Kategorie: Tagebuch

Kuh Yvonne und andere Kulte

Das hat im Portfolio der neuen säkularen Götter noch gefehlt: eine „Kult-Kuh“. Die Lücke schloss „Yvonne“. Der scheue Wiederkäuer hält seit Wochen die Boulevardpresse in Atem. Die „Kuh, die ein Reh sein will,“ büxte bereits im Mai aus, entkam dem Schlachter und ward seitdem nicht mehr gefunden. Wie sie wohl enden wird? Wir werden es todsicher erfahren.
An „Stil-Ikonen“ herrscht schon lange kein Mangel. Jedes zweite Starlet und jede dritte Nebenrollenfilmschauspielerin taugt zu diesem Attribut. Verena Pooth, geschiedene Bohlen, gilt neuerdings als „Werbe-Ikone“. Sprach ich schon vom „Kult-Kaiser“, dem nachgemachten Franz Beckenbauer in der Persiflage des Komikers Matze Knop? Und ganz ohne Frage verdient auch jeder Film das kultige Präfix, sobald er von mehr Leuten gesehen als produziert worden ist.

 

Gleiches gilt von Cocktails, die zur selben Zeit in derselben Stadt dutzendfach getrunken werden, und von Liedern, die in vielen Diskotheken parallel aus den Boxen dröhnen, und von Kleidern, die plötzlich jeder haben will: alles Kult. Selbst beim Kauf von Rasierklingen für Damen geht es gegenweltlich zu. Sie hören auf den Namen „Mystique“.
Den Klimax aber der Selbst- und Fremdverblödung durch religiöse Rhetorik erklomm souverän die linke Tageszeitung „tageszeitung“. Journalist Falk Lüke betextete den Wechsel an der Spitze eines US-amerikanischen Kommunikationskonzerns mit den berückend verrückten Worten: „Apple heißt Schönheit. Apple heißt Fortschritt. Apple heißt: Das, was selten nervt. Und Apple heißt: Kult.“ Zum Anbeter von Mobiltelefonen wird der Journalist, nachdem alle nicht-säkulare Anbetung journalistisch zum Teufel gejagt worden ist.
Ohne Kult ist kein Auskommen in spätmodern agnostischer Zeit. Ohne Ikonen und Mythen klingeln die Kassen zu leise. Wie kommt das? Zum einen ist die inflationäre Rede ein Verkaufstrick, ein Etikett an vermeintlich heißer Ware, ein Stempel für Massenkompatibilität. Kult soll sein, was alle kaufen, woran alle teilhaben dürfen.

 

Am liturgischen Kult hatte und hat das ganze Volk Gottes teil; er kulminierte und kulminiert in der punktuellen Verwandlung des Alltags, dessen auch dinglich fassbarer Entrückung in eine höhere Sphäre. Der „Kult“ um die „Ikonen“ soll auf vergleichbare Weise – durch Kauf, nicht Gebetshandlung – eine tendenziell unendlich große Gruppe um das jeweilige Ding- und Kaufsymbol versammeln, damit dieses jene momentweise transzendiere. So werden aus großen Erfahrungen kleine Mythen und schließlich billige Münzen.
Zum anderen hat in der überspringenden Sprache ein globales Menschheitswissen seine feste Stätte. Die Sprache bewahrt, wenn auch an meist untauglichen Objekten, die Einsicht, dass zur conditio humana das Ausstrecken nach dem, was droben ist, immer gehört. Und dass die Erfahrung des inkommensurabel Besonderen dem Menschen zustößt, ihn trifft, ihn anfällt aus Höhen, die nicht er geschaffen hat. Mit einem Wort: dass der Mensch in der Lage ist, ganz aus sich heraus zu treten, ohne für immer entrückt zu werden. Genau mit diesem falschen Versprechen treten die „Kult“-Produzenten auf den Markt.
In der kompensatorischen Rede sitzt also und wartet und lauert das uneingestandene Erlösungsbedürfnis – solange, bis ein neues Geschlecht die alten Fragen wieder zu stellen wird wissen.

Martin Mosebach feiert Geburtstag

Im Juli, der ein November war, taufte Berlin seine Besucher. Wasser peitschte die Menschlein, Wasser kroch die Beine empor, Wasser schlug ins Gesicht, machte die Gassen zu Kanälen und die Straßen zu Flüssen und ganz Berlin zum Binnenhafen. Es regnete, es rann, es tropfte zwei Tage ohne Unterlass. Zwischen Regensturm und Sturmregen lud Martin Mosebach in die herrschaftliche Villa des „Wissenschaftskollegs“ nach Grunewald. Sein sechzigster Geburtstag stand zu feiern an.

 

Mosebach hatte 2009/2010 ein akademisches Jahr als „Fellow“ ebendort verbracht, in der 1910 errichteten „Villa Linde“, wohin nun die Taxis und Privatwagen strömten, aus denen Regenschirme sich wanden und Regenschirmträger von menschlicher Gestalt. Hier hatte er in unseren leidenschaftslosen Zeiten an seinem Roman „Was davor geschah“ gearbeitet, hier hatte er den Hundekehlesee kennen und lieben gelernt. Das Gewässer nämlich mit dem bizarren Namen, der „Kunstsee“, wie Mosebach ihn nun nannte, konnte mit „authentischem Meeresrauschen“ prunken, erzeugt von der nahegelegenen sechsspurigen Stadtautobahn.

 

Martin Mosebachs Begrüßungsrede vor rund 130 geladenen Gästen, Schriftstellern und Künstlern und Wissenschaftlern und Verlagsleuten und Journalisten und Priestern, gab ein Muster ab für die typisch nationalfrankfurterische Eigenschaft der Beiläufigkeit. Der gebürtige und leidenschaftliche Frankfurter Mosebach ist bekanntlich überzeugt, dass im Gewand jeder anderen Region Deutschland unvorteilhaft angezogen wäre. So stand denn nun, in tiefschwarzer Regennacht, Martin Mosebach vor keiner kleinen Aufgabe: Wie lobt man Berlin und die gastgebenden Berliner, ohne sich an der Heimatstadt zu versündigen?

