Kategorie: Tagebuch

Es muss alles getan werden

Krise ist immer. Jene Krise aber, die derzeit mannigfach Republik wie Globus beutelt, muss ein ganz besonderes Exemplar sein. Ihre Propheten und Profiteure bemühen sich nach Kräften, ein noch nie dagewesenes Krisenszenario zu zeichnen. Erstmalig, einzig, superlativisch nach allen Seiten sollen die kaum zählbaren Krisensymptome sein. Weltuntergang war gestern, Trümmerzeit und Panikalarm sind heute. Dafür spricht die Dauerpräsenz einer Floskel, ohne die heute keine Eröffnung eines Autobahnteilstücks und keine Ehrung verdienter Vereinsmitglieder mehr auskommt.

Der Bau des neuen Berliner Großflughafens droht sich zu verzögern. Der SPD-Landeschef Müller fordert deshalb, „es müsse jetzt alles getan werden, um den Termin trotzdem einzuhalten.“ Ein bayerischer SPD-Ortsverein leidet an schlechten Wahlresultaten. Ergo, so der Ortsvorsitzende, müsse „auch auf kommunaler Ebene alles getan werden, um in Zukunft bessere Ergebnisse zu erzielen.“

Der Präsident einer Technischen Universität sorgt sich um die Akzeptanz der technischen Wissenschaften; „deshalb muss alles getan werden, um in der Bevölkerung die Fähigkeit zur Risikoabschätzung durch verbessertes Wissen zu schärfen.“ Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes freut sich über die Rückkehr des Wolfes nach Bayern. Jetzt „muss alles getan werden, um das Tier vor störenden Einflüssen von außen zu bewahren.“

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der bayerischen Wirtschaft sorgt sich um den Wohnungsmarkt; „es muss alles getan werden, um neuen Wohnraum zu schaffen”. Um den Euro sorgt sich Jaques Delors. Deshalb „muss alles getan werden, die Spekulation einzugrenzen.“ Klaus Töpfer sorgt sich um den ölverseuchten Golf von Mexiko, darum „müsse alles getan werden, um alternative Energien zu entwickeln.“ Klaus Ernst von der „Linkspartei“ verlangt hingegen, „es müsse alles getan werden, um mehr Jobs zu schaffen.“ Und Angela Merkel ist sich sicher, „auf jeden Fall muss alles getan werden, dass der Klimaprozess nicht zum Stillstand kommt.“

Wenn die alarmierten Stimmen beim Wort genommen werden sollen, wenn alles wirklich alles wäre, dann müsste etwa Folgendes geschehen: Das Land Berlin zieht alle Gelder aus der Bildungspolitik ab, um einen Flughafen fristgemäß eröffnen zu können. Der SPD-Ortsverein kauft sich Stimmen, um bei der nächsten Wahl zu reüssieren. Die Regierung erklärt Technikfreude zum staatsbürgerlichen Pflichtfach von der Wiege bis zu Bahre. Alle Wälder werden in Schutzräume für Wölfe verwandelt, störende Tiere tötet man, störrische Waldbesitzer werden enteignet.

Der Staat verwendet seine Gelder nur, um Wohnungen zu bauen und Wohnungsmieten zu subventionieren; nötigenfalls werden die Bundeswehr aufgelöst, die Schulen geschlossen, die Straßen sich selbst überlassen. Spekulanten werden verhaftet, Wertpapierhandelshäuser verboten, Beziehungen zu freiheitsliebenden Staaten eingestellt. Sämtliche Steuern fließen in den Ausbau alternativer Energien oder aber in den zweiten Arbeitsmarkt und die Rüstung oder aber in die Haushalte all jener Staaten, die partout nicht genug mitmachen wollen beim „Klimaprozess“, von China bis Indien, Russland, Mikronesien.

Diese jeweils todsicheren Rezepte widersprechen einander, und jeder einzelne führte zum Kollaps des Gemeinwesens. Niemand, der heute „alles“ im Munde führt, meint auch „alles“. Er greift zur Floskel im vollen Bewusstsein, dass sie letztlich eine Lüge ist – dass sie dem Zweck dient, den Redner im besten Lichte dastehen, ihn als Mann oder Frau der Tat übergroß erscheinen zu lassen. Es ist ein Dezisionismus des Maulheldentums, unernst, lächerlich, deplatziert.

Vielleicht – wer weiß das schon – kommen tatsächlich einmal Zeiten, da eine gewaltige gemeinsame Kraftanstrengung nötig sein wird, um Frieden, Freiheit, Sicherheit zu erhalten. Vielleicht wird einmal wirklich jedem alles abverlangt werden. Dann werden wir jenen, die schon bei bayrischen Wölfen und Berliner Flughäfen und deutschen Hochhäusern zur allergrößten rhetorischen Kelle gegriffen haben, nicht glauben.

Dann werden wir unsere Lektion gelernt haben: Wo alles gefordert wird, da muss sich nichts ändern. Wer alles verlangt, erwartet nichts. Wenn alles getan werden muss, tut sich rein gar nichts. Heißa und hopsasa, weiter geht’s im alten Trott, juchhe.

Die eine und die andere Krise |

Eine Krise ist ein Wendepunkt, ein Moment der Entscheidung, ist jenes Nu, das die Weichen neu stellt. Schmerzen sind sein Erkennungsmal. Krisen legen offen, was lange schon schief lief. In Krisen müssen sich Mut und Prinzipien gleichermaßen bewähren, sonst wird aus dem Augenblick eine endlose Rutschbahn, wird die Haltestelle selbst zum Abgrund, das Beben zum Treibsand, haltlos-unhaltbar auf lange, sehr lange Zeit.

Jede Krise braucht einen Patienten, den sie befällt, damit er gesunde oder untergehe. In diesen Tagen scheint der bekannteste Patient überhaupt die katholische Kirche zu sein. Sie selbst ist es, die beständig von sich behauptet, in einer fundamental schwierigen Situation zu sein, einer „tiefen Krise“ (Karl Kardinal Lehmann), ja der „tiefsten Vertrauenskrise seit der Reformation“ (Hans Küng). Wer oder was aber ist die Kirche, die derart großzügig Selbstdiagnosen erstellt? Nur auf diesem Weg kann die Seriosität der Krisenbehauptung geklärt werden.

