Kategorie: Tagebuch

Helmut Kohl, mein Vater und ich

Ich war ein Kind der CDU. Zunächst natürlich war ich das Kind meiner Eltern und ein Kind der Pfalz. Dort aber regierte, als ich aufwuchs, die CDU, und in Bonn und Berlin tat sie es auch, angeführt von einem Pfälzer. Helmut Kohl war sein Name, sein Pfälzer Statthalter hieß Bernhard Vogel, Georg Gölter war mein Kultusminister. Bernhard Vogel verlor Ende 1988 seinen Posten als Landesvorsitzender und Ministerpräsident, gescheitert an parteiinterner Kabale, vielleicht auch an sich. Seine Nachfolger hießen Hans-Otto Wilhelm und Carl-Ludwig Wagner. Ich sah sie einmal bei einer Veranstaltung in Bad Dürkheim, vor überschaubarem Publikum. Sie trugen den Dolch im Gewande. Helmut Kohl soll meinen Vater gekannt haben. Ich war ein Kind der CDU.

Foto: A. Kissler

Nur deshalb erzähle ich davon, weil es die Helmut-Kohl-und-Bernhard-Vogel-CDU schon lange nicht mehr gibt. Bernhard Vogel, der Rheinland-Pfalz 1988 wie ein geprügelter Hund verlassen musste, wurde 1992 weithin respektierter Ministerpräsident in Thüringen. Bei der Landtagswahl 1999 bescherte er der thüringischen CDU mit 51 Prozent die absolute Mehrheit. Der Abschied der CDU von der Macht in Rheinland-Pfalz begann mit Bernhard Vogels Vertreibung und dauert an bis heute. Seit 1991 regiert in Mainz die SPD. Heute begann nun der Abschied der CDU von sich selbst – in Thüringen. Von der Partei, der sie war, hin zur Partei, die sich nicht kennt. Thüringen wurde abermals zur Wegscheide. Die Geschichte hat Humor, doch niemandem in der CDU ist zum Lachen zumute.

Mir auch nicht. Obwohl ich nie Mitglied der CDU (oder einer anderen Partei) war oder bin, und obwohl ich kein CDU-Stammwähler war oder bin. Doch die CDU prägte meine Heimat und mein Land, ohne dass man sich dafür schämen musste. Die CDU hat es, mit wechselndem Geschick und schwankendem Personal, verstanden, der Mitte ein Gesicht zu geben, das weder nach übermorgen schielte noch im Gestern gefangen blieb. Man sprach vom rheinischen Kapitalismus, von Westbindung, von Eigenverantwortung und Solidargemeinschaft. Die CDU konnte pragmatisch sein, ohne sich selbst zu verleugnen. Damit ist Schluss. Die Selbstverleugnung ist seit heute eingepreist ins Profil der CDU. Weshalb sie seit heute kein Profil mehr hat. Die CDU hat sich von der Dame ohne Unterleib zum Zombie ohne Text entwickelt.

Heute nämlich wurde bekannt, dass die thüringische CDU dem Kandidaten der Linkspartei ins Amt des Ministerpräsidenten verhelfen will. Die CDU Thüringens will beim nächsten Wahlgang im Erfurter Parlament alles Nötige tun, damit Bodo Ramelow weiterhin in jener Konstellation regieren kann, die bei der letzten Landtagswahl abgewählt worden ist, mit Linkspartei, SPD, Grünen. Die thüringische CDU wird durch Wahl oder Wahlenthaltung oder Wahlabwesenheit zum Königsmacher der Linkspartei. Zum Juniorpartner ohne Mitsprache. Die thüringische CDU liegt laut Umfragen bei 12 Prozent.

Das ist der Stand vor der Pro-Bodo-Volte. Schwer vorstellbar, dass eine Partei, die sich zum Funktionsfortsatz der sozialistischen Konkurrenz verzwergt, dauerhaft auf zweistellige Ergebnisse kommt. Mit ihrer Entscheidung hat die thüringische CDU faktisch den gesamten Osten für die CDU aufgegeben. Man wird nirgends mehr sagen können, mit der CDU gebe es im Osten eine bürgerlich-konservative Gestaltungskraft. Man könnte ab heute ehrlicherweise nur sagen, die CDU sorge dafür, dass auch die CDU ein Stückchen vom Kuchen der Macht abbekommt – und seien es die Brosamen, die der jeweils amtierende Ministerpräsident vom Tisch herab fallen lässt. Als CDU sagt man besser künftig gar nichts mehr. Auf Plakate müsste man sonst schreiben: „CDU. Wir sind auch noch da.“

Zur, wie man in Bayern sagt, Adabei-Partei hat sich die CDU entkernt. Sie gehört zur Politik dazu, ohne dass sie etwas Eigenes zur Politik beitragen wollte. Die CDU hat eine Tradition, die sie nicht begreifen will, eine Zukunft, die sie sich nicht ausmalen mag, und darum eine Gegenwart, die sie nicht gestalten kann. Sie hat sich aus dem Spiel genommen. Sie ließ alle Ansprüche fahren. Wer heute die Linkspartei toleriert und damit nobilitiert, der kann auch morgen noch die AfD verdammen und übermorgen trotzdem mit ihr koalieren. Der kann an Parteitagen donnernde Reden halten und zu programmatischen Beschlüssen gelangen, ohne programmfähig zu sein. Der ist mit allen anschlussfähig, weil er mit sich selbst abgeschlossen hat. Die CDU empfiehlt sich für diskrete politische Haustürgeschäfte. Sie war mal was.

Spät, aber desto brachialer holt die Postmoderne die CDU ein. Nur noch die CDU glaubt, Anything goes sei ein Ausweis von Zeitgenossenschaft. Sie sortiert sich bei den sonstigen Parteien ein, wo künftig derjenige nach ihr schauen wird, der ihrer gerade bedarf. Im Westen thront die CDU noch auf einem schmelzenden Sockel der Gewohnheit. Dieser wird verschwinden, denn nichts ist gewöhnlicher als Ehrgeiz ohne Gestaltungswille. Erst in Rheinland-Pfalz, nun in Thüringen, bald in der Bundespolitik schiebt sich die CDU in die Kulisse. Sie wird vom Charakterdarsteller zum Etappenhasen. Sie erscheint nur noch auf der Hauptbühne, wenn andere sie rufen. Die CDU lässt sich die Stichwörter reichen, weil sie keine eigenen Worte mehr hat. Sie schweigt, weil sie nichts von sich zu erzählen weiß.

Helmut Kohl, Hans-Otto Wilhelm, Carl-Ludwig Wagner und mein Vater sind nicht mehr unter uns. Die CDU gibt es noch.

Angela, Annegret und die Dame ohne Unterleib

Am Anfang war der Zirkus. Das gleißende Licht in der Arena, der Geruch nach Holzmehl, Farbe und Kamel, der Geschmack von Zuckerwatte. Der Schminke der Clowns, der Schweiß der Artisten. Das knisternde Papier in der Hosentasche. Meinen ersten Zeitungsartikel schrieb ich über den Zirkus. Er war zu Gast in der Stadt, in der ich aufwuchs. Im Fernsehen lief, ewig wiederholt, „Salto Mortale“, die Geschichte einer Zirkusfamilie, jeden Freitagabend. Gustav Knuth als Patriarch, Hans-Jürgen Bäumler unter der Kuppel. Und das Lachen der Zirkusfamilie Doria über die „Dame ohne Unterleib“, die es nicht gäbe. Diesen Klassiker des Varietés, ein Trick nur, ein optischer Trick. Natürlich. Kein Mensch kann leben ohne Unterleib.

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Heute sind wir schlauer. Die Dame ohne Unterleib gibt es. Sie heißt CDU. Sie kann nicht laufen, nicht stehen, nicht gehen, sich nur begaffen lassen. Sie thront auf der Illusion ihrer selbst. Die CDU ist, was übrigbleibt, wenn wir nichts erwarten von Politik außer Gewöhnung. So sehr hat man sich an den Anblick dieser Partei ohne Unterleib gewöhnt, dass es uns am Ende – am Ende der Ära Merkel – kaum noch auffiel. Natürlich, da ist kein Unterleib, stimmt. Na und? Hast du etwas gegen Damen ohne Unterleib, Parteien ohne Unterbau? Wie altmodisch, wie diskriminierend. In der Ära Merkel wurde das Außergewöhnliche als normal angesehen. Nun begräbt das Normale eine außergewöhnlich gewordene CDU unter sich. Der bürgerliche Konservatismus will seine Partei zurück.

