Kategorie: Tagebuch

Dickschiff sucht Kompass

Nun sind sie vereint auf Augenhöhe. CDU/CSU und SPD, die einst fast das ganze Volk repräsentierten, haben sich friedlich-schiedlich-apokalyptisch bei der 30-Prozent-Marke einquartiert. Dort sitzen sie und kauern und schauen bang nach vorn: Werden wir je wieder für 40 Prozent der Wähler attraktiv sein? Müssen wir uns künftig auf 25 oder weniger Prozent einstellen? Sind wir Phoenix oder Ikarus?

Eine Entvölkerung haben Union wie SPD hinter sich. Nach Millionen zählt der kontinuierliche Rückgang der Wählerstimmen. Da verheißt das gemeinsame Tal Linderung. Man ist tief genug gesunken, um sich nicht in pure Nostalgie oder blankes Schwärmertum zu ergehen. Man sitzt aber noch immer relativ weich, denn annähernd jeder Dritte findet offenbar Programm und Performance hinreichend attraktiv. Wer aber immer den nächsten Kanzler stellen mag, der ein Kanzler nach Merkel sein dürfte: Er stammt dann hochwahrscheinlich aus einer Partei, die 7 von 10 Wahlberechtigten nicht gewählt haben werden. Ein Vertrauensbeweis sieht anders aus.

Der Niedergang der Dickschiffe der bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie verdankt sich demselben Grund: dem Verlust der inneren Mitte. Zwar wird die angeblich allein mehrheitsfähige äußere, die politische Mitte mantragleich beschworen. Dieses Singen aber wird zum Lügenlied, wenn es aus denkbar exzentrischer Position angestimmt wird. Wofür eigentlich die SPD anno 2010 steht, wissen kaum die Referatsleiter zu sagen. Und die Antwort auf die Frage, was die Union anno 2010 ausmacht, wäre in der Quiz-Show 100.000 Euro wert.

Drum ist es wert, dass soviel Hohlheit auch zugrunde geht. Nicht mit Getöse, aber sachte und nachhaltig werden die beiden Hü-und-Hott-Parteiungen implodieren. Mangels Alternative wird diese Abbrucharbeit in eigener Sache vorerst nicht bei der Null enden, aber in existenzbedrohender Tiefe. Dass momentan die Union im Seppuku weiter fortgeschritten scheint, ist eine Momentaufnahme. Wer das Konservative erst austreibt, um es dann erschrocken als vermisst zu melden, darf sich über die Reaktion des Publikums nicht wundern, das nur mehr apathisch nach dem Arzt ruft.

Union und SPD bestätigen einfallsreich ein Bonmot von Louis de Bonald: „Wenn die Politik die Prinzipien aus dem Auge verloren hat, macht sie Erfahrungen und sucht Entdeckungen.“ Wie ein einziger Freilandversuch nach der Methode try and error erscheint deshalb der bundesdeutsche Politikbetrieb. Ohne das Bewusstsein, dass eben manche Forderung, mache Tat sich prinzipiell verbietet, will man nicht jegliche Programmatik zu Grabe tragen, ohne den Mut, Tabus auch zu benennen und zu bekräftigen, statt sie nur fintenreich zu hinterfragen, kann keine Identität entstehen – keine individuelle, keine kulturelle, keine parteiliche Identität.

Erfahren wollen, wie sich diese oder jene Narretei anfühlt, Entdeckungen suchen, die vom heute Behaupteten zum morgen Verfemten und wieder retour reichen: So mag das Sein sich anfühlen beim Genuss bewusstseinserweiternder Pharmaka. In der Politik ist dergleichen Wahrnehmungsverlust ein Zeichen von Dekadenz. Kaiser Nero, spielen Sie auf!

Was ich vom Fußball lernte

Nun ist sie vorbei, die Fußball-Weltmeisterschaft, die, wer sich nicht regresspflichtig machen will, „FIFA WM 2010“ nennen muss. Das Produkt hat seinen natürlichen Entsorgungszeitpunkt erreicht. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist abgelaufen. Das Nachfolgemodell, die „FIFA WM 2014“, wird bald in den Orbit des globalen Konsums eindringen. Nicht das zähe Finale, eine üble Treterei in Orange und ausweislich der niederländischen Hymne leider ganz „von deutschem Blut“, wird in Erinnerung bleiben.

Haften blieben werden vermutlich Operettentrainer Maradona, ein weinender Nordkoreaner, fassungslose Brasilianer und Franzosen und Italiener, japanische Kunstschützen, afrikanische Fehlschüsse, spanische Kreativität, peinliche Diven vom Schlage eines Christiano „Ich-hab‘-die-Haare-schön“ Ronaldo, miese Schiedsrichter, laute Tröten und manch schöner Spielzug aus deutschen Landen.

Mir wird sich eine lebensdienliche Moral besonders einprägen. Gerne will ich darum in den bundesdeutschen Arbeits- und Lebensalltag diese feine Sitte integrieren. Sie wurde in Südafrika flächendeckend eingeübt und ist eigentlich ein Hinweis darauf, dass auch der Fußball ein Gentleman’s Agreement sein könnte.

Ein Pass segelte ins Niemandsland, kein noch so beherztes Hinterherjapsen half da. Eine Flanke senkte sich hinter dem Tor, wiewohl sie für das Kopfballungeheuer gedacht war. Ein Schuss landete im Oberrang und sollte doch den Torwart in Verlegenheit bringen. Was auch immer missriet auf dem tückischen Weg des „Jabulani“ von Spieler A zu Spieler B: Es endete im anerkennenden Klatschen.

Der Mann also, der als Empfänger von Flanke oder Pass gedacht war oder der den Ball ordentlich verjuxte, wandte sich nach missratener Tat um, hob die Hände in die Höhe und klatschte Beifall. Nicht zynisch, sondern aufmunternd sollte der Applaus wirken. Der Subtext lautete: War zwar grottig, aber schön, dass wir es probiert haben, schön, dass du an mich gedacht hast. Wird schon noch klappen, irgendwann einmal, irgendwie.