Offensichtlich kreuzen sich hier Selbst- und Fremdwahrnehmung in bezeichnender Weise. Es macht kaum einen Unterschied, ob Kirchenvertreter, Kirchenkritiker oder Kirchenhasser befragt werden. Es sei Krisenzeit angebrochen, erklären alle unisono. Das muss stutzig machen. Entweder verbergen sich unter der Krisenchiffre ganz unterschiedliche Bedeutungen, oder aber die wie auch immer gefüllte Krise ist derart monumental, dass sie jedem sich erschließt. Sie wäre dann eine schlichte Objektivität, unleugbar wie der Regen gestern über diesem und nur diesem Städtchen.

Es verhält sich vertrackt: Unleugbar sind einige der Ereignisse, die das Reden von der Krise initiiert haben, die sexuellen Übergriffe auf Minderjährige durch mehrheitlich homosexuelles Kirchenpersonal. Jenseits allen Tolerierbaren bewegen sich diese schändlichen Fälle. Andererseits sind sie noch immer die schreckliche Ausnahme, nicht die verderbliche Regel. Niemand, ob Papist oder Atheist, wird diese Fälle gutheißen können, niemand tut es.

Auch in der Vergangenheit hat sich niemand zum Apologeten solch krimineller Taten aufgeschwungen. Dass sie wahrlich nicht immer zu den angemessenen juristischen und disziplinären Folgen geführt haben, steht auf einem anderen Blatt und ändert nichts am Konsens in ihrer Einschätzung als absolut verwerfliche Taten.

Ein Konsens kann keine Krise auslösen. Insofern wäre die Krise nur dann im obigen Sinne objektiv und unleugbar, wenn tatsächlich Papiere, Anweisungen, Absprachen existierten, denen zufolge der sexuelle Übergriff vornehmste Katholikenpflicht sei. Dergleichen ist bisher nicht aufgetaucht. Ergo dominiert im Diskurs die subjektive und durchaus unterschiedliche Füllung des Krisenbegriffs.

Die Übergriffe können keine theologische Krise markieren, weil sie theologisch immer schon verurteilt waren. Demgegenüber können die vergleichbaren Fälle im reformpädagogischen Milieu sehr wohl eine substanzielle pädagogische Krise auslösen, weil sie in ein bestimmtes (wenn auch pervertiertes) Bild von Pädagogik integriert waren.

Die Kirchenkrise ist eine Vertrauens- und Moralkrise. Sie trifft im Kern das Bild von der Kirche als moralischer Anstalt. Sie beschädigt die eher säkulare Sicht auf die Kirche als Verein der Tugendbolde. Nichts müsste eigentlich denen, die Kirche sind, fremder sein. Sie müssten wissen, dass die apostolische Gemeinschaft die Versammlung jener ist, die sich hoffend unterwegs wissen zu ihrem Richter und Erlöser und die dessen Sakramente auf dieser unbekannten Strecke weitertragen.

Bischöfe, Theologen, Laien könnten wissen, dass nicht der erhobene Zeigefinger die Welt rettet, sondern das Opfer. Sie wissen es aber nicht, oder sie verschweigen es. Sie reden von der Kirche, der sie angehören, wie auch Kirchenferne und Kirchenhasser von ihr sprechen: Moralisch, politisch, subjektiv. Und deshalb und nur deshalb ist die säkulare Vertrauens- und Moralkrise zugleich ein theologisches Drama. Die Kirche, die so laut auf allen Marktplätzen sich den Puls fühlt, nimmt sich selbst als Kirche nicht mehr wahr.

Benedikt XVI. und der innere Mensch

Benedikt XVI. gilt als Theologenpapst. Er denkt, redet und urteilt strikt theologisch, wie kaum ein Pontifex vor ihm. Auch seine politischen Appelle sind Handlungsempfehlungen aus geistlicher Perspektive. Weil das Denken des ehemaligen Universitätsprofessors Ratzinger in den Kirchenvätern und im Zusammenklang von Bibel und Tradition wurzelt, bestimmt dieses Fundament das Pontifikat Benedikts XVI.

Nirgends wird diese Verbindung deutlicher als bei den Generalaudienzen. Mittwoch für Mittwoch lädt Benedikt zur Vorlesung auf den Petersplatz. Dort und in den Enzykliken liegt der rote Faden dieses Pontifikats offen zutage. Er lässt sich auf die Formel bringen: Der innere Mensch muss gesunden, damit die Welt gerecht werden kann.

Auch auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um die Pius-Bruderschaft wich Benedikt nicht davon ab. Er sprach am 11. Februar 2009 – einen Tag vor dem deeskalierenden Treffen mit einer jüdischen Delegation – von dem Eremiten Johannes Klimakos. Dessen Hauptwerk aus dem siebten Jahrhundert, „Die Paradiesesleiter“, erklärt den christlichen Weg zur Seelenruhe. Benedikts Pointe wies in die Gegenwart: „Es muss die Haltung der Arroganz überwunden werden, die einen sagen lässt: ‚Ich weiß es in dieser meiner Zeit des 21. Jahrhunderts besser, als es jene damals vermocht hätten.‘“

Damit ist ein Grundzug der Ratzingerschen Theologie benannt. Anhand klassischer, oft antiker oder mittelalterlicher Glaubenszeugen soll die Gegenwart gedeutet und korrigiert werden. Und diese Deutung aus dem Fundus der Tradition setzt nicht bei Strukturen an, sondern beim inneren Menschen. „Ohne Heilung der Seelen, ohne Heilung des Menschen von innen her“, sagte er im Juli 2009, „kann es kein Heil für die Menschheit geben.“

Die Mittwochskatechesen widmeten sich zunächst den Psalmen. Es folgten bis Februar 2007 die Apostel, sodann deren Schüler und die Kirchenväter. Zwanzig Betrachtungen zu Paulus schlossen sich an. Seit Februar 2009 stehen die „großen mittelalterlichen Kirchenschriftsteller der Kirche des Ostens und des Westens“ im Fokus.

Ende März deutete der Papst den Kölner Dominikaner und Universalgelehrten Albertus Magnus als einen Mann, der zeige, „dass zwischen Wissenschaft und Glaube Freundschaft besteht.“ Ein weiteres theologisches Hauptthema Ratzingers, die Versöhnung von Glaube und Vernunft, klang so an.
Ein derart traditionsgesättigtes Programm ist nicht repräsentativ für die Universitätstheologie des 21. Jahrhunderts.