 

Martin Mosebach wählte den denkbar elegantesten Weg. Er fragte, links vom Flügel im Vortragssaal zu ebener Ebene, „wofür steht Berlin?“ und gab sich und uns Massenmenschen die Antwort: „Niemandsland und Deutschland gehen hier zusammen und bilden ein neuartiges, noch nicht definiertes Drittes. (…) Wir zogen in die Stadt, und die Stadt zog zu uns.“ Berlin wäre demnach eine Hauptstadt ganz eigener Art. Sie bündelt ein Land, das sie selbst transzendiert, ist Zentrum und zugleich programmatisch Peripherie, mehr Zustand denn Ort, mehr Ausblick als Stätte. Gerade so, folgerte Mosebach, gelang es Berlin, „uns in Frankfurt zu entwurzeln.“ Wurzellosigkeit sei die vornehmste Frucht des Berliner Jahres.

 

Zu den Heimatländern der Seele müssen wir demnach Berlin rechnen, die schroffe Metropole. Der damals eröffnete und vollendete „Kreis aus Licht, Dunst und Wasser“ machte den Dichter aber nicht sentimental. Auch den Ehrengreisen unter den Gästen gab Mosebach keine Gelegenheit zur Rührung. Er dankte den Verlegern, die er ja „sammele“, erinnerte an sein „erfolgreichstes Buch“, die „Häresie der Formlosigkeit“, und wies voraus auf den „bis zum Rand gefüllten Speisesaal“ im Souterrain. Um dort es bequem auszuhalten, möge man sich bitte vorstellen, man sei gerettet, unten dann.

 

Sodann laudatierte ein Lektor mit leiser Stimme, während seine Finger sich an einem Tanz in den Lüften versuchten, auf und ab glitten, sich verknäulten, sich lösten und von neuem ineinander fuhren. Rudolf Borchardt, sagte der leise Lektor, habe den hypochondrisch begabten Hugo von Hofmannstahl an dessen 50. Geburtstag mit der Bemerkung getröstet: „Man wird nicht ohne Schmerzen historisch.“ Auf dem „Weg des Historischwerdens“ befinde sich längst Martin Mosebach.

 

Es folgte ein junger Pianist chinesischer Abstimmung, der am Flügel Satie (erste „Gymnopédie“), Johann Sebastian Bach („Komm der Heiden Heiland“ in Busonis Bearbeitung) und Messiaen sehr einnehmend darbot. Das letzte Stück, „Kuss des Jesuskindes“ aus den „20 Betrachtungen des Jesuskindes“, schichtet schrille, hohe, gleichförmig wiederholte Tonfolgen auf einen Grund aus zarten Harmonien, um dann in langsamen Kaskaden zu enden: scheue Frühlingsschritte auf feuchtem Gras. Draußen gaben Nacht und Regen derweil keinen Blick frei auf den Villengarten mit Rhododendron, Tanne, Apfelbaum.

 

Von den Gesprächen im Souterrain schweigt des Chronisten Höflichkeit, der Spielraum der Freiheit ist ohnehin klein bemessen. Nur soviel sei gesagt, dass tatsächlich, wie Mosebach schelmisch ankündigte, „Erfrischungen gereicht“ wurden. Um Mitternacht gratulierte die singende Schar. Und die Fluten stürzten draußen herab, tauften die dort Rauchenden aufs Neue. Die Natur spielt bekanntlich ihre Symphonie in voller Besetzung auch vor zerstreutem Publikum.

 

Der folgende Tag war der siebte Sonntag nach Pfingsten. In der alten Messordnung im klassischen Ritus, dem auch der Geehrte beiwohnte, heißt es im Graduale, accedite ad eum, et illuminamini – nahet euch ihm, ihr sollt strahlen vor Freude. Allein der Regen ließ sich nicht bekehren und begrub Berlin weiter unter sich.

 

So endete das hohe Fest rein äußerlich ganz so, wie es begonnen hatte. Und obwohl vermutlich das Leben eine Anhäufung aus Gemeinheiten und Enttäuschungen geblieben war, verließen die Gäste Berlin heiterer, als sie gekommen waren.

 

 

(Die kursiv gesetzten Zitate entstammen dem Roman „Westend“)

Sommer auf dem Dorfe

Ob es sein erster Einsatz war? Zögernd, als wolle er sich versichern, dass der Boden ihn wirklich trage, zog er seine schlingernden Kreise; es waren deren vier. Er trat durch die Lichtschranke ins Innere des Supermarktes, blieb stehen knapp hinter der Schwelle, in der Abteilung mit Gemüse und Obst, getroffen von einem unsichtbaren Zollstock. Kam er ins Straucheln, jetzt schon? Er stand und blickte, nach links zu den Tomaten, nach rechts zu Paprika und Gurke. Das rechte Bein federte lose im Takt, die Augen schossen wieder von rechts nach links, retour. Er begann den ersten Kreis trippelnd.

Nicht nur der blauen Plastikkrücken wegen, an denen der junge Mann mit dem sandfarbenen Gesicht und der dunklen Tigermähne durch den Gang tänzelte, hatte sein Gang etwas seltsam Absichtsloses. Er schien gekommen, nicht um zu kaufen, sondern um sich in einer denkbar exotischen Welt deren neuesten Kuriositäten zeigen zu lassen. Ach, das hier also nennt man Bohne, das hier Apfel? Und was fängt man damit an?