Es hat schon Trainer gegeben, die eine solche menschenfreundliche Tat verboten. Applaus gebühre nur der gelungenen Tat, nicht der noblen Absicht. Ich für meinen Teil halte dagegen: Wäre unsere Welt nicht friedlicher, schöner, rundherum menschlicher, nähmen wir alle uns ein Beispiel an der kickenden Elite?

Morgens beim Bäcker, wenn die Brötchen verbrannt sind und die Brezeln versalzen: nicht meckern, sondern zahlen, lachen, in die Hände klatschen. Bestimmt hat der Bäcker sich tüchtig angestrengt. Mittags beim Lunch, umgeben von warmem Bier und zähem Schnitzel: klatschen, nicht wundern. Der Koch hat es doch so schön versucht. Und abends dann beim Blick in die Welt auf der Mattscheibe: nicht die Kanzlerin beschimpfen, nicht die Genossen schurigeln, nicht böse denken vom Vorstandsvorsitzenden. Die geben sich alle Mühe, also klatscht, liebe Bürger, klatscht und freut euch auf den nächsten Versuch. Das wird schon noch, irgendwann und irgendwie.

Der Fußball ist wirklich eine Schule für das Leben.

Dr. Schlauberger antwortet – Kisslers Medienkolumne I

Arme Tine, da hat man Dir übel mitgespielt! Jahrein, jahraus rackerst Du Dich ab zum Ruhme von RTL, zum Segen der Werbewirtschaft und zum Vorteil notorisch klammer und chronisch farbenblinder Hausbesitzer. Deine Helfersendung „Einsatz in vier Wänden“ ging 2003 an den Start, und wer könnte die Zähren zählen, die seitdem geflossen sind?

Du enterst mit ganz viel Farbe und noch mehr gute Laune eine handelsübliche Bruchbude und verlässt sie erst wieder, wenn sie Schloss ist. Du lässt hämmern, bohren und tünchen und gibst nicht Ruhe, bis um Dich herum alles Sonnenschein geworden ist, gerade so wie Du. Tine Wittler, Du bist die Quietschkugel unter den Wohnexpertinnen, das Glücksmoppelchen der Moderatoren, der ewige Wonnemonat.

Und nun das: Dein nigelnagelneues Format wurde ausgerechnet im Mai nach nur einer Sendung vom Sender genommen – wegen erwiesener Schummelei. „Unter dem Hammer“ sollte die angeblich wahre Geschichte eines angeblich echten Hausnotverkaufs nacherzählen. Dein Part, liebe Tine, war abermals jener der pumperlg‘sunden Aufhübscherin.

Du betratest das große, aber nicht übermäßig gepflegte Anwesen der Familie Fischbach im schönen St. Goarshausen. Selbige rechnet, wie es eben Sitte ist im deutschen Privatfernsehen, der eher bildungsfernen Schicht zu. Bei den Fischbachs trinkt man den Gerstensaft aus der Flasche, spricht gerne dem Tabak zu und kleidet sich in Stoffe, in die man jederzeit noch hineinwachsen kann. Tine, Du sahst das Elend gleich, und wusstest, was zu tun ist: neue Vorhänge, neue Farben, neue Türen. Der Lohn all der Mühen war die finale Versteigerung. Immerhin 235.000 Euro wurden erlöst, notariell beglaubigt laut RTL. Hoch die Tassen, Abspann.

Dem war aber in der außertelevisionären Welt dann doch nicht so. Der Käufer machte nach Drehschluss einen Rückzieher, der Vertragsabschluss kam gar nicht zustanden, vom Notar fehlt jede Spur. Die strahlende Käuferin, die im Fernsehen auftrat, war eine Statistin. Die Fischbachs erhielten von RTL rund 2000 Euro Aufwandsentschädigung, einen kleinen Beitrag zur Abtragung des Schuldenberges, der sie weiterhin drückt. Mittels Video bei „bild.de“ bieten sie das Schmuckstück jetzt feil. Tine Wittler beteuert, von alldem nichts gewusst zu haben. Sie selbst sei die Betrogene.

Das Fernsehen dieser Tage besteht an sehr vielen Stellen aus der sentimentalen Zurschaustellung von Not- und Elendssituationen, in die das Fernsehen triumphal einfällt, sie zu richten und zu heilen. Das Fernsehen ist ein gigantisches Reparaturunternehmen der Seelen, der Körper, der Häuser, natürlich ohne jede Nachhaltigkeit, ohne jede Empathie, die über den Effekt hinausginge.

„Unter dem Hammer“ hat deutlich gemacht, dass dabei der Spannungsbogen alles ist, das tatsächlich vorgefundene Leben (fast) nichts. Dieselben Gesetze gelten auch für die meisten Erzählungen aus der realen Welt, die sich Nachrichten nennen oder Reportagen oder Porträts. Wundern ist da fehl am Platze: Unter dem Fernsehhammer liegt immer auch die Wirklichkeit. Sie überlebt nur gequetscht, gestaucht, entstellt. Tine, hab Dank für diese Lektion.

(Die Kolumne erschien erstmals im Vatican Magazin 6+7/2010)

Bundesjogis Seligsprechung

Die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen. Das heißt für die Leser vermeintlicher Fachzeitschriften: Kritik hat Sendepause, Sportjournalismus wird zum angewandten Fan-Sein. Jetzt werden, je nach Verbreitungsgebiet, Helden gemacht, Stars gepriesen, Führer gebenedeit. Ein besonders eindrückliches Beispiel solch proskynetischen Schrifttums gab nun das Nürnberger Sportmagazin „kicker“. Auf dem Titel prangte Bundestrainer Joachim Löw im körperengen weißen Lieblingshemd, die Ärmel hoch gekrempelt, die rechte Faust zum Himmel erhoben. „Ein Mann geht seinen Weg“ stand daneben. Das war leider erst der Anfang.