Mit dieser geht Benedikt XVI. regelmäßig, etwa bei den jährlichen Treffen mit der Internationalen Theologenkommission, hart ins Gericht. Ende vergangenen Jahres warnte er vor dem Hochmut und der Dummheit einer Theologie, die „das große Geheimnis Jesu, des menschgewordenen Gottessohnes, auf den historischen Jesus verkürzt: eine tragische Gestalt, ein Gespenst ohne Fleisch und Blut.“ Wahre Theologie brauche Liebe zu den Glaubenswahrheiten und Treue zum Lehramt. So habe es das Zweite Vatikanische Konzil dargelegt.

Der Theologenpapst ist auch ein grüner Papst und ein Globalisierungskritiker. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 2010 heißt es im Titel: „Willst du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung.“ Der Mensch habe sich zur Schöpfung „wie ein Ausbeuter verhalten, der über sie eine absolute Dominanz ausüben will“.

Ergo müsse der Mensch, um die Ressourcen zu schonen, sein moralisches Koordinatensystem ändern. Er müsse die „Logik des bloßen Konsums“ überwinden und erkennen, dass „eine starke Wechselbeziehung zwischen der Bekämpfung von Umweltschäden und der Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen besteht“ – zwischen Umweltökologie also und Humanökologie.

Gemeinsamer Nenner sei das „natürliche Sittengesetz“. So steht es auch in der Sozialenzyklika „Caritas in veritate“: „Das Buch der Natur ist eines und unteilbar, sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.“

Im religiösen Dialog lässt sich die Hinwendung zur Innenschau ebenfalls ablesen. Aus evangelischer Sicht lautet der Vorwurf, Benedikts „starre Haltung“ – so der einstige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber – behindere die Ökumene. Aus päpstlicher Sicht aber schreitet die „Ökumene des Gebets und des gemeinsamen Zeugnisses“ voran.

Es gibt mehr katholisch-protestantische Begegnungen als unter Johannes Paul II. Das gemeinsame Abendmahl steht jedoch nicht auf der Agenda. Vor vier Wochen besuchte Benedikt die lutherische Gemeinde in Rom und bekräftigte: Durch die Spaltung habe die Christenheit Schuld auf sich geladen. Man solle aber „zuallererst dankbar werden, dass es soviel Einheit gibt“, im Gebet, im Gottesdienst.

Eine größere, eine sichtbare Einheit könne nur Gott schenken, „denn eine Einheit, die wir selbst aushandeln würden, wäre menschengemacht und so brüchig, wie alles, was Menschen machen.“ Die Beziehungen zur Orthodoxie haben sich unterdessen verbessert. Deren Traditionsgebundenheit erleichtert die Annäherung.

Auf theologischer Ebene ist die Hochschätzung des Judentums gewachsen. Benedikt XVI. nennt die Juden nicht wie Wojtyla „unsere älteren Brüder“, sondern „Väter im Glauben“. Drei Synagogen hat er bisher besucht, mehr als alle Päpste vor ihm. In der römischen bestätigte er im Januar den „unwiderruflichen Weg des Dialogs, der Brüderlichkeit und der Freundschaft“, wie ihn das letzte Konzil festgelegt habe.

Nachdem Muslime seine Regensburger Rede kritisiert hatten, wurde ein katholisch-muslimisches Forum eingerichtet. Nach dessen erstem Treffen im November 2008 hieß es in der gemeinsamen Erklärung, Katholiken und Muslime seien berufen, „Werkzeuge der Liebe und der Harmonie zu sein, die jeder Form von Unterdrückung, aggressiver Gewalt und Terrorismus abschwören (…) und die das Prinzip ‚Gerechtigkeit für alle‘ hochhalten.“ Damit öffnet sich der Kreis zu den sozialpolitischen Initiativen des Theologenpapstes.

An einem aber lässt Benedikt XVI. trotz so mannigfacher Dialoge, Foren und Diskurse mit Juden, Moslems, Anders- und Ungläubigen keinen Zweifel: „Jesus Christus ist der Retter und Erlöser aller Menschen und Völker.“

Dampfplauderei und Dünkel

Wenn nichts mehr geht, geht immer noch das: Billiger ist kein Beifall zu haben als mit der Kritik am Zölibat. Warum nur, heißt es, werden Männer gezwungen, ein Leben lang enthaltsam zu leben? Ist das nicht gegen die Natur? Sieht man nicht am Zölibat, wie weltfremd die Kirche immer noch ist?

Deutschland debattiert über eine Vielzahl sexueller Übergriffe, die sich in evangelischen, katholischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet haben und die von der jeweiligen Leitung zögerlich oder gar nicht aufgeklärt worden sind. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel, ist eine Sünde und eine Schande; jeder einzelne Fall macht unrettbar traurig und verlangt nach juristischer wie moralischer Aufarbeitung. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass die meisten Übergriffe in der Familie stattfinden. Die Familien und die bisher kaum befragten Sportvereine sind das Hauptrisikogebiet für Heranwachsende.

Statt über dieses sehr ernste Problem zu reden, statt nach der Verantwortung der Erwachsenen für die Kinder zu fragen, holt man einen Ladenhüter aus dem Keller und attackiert den Zölibat. Bischöfe, Laienvertreter und antikirchliche Splittergruppen überbieten sich in Scheinheiligkeit. Selbstverliebte Dampfplauderer wie Hans Küng und Heiner Geißler halten ihre angestaubten Reden: Zwar sei der Zölibat nicht allein schuld an den Übergriffen, aber eben doch ein menschenfeindliches Relikt aus dem Mittelalter. Er habe zu verschwinden.

Wenn, wovon wir ausgehen müssen, Zölibat und Missbrauch nicht ursächlich verbunden sind – warum soll jetzt eine gewiss ergebnislose Debatte über seine Abschaffung geführt werden? Wollen wir auch über die Abschaffung von Sportvereinen reden, weil dort Männer und Frauen getrennt trainieren? Wollen wir die Familie abschaffen, weil nicht jeder Vater seiner Verantwortung gerecht wird? Nein: Wir brauchen zuverlässige, lautere und dabei leidenschaftliche Priester, Sportler und Eltern.

Der Zölibat ist eine theologische Einrichtung, keine Erfindung, um Seelen zu knechten. Nur auf theologische Weise kann sinnvoll geurteilt werden. Die Kritiker führen vor allem pragmatische Gründe und Vorurteile ins Feld.

