Kategorie: Texte

Deutschland im Marianengraben

Manche Sätze tragen ein Fragezeichen, doch sie sind ein einziges Ausrufezeichen: „Und warum denn noch nicht?“, war ein solcher Satz. Ich hörte ihn unlängst mit mindestens drei Fragezeichen, sehr laut und sehr von oben ausgesprochen, doch es war keine Frage. Es war Ausdruck eines kolossalen Unverständnisses. Da tat sich binnen Sekunden eine Kluft auf, so tief wie der Marianengraben. Ein solches „Und warum denn noch nicht?“ wäre die angemessene Reaktion gewesen, hätte jemand ganz heiter eröffnet, er besitze zuhause einen Lottoschein, der zu einem Gewinn von zehn Millionen Euro berechtige, aber habe ihn seit zwei Jahren nicht eingelöst. Oder wenn jemand gelassen erklärt hätte, ihm stehe eine lebenslange Leibrente zu, aber er komme nicht dazu, sein Bankkonto anzugeben. Ja warum denn nicht? Was steht dem Großglück im Weg?

Foto: A. Kissler

Doch es verhielt sich kolossal anders. Der Marianengraben verlief an anderer Stelle. Dass der Mann, der ihn gerade vermessen hatte, ihn von oben herab diagnostizierte, ist ihm nicht vorzuwerfen. Er war größer, jünger, blonder als sein Gegenüber, das ein Gegenunter war. Als solches stand es vor ihm, unter ihm und spürte die Silbenkanonade auf sich niedergehen: „Und warum denn noch nicht?“ Die Heftigkeit des Anwurfs hatte ihn überrascht. Gerade eben war man sich noch jovial begegnet, und nun eröffnete das Gegenober ein Vorwurfsfeuer. Aus dem Nichts, so schien es. Man kannte sich, flüchtig, aber länger. Guten Morgen – Auf Wiedersehen – Wie geht es der Familie – Was machen die Schlagzeilen: All das hatte ihren regelmäßigen Begegnungen den Schein der Vertrautheit gegeben.

Nun riss der Schein entzwei. Zu Boden schaute der kleinere Mann, als lägen da die Fetzen ihrer Konventionen, ihres vergangenen Einvernehmens, die Scherben des Verständnisses. Oberflächlich war es gewesen, doch kein Trug, keine Lüge. So war es ihm erschienen. Der andere, der mit diesen schrecklichen sechs Silben zum Riesen angewachsen war, zum Goliath der Ferne, hatte sich in Sekundenfrist aus jeder Vertrautheit herauskatapultiert. Und ihn, den kleineren Mann, verlegen gemacht, in einem Wimpernschlag ihn verstoßen aus der Gemeinde der Gleichwertigen, Gleichgesinnten. Anklage und Schuldspruch fielen zusammen in diesem Tribunal des Alltags, für alle erkennbar, alle hörbar. Warum sonst hätte der größere, der jüngere, der blonde Mann sonst just mit diesen sechs Silben die Stimme erhoben, so dass es jeder vernehmen, und den Abstand durch einen Schritt erweitert, so dass es jeder sehen musste? Er wollte ein Exempel statuieren in der Lobby.

Bewusst vielleicht nicht, aber unbezwingbar war aus dem Mitmensch der Widerpart geworden. Was, mag der kleinere Mann gedacht haben in diesen grauenhaften Sekunden, habe ich mir zuschulden kommen lassen? Er trug eine Maske, doch es schien, als schwitzte er dahinter. Er wich zurück, krümmte sich ein wenig, wurde leiser mit jedem Wort, das er heraus stammelte, schüchtern, stotternd, stolpernd. Er wollte sich erklären, gerne auch entschuldigen, aber was eigentlich hatte er sich zuschulden kommen lassen? Er fiel aus allen Wolken hinab auf Beton. Er war noch nicht geimpft.