Wir erinnern uns: Mindestens dreimal wurde schon unter dieser Überschrift das Hohelied auf den einsamen Wolf, das beinharte Alphatier gesungen. Gary Cooper war 1961 im gleichnamigen Krimi ein zu Unrecht des Raubmords verdächtigter Speditionskaufmann. Er musste einen gefährlichen Weg gehen, um seine Unschuld zu beweisen. Sylvester Stallone gab 1978 einen Gewerkschaftsführer zwischen Idealismus und Kriminalität, und 1994 pries Jörg Haider sich im siebenminütigen PR-Video mit derselben Schlagzeile. Er ging seinen Weg durch schneeverschneite Alpen, joggte und rannte und kraxelte, um am Gipfelkreuz anzukommen, „Österreichs Zukunft“ zuliebe.

Cooper, Stallone, Haider, Löw: Innerhalb dieser Ahnenreihe kann ein Porträt des Bundestrainers vermutlich wirklich nur, wie im Innenteil von eben jener Ausgabe 46/2010 geschehen, „Ein Mann. Ein Ziel. Ein Weg.“ heißen. Die drei Punkte und der Verzicht auf jedes Verb tragen weiter zum Eindruck bei, hier werde eine pure Naturgewalt abgehandelt – Jogi, das Monument. Autor Oliver Hartmann lobt den „perfekten“ Sitz der „dunkelgrauen Dreiviertel-Hose“ an Bundesjogis Waden und lässt ansonsten keinen Zweifel an der epochalen Bedeutung der makellosen Ikone namens Löw. Dieser „geht seinen Weg (…), aus Überzeugung“. Er ist „überzeugt, bislang auf alle Fragen die richtigen Antworten gefunden zu haben“, sodass Löws „unerschütterlicher Glaube“ die Kenntnis geradezu erzwingt: „Löw ist überzeugt von sich und seinem Führungsstil“.

Überzeugungsmensch Löw, weiß Hartmann aufgrund von neuronalen Techniken, die mir leider nicht zur Verfügung stehen, „hat keine seiner Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen.“ Nein, Löw ist ein animal rationale durch und durch und vermutlich selbst beim Hemdenkauf und in der Herrentoilette. Löw nämlich, verkündet der „kicker“ weiter, „folgt immer treu einer Gesamtkonzeption, die er schon vor zwei Jahren mit seinen Vertrauten entworfen und seitdem in wöchentlichen Konferenzen verfeinert hat.“

Löw, von Vertrauten und nicht von Mitarbeitern raunend umgeben, habe schließlich eine „Mission“, eine „Mission, die er herbeigesehnt hat“, und die nur mit „bedingungsloser Gefolgschaft“ verwirklicht werden könne. Der Führungsstil dieser jetzt „noch engagierter und fokussierter“ wirkenden Lichtgestalt beruhe dabei auf einer schlichten Erkenntnis. „Er spürt: Diese junge Mannschaft braucht Führung.“ Also führt Führer Löw die kickende Elite ins Wunderland der WM-Endrunde. Er weiß, was er tut, und er tut immer das Richtige – „ein Mann, ein Ziel, ein Weg.“

Der Autor dieser an schiefem Pathos und kleinlicher Verehrung kaum zu überbietenden Salbaderei durfte übrigens für die unmittelbar folgende Ausgabe 47/2010 das Objekt seiner Adoration leibhaftig interviewen. Die Fragen störten erwartungsgemäß den königlichen Gedankenfluss kaum: „Was ist drin für Ihr Team?“, „Wie ist es denn um den Spirit in Ihrer Mannschaft bestellt?“, „Planen Sie mit Badstuber?“.

Natürlich richten sich Fußballfachzeitschriften an Fußballfans und Fußballfreunde, und natürlich soll während einer Weltmeisterschaft die Rivalität zwischen den Vereinsanhängern ruhen. Dann gibt es nicht Schalker und nicht Bremer, dann gibt es nur Deutsche. Und natürlich wäre es ökonomisch unklug, aggressiv die Spaßbremse zu geben, während ein Großteil der Nation schlicht will, dass „unsere Jungs“ gewinnen. Das ist alles legitim und nachvollziehbar und nicht tadelnswert – und dennoch bleibt es eine Zumutung, ein Porträt anzukündigen und dann eine Seligsprechung zu Lebzeiten zu liefern. Es bleibt ein peinliches Dokument identifikatorischer Anverwandlung statt professioneller Einfühlung, wenn die Phrasen derart scheppern, die Platituden derart rieseln, dass kein Spalt bleibt für die Besinnung und nur die eine Botschaft hängen bleibt: Dieser Mann ist fehlerfrei. Schön, dass wir ihn haben, den famosen Joachim.

Es muss alles getan werden

Krise ist immer. Jene Krise aber, die derzeit mannigfach Republik wie Globus beutelt, muss ein ganz besonderes Exemplar sein. Ihre Propheten und Profiteure bemühen sich nach Kräften, ein noch nie dagewesenes Krisenszenario zu zeichnen. Erstmalig, einzig, superlativisch nach allen Seiten sollen die kaum zählbaren Krisensymptome sein. Weltuntergang war gestern, Trümmerzeit und Panikalarm sind heute. Dafür spricht die Dauerpräsenz einer Floskel, ohne die heute keine Eröffnung eines Autobahnteilstücks und keine Ehrung verdienter Vereinsmitglieder mehr auskommt.