Darüber werden einige Selbstverständlichkeiten vergessen: Niemand wird zum Zölibat gezwungen, niemand muss Priester einer Kirche werden, die an der Ehelosigkeit festhält. Wer es aber tut – wer es nach reiflicher Überlegung und aus freien Stücken tut –, von dem muss erwartet werden können, dass er nicht wortbrüchig wird; dass er sein Versprechen nicht wegwirft wie ein Hemd, das ihm zu eng geworden ist.

Priesterliche Ehelosigkeit ist ein Zeichen rückhaltloser Hingabe an Christus. Wer sich für diesen Weg frei entscheidet, der gibt zu verstehen: Mit meiner ganzen Person will ich dem dienen, dessen rettende Wiederkehr ich erwarte. Jesus selbst, schreibt der Theologe Klaus Berger, „lebte ehelos, damit die Menschen glauben konnten, dass Jesus es ernst meint mit Gottes zukünftiger Ehe mit seinem Volk.“

Jesus hielt sich demnach durch seine Ehelosigkeit für die endzeitliche Vermählung von Gott und Glaubensvolk bereit – gerade so wollen es auch seine priesterlichen Nachahmer halten. „Die Neigung zu geistlicher Ehelosigkeit“, fährt Klaus Berger fort, „wächst mit dem Glauben an die Auferstehung.“ Könnte es sein, dass der Sinn für den Zölibat verloren ging, weil kaum noch jemand an die Auferstehung glaubt?

Missbrauch und Missbrauch

Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, täglich herrlicher werden die Zeiten. Im Minutentakt lassen sich Meinungen in die Welt hinaus trompeten, die ohne Gedankenarbeit aus dem Griffel perlen. Bisher war es so: Man hat eine Ahnung und eine Absicht, aber partout keinen Schimmer. Also muss man mit Leuten reden, die sich auskennen, muss durch Bücher sich quälen, denken, formulieren, überdenken, und am Ende bleibt dann vielleicht von der ganzen schönen Absicht ein Schweigen. Man hat sich geirrt, nun weiß man es besser. Riskant ist das Denken auf eigene Rechnung.

Wie anders geht es heute zu. Das Denken lähmt nicht das Reden, wunderbar leicht, losgekettet von jeglichen Gedankens Schwere, hat das Plappern befreiende, ja moralische Kräfte. Ein Wort, das auf absolut verwerfliche Umstände deutet, hat das Reden entriegelt: Missbrauch. Weil eben jener sich in katholischen und evangelischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet hat, vor allem aber offenbar in römisch-katholischen, darf nun jeder und jede der Rechthaberei die Zügel schießen lassen.

Eine Zeitung titelte: „Kirche in ihrer schwersten Krise“. Ergo waren die Kirchenspaltungen von 1054 und 1517 heitere Randnotizen, ergo sorgten auch Kreuzzug und Dreißigjähriger Krieg für Kriselchen, allerhöchstens. Eine andere Zeitung forderte, überführte Priester dürften keine Priester mehr sein – als ließe sich das Weihesakrament, das eben mehr ist als ein unverbindlicher Berufseinstieg, abwaschen.

Der neckischste Witz aber gelang jener Agentur, die eine Meldung mit der Zeile überschrieb: „‘Wir sind Kirche‘ setzt Papst Benedikt unter Druck“. Bekanntlich handelt es sich bei dem als „Basisbewegung“ titulierten Verein um einen Seniorenlesezirkel, der sich an den Stellungnahmen seines Sprechers Christian Weisner und dessen politischer Theologie erfreut. Ähnlich ernsthaft wäre eine Schlagzeile der Art, „Gemeinderat von Neutraubling fordert Barack Obama zum Rücktritt auf.“

Auch der kaschubische Großdichter Grass weiß, was die Stunde geschlagen hat. Die katholische „Sündenauffassung innerhalb des Sexualbereiches, diese Verklemmtheit“ habe „Fälle zur Folge, wie sie jetzt ans Licht kommen“. Der Erwerb etwa eines Handbuchs theologischer Fachbegriffe oder des Katechismus sei dem Pfeifenschmaucher und Potenzlyriker empfohlen. Und hätte nicht ein festeres Bewusstsein der eigenen Sündenhaftigkeit, eine stabilere Sexualmoral manchen Kleriker vor Abirrungen bewahren können?

Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen. Die Wegweiser sollen fallen, weil man selbst gerne querfeldein unterwegs ist, die Ampeln und Stoppschilder verschwinden, weil man selbst gerne tüchtig auf die Tube drückt. Da soll nichts mehr sein, was das Ich hemmen könnte in seinem Drange.

Keine Frage: Jedes einzige Vergehen ist eines zu viel, jede einzige Untat verlangt nach Recht und Sühne, nach Reue und Bestrafung. Wer lügt, trickst, vertuscht, der potenziert das Leid, der wird zum Handlanger des Bösen, der schließt sich selbst aus jener Gemeinschaft aus, der er formal noch angehört. Die inflationäre Rede aber vom Missbrauch hat längst missbräuchliche Züge. Das Wort wird Tabuwort, das zudeckt, nicht aufdeckt. Es bündelt einerseits viel zu viele verschiedengestaltige Phänomene, als dass es erklärenden Charakter hätte.

Andererseits trägt es eine Unwucht in sich. Was nämlich wäre sein Gegenstück? Wenn der Missbrauch von Menschen – woran kein Zweifel besteht – schlecht ist, wäre dann der Gebrauch gut? Kann man Menschen gebrauchen oder missbrauchen, je nach dem Stand des eigenen ethischen Projekts? Sind beides also relative Größen, die auf einen mal mehr, mal weniger angemessenen zwischenmenschlichen Umgang deuten?

Nein. Menschen sind keine Sachen, auch der Gebrauch wird ihnen nicht gerecht. Das Chiffrewort ist Ausdruck eines falschen Denkens. Es muss für Schuldzuweisungen und Differenzierungsverbote herhalten, weil es unschicklich scheint, eine böse Tat als böse auszusprechen. Das ungeachtet aller Umstände Böse, das in sich Böse, mit dem die Täter, christlich gesprochen, sich ihr eigenes Gericht bereiten, soll mit ein und demselben Ersatzwort relativiert und perpetuiert werden.