Das kurze Gespräch, in das er eine nicht eben ranke Stammkundin verwickelte, hatte vermutlich die Besonderheiten spitzer Früchte und den Nachteil runden Obstes zum Inhalt. Der junge Mann hörte zu, nickte freundlich und verständnislos, tanzte zurück, schloss den zweiten Kreis.

Nun erst sah ich: Das rechte Bein, das knapp über dem unsicheren Boden dahin flog, war so dick nur wie ein Besenstiel. Die Augen glänzten, der Mund schickte der Kundin in deren Rücken ein Lächeln nach, die Mähne umschwebte das Haupt wie eine schiefe Aureole, das Bein allein erzählte von Entbehrung, Niederlage, Hässlichkeit. Es hielt ihn nicht davon ab, zum dritten und zum vierten Mal die nämliche Runde zurückzulegen, somnambul nach einer Zwetschge zu greifen, sie fassungslos zurückzulegen, die gegenüberliegende Sellerie schon im Blick. Das rechte Bein war sein Ruderblatt. Was wollte er hier?

Als der vierte Kreis vollendet war, schlug der Zollstock wieder zu. Der junge Mann hielt inne, kurz vor der Lichtschranke. Für einen Moment verwandelte er sich zurück in jene Salzsäule, als die er seinen Habichtsdienst begonnen hatte. Schon war er wieder draußen, mit einem letzten, klar als Abschluss gekennzeichneten Ausfallschritt zur Seite hin.

Zwischen Eingangspforte und Einkaufswagen stand er im Lot. Die Augen sollten nun die neu hinzu tretende Kundschaft freundlich, ja schelmisch willkommen heißen. Dann und wann verließ die rechte Hand die Krücke, auf die sie sacht gestützt blieb, und formte einen Kessel, gerade groß genug für einen Spatz.

Auf dem Parkplatz kauerte derweil, in sich gebogen, vom grauen Pflasterstein fast verborgen, der Besitzer des jungen Mannes. Er schaute angestrengt auf ein rot eingefasstes Display und dann und wann in absichtsvoller Beiläufigkeit hin zu seinem Eigentum. Er führte Buch. Er berührte das Display mit einem dünnen Stift, blickte zur Eingangspforte, machte wieder einen Eintrag im Leistungskonto des Profibettlers mit dem abgemagerten Bein.

Wie lange die Beiden, wie lange Herr und Knecht ihrer abgezirkelten Arbeit wohl nachgingen? Wie hoch der Ertrag war, wer wem was schuldig und also unvermindert abhängig blieb? Sie waren verschwunden, als ich später zurückkam. Jedes Handwerk hat seine Abgründe.

Wer hat dich, Geist, so ruiniert?

Der „Dominica Pentecostes“ liegt im Fadenkreuz gar vieler Missverständnisse: Pfingsten, wie bitte? Ein schöner Auftakt in den Sommer ist das doch, ein verlängertes Wochenende, und sonst? Das Hochfest leidet massiv an seiner Unhandlichkeit. Vordergründig sperrt es sich gegen die Übersetzung. Wie malt man nur ein Brausen, wie wendet man „Zungen wie von Feuer“ ins Gegenwärtige, was soll ein „Heiliger Geist“ bedeuten?

Die Schwierigkeiten mit Pfingsten liegen aber auch und vermutlich vor allem daran, dass alles Geistige, das sich jenseits der Spirituosenabteilung in den Supermärkten vollzieht, ruiniert scheint. Es ist nicht wie weiland noch bei Goethe ein präzise zu fassender, ein ganz besonderer, ein eben teuflischer „Geist, der stets verneint“. Nein: Es ist der Geist an sich und überhaupt, der als das Anti-Prinzip schlechthin gilt.

Wer den Geist – sei es den menschlichen, sei es den schöpferischen – ehren will, gilt als Verneiner, als Spaßverderber. Von der Materie, heißt es dann, leben wir schließlich, Materie sind wir, sie ist für Luxus, Laune, Laster zuständig, für Sofortvergnügungen und Totalerlebnisse, für den Kick und den Kitzel, das Risiko und die Rendite.

Gerade darum wäre heute mehr Geist vonnöten – Geist als Moment der Besinnung und Verlangsamung, des Gedankens und Gedenkens, der Zurücknahme jenes fatalen Menschentyps, der machen und modeln will und darüber die Richtung seiner Projekte vergisst. Der ewige Betrieb, den unser Werkeln veranstaltet, ohne Werke zu hinterlassen, ist nicht nur ein geistloses, sondern oft auch ein geisttötendes Unterfangen. Wo alles Leben auf Ziffer und Zahl reduziert wird, verkümmert das Sein und flieht jener inspirierende Funke, der den Menschen erst die Krone der Schöpfung zurecht tragen lässt.

Diesen Zusammenhang hat schon vor rund 70 Jahren der Schriftsteller Rudolf Borchardt erkannt. Der reformierte Christ mit jüdischen Wurzeln bekannte sich emphatisch zur „zweiten Epiphanie nach der weihnachtlichen“, zum „revolutionären Wiederausbrechen der ins Irdische eingeflößten Sprengwirkung“, zum „heiligen Contagium“.

Und er benannte präzise den Preis für dessen Vernachlässigung: „Pfingsten, Vorform des Gottesreichs und der Gemeinschaft der Kinder Gottes, enthält die Kirche ganz und selber und sollte das höchste Fest überhaupt der Seelenhaften sein – wie es das vernachlässigste der Entseelten und Abgeplatteten allerdings geworden ist.“

So auch 2011: Wer die Seele retten will, muss zuerst den Geist rehabilitieren.

