Kategorie: Tagebuch

Reis mit Alpaka

Eine Schale Reis stand zwischen ihnen und sonst nichts. Er hatte sich dann doch entschieden, nur eine zu kaufen für sie beide, das würde genügen. Reis sättigt. Basmati-Reis mit etwas Salat, etwas Gemüse, etwas Koriander, einer Soße nach Zitrone und Tamarinde. Reis asiatisch im recycelten Karton. Hellbraun und tief war die Schale, aus der sie aßen, Vater und Sohn. Manchmal kamen sie sich beim Löffeln nah, als wollten sie sich gegenseitig die Bissen kühlen. Ehe einer vor dem anderen zuschnappte. Traurig blickte der Sohn, neugierig der Vater.

Mai, Deutschland 2019

Es war Mai in Berlin, und in den Anden graste ein Alpaka. Ihm genügen Sonne, frische Luft, Gras und andere Alpakas. Ein Einzelgänger war das Alpaka nie. Zweimal im Jahr wird es geschoren. Seine Wolle ist begehrt. Sie wärmt unvergleichlich. Nach der Schur sieht das Alpaka sehr nackt aus. Nur am Kopf bleibt das Fell stehen. Seinen stolzen Blick lässt das Alpaka sich nicht nehmen, dort in Bolivien oder Chile oder Peru. Wer es in die Enge treibt, den bespuckt es. Das Alpaka ist ein friedlicher Vegetarier und versteht sich zu wehren. Auf Lateinisch heißt es Vicugna pacos.

Die Haare des Jungen waren blond und fielen schwungvoll herab über beide Ohren. Vor der Schulter machten sie Halt. Er hatte braune Augen und einen durchdringenden Blick. Seine Hose war blau, sein Hemd rot, seine Jacke beige. Er sprach klar, ohne Zögern, ohne Dialekt, ohne Korrekturen. Er fühlte sich zuhause in seinen Worten, wie es Greise am Ende allen Missverstehens tun, doch seine Worte machten ihn nicht froh. Was nützt es, alles über Alpakas zu wissen, den Vater damit zu beeindrucken, Fragen zu stellen und selbst zu beantworten, wenn man an einem kalten Maientag in Berlin sitzt und die Hitze vom Löffel bläst? War das hier ein richtiges, war es sein Leben überhaupt? Abermals bildete sich auf der Stirn des zwölfjährigen Jungen eine gekrümmte Linie. Sie führte von der linken Braue bis an die rechte und machte nicht kehrt.

Welches Lied der Vater am liebsten gemocht habe, als er jung war? Ob er lieber heute ein Kind wäre als damals, als er es war? Beide Fragen stießen in ein Schweigen hinein. Der Vater, keineswegs ein alter Mann, blond auch er, doch dünneren Haars und leiserer Stimme, musst lange überlegen. Welches Lied? Da fiel ihm auf die Schnelle keines ein. Es waren so viele. Der Sohn täte es, endlich gefunden, nicht kennen. Vielleicht von Sade? Vielleicht von Bowie? U2? Und die andere Frage sei unbeantwortbar. Man wisse ja zu keinem Zeitpunkt, was käme, und man wisse nicht, wie man wäre, wenn man noch einmal die selbe Phase durchlebte. Also zurückfiel ins Heute gewissermaßen. Alles in allem, letztlich, wenn er es sich aber genau überlege: Er wäre lieber heute Kind als damals in diesen Achtzigern, Neunzigern. Diese ganzen Möglichkeiten heute.

Der Sohn musste nicht überlegen. Er schien auch diese Frage nur gestellt zu haben, um sie selbst beantworten zu können. Bei ihm sei es umgekehrt. Er wäre lieber damals ein Kind gewesen. Ein Eiseshauch der Fremdheit stand plötzlich zwischen den beiden. Der Reis dampfte nicht mehr. Das Gemüse war verschwunden. Die Schale aus der Mitte hin zum Sohn gewandert. Wortlos war der Vater überrascht und fand keine Worte für seine Überraschung. „Damals?“ Sein Blick wurde Echo. Hinter dem Gitter der Stirn jagten die Gedanken einander. Litt der Sohn an seinem Kindsein? Sehnte er sich nach einem frühen Ende? Nach raschem Reifen? Nach einem Verschwinden?

Der Vater grübelte und leerte die Schale. Nach einer Weile fiel aus dem Mund des Sohns ein Wort auf die schon leere Fläche zwischen den beiden, und alles löste sich, ohne sich aufzuklaren. Ein Wort nur, das Wort vom „Klimawandel“, lag da nun und entsiegelte die Rede. Damals sei das alles noch nicht so schlimm gewesen wie heute. Damals war die Katastrophe weiter entfernt als heute. Damals gab es weniger Grund zur Trauer als heute. Er könne sich nicht freuen am Heute, nicht freuen auf Morgen. Er wäre lieber damals Kind gewesen.

Der Vater zahlte. Sie verließen den Tisch. Ein Zug wartete. Brachte sie irgendwo hin, weit weg. Alpaka sein. Draußen sein. Es warm haben in den Anden, menschenfrei.

Wie ich einmal mit Angela Merkel im Theater war

Manche Dinge geschehen ohne einen, obwohl man dabei war. Oder war man es am Ende gar nicht? War man zwar da, aber nicht dabei – oder dabei, aber nicht da? Dann liest man in den Akten der Erinnerungen und findet sich nicht. Dann ist es, als führte ein anderer das Regiment über das eigene Leben. Als hätte ein Schwamm die Tropfen des Gewesenen aufgesogen, restlos, und nur eine blitzblanke, leere Oberfläche im Oberstübchen zurückgelassen. Sie dürfen nun andere beschreiben.

All das frug ich mich heute morgen, als ich las, Frau Dr. Merkel habe der Premiere des Schauspiels „Der Menschenfeind“ von Molière gestern beigewohnt. In Berlin, im Deutschen Theater, in Reihe 6, Parkett Mitte. Ich schaute auf meine Eintrittskarte und fand die Ahnung bestätigt, dass ich tatsächlich gestern zur selben Zeit am selben Ort weilte. In Reihe 7, Parkett Links, Platz 20. Grob geschätzte dreieinhalb Meter Luftlinie schräg hinter der Bundeskanzlerin – ohne sie gesehen, bemerkt, gehört zu haben. War sie wirklich da? Oder spielt hier gerade ein Gerücht stille Post, bis niemand mehr weiß, was da gestern wirklich geschah, in der Hauptstadt, zwischen halb acht und zehn nach neun, in einem Theater oder sonstwo, wo die Kanzlerin applaudierte oder gar nicht da war?