Die böse Tat wird zum „Missbrauchsfall“ umetikettiert und damit zum rein säkularen Phänomen. In den Kernbereich des Christlichen, den Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung vor Gott, will die Diesseitsmoral eindringen.
Die Lektion soll lauten: Eine solchermaßen entkernte Religion braucht kein Mensch, ja darf kein Mensch mehr brauchen. Wir, die mobile Einsatztruppe des richtigen Verhaltens, müssen am moralischen Herzen dieser Sinnstiftungsagentur operieren, um Schaden von der Welt abzuhalten. Die Operation gelänge, wenn der Patient stürbe.

Es liegt nun an den Christen selbst, ob sie diese Angriffe im Gewand des Heilens und Helfens ebenso mutig wie selbstkritisch parieren. Sonst gibt es eine Alternative weniger zu den Dogmen der Diesseitigkeit und den Gelübden der Selbstverdummung.

Das Unwort des Jahres

Das Jahr ist noch jung, viel Raum also für Idiotien jedweder Art. Bekanntlich sind auf diesem Gebiet keinem Politiker, keinem Helden der Öffentlichkeit und auch keinem Schreibenden Grenzen gezogen. Ich schreibe es nieder, fasse mir an die eigene Brust und muss doch fortfahren: Für mich steht das Unwort des Jahres schon fest. Ganz sicher bin ich mir, seit ich vor wenigen Tagen ein Wort kennenlernte, dessen Existenz mir bisher komplett verborgen geblieben ist. Es handelt sich um die Sprengelpflicht.

Für wenige Augenblicke schaffte das kuriose Wörtlein es auf die vorderen Plätze der Radionachrichten. Der bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte nämlich für Recht erkannt: Die kleine Isabell muss weiterhin die Grundschule in Bach an der Donau bei Regensburg besuchen. Die Pforten der Ganztagsgrundschule im Nachbarort Tegernheim bleiben ihr verschlossen. Der Wunsch der Eltern ist nicht von Belang, die Sprengelpflicht steht höher.

Ich lernte: Neben dem Schulzwang gibt es in weiten Teilen Deutschlands die Sprengelpflicht. Die sogenannten Pflichtschulen, also Grund- und Hauptschule, sollen gleichmäßig befüllt werden. Deshalb haben die Kinder die ihrem Lebensmittelpunkt nächstgelegene Schule zu besuchen. Eine Ausnahme ist nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ möglich.

Ein solcher, entschied nun das Gericht, ist weder der Wunsch der Mutter, ins Berufsleben zurückzukehren, noch die Auffassung der Eltern, das pädagogische Konzept der weiter entfernt liegenden Schule sei für ihr Kind besser geeignet. Bereits im August 2009 hat das Bundesverfassungsgericht die Sprengelpflicht für verfassungskonform erklärt.

Deftig ist die im bayerischen Urteil überlieferte Begründung. Der Elternwunsch, lese ich, laufe der staatlichen Schulorganisation zuwider. Und dann folgt der beeindruckend klare Satz: „Ein zwingender persönlicher Grund, der gewichtiger als das Staatsinteresse sei, liegt nicht vor.“ Der Staat hat also, einem Lebewesen gleich, Interessen. Diese können mit anderen Interessen und Wünschen kollidieren, die dann in der Regel zurückzutreten haben.

Schließlich, heißt das wohl, ist der Staat Interessengeber und interessierter Akteur gleichermaßen, er hat Interessen und er teilt sie zu, er wacht über das Interesse, das andere ihm gegenüber anmelden und schneidet es sich zurecht. Freiheit sind dann die Schnipsel, die am Boden liegen bleiben, nachdem der Staat seinen Schnitt gemacht hat.

Der Sprengel war ursprünglich jener Bereich, den der Bischof mit Weihwasser besprenkelte. Er markierte den Einflussbereich einer bestimmten geistlichen, später auch weltlichen Macht, ist also eine Erscheinung aus Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Heute noch aber fährt der Staat segnend und teilend durch die Lande, sammelt die Kinderlein ein und liefert sie ab, wie und wo es ihm gefällt. Er kommt nicht zu Pferde, ein papierner Pegasus namens Erziehungs- und Unterrichtsgesetz genügt ihm.

Des Preisens muss kein Ende sein. Wie wäre es mit der Volksbank- und Raiffeisenpflicht? Denn wo der Staat den Untertan wohnen lässt, da soll er auch sein Geld lassen. Der teure Ankauf ausländischer Daten-CDs entfiele dann ganz. Oder mit der Urlaubs- und Freizeitpflicht, die Fernreisen nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ zulässt, dem heimatlichen Sprengel zuliebe? Sollte nicht auch Schluss sein mit der Ausbildungs- und Berufswahl? Angeboten wird nur noch, was die heimische Hochschule hergibt, das örtliche Handwerk braucht, dem regionalen Markt ermangelt.

Bleibe im Lande und nähre dich redlich: Vieles ließe sich da noch bessern, von Sprengel zu Sprengel, Scholle zu Scholle. Die Zukunft wird, wie alles einmal war, sie bringt Lohn gegen Fron, Leben für den Leviathan und Gehorsam für mich, Schutz und Schild im Wechsel. Narrhallamarsch!

Missbrauch, Skandal und verschwiegene Fragen

Aus vielen Zutaten ist die aktuelle Debatte über Missbrauchsfälle an jesuitischen Schulen in den siebziger Jahren zusammengesetzt: Eine dröhnende und späte Selbstanklage trifft auf gratismutige Empörung, katholisches Lavieren und Kirchenhass befeuern sich wechselseitig. Diese trübe Suppe kann keinem schmecken.

Dennoch serviert man sie uns täglich. Die, die es schon immer wussten, prosten denen, die es schon immer besser wussten, zu: Mit der Kirche im Allgemeinen und dieser römisch-katholischen im Besonderen sei einfach kein Staat zu machen. Besser wäre es, sie verschwände ganz.

Der Eifer, mit dem der Hexentrunk befeuert wird, täuscht über die Tiefendimension des Falles hinweg. Die Etiketten sind schnell zur Stelle, weil sie argumentative Sollbruchstellen bemänteln. Das vermeintlich Fraglose soll dem Fragen eine strikte Grenze ziehen. Nur sehr selten wird etwa die Frage erörtert, ob es denn gerecht zugehe, wenn mit anklagendem Getöse eine besondere Disposition katholischer Würdenträger zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger unterstellt wird.