Das verstand der andere, der Hiesige, der Ansässige ganz und gar nicht. „Und warum denn noch nicht?“ Er hatte für vieles, für fast alles Verständnis, er lebte in Berlin und tat es gern. Aber damit war wirklich eine Grenze erreicht. Auch ihm wurde es heiß unter der Virenschutzmaske. Da ging man jahrein, jahraus an dieser Pforte vorbei, grüßte sich, scherzte, „auf Augenhöhe“, jawohl, er hatte keine Vorurteile gegen türkischstämmige Deutsche, gar keine. Den Begriff „Gastarbeiter“ hielt er für rassistisch. Keiner Unterschriftenliste für mehr, für bessere, für nachsichtigere Integration hatte er sich je verweigert. Und nun das. Der Pförtner wollte sich nicht impfen lassen. Welch Ausmaß an Verstocktheit. Da blieb noch viel zu tun.

Die Zeit drängte. Er musste rasch hinein ins Gebäude, der andere heraus auf seinen Wachtposten. Sie würden sich wieder begegnen. In ein paar Stunden schon. Morgen auch und übermorgen. Der kleinere Mann würde stumm in seinem Tee rühren und nicht aufschauen. Der größere Mann würde rascher vorbeigehen und lauter telefonieren. Sie waren Fremde geworden. Der Marianengraben hatte sie verschlungen.

Herr Spahn, Professor Wieler und ihr Publikum

Kein Tag vergeht ohne Medienkonferenz des Bundesgesundheitsministers. Auch am heutigen Freitag stellte Jens Spahn sich den Fragen der Bundespressekonferenz. Als Überbringer schlechter Nachrichten hat Deutschlands oberster Corona-Manager Routine entwickelt. Leicht von den Lippen ging ihm die Bestandsaufnahme: „Die Lage bleibt angespannt. Die Fallzahlen steigen wieder.“

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So oder so ähnlich klingt es seit Monaten, unterbrochen von Schüben der Erleichterung. Mittlerweile ist es fast egal, ob die Sätze stimmen oder nicht: Die Botschaft hat sich erschöpft. Spahn dringt nicht mehr durch.

Dasselbe Schicksal widerfährt seinem Kompagnon auf dem Podium, Lothar Wieler. Der Chef des Robert-Koch-Instituts ist notorisch in Sorge – aus seiner Sicht zurecht, denn „die Fallzahlen steigen.“ Gemeint freilich sind stets und ausschliesslich die Zahlen der Inzidenz, der positiven Tests pro 100.000 Menschen.

Wie sollen diese nicht steigen, wenn sich das Testgeschehen dank Schnell- und Selbsttests intensiviert? Wieler gab zu Protokoll: „Durch die Selbsttests wird die Dunkelziffer sinken. Wir werden ja mehr Fälle ermitteln dadurch, und das wollen wir ja auch.“

Spahn und Wieler sind in einer Endlosschleife gefangen. Sie starren auf die eine Zahl, die aber an Aussagekraft verliert, desto beharrlicher sie zum Universalschlüssel der Pandemie erklärt wird. Monokausalität führt zur Monotonie. Das Publikum wendet sich ab.

Wenn sie ihren Ton und ihre Betrachtungsweise nicht ändern, führen Spahn und Wieler bald nur noch Selbstgespräche.

Angst ist keine Lebensform

Optimismus, sagt das Bonmot, sei nur ein Mangel an Information. Man müsse eine rosarote Brille tragen und weite Teile der Wirklichkeit ausblenden, um sich in dieser komplett wohlzufühlen. Man werde nie erwachsen, wenn man vor den Schattenseiten der Welt davonlaufe. Dummen Optimismus, blinden Optimismus, gefährlichen Optimismus: das gibt es. Wir leben nicht auf Wolke 7, und wer daran wider alle Erfahrung festhält, der wird zur Witzfigur, zum Tagträumer. Den belächelt man, den nimmt man nicht ernst. Schau dich doch um, entgegnet man ihm, dann werden dir die Augen aufgehen, ja übergehen vor all dem Elend, den Schwierigkeiten. Unerschütterliche Optimisten können unfassbare Nervensägen sein. Manche Probleme sind echte Probleme und nicht nur verpackte Chancen. Manche Krisen sind kein Geschenk, sondern führen schnurstracks in die Katastrophe. Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Foto: A. Kissler

