Nicht an den Terror gewöhnen

Schrieb ich das vergangenes Jahr so ähnlich? Werde ich es im kommenden Jahr so ähnlich schreiben müssen? Ostern ist da, ein Untergang, eine Hoffnung und um beides eine Bedrohung. Ostern bleibt irreduzibel. Es sperrt sich aller interreligiösen Vereinnahmung. Davon handelt mein „Konter“ (Link) vom 13. April, dem Gründonnerstag des Jahres 2017. Frohe Ostern!

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Wie man sich das Sparen spart

Es muss ein anderes Volk gewesen sein, dessen Mund einmal so überging: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Das Eichhörnchen war deutsches Nationalsymbol. Es sparte sich vom (Volks-)Mund ab, was es besaß, um zu besitzen, wenn die Zeiten schlimmer werden. Heute macht Deutschland sich als Sparkommissar Europas unbeliebt. Allein das Sparen, das sie meinen, die Merkelmannen, hat mit dem Eichhörnchen von ehedem nichts gemein. Das neue Wappentier der BRD ist die kleine Raupe Nimmersatt und manchmal Pu, der Bär, mit den Tatzenhänden tief im Honigtopf. Er schaut kurz auf, hält inne und schmatzt fröhlich weiter.

Ein Bedeutungsschwund ist zu verzeichnen, eine Einbuße an Differenzierungsfähigkeit, ein Weniger vom Anderen. Dass nämlich, wer spart, einen Teil seiner Habe dem Verbrauch entzieht, ist aus der politischen Erfahrungs- und Vorstellungswelt geschwunden. Im persönlichen Haushalt, hören wir, neige der deutsche Michel noch hie und da dazu, sich etwas auf die hohe Kante zu legen, Konsumverzicht zu üben zugunsten der Tage (und Generationen), die kommen mögen.

Der Staatshaushalt will davon nichts wissen, in ganz EU-Europa. Was dort Sparen heißt, meint nichts anderes, als geliehenes Geld noch länger zu behalten und noch mehr davon anzuhäufen und lediglich das Wachstum dieses fremden Geldes einzudämmen sich vorzunehmen. Sparen ist ein Schuldenzuwachsabnahmeversprechen.

Einer derart drastischen Reduzierung der Begriffsvielfalt entspricht eine ebenso enorme Blödsinnsakkumulation. Finanzminister Wolfgang Schäuble darf sich freuen über sprudelnde Staatseinnahmen. Statt diese zum Schuldenabbau zu verwenden, wird lediglich eine Drosselung der Zunahme der Neuverschuldung lediglich versprochen. Das heißt: Im Jahr 2012 will man sich 35 Milliarden Euro borgen, weit über Plan. Dann aber, 2013, soll die Neuverschuldung auf schlanke 20 Milliarden Euro sinken. Soviel Chuzpe nennt man trotzig Sparen.

Vollends gebeutelte Volkswirtschaften wie jene Spaniens oder Griechenlands sollen, heißt es streng aus Schuldenmeisters Mund, ihre Sparanstrengungen ebenfalls verstärken. Die Merkelmannen sagen Sparen und appellieren an den nackten Mann, die Kleider, die er nicht hat, länger abzuschreiben. Sparen ist, so verstanden, die bloße Aussicht auf sinkende Zuwächse bei der Zunahme der Neuverschuldung. ESM und EFSM machen es möglich.

Ohne allgemeine Folgen wird die begriffliche Engführung des Sparens nicht bleiben. Die Schuldenwirtschaft wird zum Normalfall, der Kredit zur Währung, die Zukunft eine Fata Morgana. Irgendwann, ja irgendwann kommt alles ins Lot: So geht bald schon der Refrain der Staatsbürger von Mund zu Mund. Hoch die Tassen, nach uns die Sintflut, Apokalypse war gestern. Wir fallen aufwärts und ertrinken im Unernst. Message understood.