Der Bau des neuen Berliner Großflughafens droht sich zu verzögern. Der SPD-Landeschef Müller fordert deshalb, „es müsse jetzt alles getan werden, um den Termin trotzdem einzuhalten.“ Ein bayerischer SPD-Ortsverein leidet an schlechten Wahlresultaten. Ergo, so der Ortsvorsitzende, müsse „auch auf kommunaler Ebene alles getan werden, um in Zukunft bessere Ergebnisse zu erzielen.“

Der Präsident einer Technischen Universität sorgt sich um die Akzeptanz der technischen Wissenschaften; „deshalb muss alles getan werden, um in der Bevölkerung die Fähigkeit zur Risikoabschätzung durch verbessertes Wissen zu schärfen.“ Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes freut sich über die Rückkehr des Wolfes nach Bayern. Jetzt „muss alles getan werden, um das Tier vor störenden Einflüssen von außen zu bewahren.“

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der bayerischen Wirtschaft sorgt sich um den Wohnungsmarkt; „es muss alles getan werden, um neuen Wohnraum zu schaffen”. Um den Euro sorgt sich Jaques Delors. Deshalb „muss alles getan werden, die Spekulation einzugrenzen.“ Klaus Töpfer sorgt sich um den ölverseuchten Golf von Mexiko, darum „müsse alles getan werden, um alternative Energien zu entwickeln.“ Klaus Ernst von der „Linkspartei“ verlangt hingegen, „es müsse alles getan werden, um mehr Jobs zu schaffen.“ Und Angela Merkel ist sich sicher, „auf jeden Fall muss alles getan werden, dass der Klimaprozess nicht zum Stillstand kommt.“

Wenn die alarmierten Stimmen beim Wort genommen werden sollen, wenn alles wirklich alles wäre, dann müsste etwa Folgendes geschehen: Das Land Berlin zieht alle Gelder aus der Bildungspolitik ab, um einen Flughafen fristgemäß eröffnen zu können. Der SPD-Ortsverein kauft sich Stimmen, um bei der nächsten Wahl zu reüssieren. Die Regierung erklärt Technikfreude zum staatsbürgerlichen Pflichtfach von der Wiege bis zu Bahre. Alle Wälder werden in Schutzräume für Wölfe verwandelt, störende Tiere tötet man, störrische Waldbesitzer werden enteignet.

Der Staat verwendet seine Gelder nur, um Wohnungen zu bauen und Wohnungsmieten zu subventionieren; nötigenfalls werden die Bundeswehr aufgelöst, die Schulen geschlossen, die Straßen sich selbst überlassen. Spekulanten werden verhaftet, Wertpapierhandelshäuser verboten, Beziehungen zu freiheitsliebenden Staaten eingestellt. Sämtliche Steuern fließen in den Ausbau alternativer Energien oder aber in den zweiten Arbeitsmarkt und die Rüstung oder aber in die Haushalte all jener Staaten, die partout nicht genug mitmachen wollen beim „Klimaprozess“, von China bis Indien, Russland, Mikronesien.

Diese jeweils todsicheren Rezepte widersprechen einander, und jeder einzelne führte zum Kollaps des Gemeinwesens. Niemand, der heute „alles“ im Munde führt, meint auch „alles“. Er greift zur Floskel im vollen Bewusstsein, dass sie letztlich eine Lüge ist – dass sie dem Zweck dient, den Redner im besten Lichte dastehen, ihn als Mann oder Frau der Tat übergroß erscheinen zu lassen. Es ist ein Dezisionismus des Maulheldentums, unernst, lächerlich, deplatziert.

Vielleicht – wer weiß das schon – kommen tatsächlich einmal Zeiten, da eine gewaltige gemeinsame Kraftanstrengung nötig sein wird, um Frieden, Freiheit, Sicherheit zu erhalten. Vielleicht wird einmal wirklich jedem alles abverlangt werden. Dann werden wir jenen, die schon bei bayrischen Wölfen und Berliner Flughäfen und deutschen Hochhäusern zur allergrößten rhetorischen Kelle gegriffen haben, nicht glauben.

Dann werden wir unsere Lektion gelernt haben: Wo alles gefordert wird, da muss sich nichts ändern. Wer alles verlangt, erwartet nichts. Wenn alles getan werden muss, tut sich rein gar nichts. Heißa und hopsasa, weiter geht’s im alten Trott, juchhe.

Die eine und die andere Krise |

Eine Krise ist ein Wendepunkt, ein Moment der Entscheidung, ist jenes Nu, das die Weichen neu stellt. Schmerzen sind sein Erkennungsmal. Krisen legen offen, was lange schon schief lief. In Krisen müssen sich Mut und Prinzipien gleichermaßen bewähren, sonst wird aus dem Augenblick eine endlose Rutschbahn, wird die Haltestelle selbst zum Abgrund, das Beben zum Treibsand, haltlos-unhaltbar auf lange, sehr lange Zeit.

Jede Krise braucht einen Patienten, den sie befällt, damit er gesunde oder untergehe. In diesen Tagen scheint der bekannteste Patient überhaupt die katholische Kirche zu sein. Sie selbst ist es, die beständig von sich behauptet, in einer fundamental schwierigen Situation zu sein, einer „tiefen Krise“ (Karl Kardinal Lehmann), ja der „tiefsten Vertrauenskrise seit der Reformation“ (Hans Küng). Wer oder was aber ist die Kirche, die derart großzügig Selbstdiagnosen erstellt? Nur auf diesem Weg kann die Seriosität der Krisenbehauptung geklärt werden.

Offensichtlich kreuzen sich hier Selbst- und Fremdwahrnehmung in bezeichnender Weise. Es macht kaum einen Unterschied, ob Kirchenvertreter, Kirchenkritiker oder Kirchenhasser befragt werden. Es sei Krisenzeit angebrochen, erklären alle unisono. Das muss stutzig machen. Entweder verbergen sich unter der Krisenchiffre ganz unterschiedliche Bedeutungen, oder aber die wie auch immer gefüllte Krise ist derart monumental, dass sie jedem sich erschließt. Sie wäre dann eine schlichte Objektivität, unleugbar wie der Regen gestern über diesem und nur diesem Städtchen.