Als Partei ohne Unterbau war die CDU programmatisch ohne Programm. Sie war Fleisch vom Fleische Merkels und also angelegt aufs Funktionieren. Politik bedeutete, dass der Apparat Politik produziert, dass er also Reden, Gesetze, Kommissionen, Koalitionen, Kompromisse hervorbringt – an diesen Trugschluss hatten wir uns gewöhnt. Wir dachten wirklich, Politik finde statt, wenn Politiker reden. Wenn sie reisen und reden, tagen und reden. Wenn wir ihnen zuschauen bei Auftritt, Kunststück, Abgang, wie im Zirkus. Alles das bricht nun zusammen. Die Manege verschwindet, die Politik kehrt zurück.

Die Unfähigkeit Merkels zur programmatischen Aussage war keine Laune der Natur, sondern notwendig. Wenn die Bundeskanzlerin, Vorsitzende der CDU immerhin 18 Jahre lang, das Eine sagte und das Gegenteil auch und nichts Bestimmtes, dann war der Sinn erfüllt. Der Sinn des Merkelschen Redens bestand nicht darin, etwas auszusagen, sondern anderen Aussagen im Weg zu stehen. Ihr Reden schluckte den Schall derer, die etwas auszudrücken gehabt hätten. Verdrängte die Luft anderer Argumente. Leerer Schall und Nichtargumente waren die besten Mittel.

Ein idealer Merkelsatz lautete: „Es ist in den vergangenen Jahrzehnten vieles erreicht worden, aber es bleibt einiges zu tun.“ Unmöglich ist es, einen solchen Satz zu bestreiten, und darum wird er ausgesprochen. Der Klang der Worte wird zur Spachtelmasse für das Hirn. Dort verklebt er die Synapsen und verdickt das Denken. Die Gedanken gehen ein, weil keine Idee sie bewässert. Der Kopf schweigt. Auch diesem Merkel-Satz gelingt solch Geistverdrängung: „Wir stehen im Augenblick ja vor großen und riesigen Herausforderungen.“ Das stehen wir immer, das ist nie falsch, das sagt stets null aus. So wird im Rausch der Banalität die Wirklichkeit zugedeckt. So schieben sich Kulissen der Zufriedenheit vor unsere Augen und machen uns blind für die Wirklichkeit. Auch die Wirklichkeit kehrt nun zurück.

Mit Merkel-Sätzen kommt man unfallfrei durch Kabinette und Krisen. Man raubt aber einer Partei die Luft zum Atmen. Leben kann eine Partei nur in der Luft des Streits, des Arguments, der Programme. Sollte die CDU wirklich sterben, ginge sie zugrunde an der Angst vor dem Tode. An Leidenschaft für das Nichts aus Furcht vor dem Etwas. Der Merkel-CDU war eine Partei ohne Unterbau, weil sie sich das Nachdenken hat abtrainieren lassen. Die CDU betrachtete nicht mehr die Wirklichkeit, sondern ihr Einverständnis mit ihr. Die CDU pfiff auf Programme und Prinzipien, weil Programme prinzipiell den Weg zur Macht verlängern.

Heute, am 10. Februar des Jahres 2020, zahlte Annegret Kramp-Karrenbauer den Preis, der Angela Merkel zugedacht war. Die Parteivorsitzende gab ihren Verzicht bekannt auf die Kanzlerkandidatur 2021, der ein Verzicht darauf ist, weiterhin der CDU vorzustehen. Annegret Kramp-Karrenbauer öffnete das Fenster, damit sie hinausfliegen kann in die Wirklichkeit – und damit die Luft des Lebens wieder bis zur CDU vordringt. Zu stickig war es geworden in der Merkel-CDU, zu geistfeindlich, zu genügsam, zu gehorsam, zu brav, zu dumpf. Der Tanz ums goldene Kalb der Macht ließ alle verstummen. Die Merkel-CDU, deren Nachlassverwalterin heute zurücktrat, war stumm geworden in heilloser Geschwätzigkeit. Starr im Zittern, hohl in ihrer Anbetung vermeintlicher Stabilität.

Wird sich das schnell alles ändern? Natürlich nicht. Die Dame ohne Unterleib ist noch nicht abgespielt. Eine Partei aber ohne Programm, anschlussfähig in alle vier Windrichtungen, kann immer nur eine bizarre Ausnahme sein. Heute ist ein guter Tag für unsere Parteiendemokratie. Die Wirklichkeit kehrt zurück, die Politik kehrt zurück, Programme werden folgen. Der Unterbau wird wachsen. Da ist viel Luft da draußen. Das Leben ist voller Ideen. Ihr Augen, seht. Ihr Beine, geht. Noch ist nicht aller Tage Abend.

Ann-Kathrin, die Burka und die Weltoffenheit

Das schöne Jahr 2020 geht in seinen zweiten Monat, und endlich ist sie wieder da: die Burka-Debatte! Ich habe, muss ich gestehen, in meinem Leben schon mehr Burka-Debatten gesehen als Burkas, beiden aber begegne ich mit Skepsis. Die eine, die leibhaftige Burka (oder war es ein Nikab?), sehe ich nicht gerne. Da krampft sich inwendig etwas zusammen, da fühle ich mich provoziert und herabgesetzt und missachtet, wenn der schwarze Sack mich anschaut, ohne dass ich zurückschauen kann in Augen. Die Weigerung, angeblickt werden zu können, ist der schlimmste Anblick. So geschah es im vergangenen Jahr an einem Samstag in einem Berliner Karstadt. Die andere, die Burka-Debatte, mag ich auch nicht. Die Burka-Debatte spült gar zu viele Selbstverständlichkeiten im Gestus des mutigen Bekenntnisses an die Gestade der Öffentlichkeit, als dass da noch Selbstverständlichkeiten wären. Die Burka-Debatte schabt an der Freiheit, indem sie diese einklagt. Herrschaftszeiten, ist es so schwer zu verstehen? Das Recht der Freiheit muss es sein, da zu sein. Wo sie begründet werden muss, ist sie schon fast weg, die Freiheit.

Foto: H. P. Rabit

Sei’s drum. Man muss die Früchte der Erkenntnisse sammeln, solange sie prangen. Insofern begrüße ich die erste Burka-Debatte des Jahres 2020 ausdrücklich. Komm herein, altes Haus, wie ist es dir ergangen? Bist gar nicht gealtert, Respekt. Und ein Dank an jene Hamburger Oberverwaltungsrichter, die erklärten, eine 16-jährige Schülerin dürfe vollverschleiert am Schulunterricht teilnehmen. Die „vorbehaltslos geschützte Glaubensfreiheit“ gelte auch in diesem Fall. O Freiheit, du Donnerwort, wie wirst du schräg gesungen. Besonderer Dank aber an den schleswig-holsteinischen Landesverband der Grünen. Dieser hat im heldinnenhaften Alleingang ein Verbot von Burka und Nikab an der Universität verhindert. Und warum wohl? Weil die Religionsfreiheit einen hohen Rang im Grundgesetz habe.

Doch zitieren wir Ann-Kathrin Tranziska korrekt. Frau Tranziska steht den schleswig-holsteinischen Grünen vor, und sie erhielt ihre fünf Minuten Fame, weil sie sagte: „Eine weltoffene und rechtsstaatliche Gesellschaft zeichnet aus, dass religiöse Symbole getragen oder auf sie verzichtet werden kann.“ Vielleicht ist es einer mündliche Rede geschuldet, vielleicht hat der berichtende Journalist geschlampt. Vielleicht aber korrespondieren hier staatspolitische und grammatikalische Unordnung in bezeichnender Weise – mein Verdacht ist das schon lang: dass mit der Ordnung im Satzbau die Ordnung im Denken stirbt und dass diese Unordnung sozialer Ordnungsflucht den Weg weist. Halten wir nüchtern fest: „Symbole“ sind Mehrzahl und verlangen ein Verb in der Mehrzahl. Wer sagt, „Symbole kann getragen werden“, der hat die symbolische Ordnung, auf die er sich beruft, bereits inwendig zerstört. Womit wir beim Thema wären, der Weltoffenheit.