Scheinloser Schein

In der Scheinbar brennt noch Licht. Eine Lokalrunde jagt die nächste. Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Herzlich eingeladen ist jeder, der auf den Unterschied von Schein und Sein pfeift. Jede, die munter mit den Achseln zuckt, wenn manches Ding sich einmal so und einmal ganz anders verhält und grundsätzlich die alte Weisheit gilt: Meistens ist gar nichts dahinter. Meistens ist alles nur Lug. Oder Trug.

Ja, zu derlei alltagspraktischer Moralität rafft sich eine Generation auf, die ein Wort verdrängte, es durch ein anderes ersetzte, das just das Gegenteil meint, zugleich aber an der alten Bedeutung festhält. „Scheinbar“ ist das neue „Anscheinend“. Ein Anschein, der eine hohe Plausibilität besitzt, für den der letzte Beweis aber fehlt, wird neuerdings mit dem sprachlichen Zeichen für das Kontrafaktische versehen.

Eben das, was nicht war und vermutlich nie sein wird, was eben nur dem Scheine nach und also scheinbar war, geben wir nun aus als das, was anscheinend der Fall ist. Die Bedeutung hat sich verkehrt. Wenn jemand scheinbar keine Nudeln mag, dann ist er versessen auf Nudeln. Wer scheinbar mit Geld umzugehen weiß, ist ein Hallodri und Hochstapler und Vermögensvernichter. Wen scheinbar das Grauen überkommt, den erschüttert nichts. Wessen Zukunft scheinbar rosig ist, der hat auf Sand gebaut. Wem scheinbar nichts über seine Gemahlin geht, der lebt längst in innerer Scheidung: So sagt es uns die Sprache, der wir nun die Gefolgschaft gekündigt haben.

Im nur scheinbaren Schein, korrekt verwendet, schlummerte die große ehrwürdige Menschheitserfahrung, dass der doppelte Boden einerseits die Ausnahme ist und dass die Fassade andererseits ihren Schrecken verliert, weil sie erkannt und durchschaut werden kann, so rar sie auch auftritt.
Nun ist alles vollendet scheinbar geworden, auch das Anscheinende, das kaum noch im Munde geführt wird. Umgangssprachlich gilt nun auch das, was stimmt, als scheinbar – und nicht länger nur das, was sich von selbst demontiert.

Politiker und Hochleistungssportler und Stammtischbelegschaft haben diese Begriffsumkehrung im Tagesgeplauder verankert. Wenn die FDP alle Anstalten macht, die Fünf-Prozent-Hürde zu meistern, dann befindet sie sich neuerdings „scheinbar“, nicht anscheinend im Aufwind. Wenn gewisse Spielzüge endlich wieder funktionieren, dann hat die Mannschaft diese „scheinbar“, nicht anscheinend trainiert – was, im Lichte betrachtet, ein echter Schmarren wäre.

Selbst der Duden hat fast kapituliert: Im Universalwörterbuch von 2010 wird „scheinbar“ in der falschen Bedeutung von „anscheinend“ mit dem Zusatz „ugs.“ für „umgangssprachlich“ versehen. Darunter steht der resignative Hinweis, fein säuberlich eingerahmt und so in letzter Verzweiflungsgebärde hervorgehoben: „Das Adverb anscheinend besagt, dass etwas allem Anschein nach tatsächlich so ist, wie es sich darstellt. Die Wiedergabe eines solchen Sachverhalts durch das Adverb scheinbar ist (…) standardsprachlich nicht korrekt.“

Es ist ein vergeblicher Kampf. Die Umgangs- wird die Standardsprache besiegen und schließlich selbst als solche gelten. Der Sprache Gesetz ist schließlich, dass sie wird und also sich entringt. Zum Jubel besteht indes kein Anlass. Es wird der nunmehr auch sprachliche Triumph sein der Virtualität über das Reale, des allgegenwärtigen Scheins zulasten des differenzierenden Blicks auf Sein und Schein. Auch das, was der Fall ist, mit den Malen der Verstellung zu belegen, deutet auf einen großen Gestaltwandel hin: Wir halten den Schein, wo immer er uns trifft, für das eigentlich Mitteilenswerte. Der Schein ist der Goldstandard unseres Umgangs miteinander.