Vor elf Jahren etwa, erinnerte jetzt der Berliner Politik-Blog „Spreeblick“, war die säkulare und recht elitäre „Odenwaldschule“ Zentrum derselben quälenden, peinigenden Aufklärung. Im November 1999 wurde der langjährige Leiter der eher linksliberal-multikulturellen Reformschule der Pädophilie überführt. In den 1980er Jahren hatte er laut einem Betroffenen männliche Schüler „in inflationärem Umfang sexuell missbraucht“.

Verständlich ist das gesteigerte Maß an Entrüstung, wenn die Täter zuvor versprachen, ihr ganzes Leben Christus zu weihen. Derber kann man das Versprechen nicht verhöhnen als durch Gewalt gegenüber jenen, die der Nazarener in die Mitte stellte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich gelangen.“

Symptomatisch ist derlei Verbrechen aber nicht. Käme irgendjemand auf die Idee, Männer keine Jungen mehr unterrichten zu lassen, um diese vor jenen zu schützen? Ein solcher Generalverdacht wäre abwegig und ehrabschneidend. Und ebenso abwegig sollte er auch dann sein, wenn er geistliches Personal betrifft.

Die römisch-katholische Kirche sieht sich auf der Anklagebank, weil man mit dem Zölibat das „missing link“ zwischen Pädophilie und Profession meint gefunden zu haben. Davon abgesehen, dass auch andere christliche Bekenntnisse unter derselben Geißel leiden: Der Zölibat ist im 21. Jahrhundert das am deutlichsten sichtbare Zeichen, dem die Welt widerspricht; schließlich bezweifelt er deren gesamte Logik.

Da in der Spätmoderne alles Welt werden soll, da alles aufgehen soll im Ewiggleichen, im Durchschnitt und im Diesseitigen, gilt dem Zölibat ausdauernde Ablehnung. Dass er im Kern ein Hoffnungszeichen ist für die Welt, indem er das Unbedingte zur Bedingung macht einer ganz anderen Existenzform, darf die Welt sich nicht eingestehen.

Der Zölibat hält inmitten all des Vorläufigen und Relativen dem Absoluten die Tür offen. Die Welt aber will mehr vom Gleichen, nichts vom Besonderen; will mehr von der Gegenwart, kaum etwas von der Zukunft und schon gar nichts aus den Tiefen der Vergangenheit. Dort reicht ihr Regiment nicht hin.
Der zölibatär lebende Priester kränkt, allein weil er ist, die Gegenwart fundamental. Sie vergilt es ihm mit Generalverdacht, Sippenhaft, Schuldsvermutung.

Ebenso kränkend mag man einen weiteren, darum verschwiegenen Gedanken empfinden: Die Zeit, in der sich die nun in Rede stehenden Übergriffe ereignet haben, war der Höhepunkt einer inneren Krise der Kirche. In dieser nachkonziliaren Krise wiederum bildeten die Jesuiten die Speerspitze des Neuen. Unter ihrem von 1965 bis 1981 amtierenden Generaloberen Pedro Arrupe, einem Basken, wandelten sie sich von den Prätorianern des Papstes, ihm unüberbietbar ergeben, zu „des heiligen Vaters ungehorsamen Söhnen“ – so ein Buchtitel von 1991.

Es waren Jesuiten, die den lockenden Seim des Marxismus und der Befreiungstheologie in sich aufsogen und den „Arbeiterpriester“ salonfähig machten; Jesuiten stemmten sich gegen die „Pillen-Enzyklika“ Pauls VI. und gegen den Pflichtzölibat, und Jesuiten wurden auch von Johannes Paul II. mehrfach zur (Kirchen-)Ordnung gerufen. Für jede liturgische oder theologische Extravaganz findet sich noch heute zuverlässig ein Jesuit, der sie gutheißt.

Schon Paul VI. fragte 1966 die Generalkongregation der Societas Jesu, ob er „noch“ auf deren besondere Treue bauen könne. Erstaunen und Schmerz erfüllten ihn angesichts der „Übernahme weltlicher Lebensart“ durch einige Jesuiten. Johannes Paul I. sah 1978 die Gefahr, dass jesuitische „Lehren und Publikationen unter den Gläubigen Verwirrung und Desorientierung anrichten“.

Johannes Paul II. dekretierte 1982 vor den Provinzoberen der Jesuiten, die Aufgabe eines Priesters sei nicht „die eines Arztes, eines Sozialarbeiters, Politikers oder Gewerkschafters“. Die Glaubenslehre dürfe nicht von „persönlichen Kriterien oder sozio-psychologischen Theorien“ bestimmt werden. Eine Ahnung dieser Spannung war noch greifbar, als Benedikt XVI. im Januar 2008 an den scheidenden Generaloberen schrieb. Die Gesellschaft möge „das wahre Charisma des Gründers wieder klar und deutlich bejahen“.

Wir lernen: Reformeifer und der Hang zur Selbstsäkularisierung schützen nicht vor Abgründen. Die moralische Lauterkeit in der Kirche wächst keineswegs automatisch, wenn die Kirche sich weltlicher gibt. Das Rüstzeug wider die Versuchung wird nicht mit der Romkritik frei Haus geliefert. Man kann sich moralistisch über Tradition und Konvention erheben und dennoch nicht die bessere Moral gepachtet haben. Der Umkehrschluss gilt natürlich auch – damit aber wäre der weiche Boden des allgemein Fraglosen wieder erreicht.

Guttenbergsche Geschichtsprophetie

Von zweierlei Art kann das akademische Vorwort sein. Oft dient es dem Dank an die Lehrer und stellt die Arbeit umständlich unter den Scheffel, damit sie desto heller erstrahle. Solches Vorwort ist das Graubrot an Deutschlands Universitäten und die Regel.

Manchmal aber schwingt das Proömium sich auf in die Höhen eines Manifests, hebt ab in den Orbit der Globaldeutung, des ein und für alle Mal und sehr zu Recht Gesagten über Mensch, Welt, Kosmos, Geschichte. Von solcher Art ist das Vorwort, mit dem Karl-Theodor zu Guttenberg seine juristische Dissertation einläutete. Sie heißt „Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“.