Was es aber auch gibt: dummen Pessimismus, blinden Pessimismus, gefährlichen Pessimismus. In diesen Tagen bekommen wir eine Ahnung, was es heißt, unter dem Banner einer Düsternis zu leben, die noch die kleinste Freude niederdrückt. Weihnachten, sagt ein Ärztepräsident, könne zum „Fest mit Todesrisiko“ werden. Die Lage, sagt ein Bundespräsident, sei „bitterernst“. Ein Ministerpräsident aus Bayern erklärt, „es zerrinnt uns zwischen den Fingern“. Ein Ministerpräsident aus Sachsen weiß, dass beim medizinischen Personal „eine große Angst vor Weihnachten“ herrsche. Ein Ministerpräsident aus Thüringen rät zum Geburtsfest Christi, „einfach negativ bleiben“. Auch wenn damit sachlich korrekt beschrieben ist, dass negative medizinische Testergebnisse eine gute Botschaft sind, gilt das Motto weit über den konkreten Zusammenhang hinaus. Wir alle drohen uns im Negativen einzukapseln. Oder uns einspinnen zu lassen?

Vorsicht bleibt die Mutter der Porzellankiste, und Unvernunft macht nie gesund. An der Ernsthaftigkeit der jeweiligen Anlässe, deretwegen Minister- und Ärzte- und Bundespräsidenten zu bitteren Worten greifen, gibt es nichts zu deuteln. Es wäre eine Realitätsleugnung ganz eigener Art, hielte man solche und zahlreiche andere Äußerungen für unbegründet, die Gefahr, die sie beschwören, für eingebildet. Das wäre dann tatsächlich ruchloser Optimismus nach dem Muster jener Blumenkinder, die auf Schlachtfeldern Kanonen bekränzen und dadurch den Krieg hinfort zu zaubern meinen. Ein Risiko bleibt ein Risiko.

Dumm aber ist ein Pessimismus, der erst mit allem und dann nur noch mit dem Schlimmsten rechnet. Ein solcher Pessimismus raubt den Menschen alle Neugier, den Gedanken jede Kraft. Worüber sollte man sich den Kopf zerbrechen, wenn jeder Tag mit schicksalsergebener Gewissheit nur eine neue Weggabelung markiert, an der jedes Mal mit destruktiver Zuverlässigkeit ein Pfad in den noch tieferen Abgrund eingeschlagen wird? Der Mensch hat keinen Anlass, sich das Hirn zu zermartern, wenn das Resultat aller Überlegung schon im vornherein feststeht: Schlimm war’s, schlimm ist’s, schlimmer wird es werden. Der Mensch wird dann zum Spielball böser Zahlen, die er nur quittieren kann. Er wird zurückgestuft auf die Funktionsweisen Furcht und Fatalismus – und dann und wann eine kleine Erleichterung, eine Lockerung für das Gemüt im Lockdown des Kopfes.

Blind ist ein Pessimismus, der seine überwältigende Kraft aus einer starren Blickrichtung bezieht. Der komödiantischen Witzfigur des Optimisten, der vor jedem Abgrund die Augen verschließt und hofft, dass das Gewitter fern bleibt, wenn er nicht hinsieht, entspricht die tragische Gestalt des Pessimisten, der nicht aufhören kann, das Unheil zu fixieren – und nur das Unheil. Man kann ebenso in das Gelingen wie in das Untergehen verliebt sein. Letztere Liebe wird meistens erwidert. Zum Straucheln, wusste Kleist, braucht es nichts als Füße. Zum Untergehen nicht einmal die. Es reicht, bewegungslos die Augen auf ein Unglück zu heften, und schon wird es haften bleiben im Kopf, in der Seele. Der blinde Pessimist blendet wie der blinde Optimist alle Wirklichkeit aus, die seiner Weltempfindung widerspricht. Er richtet sich die Realität zu. Beide treiben dem Leben seine Neuheit und den Menschen ihre Neugier aus.

