Kategorie: Tagebuch

Auf Augenhöhe

Gab es ein Deutsch, bevor wir alle miteinander „auf Augenhöhe“ zu reden lernten? Gab es überhaupt Streit, Diskussion, Verständigung in jenen trüben Tagen, da ein Gespräch noch gar kein Gespräch war, weil die Sprechenden nicht wussten, dass sie erst einmal „auf Augenhöhe“ hinauf klettern oder hinunter rutschen mussten? Fanden Politik, Fußball, Gesellschaft denn statt, damals, als unsere allerliebste Hirnverkleisterungsmaschine, die bundesdeutsche Floskelgroßproduktion, diesen umlautreichen, hoch kontagiösen Fünfsilbler noch nicht ausgestoßen hatte: „auf Augenhöhe“?

Allein in den ersten Apriltagen anno 2011 musste ich hören: Schleswig-Holstein plane eine „Diskussion auf Augenhöhe“, um die Planungen für die Fehmarnbelt-Querung voranzutreiben. Der Lotto- und Totoblock wolle den privaten Glücksspielkonzernen künftig „auf Augenhöhe gegenübertreten“. BMW und Peugeot kooperierten „auf Augenhöhe“. Eine „Regierung auf Augenhöhe“ versprach Wahlverlierer Nils Schmid von der baden-württembergischen SPD.

Der neue FDP-Bundesvorsitzende müsse „auf Augenhöhe mit der Kanzlerin agieren“. Bayern München und Borussia Mönchengladbach begegneten sich heute „nicht mehr auf Augenhöhe“. Eine Münchner Vorortgemeinde wollte Stadt werden, um „mit den Nachbarn auf Augenhöhe zu bleiben“. Und ein scheidender Landesbischof pries den „Dialog zwischen den Religionen, der wirklich auf Augenhöhe passiert“, und seine eigene Position „als Landesbischof auf Augenhöhe mit der katholischen Seite“, ja einen „Umgang auf Augenhöhe“ selbst mit dem Papst.

Der Wahn, mit allem und jedem „auf Augenhöhe“ verkehren zu können, speist sich wie jeder Wahn aus der Angst – hier aus der Angst, zu kurz zu kommen, nicht hinreichend gewürdigt, nicht ausdauernd genug gebauchpinselt, also in all seiner Kleinheit enttarnt zu werden. Die 5-Prozent-Partei will mit der 35-Prozent-Partei von gleich zu gleich verhandeln: welch Hybris, welch Pfeifen im Walde. Die eine Kleingemeinde will sich von der anderen Kleingemeinde nicht nachsagen lassen, sie sei ja „nur“ Gemeinde, nicht Stadt: welch Kleinmut, welch Minderbewusstsein. Der Staat will den Wähler einlullen mit dem Trugbild, über jeden Nagel und jede Begrünungsmaßnahme werden nun „ergebnisoffen“ und ohne Zeitdruck mit allen debattiert: welch billiges Manöver.

Der Siegeszug der neuen Schwindelfloskel soll im Reich der Rhetorik jene Gewissheit herstellen, die in der wirklichen Welt fast nirgends zu haben ist: dass wir alle gleich seien, keiner herausrage, keiner zurückbleibe, dass alle Argumente von jeder Seite gleich gewichtet werden. Ach, wie schön, wenn das so wäre.

Weil es aber nicht so ist und weil es letztlich so gar nicht werden soll nach dem Willen derer, die das süße Gift der Augenhöhe lähmend allüberall verspritzen, ist dieses neue Dummdeutsch abermals ein Pflaster, das schmerzt, eine Brille, die blind macht: Im Handbuch des Herrenmenschen wäre es die Schwindelrede von der „Augenhöhe“, die alle Ungleichheit und Abhängigkeit festzurrt auf ewig. Denn die, die so furchtbar klein von sich selbst denken, führen sie freiwillig im Munde.

Papst und Hush Puppy

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Ein Brief braucht einen Absender, einen Empfänger und ein gemeinsames Thema. So verhält es sich mit allen Briefen, so verhält es sich mit Hirtenbriefen. Jener, der nun in aller Munde ist, stammt von Papst Benedikt XVI., er ist an „die Katholiken in Irland“ gerichtet und behandelt die dortigen Fälle sexuellen Missbrauchs. Insofern wäre es in höchstem Maße verwunderlich gewesen, hätte der Absender mit den Empfängern über Gott und die Welt gesprochen, vielleicht gar über andere Probleme in anderen Ländern.

Das wäre in etwa so, als schriebe der Vermieter dem Mieter einen Brief, in dem er sich über den beklagenswerten Zustand ganz anderer Objekte auslässt, über die schlechte Zahlungsmoral ganz anderer Mieter oder allgemein über die Krise auf dem Wohnungsmarkt. Einen solchen Brief hielte der Adressat für eine arge, eine peinliche Belästigung – und nicht anders hätten es die Katholiken in Irland empfunden, wenn der Papst ihnen die Schwierigkeiten in Berlin und Ettal auseinandergesetzt hätte.

Eigentlich ist es auch ganz einfach herauszufinden, was momentan kaum jemand herausfinden will: Was macht eigentlich ein Papst, was ist eine Kirche? Der Papst ist nicht der Chef eines weltweit agierenden Sozialunternehmens, nicht der Vorsitzende einer Krisenlinderungs- oder Moralgebungsagentur. Er ist zunächst und vor allem Priester, ein Mann also des Gebets und der Sakramente.

Als solcher hat er die oberste, die leitende und richtende Gewalt in jener Kirche inne, die ein Zeichen sein soll des Heils in einer oftmals heillosen Welt. Insofern kann der Papst weder auf Zuruf aus jenem Land, aus dem er zufällig stammt, Presseerklärungen abgeben, noch kann er sich die Maßstäbe jener Welt zu Eigen machen, die zu wenden und nicht zu verdoppeln er berufen ist. Der Papst ist kein Hush Puppy, und er ist auch kein Politiker.