Auf der Bühne war als Dauermiesepeter und Titelheld Monsieur Alceste da, dargeboten von Ulrich Matthes, über dessen hinaustrompetete und durch allerlei Moralfanfarentum bekräftigte SPD-Sympathie man beinah‘ schon vergessen hätte, dass er im Hauptberuf Schauspieler ist und zwar ein sehr guter, was ihn deutlich abhebt von Martin Schulz, beispielsweise. Alceste stößt in seinem humorlosen Einsatz für die Wahrheit und nichts als die Wahrheit im absolutistischen Frankreich eine jede und einen jeden vor der Kopf: „Ich habe keine Lust, mir die Zunge zu verrenken / und vor allem, was ich sage, nachzudenken.“ Was ihn schon weniger abhebt von Martin Schulz, beispielsweise.

Alceste begehrt den in Franziska Machens‘ Darstellung hanseatisch nölenden Vamp Célimène, eine junge Witwe von hohem Wuchs und etwas minderen Geistesgaben. Welche freilich reichen, die drei ebenfalls um sie werbenden Gecken Oronte, Acaste und Clitandre turmhoch zu überragen. Star des Abends freilich war Alcestes Freund Philinte, der bei Manuel Harder vom Stichwortgeber zum menschenfreundlichen Melancholiker wird; er weiß, die Menschen könnten besser sein, doch andere als jene, die wir haben, sind derzeit nicht im Angebot. Alcestes Devise, „dieser Irrsinn ist kaum noch zu ertragen / ich könnt‘ die ganze Welt erschlagen“, ist das seine Motto nicht. Philinte vertritt gewissermaßen die Bonner Republik gegen die Zumutungen des Berliner Dampfdruckkessels. Regisseurin Anne Lenk hat das alles geschwind, sportiv, munter inszeniert, ohne sich um vordergründige Aktualisierungen zu scheren. Kein Trump twittert von der Bühne herab, kein Habeck nimmt übel, keine Greta panikt. Nur Angela Merkel, die genoss ganz gelöst in Reihe 6, Parkett Mitte. Hieß es tags darauf.

Hätte ich sie erkannt, die Kanzlerin, wäre die Luftlinie noch ein wenig geringer gewesen zwischen ihr und mir: Hätte ich ihr ein Wort zugerufen, ein kräftiges? Ihren inneren Abschied gemaßregelt vom Amt, das sie noch innehat? Ihr schlechtes Deutsch im Blitz karikiert? Ihre Wurstigkeit treffend gespiegelt? Ihren Schlingerkurs bezwingend gekontert, fix und vif? Ach, es hätten meine fünf Sekunden werden können in den Akten der Weltgeschichte. Reihum saßen Journalisten, jemand hätte meinen gerechten Furor, ganz im Stil Alcestes, aufgezeichnet, ihn ins Netz gestellt, eine Debatte losgetreten für Wochen: Eklat im Theater – Haben Politiker kein Recht auf Privatleben?

Ich aber sah sie nicht, hörte sie nicht, bemerkte sie nicht. So wurde es ein schöner Abend. Für Angela Merkel und für mich.

Robert Habeck und ein Mülleimer namens Deutschland

Es gibt Sätze, die treffen dich ins Mark. Oder ins Herz. Und andere lassen dich ratlos zurück. Und je länger du darüber nachdenkst, desto ratloser wirst du. Ein solcher Satz ist: „Von oben sah Deutschland aus, als hätte jemand einen Mülleimer ausgekippt.“ Die Perspektive dessen, der zu diesem Vergleich greift, ist benennbar. Ein Blick aus dem Flugzeug beim Anflug auf Hamburg verleitet zur trashigen Assoziation. Doch was enthielt wohl der Mülleimer, dessen Inhalt sich auf Deutschland ergossen haben soll? Welche Reste, welcher Abfall, welcher Dreck gibt Deutschland sein sublunares Gepräge? Von oben schaut hier kein Vogel und natürlich kein Gott, sondern ein Fotograf namens Niels Ketelsen. Er ist eine Hauptfigur im Roman „Der Schrei der Hyänen“, geschrieben von Robert Habeck. Und damit werden die Dinge heikler.

Aus einem Eimer wird ein Mülleimer, weil und sofern er Müll enthält, also Weggeworfenes, Unbrauchbares, Ungenießbares, Unverwertbares. Werden auf Autobahnraststätten oder Autobahnabfahrten Mülleimer entleert, ist das kein schöner Anblick und eine Ordnungswidrigkeit obendrein. Deutschland müsste eine amtlich zugelassene Abfallbeseitigungsanlage sein, damit sich Müll legal über ihm entleeren ließe. Die Republik: eine einzige Deponie, stinkend und hässlich und ungeordnet. Niels Ketelsen denkt offenbar in solchen Kategorien, als er „zurück nach Deutschland“ kehrt. „Vor über dreißig Jahren hatte er Deutschland verlassen. Damals hatte er geglaubt, Afrika würde sein größtes Abenteuer werden, Wildheit und Freiheit würden sich zusammenschließen zum Sinn des Lebens. Aber genau das Gegenteil war passiert.“ Was glaubt Robert Habeck?

Den „Schrei der Hyänen“ schrieb der heutige Co-Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen gemeinsam mit seiner Ehefrau Andrea Paluch 2004. Er war damals 35 Jahre alt, und es war nicht ihr erster Roman. Zuvor war „Hauke Haiens Tod“ erschienen, ein „historischer Roman“ und Krimi. Folgen sollten unter anderem „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“, „Zwei Wege in den Sommer“, „Zwischen den Jahren“ nebst mehreren Jugendbüchern. Wie stets gilt auch hier: Gemeinschaftswerke können nicht auseinander dividiert werden auf die Anteile des einen schreibenden Teils, und Figurenreden, Figurengedanken sind nicht mit den Redeweisen und Ansichten der Autoren gleichzusetzen. Doch Deutschland als Mülleimer: Das war Teil des Gedankenhaushalts von Robert Habeck gewesen. Und ist es noch heute?