Vermutlich hat die Sprache klug erkannt, dass dem wirklich und nicht nur scheinbar so ist, und uns darum von der standardsprachlichen Leine gelassen.

Martin Mosebach und die Lourdes-Madonna

Woran erkennt man einen konservativen Revolutionär? Was hätte er zu tun, wäre er keine bloß historische Erscheinung? Er müsste im Widerspruch stehen zur Mehrheitsmeinung, zum Zeitgeist aus wohlüberlegten Gründen. Er müsste die Gegenwart so sehr lieben, dass er sie umstürzen wollte mit Mitteln, die ihm die Vergangenheit an die Hand gibt. Er müsste durchdrungen haben, was er ablehnt, und begehren, was war, und also in etwa so reden, wie es zum „Aschermittwoch der Künstler“ Martin Mosebach in der Münchner Muffathalle tat.

Eingeladen hatte der Erzbischof und Kardinal, gekommen waren Künstler und Bistumsbeschäftigte und Öffentlichkeitsarbeiter, standen in der sonst für Pop- und Rockkonzerte genutzten Halle an Bistrotischen, auf denen kleine Brezeln, Brot und Brötchen und Wasser im Glas aufruhten. An den Hallenwänden, weit oben, hingen zu beiden Seiten Monitore. Sie zeigten später dunkle Farben im Fluss, Blau dominierte. Vorne gab es Stühle für die geladene und mitunter betagte Kirchenprominenz, davor eine Bühne, darüber eine Leinwand. Sie bot einem etwa zehnminütigen Film das Ziel, der festhielt, wie eine Tanzcompanie im Münchner Liebfrauendom einmal Asche zu Boden geworfen und darauf getanzt hatte.

Als es hell wurde in der Halle, legte Mosebach sein „Lob der Lourdes-Madonna“ dar: ein kühnes Unterfangen. Die Lourdes-Madonna hat keinen guten Ruf unter jenen „gebildeten, kunstliebenden, lesenden Menschen“, eben „in unserem Milieu“, das Mosebach jetzt als seine Herkunft benannte und das wohl die Mehrheit in der Halle bildete.

Auch die von Mosebach im Vortrag kritisierten „westeuropäischen Liturgieexperten des zwanzigsten Jahrhunderts“, selbst die gleichfalls kritisierten „oberen Etagen der Hierarchie, Päpstlichen Räte für die Kunst und ähnlichen ehrwürdigen Institutionen“ haben ihr Urteil gesprochen: Die Lourdes-Madonna sei Kitsch und darum abzulehnen.

Mosebach kämpfte gegen dieses Urteil nicht an, sondern nahm es ernst. Ja, das mag wohl sein – doch wie kommt es dann, so die listige Überlegung des Dichters, dass dieselben Experten und Räte und Hierarchen sich mit anderen Formen des Kitsches gar nicht schwer tun? Namentlich mit dem kahlen und dem sauren und dem grünen Kitsch, mit dem Betroffenheits- und Authentizitätskitsch?

Über „moderne Betonkirchen“ echauffiert sich kaum ein zeitgenössischer Kunst- und/oder Kirchenkunstexperte. Dort wird vielmehr das „kleine, zart geschminkte Puppengesicht“ der Lourdes-Madonna zum Zeichen des Widerstands. Mit ihr begehrt das „gläubige Volk“ auf gegen den verordneten „Individualismus und Subjektivismus“, an den die kirchliche Kunst ausgeliefert worden sei. Mit der Lourdes-Madonna rebelliert die Volksfrömmigkeit wider den Zwang zur Abstraktion und praktiziert so eine machtvolle „Re-Ikonisierung“ von unten. Die Lourdes-Madonna sei „die Ikone des Westens.“