Der faktenresistente Furor wider den Papst kann demnach nur aus zwei Quellen gespeist sein: aus Ignoranz oder Infamie. Ignorant ist es, den Eindruck zu erwecken, es wäre tatsächlich eine Äußerung möglich, die vollkommen den Bedingungen des zivilreligiösen Diskurses hierzulande und zugleich dem geistlichen Zuschnitt des Papstamtes genüge tut. Der Papst kann und darf nicht reden, wie es die weltliche Ad-hoc-Elite so gerne tut; es wäre ein Missbrauch des ihm treuhänderisch verliehenen Amtes. Sachwalter einer zweitausendjährigen Glaubensgeschichte muss er sein, kein Lautsprecher gegenwärtiger Erregung.

Infam ist es, die päpstliche Rede als Schweigen zu bezeichnen, weil sie nicht den wütenden Wunsch nach maximaler Weltlichkeit befriedigt. Täglich in Ansprache, Predigt, Sakrament spricht dieser Papst. Wer hören will, der möge hören – zum Beispiel auf die am 4. Februar veröffentlichte Fastenbotschaft: „Die Ungerechtigkeit, die aus dem Bösen hervorgeht, hat nicht nur einen äußeren Ursprung; sie gründet im Herzen des Menschen, wo sich die Keime für ein geheimnisvolles Übereinkommen mit dem Bösen finden lassen.“ Weil das Hören solcher Sätze aber immer auch ein Hören tief hinein ins eigene Herz bedeutet, hört man lieber weg und konstruiert ein Schweigen, das es nicht gibt.

So auch beim Brief an die Katholiken in Irland. Benedikt XVI. lässt keinen Zweifel an der unentschuldbaren Schwere der „sündhaften und kriminellen Taten“, die sich ereignet haben und die von ebenso sündhaften Bischöfen vertuscht worden sind. Er kritisiert „die oftmals unangemessene Reaktion der kirchlichen Autoritäten in eurem Land“, er ist beschämt und entsetzt von der „schweren Sünde gegen schutzlose Kinder“. Den kriminellen Priestern stellt er die Rechtfertigung „vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten“ in Aussicht. „Schande und Unehre“ hätten sie auf ihre Mitbrüder gebracht, die „Achtung der Menschen Irlands verspielt“.

Im Kern ist das Schreiben natürlich ein geistliches Dokument. Ein schweres irdisches Versagen wird im Licht des Glaubens, der Adressat und Empfänger eint, gedeutet. Benedikt will den „Weg der Heilung, der Erneuerung und der Wiedergutmachung“ beschreiten. Jede Sünde verlangt, christlich betrachtet, nach tätiger Reue, nach Umkehr und Gebet. Würde der Papst einen anderen Pfad weisen, verabschiedete er sich vom katholischen Christentum. Sollte man damit wirklich rechnen?

Also kritisiert er die Abkehr von den „sakramentalen und andächtigen Gebräuchen, die den Glauben erhalten und ihm erlauben zu wachsen, wie etwa die regelmäßige Beichte, das tägliche Gebet und jährliche Einkehrtage“. Also rät er zum verwandelnden Blick auf das „erlösende Leiden“ Christi, durch das „die Macht des Bösen“ gebrochen werde. Also fordert er alle Priester und Ordensleute auf, „immer mehr Männer und Frauen des Gebets zu werden, die mutig den Weg der Bekehrung, Reinigung und Versöhnung gehen.“ Also ruft er – neben der rücksichtslosen juristischen Aufarbeitung – zur landesweiten Mission auf. Ihren alten Glauben sollen die katholischen Iren durch eucharistische Anbetung und gemeinsame Lektüre neu erfahren.

Hinter all dem steht abermals ein sehr einfacher Gedanke. Wer seinen Glauben wirklich begriffen und erfahren hat, der schützt die Schwachen, der ist wirklich, was der Name bezeichnet: ein Christ. Jeder Missbrauch war ein praktizierter Glaubensabfall. Wo der Glaube ergo wieder wächst, weicht die Versuchung zur Sünde. Diesen Zusammenhang muss kein Nichtchrist teilen – ihn aber nicht zur Kenntnis zu nehmen oder dem Papst die Christlichkeit seiner Rede vorzuwerfen, ist ignorant, ist infam. Weltfremd erscheint Benedikt denen, die ihren Kopf für die ganze Welt halten.

Migrierte Mode

Zu einer offenbar ebenso verkaufsfördernden wie politisch hoch anständigen Maßnahme entschloss sich unlängst das Frauenmagazin „Brigitte“. Man warb auf dem Cover mit „50 Seiten neue Mode, gezeigt von Migrantinnen“. Die Redaktion erklärte im Editorial, Geborgenheit sei „keine Frage der Geografie. Sondern des Gefühls.“ Zum einjährigen Jubiläum der „Initiative ‚Ohne Models‘“ zeige man deshalb Frauen mit „Wurzeln in anderen Ländern, doch sie leben in unserer Mitte. Sie gehören hierher.“

Die 50-seitige Strecke will ein „Plädoyer für mehr Vielfalt“ sein, „in der Mode und im Leben.“ Wer mag da etwas einwenden? Die Migrantinnen springen denn auch lachend in die Luft, feixend, bestens gelaunt, fünf Mal pro Seite. Später dann trägt die pensionierte Sparkassenangestellte Gülüfer, 62, einen Smoking, zeigt Mimmi, 36, „romantische Volants“, während Didem, 19, durch Istanbul tanzt und Vo Thi, 30, ein rosafarbenes Bolerojäckchen vorführt. Der abschließende Text stellt noch einmal klar: „Ist doch gut, wenn von allem was da ist, oder?“

Offenste Türen rennt man damit ein, breite Pfade werden beschritten. Doch das ist es nicht, was dieser selbstzufriedenen Feier des Richtigen einen Hautgout beimischt. Das laut hinaus posaunte Alleinstellungsmerkmal „gezeigt von Migrantinnen“ fixiert diese im Status des Exotischen, Außergewöhnlichen, den das Heft doch überwinden will.