Gefährlich ist ein Pessimismus, der es sich im Teilnahmslosen einrichtet. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass das Schlimme des Schlimmeren Feind ist, wird man wehrlos vor jeder nächsten Gefahr. Ein neuer Standard ist ja gesetzt: die „große Angst“, die stete Negativität, der unwiderrufliche Ernst. Die Lagen mögen sich dann ändern – und jede Bedrohung erlischt irgendwann –, bleiben werden das Achselzucken, mit dem man sie hinnimmt, und die erlahmende Widerstandskraft. Gabelt sich ein Weg oft genug und wählt man dieselbe fatale Richtung, dreht man sich unweigerlich im Kreis. Der Circulus vitiosus ist nicht teuflisch, weil da ein Fluch waltet. Er ist teuflisch, weil und wenn der Mensch sich daran gewöhnt, dass der Kreislauf das Normale sei. Wer nur Böses und nichts Neues unter der Sonne erblickt, ergibt sich dem Bösen.

Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe schreibt in seinem Roman „Von Zeit und Fluss“ über das „große Webstück aus blinder Grausamkeit, Hass, Schmutz, Lust, Tyrannei und Ungerechtigkeit, aus Freude, Zuversicht, Liebe, Mut und Hingabe, aus dem das Leben besteht und das die Welt ausmacht“ – das ganze Leben, die ganze Welt. Angst ist keine Lebensform. Frohe Weihnachten.

Weihnachten kommt immer so plötzlich

Das ironische Sätzlein hört man oft: Weihnachten kommt immer so plötzlich. Gemeint ist damit die offensichtlich himmelschreiende Diskrepanz zwischen einem fixen, jährlich wiederkehrenden Termin und unseren Anstalten, sich auf ihn einzustimmen, vorzubereiten, geschenketechnisch vor allem. Mann rennt am 23. Dezember panisch in die nächst gelegene Parfümerieabteilung? Weihnachten kommt ja immer so plötzlich. Frau druckt am Morgen des 24. Dezember panisch ein Konzertticket aus? Oh, dieses plötzliche Weihnachten!

Dabei ist, recht besehen, Plötzlichkeit das Erkennungsmal von Weihnachten. Womit niemand rechnen konnte, das hat sich ein für allemal wirklich ereignet, in der Nacht zu Bethlehem, damit es nun Jahr um Jahr auf uns zukommt. Was niemand erwartete, obwohl es verkündet worden war, überraschte, überschauerte die Menschen. Bis heute. Ein Weihnachten, das nicht plötzlich käme, wäre kein Ereignis mehr. Eine Nacht ohne Plötzlichkeit kann nicht geweiht sein. Sie wäre das Gegenteil, wäre Routine, Vorhersehbarkeit, langer Weg ohne Ziel. Kreis ohne Pfeil, Dunkelheit ohne Blitz, Erde ohne Segen.

Gestärkt ins neue Jahr / Foto: A. Kissler

Im zurückliegenden Jahr konnte ein neues politisches Sachbuch von mir erscheinen. Es dürfte das 14. gewesen sein, die kleineren mit eingerechnet. Auch das wird nie Routine: „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“ – die elektronische Fassung lässt sich auch noch unmittelbar vor der Bescherung beziehen, ganz ohne Panik, und als Antidot zu mancher Weihnachtspredigt.