Frau Tranziska von den schleswig-holsteinischen Grünen, die in Kiel mitregieren, sähe durch ein Burka-Verbot an Universitäten die Weltoffenheit gefährdet. Daraus folgt Verschiedenes: Weltoffenheit ist gut. Weltoffenheit muss sein. Weltoffenheit darf keine Verbote aussprechen. Weltoffenheit geht vor Rechtsstaatlichkeit. Hätte Frau Tranziska sonst diese Reihenfolge gewählt und sich auf die „weltoffene und rechtsstaatliche Gesellschaft“ als höchste Instanz berufen? Dummerweise ist Weltoffenheit der McGuffin unter den Begriffen. Immer dabei, nie definiert und am Ende leer. Auf Weltoffenheit beruft man sich, wenn man Scheu hat vor Festlegungen. Weltoffenheit ist das Lob, das man sich spendiert, wenn die Gründe schütter sind. Weltoffenheit ist die Schlafmaske der Vernunft, das Baldrian des Denkens. Wo Weltoffenheit gedeiht, wächst kein Argument mehr. Wollte jemand gegen Weltoffenheit sein? Pfui, ab in die Ecke.

Die Welt ist alles, was der Fall ist. Die Welt ist. Sie hat keine Qualität und kennt keine Moral. Weltoffenheit meint zweierlei, und beides wird eingesetzt zu strategischen Zwecken. Weltoffenheit ist Offenheit für die Welt und ist die Offenheit der Welt. Für die Altvorderen: genitivus subiectivus und genitivus obiectivus. Offenheit für die Welt kann es, streng genommen, nicht geben. Wir alle sind Welt. Alles ist Welt. Sollen wir also offen sein für uns? Soll das Sein das Sein willkommen heißen? In diesem Sinn markiert Weltoffenheit den Nullpunkt des Denkens. Ist Bullshit für Akademiker.

Wie steht es mit der anderen Bedeutung, der Offenheit der Welt? Sinnvoll offen sein kann die Welt nur für das, was nicht Welt ist. Die Welt, in der wir leben, könnte offen sein für andere Welten, für Marsianer und Lunarier oder für das Übersinnliche. Auch das meinen die Apostelinnen der Weltoffenheit nicht. Sie reden von Weltoffenheit und meinen die Offenheit für Kulturen, Religionen, Bräuche von weither. Meinen also, dass jeder und jede an jedem Ort der Welt alles tun dürfe, unterschiedslos, qualitätslos. Das hat mit Weltoffenheit nichts und mit geistiger Selbstumzirkung alles zu tun. Man muss sich systematisch unter das einmal erreichte intellektuelle Niveau begeben, um die Weltanschauung, die Burka und Nikab hervorbringt, anspruchsberechtigt für Weltoffenheit zu halten. Härter formuliert: Eine Welt, die offen ist für die Unterdrückung der Frau, verdient keine Offenheit, sondern „zivilisierte Verachtung“ (Carlo Strenger sel. A.).

Burka-Debatte, altes Haus, du hast es wieder geschafft. Ich habe mich an dir beteiligt, obwohl ich es nicht wollte. Obwohl es der Freiheit nicht guttut, wenn Freiheit von der Selbstverständlichkeit zum begründungspflichtigen Einzelfall wird und wenn Religionsfreiheit missverstanden wird als Freiheit zur Unterjochung der Freiheit. Ich tröste mich damit, dass die Freiheit auch ungebetene Verteidiger wie mich erträgt. Und mit der Hoffnung, dass die schleswig-holsteinischen Grünen erkennen werden, dass Weltoffenheit nie und nicht und niemals eine Entschuldigung sein darf für Kulturen der Unfreiheit. Es gibt nur eine einzige Weltoffenheit, die immer gilt: die Offenheit des Geistes für die Welt und ihre Wirklichkeit. Davon hat sich verabschiedet, wer im Namen der Weltoffenheit die Welt der Freiheit verschließt.

Robert Habeck, Donald Trump und was durch die Birne rauscht

Woran erkennt man eine gute Rede? Die Kunst, eine gute Rede zu halten, ist rar gesät. Man schaue in den Deutschen Bundestag, in Talkshows, auf Hauptversammlungen. Da werden Worte aneinander geklöppelt und Begriffe verklappt in der vagen Hoffnung, man werde irgendwie verstanden. Sätze, die ihr Prädikat finden, Ausdrücke, die das Gemeinte zutreffend benennen, der richtige Fall und die richtige Zahl sind Luxusübungen, dies- und jenseits der amtierenden Bundeskanzlerin, die, wie ich einmal unvorsichtigerweise schrieb, des Deutschen nicht kundig ist. Der Gegenbeweis wird gewiss morgen eintreffen, immer morgen.

Robert Habeck redet sich in Davos in Rage (Screenshot)

Doch das ist die Klage vergangener Tage, jammern wir nicht. Heute ist heute, ist ein optisch so formschönes Jahr namens 2020. Die zweifache Zwanzig verheißt Ebenmaß, Vollkommenheit und einen Hauch Ironie. Es ist das Jahr, da wir uns doppelt sehen. Insofern mag es ein passender Jokus sein, wenn auf den einen Ruin der nächste folgt. Man muss heute nicht nur unfähig sein, eine gute Rede zu halten; man muss auch unfähig sein, eine gute Rede zu erkennen. Küren wir also Robert Habeck zum ersten Helden der Klasse von 2020. Der grüne Ko-Vorsitzende, der mit seinem Rasiergerät erkennbar in einer On-Off-Beziehung lebt, beschied eine Journalistin nach der heutigen Rede Donald Trumps auf dem Weltwirtschaftsforum von Davos, der Robert Habeck vermutlich beiwohnte: Das sei die schlechteste Rede, die er in seinem Leben gehört habe.

Davon abgesehen, dass Robert Habeck damit zugab, bei der letzten Bundesdelegiertenkonferenz der eigenen Partei – sagt man Parteitag? – Power Napping praktiziert zu haben, hat Robert Habeck andere als die gewöhnlichen Vorstellungen einer guten Rede. Gut ist demnach nicht eine Rede, die unbeschadet des Inhalts ihre rhetorischen Mittel wirkungsvoll einzusetzen vermag, eine Rede, die gut gegliedert ist und pointiert formuliert, eine Rede, die verstanden wird und nachhallt und zum Widerspruch reizt. Nein! Gut ist nunmehr eine Rede, die nah gebaut ist am Wertespeicher der Grünen. Gut ist eine Rede, die sagt, was Robert Habeck denkt, nur in anderen Worten. Gut ist eine Rede, die Robert Habecks Erwartungen erfüllt. Wir müssen eingestehen: Dann war es tatsächlich eine schlechte Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in der Schweiz hielt.

Der Kardinalfehler aus Robert Habecks Sicht bestand darin, dass Donald Trump tat, was jeder gute Redner tun muss: sich des Anlasses und des Publikums seiner Rede zu vergewissern. Donald Trump ging davon aus, dass auf einem Weltwirtschaftsforum Fragen der Weltwirtschaft besprochen werden. Dass vor Ökonomen, Managern und Politikern ökonomisch geredet werden solle. Donald Trump ging davon aus, dass er nicht den Arbeitskreis Nachhaltigkeit der grünen Ortsgruppe Dinslaken vor sich hat, sondern volkswirtschaftlich geschulte Entscheidungsträger, die Brutto von Netto unterscheiden können und Arbeitslosigkeit von Beschäftigung. Da geriet er bei Robert Habeck an den Falschen. Der deutsche Totalverriss für Trumps Rede war ein ehrliches Statement. Robert Habeck zeigte sich als guter Deutscher, und guten Deutschen sind wirtschaftliche Zusammenhänge schnuppe. It’s the Haltung, stupid – das war das Motto von Robert Habecks Gegenrede.