„Migrantinnen“ ist die Umverpackung auf einem besonderen Stück Fleisch, die grelle Schleife über ausländischer Haut, die gerade so als fremder Import erscheint. „Migrantinnen“ ist ein begriffliches Kainsmal. Es sondert aus, richtet ab, reduziert. Man stelle sich vor, man läse stattdessen „Mode, gezeigt von Deutschen“ oder „gezeigt von Farbigen“. Was soll dieser umgedrehte Chauvinismus?

Davon abgesehen, ist Migrant/Migrantin ein Anwärter für das Unwort des Jahres. Migrierende, also (aus-)wandernde Menschen sind die hier gelandeten keineswegs. Sie wollen nicht alsbald sich wieder aufmachen, weiterziehen, fortwandern. Sie sind gekommen, um zu bleiben. Sie sind keine Wanderer, sondern Angekommene, machen nicht Station, sondern verharren. So vollendet sich die gutgemeinte Katastrophe: Migrierter Fleischbeschau der hochtönenden und allzu flach gedachten Art.

Offener Brief an deutsche Theologen

Meine lieben deutschen Theologen,

den lieb ich, der Unmögliches begehrt? Wäre es so einfach, wie es das Zitat behauptet, müssten wir alle uns ergriffen an die Brust fassen und eine Träne der Rührung verdrücken und stolz ausrufen: ach, unsere guten deutschen Theologen, wie schön, dass wir sie haben.

So aber, meine lieben Theologen, ist es nicht, zumindest dann nicht, denke ich speziell an Euch, an jene bisher 193 meist habilitierten und staatlich bestallten Lehrenden, die Ihr ein „Memorandum 2011“ unterzeichnet habt. Ja, Ihr wollt Unmögliches, Ihr wisst es genau, und dennoch fällt es mir schwer, Euch als Himmelsstürmer, Weltenstürzer so hoch einzuschätzen, wie Ihr selbst Euch vermutlich einschätzt.

Ihr wisst, dass Eure behänd hervorgeholten Forderungen nicht verwirklicht werden. Noch mehr Frauen am Altar, ergänzt durch verheiratete Priester, gerne auch geschieden, gerne auch schwul: Warum sollte diese mit katholischer Tradition komplett brechende Agenda irgendein Bischof in Rom vortragen? Zumal sie aus einem Land stammt, in dem nicht einmal zwei Prozent aller Katholiken leben, von denen wiederum nicht alle Euch applaudieren.

Unmögliches begehrt Ihr, das allein darf man Euch nicht vorwerfen. Vielleicht hat Euch zu später Lebensstunde Sturm und Drang gepackt? Das wäre schön und nicht zu neiden. Aber es sind eben vor allem Exerzitien der intellektuellen Selbstkasteiung, denen Ihr Euch hingebt. Ihr stellt euch – bitte entschuldigt das harte Wort – viel, viel schlichter, als Ihr seid. Ihr spiegelt uns eine Armut im Geiste vor, die keinem von Euch wirklich eigen sein kann.

Ich kenne Euch, Euch kluge Professoren Biesinger und Bremer, Höhn und Mieth und Striet und Schockenhoff, und Ihr und die 187 anderen wollt uns glauben machen, Ihr hättet ein so schlichtes Gemüt, ein so schwaches Gedächtnis, wie es aus dem „Memorandum“ entgegen schlägt? Ihr müsst es besser wissen. Ihr wisst es besser. Und darum ist Euer Memorandum – entschuldigt bitte abermals – ein Witz, der nicht zündet, eine Maskerade, die nicht glückt.

Ihr schreibt von einer „beispiellosen Krise“, einer „tiefen Krise unserer Kirche“ anno 2010/2011. Was waren die Christenverfolgungen der Urkirche, waren die Spaltungen im 11. und 16. Jahrhundert, war der Kulturkampf, war die bedrängte Zeit im „Dritten Reich“, war die antikirchliche Staatsdoktrin der DDR? Allesamt waren das demnach minder schlimme Krisen, Kriselchen, denn „beispiellos“ soll nur die Gegenwart sein. Sollte Euch, die Ihr gewiss die hebräische Bibel gelesen habt und die Apokryphen, das Gedächtnis plötzlich nur bis ins Jahr 1990 zurückreichen? Man liest und fühlt sich veralbert.

Die Krise, die Ihr meint, speist sich aus den in der Tat absolut erschütternden Fällen sexuellen Missbrauchs, die in jüngster Vergangenheit ans Licht kamen. Aber wieso, bitteschön, begegnet man den „Ursachen von Missbrauch, Verschweigen und Doppelmoral“ am besten durch einen „offenen Dialog über Macht- und Kommunikationsstrukturen“? Würde das einen kranken, innerlich längst vom Glauben abgefallenen Menschen davor bewahren, einem anderen Menschen wehe zu tun?

Nein, man kann hier fast den Eindruck gewinnen, schlimme Vorfälle dienten zum willkommenen Nagel, an dem noch einmal ein verstaubtes Bild aufgehängt werden soll: das Bild von der ramponierten Kirche, die Ihr, liebe Theologen, mit eigener Hand zurecht biegen wollt. Jeder Klempner ist dem Rohrbruch gut Freund. Wer sich gesund wähnt, hat nur den falschen Arzt.

Therapeutisch wollt Ihr, liebe Professoren, eingreifen in den Strom der Zeit. Ihr ortet „verknöcherte Strukturen“ – weil Ihr selbst sie nicht ersonnen habt? Und noch einmal: Braucht diese Diagnose nicht das apokalyptische Szenario, das Ihr zeichnet, um nicht sofort als staubtrockener Antrag auf eine innerkirchliche Verwaltungsreform enttarnt zu werden? Man liest, hört die Absicht, ist verstimmt.

Schlichtest erscheint auch die Berufung auf das Zweite Vatikanum, das Ihr gewiss ein und aus studiert habt. Es dient hier als Einwickelfolie für die Forderung, von der „modernen Gesellschaft“ zu lernen. Das Zweite Vatikanum hat aber exakt jene Verfasstheit von Kirche bekräftigt, die Ihr nun überwinden wollt. Warum schreibt Ihr dann nicht, es sei Zeit, sich vom letzten Konzil zu lösen? Das wäre ehrlich und mutig und also das Gegenteil des tatsächlich Gesagten.