Einige Male durfte ich 2019 zu Gast sein in der „Phoenixrunde“ des Fernsehsenders „Phoenix“, zuletzt am 21. November zur Zukunft der CDU, einmal im ARD-„Presseclub“, dreimal im Podcast „Morning Briefing“ von Gabor Steingart, zuletzt am 2. Dezember, als ich Botho Strauß aus Anlass von dessen 75. Geburtstag würdigte. All das hat mich sehr gefreut. Dass ich noch beim „Cicero“ bin und gern bin, dürfte den Wenigsten entgangen sein. Das Dreier-Gespräch über den Jubilar Fontane war gewiss ein Höhepunkt. Welcher „Konter“ bei cicero.de besonders gelungen ist, liegt freilich im Auge der Betrachterin.

Dass wir in erhitzen Zeiten leben und damit nicht der Klimawandel gemeint ist, legt uns, die wir öffentlich denken, eine Verantwortung auf: Einzustehen für das, was zu sagen nottut, sich nicht beirren zu lassen, nicht mutlos und nicht traurig zu werden – und zugleich die Contenance zu wahren. Der wunderbare Max Hermann-Neiße schrieb am 8. März 1930 aus Berlin an seinen Freund Friedrich Grieger: „Ministerpredigt gegen Individualismus – zum Kotzen!“

Von den vielen Lektüren hat mir jene der Aldous-Huxley-Biografie von Uwe Rasch und Gerhard Wagner einen neuen Kosmos erschlossen, schön und herb zugleich. Auch an entlegener Stelle trug sie Früchte, man lese nur nach zum inneren Zusammenhang von Trägheit und Spektakel. Huxley, dessen dreibändige Essayausgabe bei Piper ich nur empfehlen kann, schrieb 1935: „Die Politik ist eines jener Tätigkeitsfelder, die der Mensch gewählt hat, um sich wie ein wild gewordener Affe aufzuführen.“ Und 1937 uns allen ins Stammbuch: „Genaues Denken ist die Bedingung richtigen Verhaltens. Es ist überdies in sich selbst ein moralischer Vorgang; denn wer genau denken will, muss beachtlichen Versuchungen widerstehen.“

Was das neue Jahr bringen wird? Ich weiß es nicht, zwei Buchprojekte aber werden mich beschäftigen. Einmal, wie üblich fast, als den Autor eines politischen Sach- und Debattenbuchs, das ins Herz unserer schlingernden Zeit zielt. Und als den Herausgeber und Moderator eines europäischen Gesprächs über die Bedrohungen der Freiheit, derer wir heute gewahr werden, und die Notwendigkeit eines neuen Bürgertums. Bei Twitter, bei Instagram – Follower stets willkommen –, auf der Homepage und im Newsletter werde ich mit Neuigkeiten nicht hinter dem Berg halten.

So wünsche ich allen formidable Weihnachten, ein glamouröses Silvester, einen glücklichen Start ins neue, noch ganz und gar ungeschriebene Jahr 2020 hinein. Ganz gewiss werden da Plötzlichkeiten sein – und dennoch: „Wer feste Überzeugungen besitzt, darf gerade deswegen aufs Denken nicht verzichten.“ (Huxley)

Frische Widerworte allerorten

Mein neues Buch „Widerworte Warum mit Phrasen Schluss sein muss” erfreut sich weiterhin durchaus konstruktiver Aufnahme. Am 13. April 2019 besprach es der FAZ-Kollege Oliver Georgi, als Autor von „Und täglich grüßt das Phrasenschwein” selbst ein ausgewiesener Floskel-Experte, in der Sendung „Lesart” von Deutschlandfunk Kultur. Georgis Fazit: „Besonders in solchen Momenten, in denen Kissler auf der semantischen Ebene unerbittlich das Skalpell anlegt, ist sein Buch luzide. Und es ist lesenswert, wie er den Samen des Zweifels in die vermeintliche Widerspruchlosigkeit vieler Phrasen sät. Indem er sie vom Thron der Eindeutigkeit stößt, entlarvt er ihre Leere. (…) Sprachlich sind Kisslers Analysen brillant – ein Text, der die intellektuellen Sinne schärft.” In derselben Sendung nahm ich mir Georgis Buch vor und bilanziere: „Das Bewusstsein für die Bedeutung von kraftvoller, präziser, unverbogener Sprache wird wachsen, wenn wir uns des Schatzes neu bewusst werden, den wir in Händen halten und der Republik heißt. Georgis wichtiges Buch hilft bei dieser inneren Republikanisierung. Ich habe es gern gelesen, oft genickt und manchmal gelacht.”