Es verhält sich vertrackt: Unleugbar sind einige der Ereignisse, die das Reden von der Krise initiiert haben, die sexuellen Übergriffe auf Minderjährige durch mehrheitlich homosexuelles Kirchenpersonal. Jenseits allen Tolerierbaren bewegen sich diese schändlichen Fälle. Andererseits sind sie noch immer die schreckliche Ausnahme, nicht die verderbliche Regel. Niemand, ob Papist oder Atheist, wird diese Fälle gutheißen können, niemand tut es.

Auch in der Vergangenheit hat sich niemand zum Apologeten solch krimineller Taten aufgeschwungen. Dass sie wahrlich nicht immer zu den angemessenen juristischen und disziplinären Folgen geführt haben, steht auf einem anderen Blatt und ändert nichts am Konsens in ihrer Einschätzung als absolut verwerfliche Taten.

Ein Konsens kann keine Krise auslösen. Insofern wäre die Krise nur dann im obigen Sinne objektiv und unleugbar, wenn tatsächlich Papiere, Anweisungen, Absprachen existierten, denen zufolge der sexuelle Übergriff vornehmste Katholikenpflicht sei. Dergleichen ist bisher nicht aufgetaucht. Ergo dominiert im Diskurs die subjektive und durchaus unterschiedliche Füllung des Krisenbegriffs.

Die Übergriffe können keine theologische Krise markieren, weil sie theologisch immer schon verurteilt waren. Demgegenüber können die vergleichbaren Fälle im reformpädagogischen Milieu sehr wohl eine substanzielle pädagogische Krise auslösen, weil sie in ein bestimmtes (wenn auch pervertiertes) Bild von Pädagogik integriert waren.

Die Kirchenkrise ist eine Vertrauens- und Moralkrise. Sie trifft im Kern das Bild von der Kirche als moralischer Anstalt. Sie beschädigt die eher säkulare Sicht auf die Kirche als Verein der Tugendbolde. Nichts müsste eigentlich denen, die Kirche sind, fremder sein. Sie müssten wissen, dass die apostolische Gemeinschaft die Versammlung jener ist, die sich hoffend unterwegs wissen zu ihrem Richter und Erlöser und die dessen Sakramente auf dieser unbekannten Strecke weitertragen.

Bischöfe, Theologen, Laien könnten wissen, dass nicht der erhobene Zeigefinger die Welt rettet, sondern das Opfer. Sie wissen es aber nicht, oder sie verschweigen es. Sie reden von der Kirche, der sie angehören, wie auch Kirchenferne und Kirchenhasser von ihr sprechen: Moralisch, politisch, subjektiv. Und deshalb und nur deshalb ist die säkulare Vertrauens- und Moralkrise zugleich ein theologisches Drama. Die Kirche, die so laut auf allen Marktplätzen sich den Puls fühlt, nimmt sich selbst als Kirche nicht mehr wahr.

Benedikt XVI. und der innere Mensch

Benedikt XVI. gilt als Theologenpapst. Er denkt, redet und urteilt strikt theologisch, wie kaum ein Pontifex vor ihm. Auch seine politischen Appelle sind Handlungsempfehlungen aus geistlicher Perspektive. Weil das Denken des ehemaligen Universitätsprofessors Ratzinger in den Kirchenvätern und im Zusammenklang von Bibel und Tradition wurzelt, bestimmt dieses Fundament das Pontifikat Benedikts XVI.

Nirgends wird diese Verbindung deutlicher als bei den Generalaudienzen. Mittwoch für Mittwoch lädt Benedikt zur Vorlesung auf den Petersplatz. Dort und in den Enzykliken liegt der rote Faden dieses Pontifikats offen zutage. Er lässt sich auf die Formel bringen: Der innere Mensch muss gesunden, damit die Welt gerecht werden kann.

Auch auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um die Pius-Bruderschaft wich Benedikt nicht davon ab. Er sprach am 11. Februar 2009 – einen Tag vor dem deeskalierenden Treffen mit einer jüdischen Delegation – von dem Eremiten Johannes Klimakos. Dessen Hauptwerk aus dem siebten Jahrhundert, „Die Paradiesesleiter“, erklärt den christlichen Weg zur Seelenruhe. Benedikts Pointe wies in die Gegenwart: „Es muss die Haltung der Arroganz überwunden werden, die einen sagen lässt: ‚Ich weiß es in dieser meiner Zeit des 21. Jahrhunderts besser, als es jene damals vermocht hätten.‘“

Damit ist ein Grundzug der Ratzingerschen Theologie benannt. Anhand klassischer, oft antiker oder mittelalterlicher Glaubenszeugen soll die Gegenwart gedeutet und korrigiert werden. Und diese Deutung aus dem Fundus der Tradition setzt nicht bei Strukturen an, sondern beim inneren Menschen. „Ohne Heilung der Seelen, ohne Heilung des Menschen von innen her“, sagte er im Juli 2009, „kann es kein Heil für die Menschheit geben.“

Die Mittwochskatechesen widmeten sich zunächst den Psalmen. Es folgten bis Februar 2007 die Apostel, sodann deren Schüler und die Kirchenväter. Zwanzig Betrachtungen zu Paulus schlossen sich an. Seit Februar 2009 stehen die „großen mittelalterlichen Kirchenschriftsteller der Kirche des Ostens und des Westens“ im Fokus.

Ende März deutete der Papst den Kölner Dominikaner und Universalgelehrten Albertus Magnus als einen Mann, der zeige, „dass zwischen Wissenschaft und Glaube Freundschaft besteht.“ Ein weiteres theologisches Hauptthema Ratzingers, die Versöhnung von Glaube und Vernunft, klang so an.
Ein derart traditionsgesättigtes Programm ist nicht repräsentativ für die Universitätstheologie des 21. Jahrhunderts.