Gläubige bleiben der Gemeinde fern, schreibt Ihr weiter, wenn sie sich nicht „an der Leitung ihrer Gemeinde beteiligen“ dürfen. Woher wisst Ihr das? Kommt der Katholik zur Messe, weil er leiten will? Ist das der Inhalt der Liturgie: Einübung in Leitungskompetenz? Auch hier gilt: Ihr wisst es besser.

Und schließlich ist der fordernde Ton aus dem Munde reiferer Herrschaften bemerkenswert. Spricht man so, wenn man sich auf der Speckseite des Lebens angekommen wähnt? Ihr setzt „Sünder“ in Anführungszeichen, reduziert die Bibel auf eine sehr diesseitige „Freiheitsbotschaft“ – wo bleibt übrigens das Alte Testament? –, plädiert für „Befreiung und Aufbruch“ als Resultat eines „Dialogprozesses“, redet aber zugleich im Kasernenton. Es gelte, es müsse, es dürfe nicht: Das „Memorandum“ wirkt wie die Parodie auf einen Einberufungsbefehl. Stillgestanden, reformiert euch, weggetreten!

Natürlich werden die 1,17 Milliarden Katholiken deshalb keine schlaflosen Nächte bekommen. Es ist ja nur eine schiefe Maskerade, ein Witzlein aus Germanien. Was aber, frage ich Euch, werdet Ihr nun in Euren Vorlesungen, Übungen, Seminaren tun? Mit doppelter Energie und in kirchlichem Auftrag wider die wunschgemäß als „verknöchert“ entlarvte Kirche wüten?

Nein, das werdet Ihr nicht tun. Ihr habt ja geschrieben, ein „echter Neuanfang“ sei nötig und jede Menge „Mut zur Selbstkritik“. Also werdet Ihr ganz anders reden, als Ihr es noch im „Memorandum“ tatet. Ihr werdet neu anfangen in der Disziplin des Dienens und des Glaubens und Euch von niemandem in Eurer Selbstkritik übertreffen lassen. So wird es kommen.

Mit hoffnungsfrohen Grüßen,
Alexander Kissler.

Offener Brief an Norbert Lammert

Lieber Bruder Norbert,

ich nehme mir die Freiheit, den Präsidenten des Deutschen Bundestages zu duzen; nicht an ihn nämlich ist dieser Brief gerichtet, sondern an den „engagierten katholischen Christen“, der gerade eine Kampagne für die Zulassung katholischer verheirateter Männer zur Priesterweihe gestartet hat. Ich schreibe Dir, weil ich derselben Kirche angehöre, und ich schreibe Dir öffentlich, weil auch Du den öffentlichen Weg gewählt hast, um an die deutschen Bischöfe eine „Bitte“ heran zu tragen: Sie mögen sich „vor allem in Rom mit Nachdruck“ dafür einsetzen, dass „viri probati“ Priester werden dürfen.

Du, lieber Bruder Norbert, schreibst, Du seiest ebenso wie Deine Mitstreiter aus der CDU getrieben von „lebenslanger kirchlicher Verbundenheit, tiefer Sorge und wachsender Ungeduld“. Dass letztere nicht eben ein starkes Motiv ist – auch ich bin zum Beispiel wachsend ungeduldig, wann es endlich einen ausgeglichenen Staatshaushalt geben wird –, kannst Du mir gewiss zugestehen. Ungeduld ist eine Temperatur des Inneren, die sich auf törichte ebenso wie edle Ziele richten kann. Persönliche Ungeduld ist manchmal nahe am Trotz und somit an der Unreife und also ganz gewiss in diesem weltkirchlich brisanten Konflikt nicht maßgebend.

Tiefe Sorge treibe Dich um, lese ich. Worüber bist Du tief besorgt? Über die „besorgniserregende Zunahme des Priestermangels“ in Deutschland, über die „Not vieler priesterloser Gemeinden“, aus der ein „seelsorgerischer Notstand“ resultiere. Du verweist darauf, dass die Zahl der „Geistlichen in der Pfarrseelsorge“ seit 1960 in Deutschland von 15.500 auf 8500 zurückgegangen sei, also um 45 Prozent.

Du sagst nicht, dass in derselben Zeit der Anteil der sonntäglichen Gottesdienstbesucher unter den Katholiken von 46 auf 13 Prozent kollabierte, also um 70 Prozent einbrach. Der Rückgang an praktizierenden Katholiken war also wesentlich stärker als der Rückgang an Priestern. Sollte uns das nicht stärker umtreiben? Ist die Verdunstung des Glaubens nicht der dramatischere Befund als die wachsende Entfernung zwischen den Stätten sonntäglicher Eucharistiefeier?

Das nämlich, lieber Norbert, scheint Dich vor allem zu beschweren: Dass Gläubigen, die das „Recht auf die sonntägliche Messfeier“ wahrnehmen wollen, dieser Wunsch oft „unverhältnismäßig erschwert“ werde. Von der Sonntagspflicht sprichst Du nicht, aber von den erschwerten Bedingungen, sonntags zur Messe zu gelangen.

Verhältnismäßigkeit ist ein Begriff aus der Jurisprudenz. Er meint die Angemessenheit staatlichen Verhaltens gegenüber dem einzelnen Staatsbürger und ist also in einer theologischen Erörterung fehl am Platz. Ist es in Zeiten fast maximaler Mobilität „unverhältnismäßig“, fünf oder zehn oder mehr Kilometer zurückzulegen? Ist es „unverhältnismäßig“, vielleicht gemeinsam sich aufzumachen zum Höhepunkt kirchlichen Lebens, zur Feier von Wochenanfang und Auferstehung, zur persönlichen Begegnung mit dem Herrn der Geschichte und des Kosmos, dem Erlöser? Sind Christen Menschen, die nur zu „verhältnismäßigen“ Einschränkungen ihrer Bequemlichkeit bereit sind, nicht aber zur Liebestat, die auch opfernd sich verschenkt? Das Kriterium der Verhältnismäßigkeit hilft uns nicht weiter.