In der Programmzeitschrift TV Hören und Sehen (Ausgabe 15) ist am 5. April ein zweiseitiges Interview mit mir abgedruckt unter der Überschrift „Liebe Politiker, warum könnt ihr kein Deutsch mehr? und der Unterzeile „Schwurbeln, schwafeln, schätzen: Der Medienwissenschaftler und Buchautor Alexander Kissler hat die ärgerlichsten Politiker-Phrasen entschlüsselt. Seine Erkenntnisse sind ernüchternd.”

In der Wochenzeitschrift idea Spektrum (Ausgabe 12 vom 20. März) urteilt Stephan Dreytza, das Buch sei eine „kluge Argumentationshilfe gegen hohle Phrasen”. Und im Magazin Cato (Ausgabe 3 vom 29. März) schreibt David Engels: „In diesem Sinne hat sich Alexander Kissler die unangenehme, aber unerlässliche Aufgabe gestellt, 15 zentrale Phrasen der letzten Jahre mit ebenso akribischer wie schonungsloser Genauigkeit exegetisch zu zerlegen”.

Freie Fahrt für Widerworte

Einen Monat hat mein neues Buch nun hinter sich auf dem offenen Ozean der Zu- und Abneigungen, der Lektüren, der Zuneigungen, der Zurückweisungen. Es lebt, das Buch, und das freut den Autor. So lebe denn weiter und lass von dir hören.

Am 21. Februar 2019 schon wurde es vorgestellt bei der österreichischen Rechercheplattform Addendum: „Den Versuch der Widerlegung unternimmt Alexander Kissler erfolgreich. Ein Faden zieht sich durch die 15 Kapitel: „das heikle Wort des unscheinbaren Wir“. Oft moralisch aufgeladen, als Appell ausgesprochen, geht es stets um eine dem Wir abzufordernde Leistung, um einen kategorischen Moralbefehl (bspw. Wir alle müssen offen sein für den Dialog mit anderen Kulturen und Religionen). Wer hinterfragt oder zweifelt, soll sich schämen: „Weltanschauliche Differenz wird zur Moralstraftat“.“

Am 26. Februar 2019 sprach ich auf Einladung von Addendum in Wien über die Themen des Buches. Es gibt einen Audiomitschnitt, und es gibt fabelhefte Fotos, deren eines ich hier gerne einfüge, Copyright Daniel Shaked/Addendum. 

Am 5. März 2019 war ich zu Gast im Podcast Morning Briefing von Gabor Steingart: „Der „Cicero“-Feuilletonist Alexander Kissler, der ein lesenswertes Buch („Widerworte: Warum mit Phrasen Schluss sein muss“) über die leere Sprache vieler Politiker verfasst hat, verteidigt das Recht der zugespitzten Meinungsäußerung und auch das Recht auf den schlechten Witz.“ Das muntere Gespräch darf gerne nachgehört werden.