Ja, natürlich: Donald Trump beherrscht nichts so gut wie Selbstlob. Es war zu zwei Dritteln eine Wahlkampfrede für das heimische Volk, die Donald Trump in Davos hielt. Jede nach Millionen zählende Wählergruppe wurde bedacht. Jeder dieser Gruppen kann nun einen Schnipsel dieser Rede in ihren sozialen Kanälen verbreiten: die Gering- und die Vielverdiener, die Familien und die Alleinerziehenden, die Weißen, die Latinos und die Afroamerikaner in einer „inklusiven Gesellschaft“, die Katholiken und die Evangelikalen und die Unternehmer und die Gewerkschafter. In summa: „Der amerikanische Traum ist zurück, größer und stärker als je zuvor. (…) Der Wohlstand der USA lässt sich nicht leugnen und ist beispiellos in der Welt.“ Doch die Wette biet ich: Es war nicht das protzende Selbstlob, das Robert Habeck auf die Palme brachte. Es waren die im letzten Drittel explizit gemachten und zuvor implizit vorhandenen weltanschaulichen Grundentscheidungen Donald Trumps, die allem zuwider laufen, wofür Robert Habeck kämpft. Darum lohnt sich ein Blick auf das Normengerüst eine Rede, die, soweit ich sehe, in ihrem normativen Gehalt bisher nicht bewertet und darum in ihrem Kern verfehlt wurde.

Das Normengerüst von Trumps Davoser Rede sieht so aus – und weil es so aussieht, musste der gute Deutsche Robert Habeck hernach den Alarmknopf drücken: Der Wohlstand einer Nation beruht auf dem Wohlergehen des Mittelstands. Steuersenkungen setzen unternehmerische Initiativen frei. Pessimismus lähmt den Menschen. Einschränkungen der Freiheit sind begründungspflichtig, die Freiheit selbst ist es nicht. Bürokratie kostet Arbeitsplätze. Den Mittelpunkt aller Politik bilden „Bürger mit ihren Familien“, nicht die Belange des Staates. Außenpolitik beruht auf widerstreitenden nationalen Interessen. Der „menschliche Geist“ kann Ewiges erschaffen. Untergangsszenarien verdummen. Sozialismus ist Geschichte. Gott gibt es.

Lang und breit ließe sich darüber streiten, was taktisch war an Trumps Davoser Rede, was strategisch, was innere Überzeugung, was äußere Notwendigkeit. Und wie all das mit Trumps praktischer Politik in Verbindung steht. Robert Habeck machte ein anderes Fass auf und muss es sich gefallen lassen, in dieses getunkt zu werden. Ergo: Donald Trump hielt nach allen Kriterien, die wir bisher kannten, eine gute Rede. Robert Habeck setzte übellaunige Authentizität dagegen, einen inneren Dreitagebart. Trump habe „Missachtung von allen Leuten“ gezeigt und „keine Wahrnehmung für globale Probleme“. Es sei nötig, „das System komplett [zu] ändern“, mutmaßlich das Wirtschaftssystem, das wir Kapitalismus nennen oder soziale Marktwirtschaft oder Demokratie.

So zeigte sich in einer Deutlichkeit, die kein Drehbuchschreiber hätte erfinden können: Haltung frisst Hirn und lässt Zorn gedeihen. Robert Habeck muss schließlich Donald Trump als seinen „Gegner“ identifizieren. Im Freund-Feind-Denken endet, was als Liebe zur Natur begann. Im intellektuellen Bellizismus, was als politischer Pazifismus anfing. Robert Habeck ist von sich berauscht und macht keine Gefangenen.

Postscriptum: Robert Habeck schreibt Unterhaltungsbücher, zusammen mit seiner Ehefrau. In einem steht der Satz, Deutschland schaue von oben aus wie ein ausgekippter Mülleimer. Donald Trump verstünde diesen Satz nicht.

Deutschland, Joe Kaeser und entführte Hirne

Kann man Hirne entführen? Daran und an Richard Dawkins musste ich denken, als ich las, was man so liest in diesen Tagen. Mullah-Versteher hatten ihren Auftritt und bekamen ihre Sendezeit, Mietendeckelverfechter, Buschbranddeuter, Strompreiserhöhungsfans und Enteignungsbefürworterinnen. Und dann war da noch das platonische Werben eines Münchner Dax-Vorstands um ein Jungmitglied der Grünen; sie, die Umworbene, Neubauer mit Nachnamen, als #Langstreckenluisa zu bitterem Netzwerkruhm gelangt, lehnte ab. Sie sei, stand zu lesen, damit ausgelastet, die Welt zu retten. „Irgendwelche Aufsichtsratsgeschichten“ stören da. Pech für Josef, genannt Joe, Kaeser, den Top-Arbeitnehmer der Siemens AG.

Foto: A. Kissler

Richard Dawkins kam mir in den Sinn, weil ich dessen Werke vom „Egoistischen Gen“ und vom „Gotteswahn“ konsultierte, als ich 2008 mein Buch über den „Aufgeklärten Gott“ schrieb. Dawkins sah ich unter den vielen Neoatheisten der damaligen Zeit am kritischsten. Das lag neben seiner zynischen Weise, in der er über Gläubige sprach, an Dawkinsʼ Kernthese: Der Glaube kapere die Hirne der Menschen – der Kinder vor allem. Dawkins wollte biologisch begründen, was er intellektuell nicht aus der Welt bekam. Dem Glauben verlieh er eine materielle Basis, erklärte ihn zum „Mem“ oder zum „geistigen Virus“. So beging er in meinen Augen einen schlimmen Kategorienfehler. Geist und Materie – Schiller sprach rund 200 Jahre früher vom Stoff- und vom Formtrieb – vermengte er. Als ließen sich Gedanken wiegen, Träume fotografieren, Hoffnungen messen. Das geht nicht.

Vielleicht muss ich Abbitte leisten. Zumindest ein wenig. Ich blättere in meinem „Aufgeklärten Gott“, durchstöbere den „Gotteswahn“ und finde die Formulierung von den entführten Hirnen nicht. Vielleicht schob ich mit dieser Prägung verschiedene Lektüren zusammen. Dennoch scheint es mir ein sinnvoller Ausdruck. Zumal ich bei Dawkins lese: „Anthropologische Übersichtsdarstellungen (…) machen deutlich, dass es unter den Menschen eine beeindruckende Vielfalt irrationaler Überzeugungen gibt. Einmal in einer Kultur verwurzelt, können sie sich halten, weiterentwickeln und immer vielgestaltiger werden – ein Vorgang, der stark an die biologische Evolution erinnert.“ Außerdem: „Unter anderem will ich damit sagen, dass es keine Rolle spielt, welche besondere Form von Unsinn das Kindergehirn befällt. Einmal angesteckt, wächst das Kind auf und infiziert die nächste Generation mit dem gleichen Unsinn, wie er auch aussehen mag.“

Wie gesagt, Dawkins meinte mit „irrationalen Überzeugungen“ und „Unsinn“ religiöse Gebote und theologische Dogmen. Sie stehen nach seiner Auffassung der Entwicklung des Menschen zur Mündigkeit entgegen, pflanzen sich aber dennoch fort. Das ärgert den Evolutionsbiologen, weshalb er sich die Weitergabe der Religion als biologischen Vorgang denkt. Das Gehirn, ließe sich mit Dawkins sagen, wird von Kindesbeinen an deformiert, sodass ihm später Unsinn als sinnvoll erscheint. Es kann ihn gar nicht mehr hinterfragen. Das Gehirn bleibt – in meinen Worten – entführt.

Stellen wir uns kurz vor, Richard Dawkins hätte Recht – gerade progressive, linke Köpfe nicken da schneller, als es dieser These und ihrem eigenen Hirn guttut. Aber stellen wir uns das wirklich einmal versuchshalber vor: Es gäbe ganz handfeste, stoffliche Komplexe von Ideen und Vorstellungen, die dem Gehirn eingeschrieben wurden. Und dass uns (oder vielen oder manchen) die materiellen Möglichkeiten fehlten, sie zu korrigieren. Dass wir (oder viele oder manche) in einem Wahn gefangen sind, der als Ausdruck von Vernunft erscheint, weil das Gehirn so programmiert wurde. Dawkins öffnet die Spur, wenn er ausdrücklich vom „Unsinn, wie er auch aussehen mag“, schreibt. Wie schaut er heute aus, der Unsinn?

Damit wären wir bei den Schlagzeilen gelandet, bei Mullah-Verstehern, Mietendeckelverfechtern, Buschbranddeutern, Strompreiserhöhungsfans, Enteignungsbefürworterinnen und einem Vorstandsvorsitzenden auf Haltungsbrautschau. So unterschiedlich die Schlagzeilen sein mögen, dahinter verbirgt sich eine quasireligiöse Weltanschauung von enormer Bindekraft. Die neuen Dogmen lauten: Der Westen hat sich blamiert, die USA sind böse, der Kapitalismus ist gescheitert. Der Staat muss Gerechtigkeit verordnen, Privateigentum ist Diebstahl, Klimanot kennt kein Gebot. Wie bei allen Dogmen gibt es Abstufungen in der Art, wie man sie praktisch ernst nimmt. Wer sie aber grundsätzlich bezweifelt, trifft auf das geballte Gegenfeuer entführter Gehirne – um im Sprachbild zu bleiben.