Der Roman erzählt die Geschichte mehrerer Generationen zwischen 1894 und Gegenwart, in der Afrika und Deutschland ineinander verwoben und gerichtet sind. Deutsche sind blasierte Bildungsbürger, blöde Besitzstandswahrer oder brutale Machos. Afrikaner sind Opfer, dies- und jenseits der Kolonialzeit. Der Verlag bewirbt den „Schrei der Hyänen“ mit der Zeile „Mittagsglut im Schatten der Kameldornbäume“. Vor dem politischen Kitsch der Grünen stand der literarische Kitsch von Robert Habeck und Andrea Paluch. „Kaum lag der Namibsand hinter ihnen, hatte die Sonne keine Grenzen mehr und verdrängte das Meer aus dem Himmel.“ Wie darf ich mir das vorstellen? Welcher Himmel enthält Meer, welche Sonne färbt den Horizont? Immerhin: Schon 2004 lockte Grenzenlosigkeit. Schon 2004 war der Deutsche böse, die Deutsche sentimental, Deutschland hässlich, der Afrikaner ausgebeutet.

Eine andere Hauptfigur, eine 84-jährige ehemalige Hamburger Senatorin, kann in „Der Schrei der Hyänen“, einfach „nicht verstehen, warum die meisten Menschen den sauren Regen und das Waldsterben hinnahmen.“ Tempi passati. Heute kennt das grüne Schlagwortgewerbe andere Gassenhauer. Sie heißen Klimawandel, Bienensterben, Gender. Geblieben ist die Bereitschaft zur politischen Hysterie, zur moralgestützten Soforterregung wider ein Deutschland, dem die Grünen entstammen. Geblieben ist der Kitsch, der sich als Nachdenklichkeit ausgibt. Geblieben ist schlechte Laune, die als Kompetenzersatz herhalten muss. Geblieben ist Müll in den Augen des Betrachters. Geblieben ist Habeck.

Das Private retten

Joseph Roth gelesen, die Gegenwart begriffen. Bemerkenswert, was Literatur vermag. Wer einmal litt an seiner Gegenwart, wird zum Propheten der Zukunft, ob er will oder nicht. Es ist die Vernarrtheit ins Jetzt, die blind macht fürs Morgen. So lautet die Nutzanwendung aus der Lektüre der journalistischen Arbeiten Roths von 1929 und 1930. Joseph Roth, sehnsuchtsvoller Habsburger nach dem Untergang des Habsburgerreiches, war davon überzeugt und durchdrungen, „dass die künftigen Geschlechter noch törichter, noch gedanken- und phantasieärmer, noch verworrener dahinleben werden als die heutigen.“

Deshalb habe ihn sein „ganzes Leben hindurch das Bedauern begleitet, nicht fünfzig oder hundert Jahre früher geschrieben zu haben“ – also um 1880 oder um 1830. Am Ende der Goethezeit oder nach der kleindeutschen Reichsgründung, heißt das, in keiner Demokratie. Demokratische Zeiten müssen wir uns durch die Brille des Schriftstellers Roth als unliterarische vorstellen. „Von heute in zehn Jahren“, schrieb er im Juli 1930, werde „die deutsche Literatur aufgehört haben zu leben, werden die meisten jungen Schriftsteller ihre einzig wahre Begabung, nämlich die zur Aviatik und Ozeanüberquerung, entdeckt haben“. An der Technik und dem Mitteilungsdrang, am Leben und am Fortschritt müsse die deutsche Literatur zerschellen, denn „keine einzige europäische Nation hat so wenig Sinn für sprachliche Tradition wie die deutsche.“

Zehn Jahre später war Joseph Roth tot, tobte der Weltkrieg, herrschten nationalsozialistische Barbaren. Insofern war die deutsche Literatur tatsächlich abgetan und begraben. Roth hatte ihr Verdämmern vorausgesehen, weil sein Blick dem Material galt, nicht den Stoffen; der Sprache, nicht dem Leben, gegen dessen billige Seligsprechung er aufbegehrte. Die „barbarische Belletristik“, die schlechten Stil für einen Ausweis von Authentizität hielt, ging der barbarischen Politik voraus.

Und heute? Sind wir nicht alle Zeitgenossen Roths geworden, weil wie damals Nervenkitzel vor Poesie geht und weil wie damals das Private in eine Öffentlichkeit gezerrt wird, die sich so laut Roth als „depraviert“ erweist, als Öffentlichkeit, die „vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht mehr vorhanden ist“? Man mag da gerne an die Netz-Öffentlichkeit unserer Tage denken, aber auch an die Dauerpolitisierung privater Lebensvollzüge, privater Kaufentscheidungen, privater Vorlieben, privater Anschauungen, die nicht mehr privat sein dürfen. Roth wusste, dass eine funktionierende Öffentlichkeit das Tabu des Privaten akzeptieren muss.

Immer wieder traf er in Deutschland Menschen, die ihm sagten, „dass es so nicht weitergehe.“ Menschen, die „von öffentlichen Dingen sprechen und nicht von privaten“, nachdem beide identisch geworden waren. „Die Sorgen der Welt sind eingedrungen in die Häuser, in die Hirne, in die Herzen der einzelnen. Und weil die gewählten und beamteten Verwalter des Landes und der öffentlichen Angelegenheit versagen, verlässt man sich nicht auf sie, und jeder kleine Mann im Lande ist winzig und hilflos preisgegeben den Stürmen der Welt. (…) Er hat kein privates Leben mehr, die einzige Form des Lebens überhaupt.“ Auf welche neuen Barbarismen bewegen wir uns zu in einer antiprivaten Gegenwart?