Mosebach, Keyserling und die Stimmung der Welt

Zu Eduard von Keyserling kam ich so: Eines sehr heißen Sommers war‘s, als der Roman „Wellen“ mich fand. Er lugte hervor, im kommoden Urlaubsumfang von 160 Seiten, aus der Bibliothek eines Schiffes, das die Donau unter sich spürte. „Wellen“ auf den Wellen, das passte formidabel. Dann aber waren die Keyserling’schen Bewegungen zu Ende, noch ehe der Urlaub sein nämliches gefunden hatte. Ich geriet in allergrößte Verlegenheit. Was sollte nun noch kommen?

Die „Wellen“ sind jene am Ufer des Baltikums, die in der verschatteten, da unschicklichen Liebe der Gräfin Doralice Köjne-Jasky zu dem Maler Hans Grill den Hauptpart übernehmen – neben dem Meer und dem Himmel, in jenem sich spiegelnd. Eduard von Keyserling schildert den „Abgrund von Licht“, in den die Liebenden fallen, den „Rausch der Weite und des Lichtes“.

Einmal sagt Doralice „müde und mitleidig zugleich“ zu Hans: „Zusammen, wir bleiben zusammen, wir beide sind ja doch miteinander ganz allein.“ Kurz darauf wird der Himmel farbig, „die Wolken am Horizont bekamen dicke goldene Säume, und eine Welle von Rot übergoss den Himmel. Auch in das Graugrün des Meeres mischten sich blanke Fäden, und die Höhlungen der brechenden Wellen am Strande füllten sich mit Rosenrot, und plötzlich begann des Meer weiter dem Horizonte zu ganz in Rotgold zu brennen.“

Wegen solch impressionistischer Naturschilderung gilt Eduard von Keyserling als Meister der Stimmungen. Auch Martin Mosebach, der nun in der „Bayerischen Akademie der schönen Künste“ im Verein mit den Literaturwissenschaftlern Dieter Borchmeyer und Jens Malte Fischer seinen Keyserling rezitierte und interpretierte, griff zum heute leider übel beleumundeten Wort von der Stimmung. Zur schönsten Demonstration las er mit baritonal schnurrender, akkurat prononcierender Stimme, das Kostbare durch Präzision, nicht Pathos verdeutlichend, aus den „Schwülen Tagen“, entstanden 1904 bis 1906.

Nicht Welle und Licht sind in der Novelle die eigentlichen Akteure, sondern die kurländischen Schlösser, laut Mosebach „aus der Zeit gefallene Lebensgemeinschaften.“ Weil der wahre Dichter eben immer – man schlage nach bei Rudolf Borchardt – die Stimme erheben muss in Namen der causae victae, der gewesenen, besiegten Dinge, darf die Liebe zum Schloss mit Mosebachs allergrößter Sympathie rechnen.

Keyserling, fuhr der Büchner-Preisträger fort, habe eine veritable „Unterweltmagie“ durch die fein abgestufte „Abstraktion der Natur“ geschaffen. Indem diese ins Musikalische verdichtet worden sei, „wie eine angeschlagene Cellosaite“, habe sie ihren dinglichen Charakter verloren. Conclusio meinerseits: Nur die exakteste Beobachtung des Besonderen gebiert das Allgemeine.

Mosebach erwartet trotz zyklisch wiederkehrender Renaissancen kein großes Publikum für derlei betörende „abstrakte Literatur“. Die Deutschen nämlich, die lieben Deutschen, „wollen sich immer konkret belehren lassen“. Da aber gerieten sie bei Keyserling und dessen „kostbarer Note“, die genossen, nicht erklärt werden will, an den Falschen. Im Lichte von Mosebachs Einsatz für die katholische Orthodoxie ist man versucht hinzuzufügen: Darum wollen die Deutschen selbst im Gottesdienst unterwiesen, nicht umgeschmolzen werden.

Und wohl auch diese Einsicht ist nicht unbedingt mehrheitsfähig: Der Dichter – man nehme Keyserling, Mosebach, Borchardt – schreibe „in Erinnerung an eine Welt, die er verlassen hat.“ Borchardt näherte sich Königsberg von Berlin, Deutschland von der Toskana aus, Mosebach selbst schreibt außerhalb Europas über diabolische deutsche Liebeshändel, Keyserling wurde in München zum Sänger des Baltikums. Nicht, was bleibt, stiften demnach die Dichter, sondern was war.

Die letzte Volte aber dieses erstaunlichen Abends wäre fast in den frohgemuten Abschiedsreden und im Rascheln der Tücher untergegangen, die sich Münchens feine Damen umgeworfen hatten. Gerade nämlich, so Martin Mosebach, das verdichtete, zu Musik und Atmosphäre geronnene Schauen, gerade diese ungemein farbige Abstraktionskunst gewinne der Literatur die Realität zurück. Denn nehmen wir Menschlein unsere Welt nicht auch in Bruchstücken nur wahr, die sich stetig neu ineinander schieben? Ist Stimmung nicht die Weise, in der wir Welt erfahren?

Hans Grill, das sei hier nicht verschwiegen, bleibt schließlich in den Wellen. Und die schöne, bleiche Doralice geht am Strand auf und ab, „sie wollte Hans dienen“, bis „das blassere Gold der Oktobersonne über den Wellen lag.“

Martin Mosebach und der Ritenstreit zu Weilheim

Weilheim liegt im Pfaffenwinkel. Der Starnberger See rauscht unweit sacht vor sich hin, der Große Ostersee lockt und auch der Ammersee. Auf jede Hebung folgt eine Senke, und von jeder Wiese aus sieht der Gast einen Zwiebelturm, einen Glockenturm, einen Kirchturm. Nach Gras riecht es und Erde und manchmal auch ein wenig nach Streit. An diesem Abend steht im oberbayerischen Weilheim nichts Geringeres zur Diskussion als „Kirche zwischen Tradition und Zukunft“.