Was zeichnet eine Ikone aus? Dass sie keiner Erfindung eines Künstlers sich verdankt, gar keine Kunst sein will, sondern göttlichen Ursprungs ist. So verhält es sich bei den Ikonen des Ostens, die auf das „Tuch der Tücher“ mit Jesu Antlitz zurückgehen, so ist es bei der Ikone des Westens, die in den Visionen der Bernadette Soubirous von 1858 ihren Anfang nahm. Wo seither „die Lourdes-Madonna steht, ist die katholische Kirche. Angesichts solcher Durchsetzungsgewalt – und wie sanft ist diese Gewalt! – schnurrt jedes Geschmacksurteil über sie zum höchst belanglosen persönlichen Schön- oder Hässlichfinden zusammen.“

Außerdem ist eine Ikone stets nach „strengen Gesetzen“ gearbeitet, ist „immer eine andere und immer dieselbe“, verbannt alles Zufällige zugunsten fest gebundener Formen, hat demnach einen geradezu antisubjektivistischen Zug; so auch die Lourdes-Madonna. Als bewusste Absage an den Individualismus werden die Ikonen vom Volk verehrt, von den Theologen und Künstlern des Westens aber beargwöhnt.

Dergestalt heilt die Lourdes-Madonna laut Mosebach einen kulturgeschichtlichen Bruch. Mit der weißen Frau in der Beterpose, den Rosenkranz über den gefalteten Händen tragend, ende ein fast tausendjähriger westlicher Sonderweg, die Abkehr von der „Tradition der Bilder der alten Kirche.“ Daraus darf man wohl folgern: Die oft belächelte Lourdes-Madonna nimmt eine Einheit vorweg, die es theologisch (noch) nicht gibt. Sie ist das Unterpfand der Hoffnung auf eine Versöhnung von westlicher und östlicher Kirche, von Katholizismus und Orthodoxie, letztlich deren vorauseilende Realpräsenz. Spe salvi.

Und dass sie industriell vom Band läuft, die lächelnde Frau, aus Gips meist nur ist, spricht etwa nicht gegen sie? Mosebach schloss mit dem kristallenen Satz: Ja, eine Massenprodukt sei sie durchaus, die Lourdes-Madonna, aber „wer wagt es zu behaupten, wir hätten Besseres verdient?“

Der Heizer von Zürich

Er war der Heizer von Zürich. Er hielt das Schiff auf Kurs, den Laden am Laufen. Der Schweiß, der ihm die Backen benetzte, die Augen verklebte, war sein Manna. Er schuf es sich selbst, indem er schuftete, jeden Tag, tief unten im Bauch des Schiffes, wo kein Licht zu sehen, kein Fenster zu finden war.

Die immer gleichen Bewegungen führten ihn in der immer gleichen Weise in seinem Käfig herum, sechs Schritte nach rechts, fünf nach links, er wurde überall gebraucht. Seine Hände waren Pranken, in denen kein Glas je zerbrach. Seine Augen waren pechschwarze Kiesel, denen kein Wink entging.

Um ihn wogten die Gestalten, wankten herbei und perlten rasch davon, die er durch sein Tun zum Leben erweckt hatte. Konnte etwas entstehen ohne ihn, ohne seinen harten Griff in den breiten Nacken, der spannte, ohne das immer wieder kurze Rucken des Schädels zur Seite, den Griff des Fleisches nach dem Fleische, wenn er die Flaschen öffnete, die Tassen füllte, die Münzen wog und warf? Über ihm schwoll das Tirilieren an zum schrillen Chor und erblühte im stumpfen, dumpfen Schlagen hier unten, wo von den Tönen nur der Rhythmus blieb, sein Rhythmus, er hatte ihn gemacht.