Joseph Roth gelesen, die Gegenwart begriffen. Das gilt erst recht für seine Beobachtung der inneren Verwandtschaft von Moderne und Mode. Er wundert sich über katholische Kirchen, in denen das Ewige Licht „nicht angezündet, sondern angeknipst“ wird; „wenn ich derlei Manifestationen der Moderne begegne, vermisse ich unter den Heiligenbildern den Mister Edison mit dem Glorienschein.“ Er tadelt jenen adretten Berliner Kaplan namens Fahsel, der sich für eine Illustrierte als Boxer ablichten ließ. Solche Zurschaustellung angeblicher Niedrigschwelligkeit, vermeintlicher Unkonventionalität sei schlicht würdelos. „Es scheint“, folgert Roth, „dass auch die berufenen oder wenigstens traditionellen Kämpfer gegen die flüchtigen Schlagworte der Gegenwart selbst den Schlagworten zu verfallen beginnen und dass also das Wort von der Götterdämmerung wahr werden soll. Jeder Untergang einer Macht beginnt mit der Bereitschaft, das Symbol einer Mode auszuliefern.“

Ist die heutige Kirchenkrise nicht das punktgenau verdiente Resultat einer Auslieferung der Glaubenssymbole an die Mode? Eines Übermaßes an subjektiver Leutseligkeit und eine Mangels an objektiver Überzeugung? So wie die Krise der Politik sich ergibt aus der Implosion ihrer Symbole? Ein Staat, dessen Oberhaupt sich als Betreuer der Braven versteht, kann kaum auf die Loyalität aller hoffen. Parteien, die auf Ausgrenzung setzen, können kaum die Spaltung besiegen und die Gesellschaft einen. Und eine Kunst, die der gespürten Realität den Vorrang vor aller Form einräumt, wird nie das Herz begeistern.

Roth gelesen, die Gegenwart begriffen, die Zukunft geschaut. Retten wir das Private. Retten wir uns.

Der Seebär. Zum Tod des Schriftstellers Ulrich Schacht

Diesen Satz aus einer Biographie habe ich lange nicht verstanden: Geboren worden sei dieser Mann, dieser Mensch „im Frauengefängnis Hoheneck“. Wie kann das sein, dachte ich naiv, dass ein Mensch, ein Knabe in einem Gefängnis nur für Frauen zur Welt kam? Gewiss, das war eine sehr kindische Frage. Die DDR des Jahres 1951, von dem hier die Rede ist, hielt zur segregierten Bestrafung sogenannter Staatsfeinde Gefängnisse für beide Geschlechter parat, und warum sollte dort nicht, zwangsgetrennt vom Vater, der kleine Ulrich geboren werden? Als aus diesem der Erwachsene Ulrich Schacht geworden war, viele Jahrzehnte später, sagte er: „Es gibt eine Tradition in meiner Familie, in entscheidenden Momenten keine Rücksicht auf Bedrohungen zu nehmen und das zu sagen, was man für die Wahrheit hält. Ich bilde mir gar nichts darauf ein.“

Auch der Sohn einer deutschen Mutter und eines sowjetischen Offiziers, den er erst spät und mühsam kennenlernen sollte, worüber er „ein literarisches Meisterwerk“ (FAZ) namens „Vereister Sommer“ (2011) schreiben sollte, auch dieser Sohn Ulrich verbrachte wegen „staatsfeindlicher Hetze“ Jahre im DDR-Gefängnis. Knapp drei, um genau zu sein, ehe er im November 1976 von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft werden sollte. So kam der gelernte Bäcker und studierte Theologe nach Hamburg, studierte weiter Politologie und Philosophie, wurde Kulturjournalist bei der Tageszeitung „Die Welt“, hochdekoriert mit dem Theodor-Wolff-Preis des Jahres 1990. Auch als Schriftsteller, als Lyriker und Erzähler vor allem, erwarb er sich den Ruf des feingeistigen Solitärs, die Masse weder findend noch suchend. Den Eichendorff-Preis erhielt er 2013, den Preis der LiteraTour Nord dann 2016, nach Michael Köhlmeier und vor Tilmann Ramstedt. Ulrich Schacht war angekommen, anerkannt in der Bel Etage des literarischen Erzählens, erst recht mit seinem späten Romandebüt „Notre Dame“ (2017), einer doppelten Liebesgeschichte aus der Nachwendezeit.

In Erinnerung bleiben wird er mir als Seebär. So erschien er, ehe ich wusste, dass er in der Hansestadt Wismar aufgewachsen war, bei Großmutter, Mutter und Schwester, allein unter Frauen. Ob er je zur See fuhr? Niemanden vermochte ich mir passender am Steuerrad auf Holzplanken vorzustellen als diese bullige Gestalt mit nacktem Schädel, tief getönter Stimme, kollerndem Lachen, kecken kleinen Augen, kraftvollem Händedruck und immer, wirklich immer in Schwarz gekleidet, schwarze Hose, schwarzes Hemd, darüber ein zweites, dickeres, noch schwärzer, weit über den Gürtel reichend. Liturgisch streng war das und sehr bequem. Passend also für den Genussmenschen und orthodoxen Lutheraner, der 1987 die in Erfurt angesiedelte „Evangelische Bruderschaft St. Georgs-Orden“ gegründet hatte. Diese will „in protestantischer Gestalt und Substanz entschieden und streitbar die Wahrheit des Evangeliums in unserer Zeit und Gesellschaft leben und verbreiten.“

Wie verträgt sich derlei christliches Sendungsbewusstsein mit der Herausgeberschaft (gemeinsam mit Heimo Schwilk) des Sammelbandes „Die selbstbewusste Nation“ von 1995? War das die Lehre aus zwei Diktaturen: wieder wer sein wollen? Während Botho Strauß in seinem anlassgebenden Essay vom „Anschwellenden Bocksgesang“ den „Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream“ forderte und die „Diktatur des Vorübergehenden“ beklagte, „an die die Medien das Volk gewöhnt haben“, dachte Schacht heilspsychologisch. Es sei „die Pflicht der Deutschen, von Auschwitz zu wissen“ und aus diesem Wissen „nicht Stigma, sondern Sorge“ erwachsen zu lassen: „Die einzige – allerdings umfassende und dauerhafte – praktisch-moralische und eben nicht lediglich rhetorisch-rituelle oder bloß finanzielle Konsequenz aus diesem Wissen ist die Sorge um Israel. Denn jeder neue mögliche Holocaust-Versuch an Juden findet dort statt, wo das jüdische Volk lebt, nirgends sonst.“

Ulrich Schacht war ein politischer Mensch mit der Gabe der schneidenden Prägnanz: „Rechts und links sind Stand-Punkte, auf die sich nur noch berufen kann, wer ein schlechtes Gedächtnis hat.“ Er konnte sich über gegenwärtige Meinungskorridore und Sprechverbote in langen Wortkaskaden ebenso empören wie über die Merkelsche Migrationspolitik, doch die zarte Seele hat den Seebär nie verlassen. Ganz schwingt sie aus in seinen Gedichten und in seiner wunderbar inwendigen Novelle „Grimsey“ von 2015 über die Reise eines Mannes auf eine fiktive, vor Island gelegene Insel. Dort angekommen, weiß der Mann „für einige Minuten nicht, welche Richtung er einschlagen sollte.“ Ulrich Schacht beantwortete diese Frage in seinem Schreiben und Leben mit der Wahrheit unter den Bedingungen des Tages, der meist keiner Wahrheit günstig gesonnen war: „Der Rhythmus, in dem er über die Straßen lief, ja schwebte, sein Pfeifen in Wind und Himmel hinein verrieten, dass er die kleinste Gelegenheit nutzen würde, abzuschweifen.“

Ulrich Schacht starb am 16. September 2018 im Alter von 67 Jahren im schwedischen Förslov, wo er seit 1998 wohnte.