Am 15. März 2019 gab das Buch dreimal Kunde und Echo. In der NZZ machte sich Reinhard Mohr Gedanken über den „Boom der politischen Phrase“ und griff aus diesem Anlass zu den Widerworten: „Phrasen seien eine «rhetorische Mehlschwitze», resümiert der «Cicero»-Redaktor Alexander Kissler in seinem neuen Buch.“ In der wöchentlich erscheinenden BILD Politik war ich mit einem ganzseitigen Gastbeitrag vertreten, der weitere Phrasen aufschlüsselte, etwa „Nah bei den Menschen“.  Und bei Lesering.de dachte Daniel Hohmann über die zufällige Namensgleichheit meines Buches mit einem Titel Alice Weidels nach: „Der Begriff „Widerworte“ ist in beiden Fällen anders auszulegen. Wo Alice Weidel widersprechend Einspruch erhebt, kritisiert Kissler ein bedeutungsschwangeres In-Szene-Setzen nahezu bedeutungsloser Überzeugungen.“

Am 16. März 2019 widmete Hans-Hermann Tiedje seine wöchentliche Kolumne „Richtigstellung“ in der Euro am Sonntag (Ausgabe 11) meinen „Widerworten“ und urteilte: „…ein intellektueller Kracher, jedes Kapitel ein Geschoss. (…) Zum Lesen sehr empfohlen, auch den Haltungsjournalisten.“ 

Am 21. März teilte Michael Klonovsky in seinem Blog Acta Diurna mit: „Der Floskel- und Phrasenschatz im besten Deutschland ever wächst jedenfalls proportional zum Goldschatz, den die Schiffe zu uns bringen, und der Cicero-Autor widmet sich diesem Phänomen mit bewundernswerter Sorgfalt.“ Feine Beispiele aus dem Buch finden sich ebenda.

Neues zu den „Widerworten“

Die ersten Rückmeldungen zu meinem neuen Buch „Widerworte“ sind da. Die Schriftstellerin Cora Stephan schreibt am 25. Februar 2019 bei achgut.com: „Kisslers Analyse, so elegant sie ist, tut weh. Man muss sich das am Stück antun, dieses Gestotter und Gestammel, die Wortblähungen, das nichtende Nichts. (…) Kissler versteht sich auf das Kunststück, dem Nichts Haken und Ösen einzuziehen, um es aufhängen zu können.“

Alexander Will gelangt am 26. Februar in der Nordwest-Zeitung zum Ergebnis: „In Zeiten der Framing-Diskussion kommt dieses Buch eben recht: Alexander Kissler (…) hat sich politische Phrasen vorgenommen. Die seziert er ebenso klug wie gnadenlos.“

In der Tagespost heißt es am 28. Februar bei Burkhardt Gorissen: „Mit fünfzehn exemplarisch ausgewählten Sätzen von „Wir schaffen das“ bis zu „Das ist alternativlos“ schlägt Kissler, mal pointiert, mal augenzwinkernd, der Konsensgesellschaft Wahrheiten um die auf Durchzug gestellten Ohren, dass selbst den eigentlich Kritikunempfänglichen bei gründlicher Lektüre das Hören, Sehen und Erkennen neu gelingen sollte. (…) Im gegenwärtigen deutschen Feuilleton gibt es kaum jemanden, der besser das große Blabla der opportunistischen Gauklertruppen entlarven könnte als er. Viele seiner Sentenzen sind Leuchttürme in der bedrohlich wachsenden intellektuellen Wüste.“

Ebenfalls am 28. Februar kam der Autor zu Wort. In der Weltwoche durfte ich mit Wolfgang Koydl über das Thema meines Buches sprechen: „Die Phrase ist eine verdichtete Rede, die zuspitzt und pointiert. Journalisten sind heute mehr denn je willige Abnehmer von Phrasen ebenso wie Produzenten und Händler von Phrasen. Das liegt auch am ökonomischen Druck. Immer weniger Journalisten schreiben unter immer grös serem Druck immer schlechtere Texte. Das Diktat der Zeit trifft auch Politiker. Je weniger Zeit ich habe, um nachzudenken, desto leichter greife ich zum Satzbau kasten der Phrase. Indem Journalisten die Phrasen der Politiker ungeprüft weiter tragen, geben sie Phrasen die falsche  Weihe des Arguments.“