Manchmal, wenn die Gestalten ihn schonten, weil sie oben saßen bei den Melodien, packte er das allerkleinste Glas am Henkel, füllte es mit einem scharfen Wasser und schüttete es hinunter. Die Brauen zog er dann zusammen, sodass kein Auge mehr da war. Oben, ja oben, suchte Papageno sein Mädchen, war Falstaff wieder betrunken, fand Karlos einen trüben Tod, mordete Macbeth und schmiedete Hagen finstere Pläne.

Er kannte sie, die Abgründe der Seele, die hier unten ein Wimmern waren, ein Wummern, ein Pochen in den Eingeweiden des Schiffs, das er befehligte. Mehr brauchte man vom Leben nicht zu wissen und seinen Verwicklungen. Kein Kapitän ohne Heizer, keine Hitze ohne Kohlen, und die Kohlen waren sein Geschäft: Das wusste er genau, das machte ihn manchmal lachen. Der Treibstoff der Leidenschaft rann durch sein Fleisch, damit sie dort oben zur Form gerinnen konnte. Ohne ihn wären sie Schemen geblieben, die Damen und Herren mit den offenen Mündern und den hohen, spitzen, tiefen Tönen, Schatten ohne ihn.

Er war der erste, der kam, der letzte, der ging. Er rief das Leben ins Leben, wenn er die Stufen hinab schritt zum Gehäuse im Keller. War sein Leib ein Hort den Schlüsseln, mit denen alles hier begann, Abend um Abend und sonntags viel eher? Er war Mittelpunkt der Schänke, um ihn zischte und brodelte und knallte es, ruhig blieb er.

Der harte Klang trug die Stimme eines Fremden, jenseits der Alpen stand seine Wiege. Wann war das gewesen, ehedem? Nun war er eins geworden mit den Gerüchen, die er anzog, die er ausdünstete noch in der Nacht, mit Kaffee und Wein und Amber und Weihrauch und Orange. Er schwitzte sie aus und nahm sie auf, im ewigen Kreislauf des Heizens, in den Pausen und davor und dazwischen, während und ehe ein Maestro den Stab hob und das Blech befreite, dort oben. So sah ich ihn oft.

Nun bin ich wieder dort gewesen. Das Schiff steht noch am selben Ort, das Gehäuse im Keller aber ist kein Maschinenraum mehr. Jetzt drängelt sich dort Fachpersonal vom Cateringservice, junge Frauen, junge Männer, gertenschlank allesamt, drei Trippelschritte nach rechts, zwei nach links. Wenn die Gestalten schweben dort oben, dösen sie hier, drehen das Haar zwischen hageren Fingern. Was ist aus dem Heizer geworden? Wer weicht dem Eisberg nun aus? Jeder Heizer trägt ein Polarmeer in sich.

Bischof Konrad und die Gerechtigkeit

Es gibt sanftere Polster als jenes auf dem Stuhl des heiligen Ulrich, den unlängst Walter Mixa innehatte und auf dem nun Konrad Zdarsa sitzt. Das katholische Bistum Augsburg gilt als schwieriges Pflaster. Der dort seit 2010 amtierende, aus Görlitz gekommene Bischof lässt sich, so scheint es, weder von der Querelen um den in Augsburg ansässigen nennkatholischen Handelskonzern „Weltbild“ noch von den üblichen „kritischen Stimmen“ verdrießen, die sich für Allgäu und Oberschwaben eine durchsäkularisierte Laienkirche wünschen. Wer Zdarsa sieht, sieht einen munteren Herrn, nicht eben groß, eher asketisch denn barock, eher zupackend denn klügelnd.

Wie bereits sein unmittelbarer Vorgänger stattete Zdarsa der Gemeinde der St.-Margreth-Kirche einen Besuch ab, am „zweiten Sonntag nach Erscheinung“. Dort wird die klassische lateinische Messe gefeiert, wie sie von Konzilspapst Johannes XXIII. approbiert wurde. Doch welcher ikonische Unterschied zu Mixa: Nicht auf einem Bischofssitz wohnte Zdarsa der Messe bei, sondern hinter einer herbeigetragenen schmalen Bank im Chorraum, die ihm nur den Wahl ließ zu knien oder zu stehen, stets den Altar im Blick. Auch Mitra und Stab hatte er zuhause gelassen. Der violette Pileolus zierte das Haupt.