Nachtrag: In einer ausrangierten Brieftasche finde ich ein Schnipselchen Text aus dem Jahr 1992. Es entstammt der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ist „Herbst Brief“ überschrieben und ein Gedicht von Ulrich Schacht. Es geht so: „Verrat mir ein / Geheimnis. Oder mich. Oder / lösch ganz einfach das / Licht in deinem / Auge wenn du / gehst will // ich in der / Tür stehn die / Blätter zählen die der / Wind aufwirbelt ihre / Summe wissen wenn / sie wieder am / Boden // liegen: Das / Muster bergen das / unseren Augen / bleibt.“

Wie man sich das Sparen spart

Es muss ein anderes Volk gewesen sein, dessen Mund einmal so überging: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Das Eichhörnchen war deutsches Nationalsymbol. Es sparte sich vom (Volks-)Mund ab, was es besaß, um zu besitzen, wenn die Zeiten schlimmer werden. Heute macht Deutschland sich als Sparkommissar Europas unbeliebt. Allein das Sparen, das sie meinen, die Merkelmannen, hat mit dem Eichhörnchen von ehedem nichts gemein. Das neue Wappentier der BRD ist die kleine Raupe Nimmersatt und manchmal Pu, der Bär, mit den Tatzenhänden tief im Honigtopf. Er schaut kurz auf, hält inne und schmatzt fröhlich weiter.

Ein Bedeutungsschwund ist zu verzeichnen, eine Einbuße an Differenzierungsfähigkeit, ein Weniger vom Anderen. Dass nämlich, wer spart, einen Teil seiner Habe dem Verbrauch entzieht, ist aus der politischen Erfahrungs- und Vorstellungswelt geschwunden. Im persönlichen Haushalt, hören wir, neige der deutsche Michel noch hie und da dazu, sich etwas auf die hohe Kante zu legen, Konsumverzicht zu üben zugunsten der Tage (und Generationen), die kommen mögen.

Der Staatshaushalt will davon nichts wissen, in ganz EU-Europa. Was dort Sparen heißt, meint nichts anderes, als geliehenes Geld noch länger zu behalten und noch mehr davon anzuhäufen und lediglich das Wachstum dieses fremden Geldes einzudämmen sich vorzunehmen. Sparen ist ein Schuldenzuwachsabnahmeversprechen.

Einer derart drastischen Reduzierung der Begriffsvielfalt entspricht eine ebenso enorme Blödsinnsakkumulation. Finanzminister Wolfgang Schäuble darf sich freuen über sprudelnde Staatseinnahmen. Statt diese zum Schuldenabbau zu verwenden, wird lediglich eine Drosselung der Zunahme der Neuverschuldung lediglich versprochen. Das heißt: Im Jahr 2012 will man sich 35 Milliarden Euro borgen, weit über Plan. Dann aber, 2013, soll die Neuverschuldung auf schlanke 20 Milliarden Euro sinken. Soviel Chuzpe nennt man trotzig Sparen.

Vollends gebeutelte Volkswirtschaften wie jene Spaniens oder Griechenlands sollen, heißt es streng aus Schuldenmeisters Mund, ihre Sparanstrengungen ebenfalls verstärken. Die Merkelmannen sagen Sparen und appellieren an den nackten Mann, die Kleider, die er nicht hat, länger abzuschreiben. Sparen ist, so verstanden, die bloße Aussicht auf sinkende Zuwächse bei der Zunahme der Neuverschuldung. ESM und EFSM machen es möglich.

Ohne allgemeine Folgen wird die begriffliche Engführung des Sparens nicht bleiben. Die Schuldenwirtschaft wird zum Normalfall, der Kredit zur Währung, die Zukunft eine Fata Morgana. Irgendwann, ja irgendwann kommt alles ins Lot: So geht bald schon der Refrain der Staatsbürger von Mund zu Mund. Hoch die Tassen, nach uns die Sintflut, Apokalypse war gestern. Wir fallen aufwärts und ertrinken im Unernst. Message understood.

Scheinloser Schein

In der Scheinbar brennt noch Licht. Eine Lokalrunde jagt die nächste. Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Herzlich eingeladen ist jeder, der auf den Unterschied von Schein und Sein pfeift. Jede, die munter mit den Achseln zuckt, wenn manches Ding sich einmal so und einmal ganz anders verhält und grundsätzlich die alte Weisheit gilt: Meistens ist gar nichts dahinter. Meistens ist alles nur Lug. Oder Trug.

Ja, zu derlei alltagspraktischer Moralität rafft sich eine Generation auf, die ein Wort verdrängte, es durch ein anderes ersetzte, das just das Gegenteil meint, zugleich aber an der alten Bedeutung festhält. „Scheinbar“ ist das neue „Anscheinend“. Ein Anschein, der eine hohe Plausibilität besitzt, für den der letzte Beweis aber fehlt, wird neuerdings mit dem sprachlichen Zeichen für das Kontrafaktische versehen.

Eben das, was nicht war und vermutlich nie sein wird, was eben nur dem Scheine nach und also scheinbar war, geben wir nun aus als das, was anscheinend der Fall ist. Die Bedeutung hat sich verkehrt. Wenn jemand scheinbar keine Nudeln mag, dann ist er versessen auf Nudeln. Wer scheinbar mit Geld umzugehen weiß, ist ein Hallodri und Hochstapler und Vermögensvernichter. Wen scheinbar das Grauen überkommt, den erschüttert nichts. Wessen Zukunft scheinbar rosig ist, der hat auf Sand gebaut. Wem scheinbar nichts über seine Gemahlin geht, der lebt längst in innerer Scheidung: So sagt es uns die Sprache, der wir nun die Gefolgschaft gekündigt haben.