Mit dieser geht Benedikt XVI. regelmäßig, etwa bei den jährlichen Treffen mit der Internationalen Theologenkommission, hart ins Gericht. Ende vergangenen Jahres warnte er vor dem Hochmut und der Dummheit einer Theologie, die „das große Geheimnis Jesu, des menschgewordenen Gottessohnes, auf den historischen Jesus verkürzt: eine tragische Gestalt, ein Gespenst ohne Fleisch und Blut.“ Wahre Theologie brauche Liebe zu den Glaubenswahrheiten und Treue zum Lehramt. So habe es das Zweite Vatikanische Konzil dargelegt.

Der Theologenpapst ist auch ein grüner Papst und ein Globalisierungskritiker. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 2010 heißt es im Titel: „Willst du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung.“ Der Mensch habe sich zur Schöpfung „wie ein Ausbeuter verhalten, der über sie eine absolute Dominanz ausüben will“.

Ergo müsse der Mensch, um die Ressourcen zu schonen, sein moralisches Koordinatensystem ändern. Er müsse die „Logik des bloßen Konsums“ überwinden und erkennen, dass „eine starke Wechselbeziehung zwischen der Bekämpfung von Umweltschäden und der Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen besteht“ – zwischen Umweltökologie also und Humanökologie.

Gemeinsamer Nenner sei das „natürliche Sittengesetz“. So steht es auch in der Sozialenzyklika „Caritas in veritate“: „Das Buch der Natur ist eines und unteilbar, sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.“

Im religiösen Dialog lässt sich die Hinwendung zur Innenschau ebenfalls ablesen. Aus evangelischer Sicht lautet der Vorwurf, Benedikts „starre Haltung“ – so der einstige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber – behindere die Ökumene. Aus päpstlicher Sicht aber schreitet die „Ökumene des Gebets und des gemeinsamen Zeugnisses“ voran.

Es gibt mehr katholisch-protestantische Begegnungen als unter Johannes Paul II. Das gemeinsame Abendmahl steht jedoch nicht auf der Agenda. Vor vier Wochen besuchte Benedikt die lutherische Gemeinde in Rom und bekräftigte: Durch die Spaltung habe die Christenheit Schuld auf sich geladen. Man solle aber „zuallererst dankbar werden, dass es soviel Einheit gibt“, im Gebet, im Gottesdienst.

Eine größere, eine sichtbare Einheit könne nur Gott schenken, „denn eine Einheit, die wir selbst aushandeln würden, wäre menschengemacht und so brüchig, wie alles, was Menschen machen.“ Die Beziehungen zur Orthodoxie haben sich unterdessen verbessert. Deren Traditionsgebundenheit erleichtert die Annäherung.

Auf theologischer Ebene ist die Hochschätzung des Judentums gewachsen. Benedikt XVI. nennt die Juden nicht wie Wojtyla „unsere älteren Brüder“, sondern „Väter im Glauben“. Drei Synagogen hat er bisher besucht, mehr als alle Päpste vor ihm. In der römischen bestätigte er im Januar den „unwiderruflichen Weg des Dialogs, der Brüderlichkeit und der Freundschaft“, wie ihn das letzte Konzil festgelegt habe.

Nachdem Muslime seine Regensburger Rede kritisiert hatten, wurde ein katholisch-muslimisches Forum eingerichtet. Nach dessen erstem Treffen im November 2008 hieß es in der gemeinsamen Erklärung, Katholiken und Muslime seien berufen, „Werkzeuge der Liebe und der Harmonie zu sein, die jeder Form von Unterdrückung, aggressiver Gewalt und Terrorismus abschwören (…) und die das Prinzip ‚Gerechtigkeit für alle‘ hochhalten.“ Damit öffnet sich der Kreis zu den sozialpolitischen Initiativen des Theologenpapstes.

An einem aber lässt Benedikt XVI. trotz so mannigfacher Dialoge, Foren und Diskurse mit Juden, Moslems, Anders- und Ungläubigen keinen Zweifel: „Jesus Christus ist der Retter und Erlöser aller Menschen und Völker.“

Dampfplauderei und Dünkel

Wenn nichts mehr geht, geht immer noch das: Billiger ist kein Beifall zu haben als mit der Kritik am Zölibat. Warum nur, heißt es, werden Männer gezwungen, ein Leben lang enthaltsam zu leben? Ist das nicht gegen die Natur? Sieht man nicht am Zölibat, wie weltfremd die Kirche immer noch ist?

Deutschland debattiert über eine Vielzahl sexueller Übergriffe, die sich in evangelischen, katholischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet haben und die von der jeweiligen Leitung zögerlich oder gar nicht aufgeklärt worden sind. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel, ist eine Sünde und eine Schande; jeder einzelne Fall macht unrettbar traurig und verlangt nach juristischer wie moralischer Aufarbeitung. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass die meisten Übergriffe in der Familie stattfinden. Die Familien und die bisher kaum befragten Sportvereine sind das Hauptrisikogebiet für Heranwachsende.

Statt über dieses sehr ernste Problem zu reden, statt nach der Verantwortung der Erwachsenen für die Kinder zu fragen, holt man einen Ladenhüter aus dem Keller und attackiert den Zölibat. Bischöfe, Laienvertreter und antikirchliche Splittergruppen überbieten sich in Scheinheiligkeit. Selbstverliebte Dampfplauderer wie Hans Küng und Heiner Geißler halten ihre angestaubten Reden: Zwar sei der Zölibat nicht allein schuld an den Übergriffen, aber eben doch ein menschenfeindliches Relikt aus dem Mittelalter. Er habe zu verschwinden.

Wenn, wovon wir ausgehen müssen, Zölibat und Missbrauch nicht ursächlich verbunden sind – warum soll jetzt eine gewiss ergebnislose Debatte über seine Abschaffung geführt werden? Wollen wir auch über die Abschaffung von Sportvereinen reden, weil dort Männer und Frauen getrennt trainieren? Wollen wir die Familie abschaffen, weil nicht jeder Vater seiner Verantwortung gerecht wird? Nein: Wir brauchen zuverlässige, lautere und dabei leidenschaftliche Priester, Sportler und Eltern.