Geladen wurde unter dieser Überschrift und zum Abschluss der erstmals ausgerufenen „Weilheimer Glaubensfragen“ der Schriftsteller Martin Mosebach. Ob ihn der weite Weg aus Frankfurt am Main schließlich reute? Die zwei Stunden im „Haus der Begegnung“ wurden vor etwa 150 Besuchern zur erhellenden, nicht erheiternden Blaupause einer Zukunft, die Gegenwart zu werden sich anschickt und die der Leidenschaft, dem Streit, der rückhaltlosen Offenheit wieder Heimrecht gibt im kirchlichen Binnenraum. Die Zeit der Formelkompromisse und der Double-Bind-Kommunikationssurrogate ist vorbei.

Martin Mosebach trug zu Beginn das erste Kapitel aus seiner „Häresie der Formlosigkeit“ vor. Es ist die Geschichte eines Menschen, der vom notgedrungen kulinarischen Konsumenten gregorianischer Choräle zum mitfeiernden Apologeten der gregorianischen Messe wurde. Es ist die Geschichte einer Befreiung, die sich 2007 zum Panorama einer weltkirchlichen Renaissance weitete, als Benedikt XVI. die Gleichrangigkeit von alter gregorianischer und neuer reformierter Messe mit gesetzgeberischer Autorität bekräftigte.

Schon die Lesung war für einige Besucher schwer zu ertragen. Man grummelte immer dann, wenn Mosebach den gewordenen Charakter der älteren Messform, deren Anfänge „sich im Dunkel der Geschichte verlieren“, dem gemachten Charakter des Reformwerks von 1970 gegenüberstellte. In der Diskussion schieden sich vollends die Geister. Grüppchen um Grüppchen verließ mal leise und mal türenschlagend den Saal, sodass am Ende vielleicht noch 100 bis 120 Menschen anwesend waren. Unter diesen konnten, dem Applaus nach zu schließen, die Freunde der lateinischen Messe einen knappen Sieg davon tragen.

Kristallklar, nicht konziliant argumentierte Mosebach. Aufgebracht widersprachen ihm viele Männer und drei Frauen, in der Regel „Kinder von ’68 wie wir alle“ (Mosebach). Der Mann mit der ersten Wortmeldung erregte sich derart, dass er nach seinem anklagenden Stakkato flugs den Raum verlassen wollte und von Mosebach ermahnt wurde, doch bitte wenigstens die Antwort abzuwarten. Im Stakkato eingewickelt war eine Rede, wonach die gemeinschaftliche betende Zusammenkunft das entscheidend Christliche am Gottesdienst sei und nicht dessen Form. Das aber, beschied der Dichter den Diskutanten, sei ein Zerrbild des 19. Jahrhunderts. Im Kult, nicht in der Gemeinschaft werde Christus gegenwärtig.

Mal um Mal entschiedener bekräftigte und ergänzte und verschärfte Mosebach: Die Messe sei keine Vergegenwärtigung des Abendmahls, sondern „Phase“, Vorübergang Gottes. Die erste Messe überhaupt habe nicht im Abendmahlssaal, sondern auf Golgatha stattgefunden. Die Christen kennten ihren Glauben, bräuchten ihn nicht in der Messe erst zu erfahren, weshalb die wortlastige Didaxe dort fehl am Platze sei. Keine differenzierteren Aussagen über Gott ließen sich finden als in den Texten der Alten und nur der Alten Messe. Die verheerenden Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil hätten mit ihrem Glaubenskollaps über dieses ein denkbar schlechtes Urteil gesprochen – obwohl es an den Texten kein Jota zu beanstanden gäbe. Vielmehr hätten die deutschen Bischöfe im offenen Widerstand gegen das Konzil Handkommunion und Zelebration versus populum erzwungen. Papst Paul VI., der sein Placet gab zur nachkonziliaren Liturgiereform, müsse man leider einen Tyrannen nennen in jenem spezifisch griechischen Sinne, wonach der Tyrann ein Traditionsunterbrecher sei.

Martin Mosebach ist der Prototyp eines engagierten Laien, der durch seinen gelehrten Furor die sonstige Blässe dieses wohlfeilen Etiketts offenlegt. Gemeinhin ist der engagierte Laie ein halbgebildeter Institutionenkritiker, dessen Engagement den Herrschaftsbereich des Politischen in die Kirche hinein ausdehnen und also vollenden will. Der engagierte Laie will in der Regel mehr vom Selben, die Welt noch einmal. Das Gegenteil will Martin Mosebach: Konzentration statt Diffusion, Sakrament statt Politik, Hierarchie statt Pluralismus.

Verdutzt erklärte eine Dame schließlich, sie frage sich schon sehr, ob es denn zum Anlass des Abends nicht mehr zu sagen gebe als diese oder jene liturgische Betrachtung, ob er denn kein anderes Thema habe. Martin Mosebach replizierte knapp: „Nein, es gibt für mich zunächst einmal kein anderes Thema als die Messe.“ Denn alles, ließe sich sagen, buchstäblich alles in Welt und Nachwelt entscheidet sich daran, ob im Kultus noch ein letztes Mal der christliche Glaube ins Lot kommt.

Bischof Fürst schreitet fort

Spalten statt versöhnen: Nach diesem bewährten Motto verfährt ein Oberhirte, von dem man es nicht erwartet hätte. Ich saß einst neben ihm in lauschiger Runde, hörte ihn reden und scherzen und lachen und fühlte mich nicht unwohl. Gebhard Fürst, Bischof in Rottenburg, schien mir ein Mann, der auf bodenständige Weise fromm ist, ausgestattet mit einem sympathischen Grenzenbewusstsein. Da habe ich mich getäuscht.