Im Ganzen, lieber Norbert, argumentierst Du soziologisch und ergo quantitativ und strikt säkular. Darf eine Kirche, die Kirche sein will und der Du Dich lebenslang verbunden fühlst, sich solchen Argumenten öffnen? Du erwähnst eine Umfrage, der zufolge 87 Prozent der Deutschen das „Eheverbot für das Priesteramt“ für „nicht mehr zeitgemäß“ halten. War Jesus zeitgemäß? Hätte man vor 2000 Jahren eine Umfrage im Heiligen Land gemacht, wofür die Menschen ihn hielten und ob man seiner Botschaft folgen solle, hätten gewiss mehr als 87 Prozent ihn außer Landes gewünscht, den „Störenfried“. Und war das „zeitgemäße“ Christentum nicht zu allen Zeiten ein von Christus möglichst weit entferntes Christentum, das mit der Macht kungelte, mit dem Staat, mit Kaiser, Zar und Führer?

Außerdem verblüfft mich, lieber Norbert, der leicht anmaßende Ton, mit dem Du den „seelsorgerischen Notstand“ allein an der hie und da ausgedünnten Zahl der Eucharistiefeiern meinst festmachen zu können. Sind wirklich nur geweihte Priester Seelsorger? Bist Du noch nie Diakonen begegnet, wie es sie gottlob reichlich gibt? Traust Du keinem anderen gemeindlichen Mitarbeiter zu, seelsorgerisch zu wirken, als nur dem Priester?

Schließlich hat mir noch niemand – auch Du nicht, lieber Norbert – die Frage beantwortet, warum es in jenen evangelischen, altkatholischen oder sonstigen christlichen Gemeinschaften, die den Zölibat nicht kennen, keineswegs boomt, sondern der Glaube noch weit rascher sich verzieht. Auch um den Nachwuchs steht es dort keineswegs leuchtend bestellt.

Katholische Priester folgen Christus auch insofern nach, als sie dessen Ehelosigkeit sich zur eigenen Lebensform erwählen. Sie setzen dadurch, im Unterschied etwa zu Politikern, die sich qua Pressekonferenz selbst zum Privatier erklären können, radikal und mit Haut und mit Haar und ganz freiwillig lebenslang auf diesen Christus. Manchmal denke ich, der Zölibat wird nur deshalb von nicht-zölibatär lebenden Menschen angegriffen, weil sie es nicht ertragen, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die leibhaft beweisen, dass es auch im 21. Jahrhundert lebenslange Treue, lebenslange Eindeutigkeit geben kann. Jeder katholische Priester ist ein wandelnder Einspruch gegen die Allmacht der Diesseitigkeit.

Du, lieber Norbert, trägst nun leider dazu bei, diesen Einspruch um Christi Willen herabzusetzen, aus persönlicher Ungeduld und in soziologischer Perspektive. So aber relativierst Du Christus selbst. Darum habe ich Dir geschrieben.
In brüderlicher Verbundenheit,

Alexander Kissler.

Vier Schanzen und die Naturaustreibung

Die Natur ist ja so schön, wäre sie nur nicht in der Natur: Diesen Stoßseufzer hat schon jeder einmal angestimmt, dem ein Regen ein Picknick verhagelte, der beim Kraxeln sich die Haxen verhob oder dessen Urlaubspläne dank Schnee, Blizzard, Hochwasser ganz andere Umrisse annahmen. Natur bleibt unkalkulierbar, mag der Mensch sie noch so sehr einhegen und verregeln und beziffern.

Die Natur geht nie ganz auf in den ökonomischen Berechnungen, als die wir unser Leben begreifen. Sie sperrt sich gegen Vermenschlichungen jedweder Art und also auch gegen ihre Übersetzung in Zahlen. Dummerweise aber braucht der Mensch die Natur bei einer seiner liebsten verziffernden Beschäftigungen, dem Sport. Fußball ohne Gras, Marathon ohne Sonne, Schi ohne Schnee sind recht unvollkommene Spektakel. Und deshalb verfielen die Macher der Vierschanzentournee nun auf einen genialischen Einfall. Eine brandneue „Windregel“ soll mit den Launen von Gaia Schluss machen.

Erstmals 2011 wird der von den leichtgewichtigen Schifliegern so begehrte Aufwind mit Punktabzug bestraft. Im Gegenzug erhält der vom Rückenwind Gebeutelte ein Punktezuckerl oben drauf gelegt. Das Ergebnis, so heißt es, seien Transparenz und Fairness, diese beiden mächtigsten in der Spätmoderne neuerfundenen Götter. Nun gewinne endlich nicht mehr das Glückskind, sondern der Beste. Nun gebe es eine ausgleichende Gerechtigkeit für Wind und Wetter.

Der Preis für diesen Etappensieg menschlicher Einfalt über die Natur ist, wie stets bei technischer Hinzufügung, der Bedarf an weiterer Technik. Rund um die Schanze wird es erst einmal unübersichtlich. Eine variable Markierung von schlappen 50 Zentimetern Breite zeigt jene um Punktezugabe oder Punkteabzug bereinigte Grenze an, hinter der landen muss, wer die Führung übernehmen will. Gut hat‘s nur der Fernsehzuschauer. Er sieht eine Linie über den kompletten Hang gezogen, frisch hinzu montiert vom Rechner.

Man will also springen in der Natur, als wäre man außerhalb dieser. Künstlicher Schnee und Hallendach wurden andernorts schon aufgewandt, um den „Als ob“-Effekt zu perfektionieren: Technik, Chemie und Ingenieurskunst sollen eine Natur ohne Wettereinfluss simulieren, ein Leben ohne Lebenshauch. Die nächsten Schritte sind unabwendbar: Der Fußball, der momentan noch, vor Katar 2022, den Komplettumzug ins klimatisierte Bewegungszentrum scheut, wird eine Regenregel und einen Windquotienten erfinden. Nach jedem Spiel wird sekunden- und beaufortgenau errechnet, welche Mannschaft länger den Wind gegen sich hatte. Aus einem ungerechten 0 zu 0 kann dann schon mal ein gerechtes 0 zu 0,5 werden.