War es also eher der pilgernde Mitbruder denn der residierende Hirte, der den Freunden der Tradition die Ehre erwies? War der Aufseher oder der Nachbar gekommen? Es fand kein Pontifikalamt statt. Zelebrant war der Pater der Petrusbruderschaft. Dieser erinnerte eingangs daran, dass die Diaspora-Erfahrung des Bischofs aus dem Osten in gewisser Weise korreliere mit der inneren Diaspora, in dem sich jahrelang die Anhänger der gregorianischen Messe befanden. Auch diese mussten und müssen mitunter große Strecken zurücklegen, um treu zu bleiben – inmitten, darf man wohl ergänzen, blühender Wüsteneien ringsum.

Der Bischof spendete den Asperges-Segen, zog durch die Reihen, ließ das Weihwasser herabregnen auf Gerechte und Ungerechte, wie es Brauch ist. Des Bades bedürfen die ganz Reinen nicht, „asperge me, Domine, hyssopo et mundabor: lavabis me, et super nivem dealbabor“. Ins Bad der evangelischen Worte lud der Gast in der übervollen Kirche, als er anhob zu predigen: erzählend, plaudernd fast, 25 Minuten lang, als wolle er den rechten Ton nicht verfehlen im Angesicht der Frommen. Traf er ihn?

„Gerade hier und heute“ und also vis-a-vis der ungeteilt römisch-katholischen Katholiken wand er dem ökumenischen Gespräch einen Kranz. Manchmal zeigten protestantische Gelehrte katholischen Professoren, was eine katholische Harke sei, und beschämten diese geradezu, „ich könnte einen Namen nennen.“ Letztlich sei die eine, die frohe Botschaft unstrittig.
Ganz im Sinne des letzten Konzils und des gegenwärtigen Papstes bekräftigte Zdarsa die Einheit der Sendung in der Verschiedenheit des Dienstes: „Immer wenn die Heilige Schrift vorgetragen wird, spricht Christus selbst zu uns, der erhöhte Herr. Darum ist es nur Aufgabe des geweihten Priesters, das Evangelium zu verkünden. Nur er stellt seine Person, seine Stimme, auch die Anstrengung seines Gedankens bei der Predigt Christus zur Verfügung, damit Er zur Sprache kommen kann, damit Er sich den Menschen mitteilen kann. Welch hohe Verantwortung haben wir bei der Verkündigung des Evangeliums!“ Laienpredigt ist demnach ebenso ein hölzernes Eisen wie Laienverkündigung.

Am Schluss griff kehrte der Gedanke wieder. Zdarsa warnte vor einem falschen Gerechtigkeitsempfinden in der Kirche. Die Mahnung aus der Lesung machte er sich zu Eigen – „Wer lehrt, soll lehren“ – und fuhr fort: „„Im Laufe der Zeit hat sich bei uns vieles auf die Priester konzentriert. Wir sollten uns (…) auf unsere persönliche Berufung besinnen und diese ausführen und nicht versuchen, dass jeder aus Gerechtigkeitsgründen jedes machen kann. Nein, jeder muss seiner Berufung gemäß handeln. Das gilt es zu respektieren. Niemand soll sich anmaßen, was eigentlich die Berufung eines anderen Menschen ist – aus Gnade wohlgemerkt und nicht aus eigenem Verdienst.“ Priesteramt in Laienhand, so die abermals sehr konzilstreue Pointe, wäre der nächste schwarze Schimmel.