Stutzig machte mich Anfang des Jahres sein Buch mit dem hochwahrscheinlich ernstgemeinten Titel „Für eine bewohnbare Kirche. Perspektiven einer menschennahen Pastoral.“ Der Autor skizzierte darin eine Kirche, vermutlich die römisch-katholische, die bewohnbar zu machen sei durch seine, durch Fürstens Ratschläge, die es also offenbar momentan, in der prägebhardischen Ära Benedikts XVI. noch nicht ist.

Damit man endlich wohnen können in der aktuell weitgehend entvölkerten, da unwohnlichen römischen Kirche, schlug Fürst vor: Man solle Eucharistie verstehen als Einweisung „in den Weg Jesu Christi mit und zu den Menschen.“ Die „Christinnen und Christen“ sollten darum „in der Nachfolge Jesu (…) als Gemeinde und Kirche in seine Fußstapfen treten und zu ‚Tätern und Täterinnen des Wortes‘ werden.“ Maßstab sei der „Lebensstil“ Jesu, gerade nun in der „schweren Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise, wie sie die katholische Kirche seit Menschengedenken nicht erlebt hat“.

Historisches Denken können wir eher nicht der Fürstschen Kernkompetenz zurechnen. „Seit Menschengedenken“, meint der gedächtnisschwache Schwabe, seit Jahrhunderten demnach soll es in der katholischen Kirche keine schlimmere Krise gegeben habe als die von interessierter Seite aufgeblähte Vertrauenskrise von 2010? Das möge man bitte den Historikern subito mitteilen, die töricht genug sind, sich noch immer am Schisma von 1054, an der Reformation, am Dreißigjährigen Krieg abzuarbeiten: allesamt Petitessen, weiß der schwäbische Schlaue.

Dass jede Epoche defekt sei gegen die Gegenwart und fast alles Mist außer Deutschland, führte Fürst nun in den Redaktionsräumen der „Ludwigsburger Kreiszeitung“ gekonnt aus. In seinem von massiver Kirchenflucht gebeutelten Bistum gibt es derzeit einen jungen Mann, der sich auf die Priesterweihe 2012 vorbereitet. Offenbar ist das genau einer zuviel, denn Fürst teilt dem jungen Mann laut Zeitung mit: Weibliche Priester seien in „fortschrittlichen Ländern, wie Deutschland oder den USA (…) denkbar“, wenn auch „vorerst nicht“.

Der arme Tropf muss sich also anhören lassen, sein Entschluss zur priesterlichen Lebensweise sei ein Steinzeitreflex, Überbleibsel eines nicht so „fortschrittlichen“ Denkens, er sei kindisch aus der Zeit gefallen. „Fortschritt“ hingegen besteht im Fürstschen Weltbild darin, die endgültige dogmatische Entscheidung von Papst Johannes Paul II. – ulkigerweise desselben Papstes, der Fürst auf den viel zu großen Bischofsstuhl von Rottenburg-Stuttgart hievte – lächelnd zu missachten.

„Fortschritt“ á la Fürst heißt, der Kirche theologisch eine Nase zu drehen, ihre Alimente aber anzunehmen, heißt den Papst zum Grüßaugust zu verzwergen und sich selbst, dem Provinzhirten, den Lorbeerkranz der Weltklugheit aufzusetzen.

Fürst führt offenbar nicht nur mit der Muttersprache, sondern auch mit Mutter Kirche einen possierlichen Kleinkrieg. Ich darf nicht? Darf ich doch, ätschi-bätschi: So löckt der oberste Verwalter einer serbelnden Diözese gegen die Weltkirche, die alles in allem wächst und gedeiht, so gießt er Häme auf all jene Länder, in denen der Glauben blüht und die sich nun als gestrig beschimpft sehen.

Gebhard, Gebhard, magst Du Dich nicht befreien von der Kirche, die Dir solche Pein verursacht? Dann müsstest Du auch nicht länger jene Gläubigen, denen wie Pontifex Benedikt die klassische lateinische Messe am Herzen liegt, als „oftmals fundamentalistisch“ verunglimpfen. Warst Du Dir, in der gemütlichen Ludwigsburger Redaktionsstube, bewusst, dass Du damit auch Benedikt XVI. zum Fundamentalisten stempelst?

Ein Bischof, der die Gläubigen anderer Länder für rückschrittlich erklärt, den Papst einen Fundamentalisten schimpft und die eigenen geistlichen Wüsteneien zur Oase umbiegt, bleibt natürlich Bischof. Aber er ist es nicht länger.

Auf Augenhöhe

Gab es ein Deutsch, bevor wir alle miteinander „auf Augenhöhe“ zu reden lernten? Gab es überhaupt Streit, Diskussion, Verständigung in jenen trüben Tagen, da ein Gespräch noch gar kein Gespräch war, weil die Sprechenden nicht wussten, dass sie erst einmal „auf Augenhöhe“ hinauf klettern oder hinunter rutschen mussten? Fanden Politik, Fußball, Gesellschaft denn statt, damals, als unsere allerliebste Hirnverkleisterungsmaschine, die bundesdeutsche Floskelgroßproduktion, diesen umlautreichen, hoch kontagiösen Fünfsilbler noch nicht ausgestoßen hatte: „auf Augenhöhe“?

Allein in den ersten Apriltagen anno 2011 musste ich hören: Schleswig-Holstein plane eine „Diskussion auf Augenhöhe“, um die Planungen für die Fehmarnbelt-Querung voranzutreiben. Der Lotto- und Totoblock wolle den privaten Glücksspielkonzernen künftig „auf Augenhöhe gegenübertreten“. BMW und Peugeot kooperierten „auf Augenhöhe“. Eine „Regierung auf Augenhöhe“ versprach Wahlverlierer Nils Schmid von der baden-württembergischen SPD.