Peitschender Regen muss ebenso heraus gerechnet werden, wenn dieser in der zweiten Hälfte die dann angreifende Mannschaft verschonte. Auch die Rasenqualität kann mit der Rasenformel berücksichtigt werden. Hat vielleicht eine besonders durchfurchte Stelle die justament dort stärker präsente Mannschaft unbillig benachteiligt? Und dann wären da noch die verheerenden Einflüsse des Windes auf Tennis und Golf, ganz zu schweigen von den Schlammaufwallungen beim Querfeldeinlauf.

„Man muss sich klarmachen“, sagte soeben Robert Spaemann, „dass es keine Vermehrung der Mittel der Naturbeherrschung gibt, die nicht zugleich Mittel der Menschenbeherrschung wären.“ Auch der vergleichsweise triviale Fall der Naturaustreibung durch Sport hat Teil an dieser Doppelgesichtigkeit. Irgendwann werden wir in die Berge gehen und Kunststofffelsen besteigen, werden wir Seen durchschwimmen, die mit zuverlässiger Temperatur locken, und nichts vermissen.

Dr. Schlauberger antwortet V

Die Pein hat einen Namen: Christmette. Schon zuckt die Tastatur, da den Satz ich niederschreibe. Aber so ist es – zumindest dann, wenn man Anlass und Geschichte strikt von der Durchführung des Festes trennt. Kein Christentum ohne Weihnachten, natürlich, aber vielleicht gäbe es ein kolossal anderes Christentum ohne die real existierende Christmette. Und vielleicht wäre dieses andere Christentum ohne die Christmettenkonvention unserer Tage froher, leidenschaftlicher, feuriger.

Die Christmette, wie sie Jahr um Jahr in unseren Breitengraden zelebriert wird, leidet allzu oft am Zuviel der Erwartungen und am Zuwenig des Mutes. Beides ist verständlich, macht die Sache aber kaum besser. Priester, Gemeinde, Chor wissen, dass sie nur einmal im Jahr ein so großes Publikum vor sich haben. Es mutwillig vor den Kopf zu stoßen, wäre unklug und fast schon boshaft. Die große Schar, die nur am 24. Dezember kommt, deutlich spüren zu lassen, dass an 52 Sonntagen im Jahr sich dasselbe Schauspiel wahr ereignet, wäre barsch. Soll man wüten gegen die feierbereite Menge, nur weil sie aus ganz unterschiedlichen Gründen den fremden Weg gegangen ist?

Und so nimmt das Goldige seinen Lauf. Alles ist auf Festlichkeit getrimmt, die eben nicht deckungsgleich ist mit jenem freudigen Staunen, das die Hirten auf dem Felde damals erlebten. Ergriffenheit lässt sich durch Lächeln nicht ersetzen. Die Predigt bewegt sich deshalb oft auf solidem, erprobtem Gebiet.

Vom liebenden Gott, der sich klein macht, hören wir, vom Kind, das einen Neuanfang markiert, vom Stall der kleinen Leute, der auch heute noch „mitten in der Welt“ ein Ort sei der Ausgrenzung, der Armut, und flugs landet der Prediger bei Bahnhofsmission oder Asylantenheim, nicht ohne in einer finalen Volte die Engel zu erwähnen, zu denen ein jeder und jede sich zählen könne, wenn er oder sie die Freude von Weihnachten künftig teilte mit denen am Rande, damit Friede werde, Freude herrsche, Amen.

Vieles stimmt, manches ist falsch und schief an solchem Reden. Die wahre Neuigkeit aber, die damals wie heute das Begreifen übersteigt, ist doch wohl nicht der auf geheimnisvolle Weise verzwergte, sondern der erst- und einmalig vermenschlichte Gott, ist die Inkarnation. Einmal, nur einmal in der Menschheitsgeschichte wandelte eine Person auf Erden, die Gott war – so glauben die Christen theoretisch, so bekräftigen sie praktisch es kaum mehr.

Wäre es also nicht überfällig, wenigstens an Weihnachten klar und mutig von diesem Novum, vom unterscheidend christlichen Gottesbegriff also zu reden?
Dann wäre auch Raum gewonnen für die von Gilbert Keith Chesterton so genau ausgeleuchtete „dramatische und krisenhafte Seite dieses Festes“. Darauf deute nicht zuletzt das dritte Geschenk am Dreikönigstag, die Myrrhe, „was übersetzt so viel heißt wie Bitterkeit.“

Weihnachten, fuhr Chesterton 1932 fort, „wäre niemals Weihnachten geworden, gäbe es nicht in seiner Süße eben jene Spur von Bitterkeit. Vielleicht nicht mehr als eine Prise Salz; aber es ist dieses Salz, das das Essen und das Fest, den Truthahn und den Plumpudding davor bewahrt, zu verderben und ganz vulgär gefressen zu werden. Es bewahrt das Ideal der Barmherzigkeit davor, sich in Laschheit und Luxus und rührselige Selbstzufriedenheit aufzulösen.“

Chesterton wusste, dass über dem Stern von Bethlehem das Kreuz von Golgatha sacht schon steht. „Diese winzige Erinnerung an das Kreuz muss alles Christliche vor dieser ganzen Entwicklung“ hin zum süßlich Saturierten beschützen; „eine Erinnerung an die Bitterkeit der Wahrheit, die Bitterkeit der Ehre, die Bitterkeit des Todes.“

Freude soll natürlich herrschen, Jubel-und Lobgesang erschallen, doch Spaß und Routine sind fehl am Platze. Damit aus der Christmette eine Christfeier werden kann, empfiehlt sich auch hier, den Blick zu weiten, aufzuschauen nach oben, statt nur rings in den Kreis der Gerührten.