Der Zölibat ist eine theologische Einrichtung, keine Erfindung, um Seelen zu knechten. Nur auf theologische Weise kann sinnvoll geurteilt werden. Die Kritiker führen vor allem pragmatische Gründe und Vorurteile ins Feld.

Darüber werden einige Selbstverständlichkeiten vergessen: Niemand wird zum Zölibat gezwungen, niemand muss Priester einer Kirche werden, die an der Ehelosigkeit festhält. Wer es aber tut – wer es nach reiflicher Überlegung und aus freien Stücken tut –, von dem muss erwartet werden können, dass er nicht wortbrüchig wird; dass er sein Versprechen nicht wegwirft wie ein Hemd, das ihm zu eng geworden ist.

Priesterliche Ehelosigkeit ist ein Zeichen rückhaltloser Hingabe an Christus. Wer sich für diesen Weg frei entscheidet, der gibt zu verstehen: Mit meiner ganzen Person will ich dem dienen, dessen rettende Wiederkehr ich erwarte. Jesus selbst, schreibt der Theologe Klaus Berger, „lebte ehelos, damit die Menschen glauben konnten, dass Jesus es ernst meint mit Gottes zukünftiger Ehe mit seinem Volk.“

Jesus hielt sich demnach durch seine Ehelosigkeit für die endzeitliche Vermählung von Gott und Glaubensvolk bereit – gerade so wollen es auch seine priesterlichen Nachahmer halten. „Die Neigung zu geistlicher Ehelosigkeit“, fährt Klaus Berger fort, „wächst mit dem Glauben an die Auferstehung.“ Könnte es sein, dass der Sinn für den Zölibat verloren ging, weil kaum noch jemand an die Auferstehung glaubt?

Missbrauch und Missbrauch

Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, täglich herrlicher werden die Zeiten. Im Minutentakt lassen sich Meinungen in die Welt hinaus trompeten, die ohne Gedankenarbeit aus dem Griffel perlen. Bisher war es so: Man hat eine Ahnung und eine Absicht, aber partout keinen Schimmer. Also muss man mit Leuten reden, die sich auskennen, muss durch Bücher sich quälen, denken, formulieren, überdenken, und am Ende bleibt dann vielleicht von der ganzen schönen Absicht ein Schweigen. Man hat sich geirrt, nun weiß man es besser. Riskant ist das Denken auf eigene Rechnung.

Wie anders geht es heute zu. Das Denken lähmt nicht das Reden, wunderbar leicht, losgekettet von jeglichen Gedankens Schwere, hat das Plappern befreiende, ja moralische Kräfte. Ein Wort, das auf absolut verwerfliche Umstände deutet, hat das Reden entriegelt: Missbrauch. Weil eben jener sich in katholischen und evangelischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet hat, vor allem aber offenbar in römisch-katholischen, darf nun jeder und jede der Rechthaberei die Zügel schießen lassen.

Eine Zeitung titelte: „Kirche in ihrer schwersten Krise“. Ergo waren die Kirchenspaltungen von 1054 und 1517 heitere Randnotizen, ergo sorgten auch Kreuzzug und Dreißigjähriger Krieg für Kriselchen, allerhöchstens. Eine andere Zeitung forderte, überführte Priester dürften keine Priester mehr sein – als ließe sich das Weihesakrament, das eben mehr ist als ein unverbindlicher Berufseinstieg, abwaschen.

Der neckischste Witz aber gelang jener Agentur, die eine Meldung mit der Zeile überschrieb: „‘Wir sind Kirche‘ setzt Papst Benedikt unter Druck“. Bekanntlich handelt es sich bei dem als „Basisbewegung“ titulierten Verein um einen Seniorenlesezirkel, der sich an den Stellungnahmen seines Sprechers Christian Weisner und dessen politischer Theologie erfreut. Ähnlich ernsthaft wäre eine Schlagzeile der Art, „Gemeinderat von Neutraubling fordert Barack Obama zum Rücktritt auf.“

Auch der kaschubische Großdichter Grass weiß, was die Stunde geschlagen hat. Die katholische „Sündenauffassung innerhalb des Sexualbereiches, diese Verklemmtheit“ habe „Fälle zur Folge, wie sie jetzt ans Licht kommen“. Der Erwerb etwa eines Handbuchs theologischer Fachbegriffe oder des Katechismus sei dem Pfeifenschmaucher und Potenzlyriker empfohlen. Und hätte nicht ein festeres Bewusstsein der eigenen Sündenhaftigkeit, eine stabilere Sexualmoral manchen Kleriker vor Abirrungen bewahren können?

Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen. Die Wegweiser sollen fallen, weil man selbst gerne querfeldein unterwegs ist, die Ampeln und Stoppschilder verschwinden, weil man selbst gerne tüchtig auf die Tube drückt. Da soll nichts mehr sein, was das Ich hemmen könnte in seinem Drange.

Keine Frage: Jedes einzige Vergehen ist eines zu viel, jede einzige Untat verlangt nach Recht und Sühne, nach Reue und Bestrafung. Wer lügt, trickst, vertuscht, der potenziert das Leid, der wird zum Handlanger des Bösen, der schließt sich selbst aus jener Gemeinschaft aus, der er formal noch angehört. Die inflationäre Rede aber vom Missbrauch hat längst missbräuchliche Züge. Das Wort wird Tabuwort, das zudeckt, nicht aufdeckt. Es bündelt einerseits viel zu viele verschiedengestaltige Phänomene, als dass es erklärenden Charakter hätte.

Andererseits trägt es eine Unwucht in sich. Was nämlich wäre sein Gegenstück? Wenn der Missbrauch von Menschen – woran kein Zweifel besteht – schlecht ist, wäre dann der Gebrauch gut? Kann man Menschen gebrauchen oder missbrauchen, je nach dem Stand des eigenen ethischen Projekts? Sind beides also relative Größen, die auf einen mal mehr, mal weniger angemessenen zwischenmenschlichen Umgang deuten?