Wer heute, da der Verteidigungsminister heikel jettet zwischen Hindukusch und Berlin, das 2009 publizierte Bayreuther Werk noch einmal hervorholt, der begreift: Nur in der internationalen Politik konnte dieser Deutungswille eine Form findet. Zu Guttenberg erweist sich auf den zwei sentenzensatten Seiten als Meister der Verknappung.

Essenz ist hier alles: das an Spengler wie Toynbee mahnende morphologische Denken, die Melancholie, das Schaudern zwischen Schimmer, Schemen und dem „Blick nach innen“. Zu Guttenberg hebt nach einer knappen Exposition des Themas – „Europa und die USA“ – an mit dem „Schimmer der Ernüchterung“, der „kleinen wie epochalen Erschütterung“ und „mancher Tradition“, die der Nostalgie gewichen sei. Gemeint ist besagtes Verhältnis von Alter und Neuer Welt.

Dem Historiker klassischer Prägung, der wie zu Guttenberg in der Geschichte ein Gewebe erblickt aus „Kraftfeld“ und „gestaltenden Persönlichkeiten“, wird nicht bang. Er weiß, dass Geschichte ein zyklisch‘ Ding ist und dennoch immer nah am Scheitern. Europa habe seinen „Pfad“, lesen wir, „eklektisch eigen beschritten“, den Weg der Verfassung nämlich, und sei „wiederkehrend am Scheideweg“: „Kann man demgemäß und aktuell von Scheitern sprechen? Von einem großen Projekt, das im Angesicht des Hafens noch tragisch Schiffbruch erleidet? Oder vernehmen wir lediglich ein erneutes, wenngleich keuchendes historisches Durchatmen?“

Die asthmatische Rede geht vom europäischen Verfassungsvertrag, der als „Vertrag von Lissabon“ keine Verfassung geworden ist. Eine „Zäsur“ ortet zu Guttenberg, ohne zu verschweigen, dass Zäsuren wie Scheidewege, mögen sie uns auch erschüttern und ernüchtern, „traditionell paradox“ auf Kontinuität deuten: „In jeder noch so brachialen Ablehnung“ sei „immanent der Fortgang angelegt.“ Die Historie lässt sich nicht betrügen, sie geht über den Menschen hinweg. Der Historiker ist in zu Guttenbergs Perspektive ihr rückwärtsgewandter Prophet, nicht ihr Gestalter.

Alles bleibt sich gleich im Haus der Sprache, das hier ein Haus des ganzen Seins sein soll. Wer Geschichte studiert, wie sie hier studiert wird und wie sie etwa im Kaiserreich überall gelehrt worden ist, der steht immer kurz davor zu verzweifeln und zweifelt dann eben nicht. Ihm bleibt das Los auferlegt, noch in den Adverbien, die „demzufolge“ heißen und „indes“ und „gleichwohl“ und „nunmehr“, dem Einst die Treue zu halten.

Zu Guttenberg weiß: Beitragen kann er nur „eigenes Gemurmel“, entstanden trotz „intellektuell dürftigerer Alltagserlebnisse“. Im Winter 2008, als er das Vorwort schrieb, war er bekanntlich Generalsekretär der CSU, zuvor Vorsitzender des CSU-Bezirksverbandes Oberfranken.

Wenn es abschließend heißt, der Verfasser habe eine „verwegene Charakter- und Lebensmelange“ einschließlich einer „beklagenswerten Eitelkeit“, dann ist dieses Bekenntnis mehr als eine Captatio benevolentiae. Karl-Theodor zu Guttenberg müssen wir einen Aphoristiker und Geschichtsmorphologen nennen, den Kairos suchend, Kairo findend.

Mundschenk Merkel und die Wechselwähler

Im pfälzischen Neustadt hat man dem Elwedritsche ein Denkmal errichtet. Der Elwedritsche ist ein scheues Tier. Man hat ihn kaum je gesehen, obwohl Jahr um Jahr sich eine Jägersmeute auf den Weg macht. Sie zieht aus in die pfälzischen Wälder, will das Wesen im Unterholz aufspüren. Fliegen kann der Elwedritsche nicht, obwohl er Flügel hat. Springend, hüpfend muss er sich bewegen, hakenschlagend so schnell, dass manche gar behaupten, es gäbe ihn gar nicht. Das aber wäre gelogen.

Der Elwedritsche von Berlin heißt Wechselwähler. Gewiss, es muss ihn geben, doch unfassbar scheu ist auch er. Kaum hat sich eine Partei auf die Jagd nach ihm begeben, nimmt er Reißaus. Weil das traditionelle Unterholz, Milieu genannt, schwindet, schlage der Wechselwähler mal Haken nach links, mal nach rechts, sei nie da, wo man ihn erwartet.

Die SPD erfand einen „Basta“-Kanzler, um den Wechselwähler, den man weit jenseits des klassischen Proletariertums vermutete, an sich zu binden: Das Experiment missglückte. Die FDP zog sich einen Spaßvorsitzenden heran, der dem Wechselwähler zeigen sollte, wie schön es doch sein kann, wenn man sich beim Geldverdienen auf die Schenkel klopft: Das Experiment misslang. Die ehemalige SED-PDS bot dickschädligen Kommunisten ein Heim, um sich für das westdeutsche Schaufenster heraus zu putzen: das Experiment wird scheitern.

Einzig Angela Merkel weiß es besser. Ihre Partei, derzeit CDU gerufen, stimmt einen Lockruf an namens „Berliner Erklärung“. Nach dieser neuen Melodie will man tanzen, um den Wechselwähler zu beeindrucken: „Weniger als 25 Prozent der deutschen Wählerinnen und Wähler sagen heute, für sie käme nur eine einzige Partei in Frage. Es wird daher mehr denn je entscheidend darauf ankommen, die eigenen Stammwähler zu binden und neue Wähler hinzu zu gewinnen. Wahlen werden in der Mitte gewonnen.“

In der Mitte also muss der Wechselwähler sitzen. Dort sitzt er und freut sich ganz ungemein, dass die CDU nun Ja sagt zu „allen Schichten und Gruppen“ und also auch zu ihm. Er lauscht der „Berliner Erklärung“ und freut sich noch mehr, dass die CDU alle „bisherige Wählerinnen und Wähler der SPD“ gewinnen will, „die vom Linksruck dieser Partei enttäuscht sind“ und auch die „Zuwandererfamilien“, dass ferner der CDU „die Bewahrung der Schöpfung ein besonderes Anliegen ist“, ebenso „eine internationale Finanztransaktionssteuer“.