 

Erschien zuerst im Vatican Magazin, Dezember 2010

Bumm tschumm bumm

Zu den beliebten Gemeinplätzen, an denen wir alle uns gerne tummeln, zählt jener von der Beliebigkeit der Literatur. Man könne doch schreiben, was man will, das rege niemanden auf. Früher stritt man über den Geschmack, weil man ihn besaß, heute fehle er ganz, weshalb das Achselzucken regiert. Und ganz besonders die Lyrik, die eh‘ von fast niemandem gelesen werde, sei die Feier des bloß Subjektiven, unteilbar Intimen. Falsch gedacht, dreimal falsch.

Nicht jeder mag die „Münchner Turmschreiber“ kennen. Dem Literatenzirkel gehören etwa Friedrich Ani, Tanja Kinkel, Georg Lohmeier, Petra Morsbach, Konstantin Wecker an – und Helmut Zöpfl nicht mehr. Darüber ist nun ein Streit entstanden, der Spalte um Spalte der lokalen Leserbriefseiten füllt. Zöpfl nämlich hat eine große Fangemeinde, wie sie sich die Nachgeborenen erst noch erschreiben müssen. Zöpfl, ehedem Pädagogikprofessor, steht für das humorvolle volkstümliche Gedicht, ein Reich, in dem Paar- und Kreuzreim nicht untergehen: „Freunde kannst du nicht kaufen für noch so viel Geld, / einen Freund musst du suchen wie nichts auf der Welt.“

Helmut Zöpfl also, dessen Bücher Titel tragen wie „Zum G’sundlachen“, „Das kleine Glück“, „Komm, lach halt wieder“, wurde aus dem Kreis der „Turmschreiber“ verbannt. Von Streit ist die Rede, mangelnden Umgangsformen, alten Zöpfen und manchem mehr. Seine Leser sind rechtschaffen außer sich: Zöpfl sei „einer der beliebtesten und vor allem erfolgreichsten Poeten“, habe sich „in hohem Maße“ um die bairische Sprache verdient gemacht. Man sei „schockiert“, „bestürzt“, „empört“. Die neuen Wortführer hätten sich eher verabschieden sollen, zuvörderst der als Antipode ausgemachte Lyriker Anton G. Leitner, von dem etwa die Zeilen stammen: „Bumm tschumm bumm Bumm tschumm bumm Dumm“.

Wie alles Grundsätzliche ist der „Turmschreiber“-Streit eine Stilfrage. Und wie bei jede Stilfrage konfligieren die Temperamente, die Weltanschauungen, die Eitelkeiten, dass es eine Art ist. Hier der reimende Seelenmasseur, dort die Lautmaler und Neutöner, hier das bodenständige Idyll, dort Avantgarde und Provinz. Beides findet in den Ton, beides will klingen.

Und darum ist dieser Streit ein Hoffnungszeichen in einem Land, das sich abzuschaffen partout nicht gesonnen ist: Wo die Volksseele kocht, weil sie Volkskunst will, da ist das Volk sehr lebendig. Wir werden noch davon hören.

Dr. Schlauberger antwortet IV

Es waren zwei Jahre und nicht die schlechtesten, die ich in Luzern verbrachte. Dort lebte ich, als das Wahrzeichen der Stadt, die Kapellbrücke, abbrannte. In Luzern war ich auch, als der Schweizer Schriftsteller Nikolaus Meienberg seinem Leben ein Ende setzte. Sein Tod fuhr mir ins Herz. So wurde die Zeit in Luzern zum Sonnentag, den ein doppeltes Unglück einrahmte.

Seit damals verfolge ich die Nachrichten aus der Eidgenossenschaft. Man will den Stab nicht brechen über eine Stadt, einen See, eine Luft, die Teil waren des Ichs. Man will sich die Erinnerung bewahren, wie sie sich abgelagert hat. Zu ihr gehört auch das Gegenüber von Hofkirche und Jesuitenkirche. Während jene sich eher als römisch-katholisch verstand, kochten die Jesuiten, wie es üblich ist, ihr eigenes romkritisches Süppchen.

Damals war mir nicht bewusst, dass aufgrund komplizierter Historie in der Schweiz eine Doppelstruktur existiert. Neben den Dekanaten und Pfarreien, wie sie das kanonische Recht vorsieht, gibt es staatskirchenrechtliche Landeskirchen, die Kirchensteuern einsammeln und die Administration regeln. Für Luzern ist das Bistum Chur geistlich zuständig, das Geld und die Kirchenpolitik kanalisiert aber die „Römisch-Katholische Landeskirche des Kantons Luzern“. Deren Teilbereich ist die „katholische Kirche Luzern“, die sich zur „Lebenspraxis von Jesus“ bekennt und „als kommunikative Kirche“ definiert, „die den Menschen und ihren Anliegen offen und aufmerksam begegnet und sich auf sie ausrichtet.“

Herren der Welt sollen also die Weltkinder sein, denen nach dem Munde zu reden ein gewisser Jesus – von Christus ist die Rede nicht – offenbar empfiehlt. Insofern ist es konsequent, dass Ende Oktober die „katholische Kirche Luzern“ männliche Jugendliche zum Geschlechtsverkehr aufrief – unter der Bedingung, ein Gummitütlein überzuziehen. So sehe „integrierte, ganzheitliche Sexualität“ aus. Deshalb verteilte die „katholische Kirche Luzern“ Kondome.

Das öffentliche Reden des verantwortlichen „Pfarreileiters“ von St. Johannes, eines Priesters offenbar mit Namen Alois Metz, zeigte dreierlei: Katholizität funktioniert zu unkatholischen Zwecken; Modernität ist oft ein anderes Wort für Unbildung; und wer nur Werten den Weg bahnen will, muss um den Glauben einen Bogen machen.

Beginnen wir bei der letzten Erkenntnis. Metz wollte mit der Aktion „große Werte, wichtige Werte wieder transportieren“, christliche Werte. Er startete den PR-Feldzug für die Gummiindustrie, weil es ein christlicher Wert sei, „das Leben zu schützen“. Dass dieser Schutz ein relativer ist, wurde ebenso übergangen wie die Einsicht, dass Kirche, die sich ernst nimmt, nicht Werte produzieren, sondern für das ewige Leben rüsten will. Das Seelenheil ist ihr Zweck, nicht die Technisierung der Geschlechtlichkeit.