Das Kauderwelsch der FDP – und die neue deutsche Affirmationslinke

Zur WirtschaftsWoche vom 22. Februar 2019 durfte ich als Gastautor einen Essay beisteuern. Er trägt den Titel „Schluss mit den Phrasen!” und gibt auch dem Kauderwelsch der FDP einen Nasenstüber mit: „Parteichef Christian Lindner favorisiert einen Full-Flavour-Liberalismus, unter dem man sich alles vorstellen soll, weil man sich nichts darunter vorstellen kann. Frei nach Lichtenberg: Wenn zwei Sprachen zusammenstoßen und es klingt hohl, muss es nicht allemal an den Sprachen liegen.” Was bei der gegenwärtigen Linken kollidiert, steht auf einem anderen Blatt, man denkt dort zunehmend in geistigen Immobilien und verherrlicht die Macht und das Bestehende und wird so schleichend reaktionär. Davon handelt mein „Konter” (Link) vom 21. Februar 2019.

Mainzer Narreteien

Am 18. Januar 2019 bekam der österreichische Schriftsteller Robert Menasse tatsächlich den Carl-Zuckmayer-Preises des Landes Rheinland-Pfalz von der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Dreyer überreicht. Das bleibt ein Fehler. Die Gründe lege ich dar im „Konter“ vom 17. Januar 2019 unter dem Titel „Staatspreis für den Flunkerkönig“ (Link): „Menasse kämpft pointiert, polemisch, hochfahrend für die Abschaffung der Nation, für die Auflösung des Bundestags, letztlich den Untergang jener Bundesrepublik Deutschland, deren Preise er gerne entgegennimmt.“

Predigt nicht!

Weihnachten wird’s, Weihnachten wird gewesen sein. Was aber ist Weihnachten? Ein Ernstfall, zumindest. Über diesen schrieb ich am 20.12.2018 (Link): „Ereignisse jagen einander so rasch, dass sie den Sinn für Kontinuitäten und Entwicklungen schwächen. Dennoch: Weihnachten ist der Ernstfall. Weihnachten ruft uns die Krise eines nur menschlichen Zeitbegriffs dramatisch ins Gedächtnis.“ Am 25.12.2018 hatte ich nur einen Wunsch an das göttliche Bodenpersonal: Predigt nicht! (Link) Weihnachten wäre so viel schöner, gäbe es keine gutmenschelnden, korrekten, plump politisierenden Weihnachtspredigten. In beiden Texten hatte der große Gilbert Keith Chesterton seinen Auftritt. Weihnachten ohne Chesterton? Unmöglich! Zuvor, am 3.12.2018, fasste ich Merkels flügellahme Regierungsmaschine und andere deutsche Peinlichkeiten (Link) zusammen, „Deutschland am Boden“, sah ich am 11.12.2018 im UN-Migrationspakt ein sehr teures Vermächtnis einer weltentrückten Kanzlerin (Link) und musste ich am 13.12.2018 das nächste islamistische Attentat, geschehen in Straßburg, in Worte (Link) zu fassen suchen: „Wer vom Fassungslosen zum Sprachlosen fortschreitet, der wird seine Fassung immer wieder verlieren. Am Boden des Terrors ruht eine Ideologie. Und nur wer diese Ideologie benennt und bekämpft, überlässt der Gewalt nicht den Alltag. Mit Kondolenzadressen aus dem Stehsatz wird man des Terrors nicht Herr. In der deutschen Politik und in deutschen Tageszeitungen herrscht nicht zuletzt deshalb das Vogel-Strauß-Prinzip, weil man die Auseinandersetzung mit dieser Ideologie scheut. Man will den Islamismus nicht zu hart anfassen, weil man es sich mit dem Islam nicht verscherzen will.“

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