Im nur scheinbaren Schein, korrekt verwendet, schlummerte die große ehrwürdige Menschheitserfahrung, dass der doppelte Boden einerseits die Ausnahme ist und dass die Fassade andererseits ihren Schrecken verliert, weil sie erkannt und durchschaut werden kann, so rar sie auch auftritt.
Nun ist alles vollendet scheinbar geworden, auch das Anscheinende, das kaum noch im Munde geführt wird. Umgangssprachlich gilt nun auch das, was stimmt, als scheinbar – und nicht länger nur das, was sich von selbst demontiert.

Politiker und Hochleistungssportler und Stammtischbelegschaft haben diese Begriffsumkehrung im Tagesgeplauder verankert. Wenn die FDP alle Anstalten macht, die Fünf-Prozent-Hürde zu meistern, dann befindet sie sich neuerdings „scheinbar“, nicht anscheinend im Aufwind. Wenn gewisse Spielzüge endlich wieder funktionieren, dann hat die Mannschaft diese „scheinbar“, nicht anscheinend trainiert – was, im Lichte betrachtet, ein echter Schmarren wäre.

Selbst der Duden hat fast kapituliert: Im Universalwörterbuch von 2010 wird „scheinbar“ in der falschen Bedeutung von „anscheinend“ mit dem Zusatz „ugs.“ für „umgangssprachlich“ versehen. Darunter steht der resignative Hinweis, fein säuberlich eingerahmt und so in letzter Verzweiflungsgebärde hervorgehoben: „Das Adverb anscheinend besagt, dass etwas allem Anschein nach tatsächlich so ist, wie es sich darstellt. Die Wiedergabe eines solchen Sachverhalts durch das Adverb scheinbar ist (…) standardsprachlich nicht korrekt.“

Es ist ein vergeblicher Kampf. Die Umgangs- wird die Standardsprache besiegen und schließlich selbst als solche gelten. Der Sprache Gesetz ist schließlich, dass sie wird und also sich entringt. Zum Jubel besteht indes kein Anlass. Es wird der nunmehr auch sprachliche Triumph sein der Virtualität über das Reale, des allgegenwärtigen Scheins zulasten des differenzierenden Blicks auf Sein und Schein. Auch das, was der Fall ist, mit den Malen der Verstellung zu belegen, deutet auf einen großen Gestaltwandel hin: Wir halten den Schein, wo immer er uns trifft, für das eigentlich Mitteilenswerte. Der Schein ist der Goldstandard unseres Umgangs miteinander.

Vermutlich hat die Sprache klug erkannt, dass dem wirklich und nicht nur scheinbar so ist, und uns darum von der standardsprachlichen Leine gelassen.

Martin Mosebach und die Lourdes-Madonna

Woran erkennt man einen konservativen Revolutionär? Was hätte er zu tun, wäre er keine bloß historische Erscheinung? Er müsste im Widerspruch stehen zur Mehrheitsmeinung, zum Zeitgeist aus wohlüberlegten Gründen. Er müsste die Gegenwart so sehr lieben, dass er sie umstürzen wollte mit Mitteln, die ihm die Vergangenheit an die Hand gibt. Er müsste durchdrungen haben, was er ablehnt, und begehren, was war, und also in etwa so reden, wie es zum „Aschermittwoch der Künstler“ Martin Mosebach in der Münchner Muffathalle tat.

Eingeladen hatte der Erzbischof und Kardinal, gekommen waren Künstler und Bistumsbeschäftigte und Öffentlichkeitsarbeiter, standen in der sonst für Pop- und Rockkonzerte genutzten Halle an Bistrotischen, auf denen kleine Brezeln, Brot und Brötchen und Wasser im Glas aufruhten. An den Hallenwänden, weit oben, hingen zu beiden Seiten Monitore. Sie zeigten später dunkle Farben im Fluss, Blau dominierte. Vorne gab es Stühle für die geladene und mitunter betagte Kirchenprominenz, davor eine Bühne, darüber eine Leinwand. Sie bot einem etwa zehnminütigen Film das Ziel, der festhielt, wie eine Tanzcompanie im Münchner Liebfrauendom einmal Asche zu Boden geworfen und darauf getanzt hatte.

Als es hell wurde in der Halle, legte Mosebach sein „Lob der Lourdes-Madonna“ dar: ein kühnes Unterfangen. Die Lourdes-Madonna hat keinen guten Ruf unter jenen „gebildeten, kunstliebenden, lesenden Menschen“, eben „in unserem Milieu“, das Mosebach jetzt als seine Herkunft benannte und das wohl die Mehrheit in der Halle bildete.

Auch die von Mosebach im Vortrag kritisierten „westeuropäischen Liturgieexperten des zwanzigsten Jahrhunderts“, selbst die gleichfalls kritisierten „oberen Etagen der Hierarchie, Päpstlichen Räte für die Kunst und ähnlichen ehrwürdigen Institutionen“ haben ihr Urteil gesprochen: Die Lourdes-Madonna sei Kitsch und darum abzulehnen.

Mosebach kämpfte gegen dieses Urteil nicht an, sondern nahm es ernst. Ja, das mag wohl sein – doch wie kommt es dann, so die listige Überlegung des Dichters, dass dieselben Experten und Räte und Hierarchen sich mit anderen Formen des Kitsches gar nicht schwer tun? Namentlich mit dem kahlen und dem sauren und dem grünen Kitsch, mit dem Betroffenheits- und Authentizitätskitsch?

