, ist ihm erkennbar zu groß. Ihm fehlt die emotionale ebenso wie die strategische Kompetenz. Sein Wertekompass ist ein Brummkreisel, sein politisches Handwerk nicht vorhanden. Die Merz-Jahre könnten bleierne Jahre werden, und sie könnten wie das Scholz-Intermezzo vorzeitig enden; vielleicht schon im kommenden Jahr.
Kann vor diesem Hintergrund 2026 ein gutes Jahr werden? Angesichts zahlreicher außenpolitischer Krisen und Kriege und bei fortgesetztem innenpolitischen Dilettantismus? Die beiden härtesten Währungen für den Zustand einer Volkswirtschaft sind die Zahl der Insolvenzen und die Menge der ausgewanderten Leistungsträger. Beide Ziffern eilen von Hoch zu Hoch. Es ist zum Trübsinnigwerden.
Keine Hoffnung also nirgends? Oh doch. Hoffnung meint je weder Gesundbeten noch Realitätsblindheit. Hoffnung meint, dass man die Dinge (und die Menschen) nicht abschreibt, weil man den Dingen (und den Menschen) Besseres zutraut. Ja, manchmal sind Hopfen und Malz verloren – beim Kanzler etwa. Manchmal lohnt das Hoffen nicht.
Die Dinge (und die Menschen) nicht abschreiben, meint aber auch: auf die Wirkmächtigkeit des eigenen Tuns vertrauen. Sich seine Souveränität nicht ausreden, seine Freiheit nicht abkaufen lassen. Kurz: Sich nicht von den anderen ins Bockshorn jagen lassen.
Hoffnung meint, neugierig zu bleiben, sich überraschen zu lassen, der Geschichte also nicht ihr vornehmstes Recht zu nehmen – das Recht, offen zu bleiben.
Reicht es nicht, dass die Bundesregierung schlecht regiert? Sollten wir sie da auch noch in unser Inneres hineinregieren lassen? Gerade wenn die Freiheitsgrade geringer werden, pocht der souveräne Mensch auf seine Freiheit, indem er von ihr Gebrauch macht. Indem er den Mund aufmacht, indem er etwas unternimmt, indem er wagt und handelt. Allein und mit anderen.
Dazu wird es auch 2026 jede Menge Gelegenheit geben. Das Geflecht der Zuversicht wächst unter gefrorenem Boden. Nichts ist umsonst.
François Mauriac schreibt in seinem Roman „Natterngezücht“: „Um über alle Lächerlichkeit, alle Laster und insbesondere über den Unverstand der Menschen hinwegzukommen, muss man ein Liebesgeheimnis im Herzen tragen, das der Welt abhanden gekommen ist. Solange dieses Geheimnis nicht wiederentdeckt ist, wird man vergebens die Lebensverhältnisse der Menschen ändern.“
Vielleicht wird 2026 ein gutes Jahr. Verloren ist noch nichts.