Der neue FDP-Bundesvorsitzende müsse „auf Augenhöhe mit der Kanzlerin agieren“. Bayern München und Borussia Mönchengladbach begegneten sich heute „nicht mehr auf Augenhöhe“. Eine Münchner Vorortgemeinde wollte Stadt werden, um „mit den Nachbarn auf Augenhöhe zu bleiben“. Und ein scheidender Landesbischof pries den „Dialog zwischen den Religionen, der wirklich auf Augenhöhe passiert“, und seine eigene Position „als Landesbischof auf Augenhöhe mit der katholischen Seite“, ja einen „Umgang auf Augenhöhe“ selbst mit dem Papst.

Der Wahn, mit allem und jedem „auf Augenhöhe“ verkehren zu können, speist sich wie jeder Wahn aus der Angst – hier aus der Angst, zu kurz zu kommen, nicht hinreichend gewürdigt, nicht ausdauernd genug gebauchpinselt, also in all seiner Kleinheit enttarnt zu werden. Die 5-Prozent-Partei will mit der 35-Prozent-Partei von gleich zu gleich verhandeln: welch Hybris, welch Pfeifen im Walde. Die eine Kleingemeinde will sich von der anderen Kleingemeinde nicht nachsagen lassen, sie sei ja „nur“ Gemeinde, nicht Stadt: welch Kleinmut, welch Minderbewusstsein. Der Staat will den Wähler einlullen mit dem Trugbild, über jeden Nagel und jede Begrünungsmaßnahme werden nun „ergebnisoffen“ und ohne Zeitdruck mit allen debattiert: welch billiges Manöver.

Der Siegeszug der neuen Schwindelfloskel soll im Reich der Rhetorik jene Gewissheit herstellen, die in der wirklichen Welt fast nirgends zu haben ist: dass wir alle gleich seien, keiner herausrage, keiner zurückbleibe, dass alle Argumente von jeder Seite gleich gewichtet werden. Ach, wie schön, wenn das so wäre.

Weil es aber nicht so ist und weil es letztlich so gar nicht werden soll nach dem Willen derer, die das süße Gift der Augenhöhe lähmend allüberall verspritzen, ist dieses neue Dummdeutsch abermals ein Pflaster, das schmerzt, eine Brille, die blind macht: Im Handbuch des Herrenmenschen wäre es die Schwindelrede von der „Augenhöhe“, die alle Ungleichheit und Abhängigkeit festzurrt auf ewig. Denn die, die so furchtbar klein von sich selbst denken, führen sie freiwillig im Munde.

Papst und Hush Puppy

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Ein Brief braucht einen Absender, einen Empfänger und ein gemeinsames Thema. So verhält es sich mit allen Briefen, so verhält es sich mit Hirtenbriefen. Jener, der nun in aller Munde ist, stammt von Papst Benedikt XVI., er ist an „die Katholiken in Irland“ gerichtet und behandelt die dortigen Fälle sexuellen Missbrauchs. Insofern wäre es in höchstem Maße verwunderlich gewesen, hätte der Absender mit den Empfängern über Gott und die Welt gesprochen, vielleicht gar über andere Probleme in anderen Ländern.

Das wäre in etwa so, als schriebe der Vermieter dem Mieter einen Brief, in dem er sich über den beklagenswerten Zustand ganz anderer Objekte auslässt, über die schlechte Zahlungsmoral ganz anderer Mieter oder allgemein über die Krise auf dem Wohnungsmarkt. Einen solchen Brief hielte der Adressat für eine arge, eine peinliche Belästigung – und nicht anders hätten es die Katholiken in Irland empfunden, wenn der Papst ihnen die Schwierigkeiten in Berlin und Ettal auseinandergesetzt hätte.

Eigentlich ist es auch ganz einfach herauszufinden, was momentan kaum jemand herausfinden will: Was macht eigentlich ein Papst, was ist eine Kirche? Der Papst ist nicht der Chef eines weltweit agierenden Sozialunternehmens, nicht der Vorsitzende einer Krisenlinderungs- oder Moralgebungsagentur. Er ist zunächst und vor allem Priester, ein Mann also des Gebets und der Sakramente.

Als solcher hat er die oberste, die leitende und richtende Gewalt in jener Kirche inne, die ein Zeichen sein soll des Heils in einer oftmals heillosen Welt. Insofern kann der Papst weder auf Zuruf aus jenem Land, aus dem er zufällig stammt, Presseerklärungen abgeben, noch kann er sich die Maßstäbe jener Welt zu Eigen machen, die zu wenden und nicht zu verdoppeln er berufen ist. Der Papst ist kein Hush Puppy, und er ist auch kein Politiker.

Der faktenresistente Furor wider den Papst kann demnach nur aus zwei Quellen gespeist sein: aus Ignoranz oder Infamie. Ignorant ist es, den Eindruck zu erwecken, es wäre tatsächlich eine Äußerung möglich, die vollkommen den Bedingungen des zivilreligiösen Diskurses hierzulande und zugleich dem geistlichen Zuschnitt des Papstamtes genüge tut. Der Papst kann und darf nicht reden, wie es die weltliche Ad-hoc-Elite so gerne tut; es wäre ein Missbrauch des ihm treuhänderisch verliehenen Amtes. Sachwalter einer zweitausendjährigen Glaubensgeschichte muss er sein, kein Lautsprecher gegenwärtiger Erregung.

Infam ist es, die päpstliche Rede als Schweigen zu bezeichnen, weil sie nicht den wütenden Wunsch nach maximaler Weltlichkeit befriedigt. Täglich in Ansprache, Predigt, Sakrament spricht dieser Papst. Wer hören will, der möge hören – zum Beispiel auf die am 4. Februar veröffentlichte Fastenbotschaft: „Die Ungerechtigkeit, die aus dem Bösen hervorgeht, hat nicht nur einen äußeren Ursprung; sie gründet im Herzen des Menschen, wo sich die Keime für ein geheimnisvolles Übereinkommen mit dem Bösen finden lassen.“ Weil das Hören solcher Sätze aber immer auch ein Hören tief hinein ins eigene Herz bedeutet, hört man lieber weg und konstruiert ein Schweigen, das es nicht gibt.