Über „moderne Betonkirchen“ echauffiert sich kaum ein zeitgenössischer Kunst- und/oder Kirchenkunstexperte. Dort wird vielmehr das „kleine, zart geschminkte Puppengesicht“ der Lourdes-Madonna zum Zeichen des Widerstands. Mit ihr begehrt das „gläubige Volk“ auf gegen den verordneten „Individualismus und Subjektivismus“, an den die kirchliche Kunst ausgeliefert worden sei. Mit der Lourdes-Madonna rebelliert die Volksfrömmigkeit wider den Zwang zur Abstraktion und praktiziert so eine machtvolle „Re-Ikonisierung“ von unten. Die Lourdes-Madonna sei „die Ikone des Westens.“

Was zeichnet eine Ikone aus? Dass sie keiner Erfindung eines Künstlers sich verdankt, gar keine Kunst sein will, sondern göttlichen Ursprungs ist. So verhält es sich bei den Ikonen des Ostens, die auf das „Tuch der Tücher“ mit Jesu Antlitz zurückgehen, so ist es bei der Ikone des Westens, die in den Visionen der Bernadette Soubirous von 1858 ihren Anfang nahm. Wo seither „die Lourdes-Madonna steht, ist die katholische Kirche. Angesichts solcher Durchsetzungsgewalt – und wie sanft ist diese Gewalt! – schnurrt jedes Geschmacksurteil über sie zum höchst belanglosen persönlichen Schön- oder Hässlichfinden zusammen.“

Außerdem ist eine Ikone stets nach „strengen Gesetzen“ gearbeitet, ist „immer eine andere und immer dieselbe“, verbannt alles Zufällige zugunsten fest gebundener Formen, hat demnach einen geradezu antisubjektivistischen Zug; so auch die Lourdes-Madonna. Als bewusste Absage an den Individualismus werden die Ikonen vom Volk verehrt, von den Theologen und Künstlern des Westens aber beargwöhnt.

Dergestalt heilt die Lourdes-Madonna laut Mosebach einen kulturgeschichtlichen Bruch. Mit der weißen Frau in der Beterpose, den Rosenkranz über den gefalteten Händen tragend, ende ein fast tausendjähriger westlicher Sonderweg, die Abkehr von der „Tradition der Bilder der alten Kirche.“ Daraus darf man wohl folgern: Die oft belächelte Lourdes-Madonna nimmt eine Einheit vorweg, die es theologisch (noch) nicht gibt. Sie ist das Unterpfand der Hoffnung auf eine Versöhnung von westlicher und östlicher Kirche, von Katholizismus und Orthodoxie, letztlich deren vorauseilende Realpräsenz. Spe salvi.

Und dass sie industriell vom Band läuft, die lächelnde Frau, aus Gips meist nur ist, spricht etwa nicht gegen sie? Mosebach schloss mit dem kristallenen Satz: Ja, eine Massenprodukt sei sie durchaus, die Lourdes-Madonna, aber „wer wagt es zu behaupten, wir hätten Besseres verdient?“

Der Heizer von Zürich

Er war der Heizer von Zürich. Er hielt das Schiff auf Kurs, den Laden am Laufen. Der Schweiß, der ihm die Backen benetzte, die Augen verklebte, war sein Manna. Er schuf es sich selbst, indem er schuftete, jeden Tag, tief unten im Bauch des Schiffes, wo kein Licht zu sehen, kein Fenster zu finden war.

Die immer gleichen Bewegungen führten ihn in der immer gleichen Weise in seinem Käfig herum, sechs Schritte nach rechts, fünf nach links, er wurde überall gebraucht. Seine Hände waren Pranken, in denen kein Glas je zerbrach. Seine Augen waren pechschwarze Kiesel, denen kein Wink entging.

Um ihn wogten die Gestalten, wankten herbei und perlten rasch davon, die er durch sein Tun zum Leben erweckt hatte. Konnte etwas entstehen ohne ihn, ohne seinen harten Griff in den breiten Nacken, der spannte, ohne das immer wieder kurze Rucken des Schädels zur Seite, den Griff des Fleisches nach dem Fleische, wenn er die Flaschen öffnete, die Tassen füllte, die Münzen wog und warf? Über ihm schwoll das Tirilieren an zum schrillen Chor und erblühte im stumpfen, dumpfen Schlagen hier unten, wo von den Tönen nur der Rhythmus blieb, sein Rhythmus, er hatte ihn gemacht.

Manchmal, wenn die Gestalten ihn schonten, weil sie oben saßen bei den Melodien, packte er das allerkleinste Glas am Henkel, füllte es mit einem scharfen Wasser und schüttete es hinunter. Die Brauen zog er dann zusammen, sodass kein Auge mehr da war. Oben, ja oben, suchte Papageno sein Mädchen, war Falstaff wieder betrunken, fand Karlos einen trüben Tod, mordete Macbeth und schmiedete Hagen finstere Pläne.

Er kannte sie, die Abgründe der Seele, die hier unten ein Wimmern waren, ein Wummern, ein Pochen in den Eingeweiden des Schiffs, das er befehligte. Mehr brauchte man vom Leben nicht zu wissen und seinen Verwicklungen. Kein Kapitän ohne Heizer, keine Hitze ohne Kohlen, und die Kohlen waren sein Geschäft: Das wusste er genau, das machte ihn manchmal lachen. Der Treibstoff der Leidenschaft rann durch sein Fleisch, damit sie dort oben zur Form gerinnen konnte. Ohne ihn wären sie Schemen geblieben, die Damen und Herren mit den offenen Mündern und den hohen, spitzen, tiefen Tönen, Schatten ohne ihn.

Er war der erste, der kam, der letzte, der ging. Er rief das Leben ins Leben, wenn er die Stufen hinab schritt zum Gehäuse im Keller. War sein Leib ein Hort den Schlüsseln, mit denen alles hier begann, Abend um Abend und sonntags viel eher? Er war Mittelpunkt der Schänke, um ihn zischte und brodelte und knallte es, ruhig blieb er.

Der harte Klang trug die Stimme eines Fremden, jenseits der Alpen stand seine Wiege. Wann war das gewesen, ehedem? Nun war er eins geworden mit den Gerüchen, die er anzog, die er ausdünstete noch in der Nacht, mit Kaffee und Wein und Amber und Weihrauch und Orange. Er schwitzte sie aus und nahm sie auf, im ewigen Kreislauf des Heizens, in den Pausen und davor und dazwischen, während und ehe ein Maestro den Stab hob und das Blech befreite, dort oben. So sah ich ihn oft.

Nun bin ich wieder dort gewesen. Das Schiff steht noch am selben Ort, das Gehäuse im Keller aber ist kein Maschinenraum mehr. Jetzt drängelt sich dort Fachpersonal vom Cateringservice, junge Frauen, junge Männer, gertenschlank allesamt, drei Trippelschritte nach rechts, zwei nach links. Wenn die Gestalten schweben dort oben, dösen sie hier, drehen das Haar zwischen hageren Fingern. Was ist aus dem Heizer geworden? Wer weicht dem Eisberg nun aus? Jeder Heizer trägt ein Polarmeer in sich.