Zweitens gibt der in Kernbereichen ignorante, in Randgebieten eher halbgebildete Metz zu, dass er den Papst vom Hörensagen kennt. Laut Metz sei es falsch zu sagen, „die Welt ist schlecht, die Menschheit ist schlecht, was man ja oft vom Papst so zu hören bekommt. Ich weiß nicht, ob es so ist, aber das hört man in den Medien.“

Zum Mitschreiben: Ein Priester der Papstkirche setzt sich sein falsches Papstbild aus papstkritischen Schweizer Medien zusammen. Eine Predigt Benedikts XVI. zu lesen, passt nicht ins Zeitmanagement, wenn man hauptberuflich dialogisiert, schwadroniert, kondomisiert.

Drittens beruft sich Metz auf einen hanseatischen Dampfplauderer. Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke habe ihn ermuntert durch die Aussage, „wer Aids hat und sexuell aktiv ist, wer wechselnde Partnerschaften sucht, muss andere und sich selber schützen.“ Wo solche innerkirchliche Weltanschauungskonkurrenz gedeiht, braucht es keine Kirchenfeinde.

Benedikt XVI. mahnt stetig die „innere Reinigung“ der Kirche an, ihre neue Ausrichtung auf den, dem allein sie dient. Manchmal im Säuseln, manchmal im Feuerbrand kann eine solche Reinigung gelingen. Und manchmal ist es nötig, dass dabei mehr zu Bruch geht zu Luzern als eine Holzbrücke.

 

Erschien zuerst im Vatican Magazin, November 2010.

Dr. Schlauberger antwortet III

Vielleicht ist am Ende alles eine Frage der Kinderstube. Vielleicht sollte man sie einfach bei der Hand nehmen, ihnen einen sachten Klaps auf den Po geben und sagen: Nein, Richard, das tut man nicht. Peter, reiß dich zusammen. So geht das nicht, Terry, Christopher. Ob es Frucht brächte oder ob die vier Herren dann grimmiger fortführen, dem Pennäler in sich die Sporen zu geben? Das wissen wir natürlich nicht.

Wir wissen aber, dass die Schubumkehr im Ansehen des Papstes durch seine Englandvisite einher ging mit einer Entzauberung des Neuen Atheismus. Verschwunden ist er keineswegs, aber er zeigt sich nun deutlicher als Quengel- und Trotzphase und nicht als intellektuelles Phänomen. Durchaus in die Zukunft weist diese Momentaufnahme.

Wenn der Vater sich mal wieder blicken lässt, maulen Halbstarke gerne. Dann ballen sie ihre Fäustchen und blicken wild nach oben. Nichts als Lügen habe der Herr Vater zu bieten, sie aber wollten frei sein, jung sein, tun, wonach das Sinnchen ihnen steht. Der alte Herr verstehe die Welt nicht, habe sie nie verstanden, er komme mit Geboten und Verboten, das Leben aber sei uferlos und grandios. Wenn sie ganz mutig sind, ziehen sie die Luft durch die Zähnchen und spucken zu Boden. Dann fällt die Tür krachend ins Schloss. Sie haben es ihm mal wieder gezeigt.

Das nämlich hat sich ereignet, als Benedikt XVI. im September England besuchte und John Henry Newman selig sprach, und es deutet weit voraus in andere Zeiten, andere Länder. Richard Dawkins, den man lange Zeit aufgrund seiner evolutionsbiologischen Kenntnisse für einen Intellektuellen halten musste, erklärte in London bei der „Protest the Pope“-Demonstration: Joseph Ratzinger sei ein Feind der Humanität, ein Feind der Kinder, ein Feind der Homosexuellen, ein Feind der Frauen, ein Feind der Armen, ein Feind der Wissenschaft, ein Feind der Bildung. Mehr Atavismus, mehr Glaube an die Existenz diabolischer Kräfte in Persongestalt kam wohl nie aus dem Mund eines sogenannten aufgeklärten Atheisten.

Peter Tatchell, Streiter für gleichgeschlechtliche Lebenspraxen, echauffierte sich, der Papst verdiene keinen Staatsbesuch, weil er „angeklagt“ werde, sexuellen Missbrauch vertuscht zu haben. Terry Sanderson, Chef der „National secular society“, schloss sich Dawkins‘ irrationaler Feindeslitanei an und resümierte, die Tage der Päpste seien vorbei, nur Ratzinger wisse das nicht. Und Christopher Hitchens, schwer erkrankt, wollte Benedikt gar auf britischem Boden verhaften lassen.

England schien sich fast zu schämen für die ausfallende Ephebenmeute. Diese nahm ihr Recht auf Meinung und Versammlung wahr, wogegen kein Brite etwas haben kann. Aber etwas mehr Hirn, etwas weniger Galle hätten Richard, Peter, Terry und die anderen dann doch im Angebot haben können.

Sie hatten es nicht, weil sehr wahrscheinlich der gesamte Neue Atheismus nicht aus Gründen, sondern aus Ressentiments besteht – und eben einer großen Portion Kraftmeierei im falschen Kleid der Fortschrittlichkeit. Tatsächlich handelt es sich oft nur um tiefergelegte Gedanken und rebellisches Gehabe. So kennt man es aus der Zeit, als die Barthärchen frisch sprossen und der dicke Max über den Markplatz stolzierte.

Auch in Kontinentaleuropa empfiehlt sich darum jetzt zweierlei: Das Publikum, das oft staunend den intellektuellen Tricks der Religionskritiker im Professorenrang beiwohnt, sollte schmunzeln, sollte hie und da Manieren einklagen und rein gar nichts für bare Münze nehmen. Es ist ja nur Pose.

Den hauptamtlichen Kritikern und ihren Nachbetern in Politik und Kirche aber wäre ein Erwachsenwerden in aller Stille zu wünschen. Was Fritzchen nicht lernte, muss für Fritz nicht unmöglich sein.

 

Erschien zuerst im Vatican Magazin, Oktober 2010.

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