Der Wechselwähler ist demnach ein zoon politikon mit schlechten Manieren. Er nascht von jedem Tisch, auf dem ihm gerade aufgetragen wird. Es macht ihm nichts aus, sich mit „allen Schichten und Gruppen“ an derselben Tafel wiederzufinden. Er ist gerne wie jeder – solange ihm der Eindruck vermittelt wird, er sei etwas ganz Besonderes. Er mag, genäschig, wie er ist, mal dieses, mal jenes, und wenn alles serviert wird, findet er gewiss das Richtige für sich. Die Köchin lässt ihn nicht darben, stets dampfen die Kessel, an alle ist gedacht und also auch an ihn.

So stellt der Wechselwähler aus parteistrategischer Sicht sich dar. Kein einnehmendes Wesen hat er. Bedient will er werden, und die Politik bedient gerne, gibt den Mundschenk der Masse. Noch jemand ohne? Nichts ist aus, alles ist da, kein Problem, komme gleich, komme gern!

Es ist der traurige Unernst, ist das Misstrauen gegen sich selbst, das die „Berliner Erklärung“ zu einem so miserablen Stück Papier macht. Hier ruft eine Partei, die an sich selber zu verzweifeln droht, ganz pathetisch und mit viel Tremolo in der Stimme: Habt uns lieb! Wählt uns! Von uns bekommt ihr alles!

Das mag den einen oder anderen aufhorchen lassen. Schnell aber wird der Wechselwähler aufstehen, zu schwer sein für jeden Gedanken und den Schlaf des Vergessens schlafen. Wenn er aufwacht, wird er von nur einem Vorsatz getrieben sein: Nie wieder ein solches Gelage. Diese Köchin merk’ ich mir. Und dann beginn schönere, ernstere und viel vernünftigere Tage.

In der Panikfalle

Also sprach die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache: „Wir können nicht erwarten, dass der Wirtschaftseinbruch schnell wieder vorbei ist. Manches wird gerade im neuen Jahr erst noch schwieriger, bevor es wieder besser werden kann.“ Also ergänzte wenig später Parteifreund Wolfgang Bosbach: In einem halben Jahr schon werde auf Deutschlands Flughäfen der Körper- oder Nacktscanner probeweise eingesetzt. „Zügige Antworten“ seien beim „Thema Flugsicherheit“ gefragt.

CSU-Fraktionskollege Hans-Peter Uhl sekundierte: „In Zeiten des Massen-Tourismus können wir auf Körperscanner nicht verzichten, um Terroristen aus dem Strom der Fluggäste schnell herauszufischen.“ Die Niederlande und Nigeria haben sich bereits dazu entschlossen, Italien und Großbritannien wollen es ihnen gleich tun. Uhl weiß, man kann Bilder auswerten, „ohne dass Sicherheitsbeamte sie zu sehen bekommen. Erkennt der Rechner einen versteckten Gegenstand, gibt er ein Warnsignal, und der betroffene Passagier wird von Hand durchsucht.“

Vor wenigen Tagen schien die Wirtschaftskrise bereits hinter uns zu liegen. Der Chef-Volkswirt der Allianz prophezeite „ein gutes Konjunkturjahr für die deutsche Wirtschaft“, konkret ein Wachstum von 2,8 Prozent. „Das wäre das stärkste Plus seit 2006.“ Die Kanzlerin selbst jubelte im August mit, als ein Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 0,3 Prozent im zweiten Quartal als Epilog der Krise galt.

Nun ist Merkel wieder sehr in Moll gestimmt – vergleichbar ihrem Ressortkollegen Rösler, der sich Anfang Dezember öffentlich gegen Schweinegrippe impfen ließ. Der „sicherste und wirksamste Schutz“ gegen das H1N1-Virus sei eine solche Impfung. Einen „Impfgipfel“ berief er ein. Die Mediziner sollten sich rasch informieren, die Patienten aber gedulden, nicht drängeln, jeder komme dran. Einen Monat ist das her.

Heute verhandelt die Regierung mit der Pharmaindustrie, um den Impfstoff Pandemrix kostengünstig zurückgeben zu können. In Deutschland sollen im zurückliegenden Jahr 132 Menschen der Schweinegrippe zum Opfer gefallen sein – also etwa 0,00165 Promille der Bevölkerung. Die Pandemie hat nicht stattgefunden. Die Wirtschaft hat bisher auch nicht kollabiert, Pauperismus ist anderswo, Depression war einmal. Nicht anders wird es der Jagd nach den menschenwürdeschonenden Nacktbildern für Computeraugen ergehen. Kein Halali wird da erschallen.

Die Politik steckt in der Panikfalle. Ein Durchlauferhitzer ist sie geworden. Nachrichten werden nach dem Muster einfacher Reiz-Reaktionsmechanismen in politische Reflexe übersetzt. Der Umweg über das  Gehirn ist nicht vorgesehen. Jedem Problem und jeder Problemvermutung wird mit markigen Worten begegnet, deren Halbwertszeit nach Wochen rechnet.

Immer lautet der Refrain, da dürfe man sich keine Zeit lassen, immer heißt es in der Strophe, wenn man nur könnte, wie man wollte, wäre die Welt eine bessere. Allein die politischen Mitbewerber wüssten nicht, was die Stunde geschlagen hat. Das Bild des Machers will die Menge sehen, und sie bekommt ein Panoptikum energischer Verkünder und Durchblicker geliefert, die sich gegenseitig auf den Zehen stehen.

Die erste Szene des neuen Stücks von Botho Strauß, „Leichtes Spiel“, trägt den Titel „Paniktag“. In einem weitgehend leeren Supermarkt treffen sich „Die Ängstliche“ und „Der linkische Mann“. Sie ist zu spät, die Regale sind wie leergefegt. Er hingegen hat die Meldungen in den Nachrichten, die auf eine allgemeine Drohung deuten, gar nicht gehört. Und so kaufen sie, was noch übrig ist, Topflappen im Dutzend, aber keine Handtücher. Es ist mal wieder einer von den Paniktagen, an denen man den Schauder konsumiert wie sonst das Dosenbier oder den Kurzurlaub.

Wie war das noch mal mit der Vogelgrippe, mit BSE und saurem Regen?

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