Die neuen Dogmen sind legitime Meinungsäußerungen. Mehr nicht. Die jeweilige Gegenmeinung ist und wäre auch legitim. Das pauschale Unverständnis, auf das ein Kontra oft stößt, lässt Dawkins für einen Augenblick plausibel erscheinen. Es scheint, als fehlte an zu vielen Stellen unserer Gesellschaft, unserer Politik, unserer Wirtschaft nicht nur die Bereitschaft, sondern auch die Fähigkeit, Gedanken mit Gedanken zu beantworten. Als mangelte es an der nötigen Voraussetzung, auf Kritik schöpferisch zu reagieren. Als herrschte eine Generation, die in behüteter Fraglosigkeit aufwuchs und sich darum alles Fragen verbittet. Als wäre Moral die Bringschuld der anderen, während man selbst sie unkündbar gepachtet habe.

Zu vieles versteht sich von selbst und wird darum missverstanden. Zu wenig wird hinterfragt, weil Fragen als Moralvergehen gilt. Zu viele wissen Bescheid, zu wenige haben Ahnung. Zu selten wird argumentiert, zu oft verdammt. Wir leben in keiner Gesellschaft der Echokammern. Wir leben in einer Welt, in der Echos unerwünscht sind. Unterscheidung der Geister, Befreiung des Geistes: das sollte Gebot der Stunde sein.

Besoldungskünstler von der Isar

Freising ist ein schöner Ort. In dem oberbayrischen Städtchen wirkte der große Bischof, Zisterziensermönch und Historiker Otto – Otto von Freising. Unweit des Domes steht ein Denkmal, das an Otto erinnert. Dessen Hauptwerk heißt „Chronik oder die Geschichte der zwei Staaten“. Nach einem Denkmal des jetzigen Freisinger Erzbischofs wird man dereinst vergeblich suchen. Dabei hat auch Reinhard Marx Bücher geschrieben. Seine Dissertation von 1989 heißt „Ist Kirche anders? Möglichkeiten und Grenzen einer soziologischen Betrachtungsweise“, sein populäres Sachbuch von 2008 „Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen“. Einerseits: Ha, ha. Marx und der Kapitalismus. Ha, ha. Andererseits: Es ist zum Traurigwerden, Verrücktwerden, Fremdschämen.

Die Türme der Münchner Frauenkirche (hinten). Foto: H. P. Rabit

Der Freisinger Bischof der Jahre 1138 bis 1158 stellte in seiner „Chronik“ Weltgeschichte als Heilsgeschichte dar, als Kampf zwischen der civitas Dei und der civitas terrena, himmlischem und weltlichem Staat. Die Kategorien sind erkennbar von Augustinus inspiriert. Reinhard Marxens Doktorarbeit ist unlesbar. Um gerecht zu sein: Lesen kann man sie schon, aber es ist eines jener Bücher, aus denen man dümmer heraus- als hineinschaut. Was man gar nicht allein dem jetzigen Freisinger Erzbischof anlasten kann. Es ist eine soziologische Arbeit. Ihrem Genre hält sie durch angeschlaumeierte Verquastheit die Treue. Weder Theologie noch Geschichte sind die Interessensfelder des Reinhard Marx.

An all das und auch an meine erste historische Proseminar-Arbeit über Otto von Freising und den „Zerfall der Welt“ musste ich denken, als mir ein Satz unterkam, den ich leider nicht vergessen kann. Es sei also gewarnt. Der Satz lautet: „Ich weiß, wie groß die Probleme des vergangenen Jahrzehnts waren, und sie werden künftig nicht kleiner werden.“ Natürlich ist das ein harmloser Satz, ein kleiner Satz, ein Nebensatz. Doch er führt hinein in die Selbst- und Weltwahrnehmung des Erzbischofs, für die mir kein besseres Wort einfällt als ambitiös. Reinhard Marx hat ein ambitiöses Verhältnis zur Wirklichkeit.

Der Satz fiel in der Silvesterpredigt. Da stand also ein augenscheinlich pumperlgsunder, gut genährter Berufsprediger der Besoldungsklasse B10 – immerhin 13231 Euro brutto im Monat, überwiesen vom bayrischen Staat – und teilte seinen Schäfchen mit, dass er erstens in die Zukunft zu schauen vermöge und dass er zweitens da nichts Gutes erblicke. Die Gegenwart – die Gegenwart des Publikums – sei schon in den vergangenen zehn Jahren durch „Probleme“ gekennzeichnet gewesen, und daran werde sich nichts ändern. Bestenfalls. Vielleicht werde es sogar schlimmer. „Nicht kleiner“ würden die Probleme. Liebe Gemeinde, gewöhnt euch dran. So ist es halt.

Luther wusste die Welt voller Teufel, Marx sieht sie voller Probleme. Ein Problem ist ein Sinnhindernis, das im Weg steht. Es verknotet verschiedene Aussagen oder Ansprüche, mindestens deren zwei. Was sollen die Katholiken tun, um es aus dem Weg zu räumen? Reinhard Marx empfahl in seiner Silvesterpredigt: Habt mehr Phantasie! Habt „große Lust, Neues zu denken“. Das kann man zynisch nennen – denn was immer man mit kirchlich verordneter Phantasie auch anstellen mag, die Probleme bleiben ja. Marx hat ihnen gerade eine Bestandsgarantie gegeben. Andererseits ist es ein riskanter Rat, den der Prediger in persona falsifiziert. War vom jetzigen Freisinger Erzbischof je Neues zu hören, das sich einem Denkprozess verdankte, vielleicht gar einem theologischen? Soweit ich sehe: Nein. Wo Marx redet, da redet die Gesellschaft wie die Gesellschaft zur Gesellschaft. Da werden moralische In-sich-Geschäfte abgeschlossen zum höheren Ruhme des handelnden Akteurs. Da kommt die Welt in ihr loderndes Einverständnis.

Zum Beispiel hat Reinhard Marx gerade zum dritten Mal 50000 Euro „gespendet“ für die „Seenotrettung“ im Mittelmeer. Es waren 50000 Euro im Oktober 2018 für „Lifeline“ – jenen Verein, der gerade bei Twitter den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz als „Baby-Hitler“ verunglimpfte. Es waren 50000 Euro Anfang 2019 für „Sea-Eye“, und es sind nun 50000 Euro für das Bündnis „United 4 Rescue“, das der Organisation „Sea-Watch“ ein Schiff schenken will. Freilich: Marx hat nicht gespendet. Er hat Gelder, die seinem Bistum zuflossen, umgewidmet. Er hat die Mittel anderer Leute, der Kirchensteuerzahler vor allem, verwendet, um auf der Drehbühne des täglichen Moraltheaters ins Schweinwerferlicht der guten Gesinnung zu rücken. Das ist nicht mutig, das ist wohlfeil. Das ist so phantasielos, dass es kracht. Kein Serienschauspieler, der etwas auf sich hält, kommt heute ohne öffentlich hinaus posaunte Spendentätigkeit aus. Mit dem Unterschied, dass Serienschauspieler das Geld, das sie weiterreichen, zuvor selbst verdienen müssen.

Wer Neues denken will, der müsste dem Besoldungskünstler von der Isar sagen: Probier’s mal ohne Kirchensteuer! Lass dich mal nicht vom Staat bezahlen! Red‘ mal nicht von dir oder der Gesellschaft! Fühl‘ dich mal nicht als Prophet der eigenen Denkungsart! Sei weniger selbstgewiss, weniger dreist, weniger ambitiös. Denn Ambitionen, steht zu befürchten, stecken hinter den Haupt- und Nebensätzen, den Neben- und Staatsaktionen einer finanziell verfetteten Kirche, für die ein Freisinger Bischof eben doch nur ein Symbol ist. Die Ambitionen lauten auf Sichtbarkeit, Applaus und Selbstergriffenheit. Auf Augenhöhe mit den Großen und Abspeisen der Kleinen: Wer Probleme hat, der wird sie auch behalten. Eure Phantasielosigkeit ist nicht mein Problem.