Bischof Konrad und die Gerechtigkeit

Es gibt sanftere Polster als jenes auf dem Stuhl des heiligen Ulrich, den unlängst Walter Mixa innehatte und auf dem nun Konrad Zdarsa sitzt. Das katholische Bistum Augsburg gilt als schwieriges Pflaster. Der dort seit 2010 amtierende, aus Görlitz gekommene Bischof lässt sich, so scheint es, weder von der Querelen um den in Augsburg ansässigen nennkatholischen Handelskonzern „Weltbild“ noch von den üblichen „kritischen Stimmen“ verdrießen, die sich für Allgäu und Oberschwaben eine durchsäkularisierte Laienkirche wünschen. Wer Zdarsa sieht, sieht einen munteren Herrn, nicht eben groß, eher asketisch denn barock, eher zupackend denn klügelnd.

Wie bereits sein unmittelbarer Vorgänger stattete Zdarsa der Gemeinde der St.-Margreth-Kirche einen Besuch ab, am „zweiten Sonntag nach Erscheinung“. Dort wird die klassische lateinische Messe gefeiert, wie sie von Konzilspapst Johannes XXIII. approbiert wurde. Doch welcher ikonische Unterschied zu Mixa: Nicht auf einem Bischofssitz wohnte Zdarsa der Messe bei, sondern hinter einer herbeigetragenen schmalen Bank im Chorraum, die ihm nur den Wahl ließ zu knien oder zu stehen, stets den Altar im Blick. Auch Mitra und Stab hatte er zuhause gelassen. Der violette Pileolus zierte das Haupt.

War es also eher der pilgernde Mitbruder denn der residierende Hirte, der den Freunden der Tradition die Ehre erwies? War der Aufseher oder der Nachbar gekommen? Es fand kein Pontifikalamt statt. Zelebrant war der Pater der Petrusbruderschaft. Dieser erinnerte eingangs daran, dass die Diaspora-Erfahrung des Bischofs aus dem Osten in gewisser Weise korreliere mit der inneren Diaspora, in dem sich jahrelang die Anhänger der gregorianischen Messe befanden. Auch diese mussten und müssen mitunter große Strecken zurücklegen, um treu zu bleiben – inmitten, darf man wohl ergänzen, blühender Wüsteneien ringsum.

Der Bischof spendete den Asperges-Segen, zog durch die Reihen, ließ das Weihwasser herabregnen auf Gerechte und Ungerechte, wie es Brauch ist. Des Bades bedürfen die ganz Reinen nicht, „asperge me, Domine, hyssopo et mundabor: lavabis me, et super nivem dealbabor“. Ins Bad der evangelischen Worte lud der Gast in der übervollen Kirche, als er anhob zu predigen: erzählend, plaudernd fast, 25 Minuten lang, als wolle er den rechten Ton nicht verfehlen im Angesicht der Frommen. Traf er ihn?

„Gerade hier und heute“ und also vis-a-vis der ungeteilt römisch-katholischen Katholiken wand er dem ökumenischen Gespräch einen Kranz. Manchmal zeigten protestantische Gelehrte katholischen Professoren, was eine katholische Harke sei, und beschämten diese geradezu, „ich könnte einen Namen nennen.“ Letztlich sei die eine, die frohe Botschaft unstrittig.
Ganz im Sinne des letzten Konzils und des gegenwärtigen Papstes bekräftigte Zdarsa die Einheit der Sendung in der Verschiedenheit des Dienstes: „Immer wenn die Heilige Schrift vorgetragen wird, spricht Christus selbst zu uns, der erhöhte Herr. Darum ist es nur Aufgabe des geweihten Priesters, das Evangelium zu verkünden. Nur er stellt seine Person, seine Stimme, auch die Anstrengung seines Gedankens bei der Predigt Christus zur Verfügung, damit Er zur Sprache kommen kann, damit Er sich den Menschen mitteilen kann. Welch hohe Verantwortung haben wir bei der Verkündigung des Evangeliums!“ Laienpredigt ist demnach ebenso ein hölzernes Eisen wie Laienverkündigung.

Am Schluss griff kehrte der Gedanke wieder. Zdarsa warnte vor einem falschen Gerechtigkeitsempfinden in der Kirche. Die Mahnung aus der Lesung machte er sich zu Eigen – „Wer lehrt, soll lehren“ – und fuhr fort: „„Im Laufe der Zeit hat sich bei uns vieles auf die Priester konzentriert. Wir sollten uns (…) auf unsere persönliche Berufung besinnen und diese ausführen und nicht versuchen, dass jeder aus Gerechtigkeitsgründen jedes machen kann. Nein, jeder muss seiner Berufung gemäß handeln. Das gilt es zu respektieren. Niemand soll sich anmaßen, was eigentlich die Berufung eines anderen Menschen ist – aus Gnade wohlgemerkt und nicht aus eigenem Verdienst.“ Priesteramt in Laienhand, so die abermals sehr konzilstreue Pointe, wäre der nächste schwarze Schimmel.

Dazwischen wandte sich Zdarsa implizit gegen die Neigung der Bruderschaft des Hl. Pius X., für dieses oder jenes Ziel einen „Gebetssturm“ zu entfachen. Nur Beten genügt nicht; „das nämlich hieße, dass wir nur auf den Knien liegen müssen und beten, und dann kann Gott gar nicht mehr anders. (…) Es geht nicht darum, dass wir quasi mit anderen Mitteln – und wenn es das Mittel des Gebets ist – unseren eigenen Willen verfolgen.“ Beten heiße immer, auf den Willen des Vaters zu hören. Nicht anders formuliert es Benedikt XVI. derzeit in seinen Mittwochskatechesen.

Danach reichte man nebenan Sekt und Saft und Salzgebäck. Sonnig war der Himmel, heiter die Stimmung. Die Zeichen des Tages besagen: Es ist normal, wenn ein Bischof auch im außerordentlichen Ritus betet und segnet. Es ist normal, dass Zweites Vatikanum und Alte Messe aufeinander hören. Es wird bald normal sein, dass Bischöfe sonntags den Ysop erflehen und den Schnee und hoffen, „iudica me“.

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