Nein. Menschen sind keine Sachen, auch der Gebrauch wird ihnen nicht gerecht. Das Chiffrewort ist Ausdruck eines falschen Denkens. Es muss für Schuldzuweisungen und Differenzierungsverbote herhalten, weil es unschicklich scheint, eine böse Tat als böse auszusprechen. Das ungeachtet aller Umstände Böse, das in sich Böse, mit dem die Täter, christlich gesprochen, sich ihr eigenes Gericht bereiten, soll mit ein und demselben Ersatzwort relativiert und perpetuiert werden.

Die böse Tat wird zum „Missbrauchsfall“ umetikettiert und damit zum rein säkularen Phänomen. In den Kernbereich des Christlichen, den Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung vor Gott, will die Diesseitsmoral eindringen.
Die Lektion soll lauten: Eine solchermaßen entkernte Religion braucht kein Mensch, ja darf kein Mensch mehr brauchen. Wir, die mobile Einsatztruppe des richtigen Verhaltens, müssen am moralischen Herzen dieser Sinnstiftungsagentur operieren, um Schaden von der Welt abzuhalten. Die Operation gelänge, wenn der Patient stürbe.

Es liegt nun an den Christen selbst, ob sie diese Angriffe im Gewand des Heilens und Helfens ebenso mutig wie selbstkritisch parieren. Sonst gibt es eine Alternative weniger zu den Dogmen der Diesseitigkeit und den Gelübden der Selbstverdummung.

Das Unwort des Jahres

Das Jahr ist noch jung, viel Raum also für Idiotien jedweder Art. Bekanntlich sind auf diesem Gebiet keinem Politiker, keinem Helden der Öffentlichkeit und auch keinem Schreibenden Grenzen gezogen. Ich schreibe es nieder, fasse mir an die eigene Brust und muss doch fortfahren: Für mich steht das Unwort des Jahres schon fest. Ganz sicher bin ich mir, seit ich vor wenigen Tagen ein Wort kennenlernte, dessen Existenz mir bisher komplett verborgen geblieben ist. Es handelt sich um die Sprengelpflicht.

Für wenige Augenblicke schaffte das kuriose Wörtlein es auf die vorderen Plätze der Radionachrichten. Der bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte nämlich für Recht erkannt: Die kleine Isabell muss weiterhin die Grundschule in Bach an der Donau bei Regensburg besuchen. Die Pforten der Ganztagsgrundschule im Nachbarort Tegernheim bleiben ihr verschlossen. Der Wunsch der Eltern ist nicht von Belang, die Sprengelpflicht steht höher.

Ich lernte: Neben dem Schulzwang gibt es in weiten Teilen Deutschlands die Sprengelpflicht. Die sogenannten Pflichtschulen, also Grund- und Hauptschule, sollen gleichmäßig befüllt werden. Deshalb haben die Kinder die ihrem Lebensmittelpunkt nächstgelegene Schule zu besuchen. Eine Ausnahme ist nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ möglich.

Ein solcher, entschied nun das Gericht, ist weder der Wunsch der Mutter, ins Berufsleben zurückzukehren, noch die Auffassung der Eltern, das pädagogische Konzept der weiter entfernt liegenden Schule sei für ihr Kind besser geeignet. Bereits im August 2009 hat das Bundesverfassungsgericht die Sprengelpflicht für verfassungskonform erklärt.

Deftig ist die im bayerischen Urteil überlieferte Begründung. Der Elternwunsch, lese ich, laufe der staatlichen Schulorganisation zuwider. Und dann folgt der beeindruckend klare Satz: „Ein zwingender persönlicher Grund, der gewichtiger als das Staatsinteresse sei, liegt nicht vor.“ Der Staat hat also, einem Lebewesen gleich, Interessen. Diese können mit anderen Interessen und Wünschen kollidieren, die dann in der Regel zurückzutreten haben.

Schließlich, heißt das wohl, ist der Staat Interessengeber und interessierter Akteur gleichermaßen, er hat Interessen und er teilt sie zu, er wacht über das Interesse, das andere ihm gegenüber anmelden und schneidet es sich zurecht. Freiheit sind dann die Schnipsel, die am Boden liegen bleiben, nachdem der Staat seinen Schnitt gemacht hat.

Der Sprengel war ursprünglich jener Bereich, den der Bischof mit Weihwasser besprenkelte. Er markierte den Einflussbereich einer bestimmten geistlichen, später auch weltlichen Macht, ist also eine Erscheinung aus Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Heute noch aber fährt der Staat segnend und teilend durch die Lande, sammelt die Kinderlein ein und liefert sie ab, wie und wo es ihm gefällt. Er kommt nicht zu Pferde, ein papierner Pegasus namens Erziehungs- und Unterrichtsgesetz genügt ihm.

Des Preisens muss kein Ende sein. Wie wäre es mit der Volksbank- und Raiffeisenpflicht? Denn wo der Staat den Untertan wohnen lässt, da soll er auch sein Geld lassen. Der teure Ankauf ausländischer Daten-CDs entfiele dann ganz. Oder mit der Urlaubs- und Freizeitpflicht, die Fernreisen nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ zulässt, dem heimatlichen Sprengel zuliebe? Sollte nicht auch Schluss sein mit der Ausbildungs- und Berufswahl? Angeboten wird nur noch, was die heimische Hochschule hergibt, das örtliche Handwerk braucht, dem regionalen Markt ermangelt.

Bleibe im Lande und nähre dich redlich: Vieles ließe sich da noch bessern, von Sprengel zu Sprengel, Scholle zu Scholle. Die Zukunft wird, wie alles einmal war, sie bringt Lohn gegen Fron, Leben für den Leviathan und Gehorsam für mich, Schutz und Schild im Wechsel. Narrhallamarsch!

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