Otto von Freising gründete Klöster. Reinhard Marx gründet Arbeitskreise. 

Mach meine #Umweltsau nicht an

Ob erlaubt sei, was gefällt, oder was sich ziemt – darüber lässt sich trefflich streiten. In Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“ taten es stellvertretend der dichtende Held und die Prinzessin Leonore von Este. Tasso zeigte sich als heißblütiger Poet, dem die Freiheit des Dichtens und die Gunst des Publikums über alles gehen. Die adlige Freundin beharrte auf den Grenzen der Schicklichkeit. Dass diese Grenzen schwierig zu ziehen sind, wusste Goethe selbst am besten. Er war 30 Jahre jung, als er mit der Niederschrift begann und so seinen eigenen inneren Zwiespalt am Weimarer Fürstenhof transparent machte.

Foto: H. P. Rabit

Heute ist in der Öffentlichkeit das Meiste erlaubt, weil sich immer jemand findet, dem es gefällt. Einem Applaus, einem Einverständnis widersprechen, hat schnell den Ruch des Intoleranten. Und stößt sich hart mit dem weit verbreiteten Missverständnis, in jedem Nein verberge sich eine Diskriminierung. „Lass sie doch!“, bekommt die Spaßbremse zu hören, die auf dem Unterschied beharrt zwischen privatem und öffentlichem Verhalten oder zwischen Toleranz und Desinteresse.

ARD und ZDF sind öffentlich-rechtliche Anstalten. Sie wirken in der Öffentlichkeit aufgrund sehr stabiler rechtlicher Grundlage. Staatsverträge und Verfassungen schützen ihr Wirken. Öffentlich-rechtliche Anstalten sind ARD und ZDF jedoch auch deshalb, weil sie sich an das Recht halten müssen und weil sie Öffentlichkeit mitgestalten. Die Öffentlichkeit ist nicht nur das Medium, in dem sie agieren und das dem Hinterzimmer und der Privatbühne maximal entgegen gesetzt ist; Öffentlichkeit ist das Objekt, das sie verändern, indem sie daran teilhaben. ARD und ZDF bestimmen über unser Bild von Öffentlichkeit mit. Sie formen Öffentlichkeit.

Darum ist die Aufregung um das „Umweltsau“-Lied des WDR-Kinderchores gerechtfertigt, ja notwendig. Wer an diesem Lied keinen Anstoß nimmt, nimmt die Öffentlich-Rechtlichen in ihrem Selbstverständnis und ihrem Auftrag nicht ernst. Wer mit einem Achselzucken über solche Entgleisungen hinweg geht, sieht in ARD und ZDF, was sie gerade nicht sind: freie Verbreiter privater Ansichten.

Wer von der Allgemeinheit bezahlt wird, um Öffentlichkeit mitzugestalten, muss sich an die Grenzen der Schicklichkeit halten. ARD und ZDF sind keine Künstler im Dienste eines Mäzens, die heute dieser und morgen jener Laune frönen, solange es dem Fürsten gefällt. Der Souverän von ARD und ZDF sind die Bürger, die ihren Beitrag entrichten, sind wir alle. ARD und ZDF haben Teil an unserer gemeinsamen Öffentlichkeit, weil die Allgemeinheit ihr dieses Mandat erteilt hat. ARD und ZDF übersetzen gewissermaßen die Volonté général in ein plurales Medienangebot. Zumindest der Theorie nach.

Mit dieser Theorie unvereinbar ist es, minderjährige Mädchen ordinäre Texte singen zu lassen und das filmische Dokument dieser Instrumentalisierung weiterzuverbreiten. Welchen kommunikativen Status man auch immer der Liedzeile des WDR-Kinderchores „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ zusprechen möchte – es ist ein ordinärer Satz. ARD und ZDF verstoßen gegen ihre Geschäftsgrundlage, wenn sie Mädchen zwischen neun und 13 Jahren zu öffentlicher Vulgarität anstiften. Hinzu kommt: Der Auftrag, den die Allgemeinheit ARD und ZDF erteilt hat, fällt in dem Augenblick in sich zusammen, da ARD und ZDF die Allgemeinheit oder wesentliche Teile beschimpfen. ARD und ZDF verlieren das Recht auf Finanzierung durch die Allgemeinheit, wenn sie diese verhöhnen.

ARD und ZDF wird es aufgrund stabiler Verträge vermutlich noch sehr lange geben. Und vielleicht fügt sich manches wieder zum Guten. Es wäre uns allen zu wünschen. Zu wichtig sind unabhängige, kompetente Medien für eine liberale Republik. Vielleicht aber auch war die „Umweltsau“-Affäre rückblickend der Kipppunkt, an dem ARD und ZDF erst ihre Öffentlichkeit und dann ihr Recht auf diese abhanden kam. Allen hier ein gutes Jahr 2020.

Weihnachten kommt immer so plötzlich

Das ironische Sätzlein hört man oft: Weihnachten kommt immer so plötzlich. Gemeint ist damit die offensichtlich himmelschreiende Diskrepanz zwischen einem fixen, jährlich wiederkehrenden Termin und unseren Anstalten, sich auf ihn einzustimmen, vorzubereiten, geschenketechnisch vor allem. Mann rennt am 23. Dezember panisch in die nächst gelegene Parfümerieabteilung? Weihnachten kommt ja immer so plötzlich. Frau druckt am Morgen des 24. Dezember panisch ein Konzertticket aus? Oh, dieses plötzliche Weihnachten!

Dabei ist, recht besehen, Plötzlichkeit das Erkennungsmal von Weihnachten. Womit niemand rechnen konnte, das hat sich ein für allemal wirklich ereignet, in der Nacht zu Bethlehem, damit es nun Jahr um Jahr auf uns zukommt. Was niemand erwartete, obwohl es verkündet worden war, überraschte, überschauerte die Menschen. Bis heute. Ein Weihnachten, das nicht plötzlich käme, wäre kein Ereignis mehr. Eine Nacht ohne Plötzlichkeit kann nicht geweiht sein. Sie wäre das Gegenteil, wäre Routine, Vorhersehbarkeit, langer Weg ohne Ziel. Kreis ohne Pfeil, Dunkelheit ohne Blitz, Erde ohne Segen.

Gestärkt ins neue Jahr / Foto: A. Kissler

Im zurückliegenden Jahr konnte ein neues politisches Sachbuch von mir erscheinen. Es dürfte das 14. gewesen sein, die kleineren mit eingerechnet. Auch das wird nie Routine: „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“ – die elektronische Fassung lässt sich auch noch unmittelbar vor der Bescherung beziehen, ganz ohne Panik, und als Antidot zu mancher Weihnachtspredigt.

Einige Male durfte ich 2019 zu Gast sein in der „Phoenixrunde“ des Fernsehsenders „Phoenix“, zuletzt am 21. November zur Zukunft der CDU, einmal im ARD-„Presseclub“, dreimal im Podcast „Morning Briefing“ von Gabor Steingart, zuletzt am 2. Dezember, als ich Botho Strauß aus Anlass von dessen 75. Geburtstag würdigte. All das hat mich sehr gefreut. Dass ich noch beim „Cicero“ bin und gern bin, dürfte den Wenigsten entgangen sein. Das Dreier-Gespräch über den Jubilar Fontane war gewiss ein Höhepunkt. Welcher „Konter“ bei cicero.de besonders gelungen ist, liegt freilich im Auge der Betrachterin.