So auch beim Brief an die Katholiken in Irland. Benedikt XVI. lässt keinen Zweifel an der unentschuldbaren Schwere der „sündhaften und kriminellen Taten“, die sich ereignet haben und die von ebenso sündhaften Bischöfen vertuscht worden sind. Er kritisiert „die oftmals unangemessene Reaktion der kirchlichen Autoritäten in eurem Land“, er ist beschämt und entsetzt von der „schweren Sünde gegen schutzlose Kinder“. Den kriminellen Priestern stellt er die Rechtfertigung „vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten“ in Aussicht. „Schande und Unehre“ hätten sie auf ihre Mitbrüder gebracht, die „Achtung der Menschen Irlands verspielt“.

Im Kern ist das Schreiben natürlich ein geistliches Dokument. Ein schweres irdisches Versagen wird im Licht des Glaubens, der Adressat und Empfänger eint, gedeutet. Benedikt will den „Weg der Heilung, der Erneuerung und der Wiedergutmachung“ beschreiten. Jede Sünde verlangt, christlich betrachtet, nach tätiger Reue, nach Umkehr und Gebet. Würde der Papst einen anderen Pfad weisen, verabschiedete er sich vom katholischen Christentum. Sollte man damit wirklich rechnen?

Also kritisiert er die Abkehr von den „sakramentalen und andächtigen Gebräuchen, die den Glauben erhalten und ihm erlauben zu wachsen, wie etwa die regelmäßige Beichte, das tägliche Gebet und jährliche Einkehrtage“. Also rät er zum verwandelnden Blick auf das „erlösende Leiden“ Christi, durch das „die Macht des Bösen“ gebrochen werde. Also fordert er alle Priester und Ordensleute auf, „immer mehr Männer und Frauen des Gebets zu werden, die mutig den Weg der Bekehrung, Reinigung und Versöhnung gehen.“ Also ruft er – neben der rücksichtslosen juristischen Aufarbeitung – zur landesweiten Mission auf. Ihren alten Glauben sollen die katholischen Iren durch eucharistische Anbetung und gemeinsame Lektüre neu erfahren.

Hinter all dem steht abermals ein sehr einfacher Gedanke. Wer seinen Glauben wirklich begriffen und erfahren hat, der schützt die Schwachen, der ist wirklich, was der Name bezeichnet: ein Christ. Jeder Missbrauch war ein praktizierter Glaubensabfall. Wo der Glaube ergo wieder wächst, weicht die Versuchung zur Sünde. Diesen Zusammenhang muss kein Nichtchrist teilen – ihn aber nicht zur Kenntnis zu nehmen oder dem Papst die Christlichkeit seiner Rede vorzuwerfen, ist ignorant, ist infam. Weltfremd erscheint Benedikt denen, die ihren Kopf für die ganze Welt halten.

Migrierte Mode

Zu einer offenbar ebenso verkaufsfördernden wie politisch hoch anständigen Maßnahme entschloss sich unlängst das Frauenmagazin „Brigitte“. Man warb auf dem Cover mit „50 Seiten neue Mode, gezeigt von Migrantinnen“. Die Redaktion erklärte im Editorial, Geborgenheit sei „keine Frage der Geografie. Sondern des Gefühls.“ Zum einjährigen Jubiläum der „Initiative ‚Ohne Models‘“ zeige man deshalb Frauen mit „Wurzeln in anderen Ländern, doch sie leben in unserer Mitte. Sie gehören hierher.“

Die 50-seitige Strecke will ein „Plädoyer für mehr Vielfalt“ sein, „in der Mode und im Leben.“ Wer mag da etwas einwenden? Die Migrantinnen springen denn auch lachend in die Luft, feixend, bestens gelaunt, fünf Mal pro Seite. Später dann trägt die pensionierte Sparkassenangestellte Gülüfer, 62, einen Smoking, zeigt Mimmi, 36, „romantische Volants“, während Didem, 19, durch Istanbul tanzt und Vo Thi, 30, ein rosafarbenes Bolerojäckchen vorführt. Der abschließende Text stellt noch einmal klar: „Ist doch gut, wenn von allem was da ist, oder?“

Offenste Türen rennt man damit ein, breite Pfade werden beschritten. Doch das ist es nicht, was dieser selbstzufriedenen Feier des Richtigen einen Hautgout beimischt. Das laut hinaus posaunte Alleinstellungsmerkmal „gezeigt von Migrantinnen“ fixiert diese im Status des Exotischen, Außergewöhnlichen, den das Heft doch überwinden will.

„Migrantinnen“ ist die Umverpackung auf einem besonderen Stück Fleisch, die grelle Schleife über ausländischer Haut, die gerade so als fremder Import erscheint. „Migrantinnen“ ist ein begriffliches Kainsmal. Es sondert aus, richtet ab, reduziert. Man stelle sich vor, man läse stattdessen „Mode, gezeigt von Deutschen“ oder „gezeigt von Farbigen“. Was soll dieser umgedrehte Chauvinismus?

Davon abgesehen, ist Migrant/Migrantin ein Anwärter für das Unwort des Jahres. Migrierende, also (aus-)wandernde Menschen sind die hier gelandeten keineswegs. Sie wollen nicht alsbald sich wieder aufmachen, weiterziehen, fortwandern. Sie sind gekommen, um zu bleiben. Sie sind keine Wanderer, sondern Angekommene, machen nicht Station, sondern verharren. So vollendet sich die gutgemeinte Katastrophe: Migrierter Fleischbeschau der hochtönenden und allzu flach gedachten Art.

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