Dass wir in erhitzen Zeiten leben und damit nicht der Klimawandel gemeint ist, legt uns, die wir öffentlich denken, eine Verantwortung auf: Einzustehen für das, was zu sagen nottut, sich nicht beirren zu lassen, nicht mutlos und nicht traurig zu werden – und zugleich die Contenance zu wahren. Der wunderbare Max Hermann-Neiße schrieb am 8. März 1930 aus Berlin an seinen Freund Friedrich Grieger: „Ministerpredigt gegen Individualismus – zum Kotzen!“

Von den vielen Lektüren hat mir jene der Aldous-Huxley-Biografie von Uwe Rasch und Gerhard Wagner einen neuen Kosmos erschlossen, schön und herb zugleich. Auch an entlegener Stelle trug sie Früchte, man lese nur nach zum inneren Zusammenhang von Trägheit und Spektakel. Huxley, dessen dreibändige Essayausgabe bei Piper ich nur empfehlen kann, schrieb 1935: „Die Politik ist eines jener Tätigkeitsfelder, die der Mensch gewählt hat, um sich wie ein wild gewordener Affe aufzuführen.“ Und 1937 uns allen ins Stammbuch: „Genaues Denken ist die Bedingung richtigen Verhaltens. Es ist überdies in sich selbst ein moralischer Vorgang; denn wer genau denken will, muss beachtlichen Versuchungen widerstehen.“

Was das neue Jahr bringen wird? Ich weiß es nicht, zwei Buchprojekte aber werden mich beschäftigen. Einmal, wie üblich fast, als den Autor eines politischen Sach- und Debattenbuchs, das ins Herz unserer schlingernden Zeit zielt. Und als den Herausgeber und Moderator eines europäischen Gesprächs über die Bedrohungen der Freiheit, derer wir heute gewahr werden, und die Notwendigkeit eines neuen Bürgertums. Bei Twitter, bei Instagram – Follower stets willkommen –, auf der Homepage und im Newsletter werde ich mit Neuigkeiten nicht hinter dem Berg halten.

So wünsche ich allen formidable Weihnachten, ein glamouröses Silvester, einen glücklichen Start ins neue, noch ganz und gar ungeschriebene Jahr 2020 hinein. Ganz gewiss werden da Plötzlichkeiten sein – und dennoch: „Wer feste Überzeugungen besitzt, darf gerade deswegen aufs Denken nicht verzichten.“ (Huxley)

Dieses verdammte Berlin

Er sei da gar nicht involviert. Aber auch kein Einzelfall. Und noch nie im Krankenhaus gewesen. Außer vielleicht bei seiner Geburt. Da sei er sich nicht sicher. Nun aber das: 60 Stunden habe man ihn unbehandelt gelassen im Waldkrankenhaus. Mit Menschenwürde habe das nichts zu tun. 60 Stunden, die letzten ohne Nahrung, ohne Wasser. Es gebe Zeugen. Der Arzt, nur am Umsatz interessiert, ein arrogantes Arschloch. Die Schwestern nicht ansprechbar. Man habe ihm gedroht. Das Bein müsste vielleicht abgenommen werden. Lachhaft. Wegen drei Insektenstichen. Als er sich beschwerte, drohte der Arzt ihm erneut. Er werde dafür sorgen, dass er an keinem Berliner Krankenhaus aufgenommen werde. Natürlich sei er da eingeschüchtert gewesen. Nirgends werde man in dieser Stadt gefördert. In Prag, wo er gerade herkomme, sei das ganz anders. Er sei dann davon gehumpelt, unbehandelt, habe sich eine Plastiktüte über den malträtierten Fuß gestülpt.

Ob er noch einmal kurz rekapitulieren dürfe, was da eben vorgefallen sei, bitte schön? Der Mann im Oberdeck des zum Bahnhof Zoo fahrenden Busses griff sich in seine Haare, dünne, glänzende Strähnen, verschieden lang über den Ohren herabhängend. Er war unrasiert. Schwärze unter den Fingernägeln. Vielleicht 56, vielleicht 62 Jahre alt. Seine Stimme tönte voll, war Monologe gewöhnt. Zwei Kopfhörerknöpfe steckten in den Ohren, ein Ring nur im linken. Die Krücke hatte er auf den Platz neben sich gelegt.

Dort baumelte auch, leicht angewinkelt, der lädierte Fuß. Er habe ihn selbst verbunden, das habe einen Tag gedauert. Durch die Stadt zu laufen, diese riesige feindselige Stadt, und sich alles zusammenzusuchen. Er habe ja keine Erfahrung darin. Verbandszeug, Pflaster, Schere. In sieben Schuhgeschäften sei er gewesen, ergebnislos. Kein einziger Schuh wollte über seinen geschwollenen Fuß passen. Die Leute hätten Reißaus genommen, des Gestanks wegen. Das sei nun glücklich überwunden. Er hinke nur noch. So habe ja diese ganze Misere heute angefangen. Er rekapituliere jetzt noch einmal kurz.

Doch da stand die Fahrerin des Busses schon im Gang und schrie ihn an. Ihre Borstenhaare, gelb gefärbt, waren der Schmuck eines Totems, der die Götter des Untergangs heraufbeschwor. Ob er jetzt endlich Ruhe gebe! Sie habe hier das Sagen, „und wenn du nicht sofort ruhig bist, fliegst du hier raus, kapiert?“ Der Totem verfärbte sich ins dunklere Gelb. Sie wäre bereit gewesen, die schmächtige Wütende, den humpelnden Mann eigenhändig durch den Notausstieg zu werfen. Oder war sie an den Falschen geraten? Sehr laut wurde der augenblicklich wieder, wie vorhin, als alles begonnen hatte: Ob er sich hier duzen lassen müsse? Er spreche 12 Sprachen und sei promoviert. Was sie sich erlaube, ihn so anzugehen. 

Er habe vorhin nur die Passagierin gegenüber darauf hingewiesen, dass er humpele. Höflich. Eine rücksichtsvolle Geste sei das gewesen. Dass er von drei Insekten gestochen worden und unsicher auf den Beinen sei. Wenn diese Frau ihm solche Rücksichtnahme schlecht vergelte und ihren Platz wechsele, sei das diskriminierend und typisch für dieses schlimme Berlin, wo jeder sich in die Angelegenheit anderer einmische, aber niemand einander helfe, niemand ihn unterstütze. „I have the right to complain“, donnerte er der Fahrerin entgegen, die sich mit Blicken und Silben wie von Hera revanchierte. „Noch ein Ton und du fliegst!“ Es hätte eskalieren können. 

Zur Wahrheit gehöre natürlich auch, sagte der große Mann im dünnen Mantel, indem er sich zum Fahrgast hinter ihm wandte und die „Proletentussi“ keines Blickes mehr würdigte, dass er in Marburg studiert habe, Kunstgeschichte, ein Künstler sei und also sensibel, bitte schön. Dafür habe Berlin natürlich kein Verständnis. In Dahlem liefen alle mit diesen Samsung-Boxen herum. Kein Wunder, dass die da verrückt werden.

Neulich erst, vor seinen Augen, landete ein Hubschrauber am Bahnhof, vier Polizisten sprangen aus dem Gebüsch, locker die Pistolen um die Hüfte geschwungen. Eine Frau aus ihren Reihen habe ihm mehrfach auf die Brust geschlagen. Da frage er sich: Warum? Gehe man so mit Menschen um? Er habe einige Tage im Freien schlafen müssen, sein ganzes Geld sei weg. Aber sei das ein Grund? Als er sein Cello abholen wollte aus der Gepäckaufbewahrung, erklärte man ihm dreist, das Fach sei aufgebrochen worden und leer gewesen, aber er habe Zeugen.

Seine tschechische Freundin sei schließlich die zweitreichste Frau des Landes, zweieinhalb Milliarden schwer, nach dem Ministerpräsidenten, „Babitsch oder so“, der habe wohl vier Milliarden. In Tschechien habe er im Keller eines Schiebers echte Picassos gesehen, „12 Stück oder so“, und einen echten Braque. Alle gestohlen natürlich. Beutegut. Und ganz andere Gemälde noch. Wenn man da jeden Monat nur eines für 20000 Euro verkaufe, könne man gut davon leben. Er sprach nun tatsächlich, das erste Mal an diesem Freitagmorgen, in Zimmerlautstärke. Seltener nur drehten sich die anderen Fahrgäste nach ihm um. Der Sicherheitsabstand aber blieb gewahrt. Er hatte sich ein eigenes Reich von sieben leeren Reihen ertrotzt, erkämpft, erschrien. Im Reden war er König. Wer wollte es da mit ihm aufnehmen? Er versprach sich nie.

Angefangen hatte alles mit den Kurzgeschichten eines Zwölfjährigen. Er durfte sie vorlesen, als einer von nur zwei Jungs. Und der andere war, „da kommen Sie jetzt nie drauf“, ein Nachfahre Rippentropps, ein Alexander. Der las auf der großen Bühne. Der schreibe auch heute noch – Alban Nikolai Herbst nennt er sich. Das habe ihn damals im Alter von zwölf Jahren beklommen gemacht, und so blieb für ihn nur eine Besenkammer zum Vortrag, „ich übertreibe jetzt. Nennen wir es doch une chambre privée, das klingt dann gleich nach Proust.“ Da lachte er kurz meckernd auf, und die Strähnen zitterten. 

Jammerschade wirklich, dass er seine tschechische Freundin gerade nicht erreichen könne. Sie lebe auf einem abgeschiedenen Areal, zu Ostblockzeiten völlig unzugänglich und noch heute ohne Telefon. Da wäre vieles jetzt leichter, sagte er, als draußen gerade die Sonne im Triumphzug die Wolken besiegt hatte. In Prag habe er einmal Karlheinz Böhm getroffen, den Schauspieler, „auch ein alter Nazi“. Und Franco Nero, den Mann von Vanessa Redgrave, das wüssten ja die wenigsten. Der Nero und die Redgrave, was ein Paar. Er lachte in sich hinein. 

Damals habe er die Menge zum Rasen gebracht, das sei unglaublich gewesen. Mit seinem Kontrabass, seinem E-Bass, seinem Piccolo-Bass, einfach unglaublich. Mit dem Drummer von Michael Jackson habe er gespielt, es gebe Aufnahmen. Heute sei er solo unterwegs. Mit dem Drumcomputer. Und dazu live sein Bass. Das verlerne man nicht. 

Hier in Berlin fördere einen niemand. Und da rede er jetzt nur von der ersten Instanz. Es ginge ja gar nicht um ihn. Er sei nur ein Symptom. Überall nähmen die Verrückten überhand, Erdogan, der Nordkoreaner, Trump. Er sei da letztlich gar nicht involviert. Aber nun natürlich verängstigt. Wie damals im chambre privée, wo er seine ersten Texte las, die später dann Volker Lechtenbrink aufgenommen habe. Verängstigt, eingeschüchtert, das schon. In diesem verdammten Berlin.

Igor, Elena und ich

Die Menge teilte sich, als Igor Dodon hinab stieg. Und schloss sich gleich wieder um ihn, vor ihm, neben ihm, hinter ihm. Er war der Magnet, der einen engen Kreis der Anziehung schuf, einen wandernden Kreis. Mütter drängten sich zu ihm vor, riefen nach ihren Kindern, die aus dem Dunkel gereicht wurden, sich schüchtern, aber schnell in den Scheinwerferkegel der Aufmerksamkeit stahlen. Väter schoben ihre Wange in Igor Dodons Atemnähe, damit der Sohnemann, hart dahinter, den Rahmen des Smartphonefotos nicht sprenge. Babuschkas, ganz ohne Handy, den Haarkranz unter einem bunten Tuch, die Beine unter einem breiten Rock verborgen, verbeugten sich tief, griffen nach Igor Dodons Hand, wollten sie küssen, taten es vielleicht, die Schwerkraft zog sie zu Boden. Igor Dodon strahlte durch den Rücken nach hinten. Dort stand ich, 100 Zentimeter vom Staatspräsidenten der Republik Moldau entfernt, an einem Samstagabend im August, in Chisinau, und es war sehr warm.

Foto: A. Kissler

Die Präsident hatte geladen, und die halbe Hauptstadt schien auf den Beinen. Der Boulevard des Großen und Heiligen Stefan war vor dem Regierungspalast gesperrt, eine Bühne aufgebaut worden, groß genug für eine Hundertschaft von Chören, Musikern, Sängern, eine Moderatorin, einen Moderator. Feierlicher Ernst stieg aus den Darbietungen zum Himmel hoch. Stockende Rhythmen, nach dramatischen Pausen neu zusammengebunden, jubilierende Akkorde, vor dem Höhepunkt abgebrochen, breite Bögen, kraftvoll im Ab und Auf und Ab, Texte zwischen Deklamation und Credo, ironiefrei, schnell im Ausrufezeichen endend. Man sprach auf der Bühne viel Russisch in der freien Republik Moldau, deren Amtssprache das Rumänische ist, aus einem historischen Anlass. Er stand im ovalen Bogen über dem Bühnengestell: „75 Jahre Befreiung von der faschistischen Besatzung“.

Im Juli 1941 war das damalige Bessarabien von rumänisch-deutschen Truppen besetzt worden, zuvor war es eine sozialistische Sowjetrepublik gewesen, Landkollektivierung und Zwangsumsiedlungen inklusive. Unter den neuen Herren gab es dann Pogrome und Todesmärsche. Eine aufwendige Dokumentation zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wird an diesem lauen Augustsamstag auf der großen Bühne gezeigt. Am 20. August 1944 sorgte die 75 Jahre später immer wieder als zeitlicher Index eingeblendete „Operation Iasi-Chisinau“ für die sowjetische Rückeroberung. Igor Dodon, an dessen Nähe zu Russland niemand zweifeln darf, wird von Frieden sprechen in seiner kurzen Rede auf der Bühne später und vom deutschen Faschismus.

Was aber sind fest gesetzte Worte gegen Silben wie Pfeile, Blicke wie Donner, Töne wie Salven, gegen Elena also? Elena Vaenga trat auf, als die Nacht so schwarz geworden war wie das knielange Kleid, das sie trug, eine Uniform fast, die schwarzen Haare streng nach hinten gebunden. Dem Star aus Russland war nicht zum Lachen zumute. Sie war die Frau, mit der nicht zu spaßen ist, Mnemosyne und Demeter zugleich. Sie besang „Leningrad“ und das siegreiche „Bataillon“, stampfende Märsche, die sich zuverlässig emporschraubten zum eruptiven Ende. Hinter ihr, auf der großen Leinwand, robbten Soldaten durch eine Ebene, auf die Bomben niedergingen, fuhr die Kamera an Soldatengesichtern unter schwerem Helm vorbei. So war das gewesen mit der ruhmreichen Sowjetarmee.

Foto: A. Kissler

Auf kleineren Monitoren rechts und links liefen in Endlosschleife Mahnmäler, trauernde Männer mit Maschinengewehren, kämpfende Männer mit Granaten, Gesten der Vergeblichkeit nach bitterer Schlacht, Arme fallen schwer zu Boden, Panzer im gefrorenen Tanz auf brüchigem Grund, kantige Gesichter in rotem Beton, grauem Stein, schwarzem Granit. Heldengedenken, Totengedenken, Männergedenken. Elena sang, ihr zwölfköpfiges Orchester blies sich die Backen wund, zupfte die Saiten heiß, ließ das Akkordeon glühen. Pace. Leningrad. Mir.

Nach einem Solo für zwölf Orchestermänner und drei Chorsängerinnen entpuppte sich Mnemosyne als Demeter. Elena war zurück auf der Bühne, nun aber im weißem Kleid, das körperfüllend einen goldenen Pokal zeigte mit überquellenden Früchten der Erde, Blumen und Weizen und Obst, vielen Rosen. Sie wollte nicht mehr erinnern an Schlimmes, sondern künftiges Glück nähren. Sie wollte tanzen und singen, Spaß haben, Freude. Die ährenbindende war die fruchtbringende Frau geworden. Welch Rollentausch, welch Stilwechsel. Salsa erklang nun, Funk, Pop, auf der Leinwand drehten sich bunte Chakren im jagenden Kreis, das Leben ein Fest aus Farbe und Flamme, endlich auch hier. Igor Dodon kam zum zweiten Mal auf die Bühne, überreichte dem Stargast einen Strauß mit dreißig sehr langstieligen Rosen. Deren zwei fielen prompt zu Boden. Überfluss war alles und Gelächter und Heiterkeit.

Foto: A. Kissler

Ein Feuerwerk explodierte über dem Regierungspalast, Vivaldi erklang, Beethoven jubilierte. Der Applaus wollte kein Ende nehmen. Die Smartphones waren weit nach oben gerichtet, ein Oh, ein Ah, ein Gold und ein Blau und ein Rot und noch einmal von vorne, bis die Bühne leer war und nur noch der Himmel tanzte. Dann war auch das vorbei, die Menge trollte sich beseelt. Vom Stadtpark drang eine leichtere Weise herüber, junge Leute spielten Folkmusik, griffen zur Gitarre, Nicoleta Plămădeală sang betörend, kraftvoll und schattiert, eine Stimme wie Haley Heynderickx. Warm war es noch immer an diesem Samstagabend im August, in Chisinau.

Foto: A. Kissler
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