Dazwischen wandte sich Zdarsa implizit gegen die Neigung der Bruderschaft des Hl. Pius X., für dieses oder jenes Ziel einen „Gebetssturm“ zu entfachen. Nur Beten genügt nicht; „das nämlich hieße, dass wir nur auf den Knien liegen müssen und beten, und dann kann Gott gar nicht mehr anders. (…) Es geht nicht darum, dass wir quasi mit anderen Mitteln – und wenn es das Mittel des Gebets ist – unseren eigenen Willen verfolgen.“ Beten heiße immer, auf den Willen des Vaters zu hören. Nicht anders formuliert es Benedikt XVI. derzeit in seinen Mittwochskatechesen.

Danach reichte man nebenan Sekt und Saft und Salzgebäck. Sonnig war der Himmel, heiter die Stimmung. Die Zeichen des Tages besagen: Es ist normal, wenn ein Bischof auch im außerordentlichen Ritus betet und segnet. Es ist normal, dass Zweites Vatikanum und Alte Messe aufeinander hören. Es wird bald normal sein, dass Bischöfe sonntags den Ysop erflehen und den Schnee und hoffen, „iudica me“.

Die Weihnachtsbotschaft Chestertons

Konsumrausch und Bekenntnisscheu, organisierte Vorfreude ohne echte Festfreude, Rührseligkeit statt Anspruch, Herausforderung, Heiterkeit: Damit dürfte die in weiten Teilen der spätmodernen Gesellschaft vorherrschende Weihnachtskrise, geboren aus Unwissenheit oder echter Gegnerschaft, beschrieben sein. Dass unlängst ein Kandidat bei einer TV-Quiz-Show ausschied, weil er den vierten Advent auf die Zeit nach Heiligabend verlegte, passt ins Bild. Vielleicht als Fest der Familie oder des Friedens scheint die Geburtsstunde des Christentums noch konsensfähig. Mancherorts stellt man multireligiöse Krippen unter den Baum.

Gilbert Keith Chesterton (1874 – 1936) hat all dies wie so vieles kommen sehen – auf typisch chestertonische Art, mit Witz und Verve, ohne sich die Freude, ja den Spaß am Christfest vergällen zu lassen. Wer vom geistreichsten Schriftsteller, den England im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, nur die Detektivgeschichten um Father Brown kennt, kennt Chesterton nicht.

Der Essayist und Erzähler, Lyriker und Dramatiker, Journalist und Romancier war ein Gedankenvulkan von ebenso einnehmendem wie ausladendem Wesen. Er stritt als „Apostel des gesunden Menschenverstandes“ gegen alle Verrücktheiten seiner Zeit. Diese leichthändige Vielgestaltigkeit zeigt sich besonders an jenem Thema, dem er die meisten Betrachtungen und Einwürfe widmete in seinen rund 80 Büchern und 4000 Essays, der Weihnachtszeit.

Die Gefahren für das Hochfest waren damals, zwischen 1910 und 1935, schon ganz ähnlich gelagert wie heute. Dennoch ließ Chesterton sich nicht beirren: Die wahre Weihnacht ist unbesiegbar.

In einem Aufsatz von 1933 über das Wesen des englischen Weihnachtspuddings, der als eine bekanntlich sehr feste Köstlichkeit genug Substanz besitze, um in einer substanzlosen Welt des „Materialismus und Massenmechanismus“ ein Widerspruch zu sein, finden sich klare Sätze gegen „die futuristische Mode unserer Zeit“, wie sie auch den Advent befallen habe: Der Mensch sei mittlerweile daran gewöhnt, „das Glück nicht im Heute, sondern im Morgen zu suchen. Während es einen unaufhörlichen (…) Wirbel gibt anlässlich der herannahenden Festlichkeiten von Weihnachten, herrscht weit weniger Wirbel als nötig, wenn es darum geht, aus Weihnachten selbst ein Fest zu machen. Der moderne Mensch hat das unbestimmte Gefühl, mit dem Fest sei auch gleich das Ende des Festes erreicht. Durch moderne kommerzielle Gepflogenheiten sind die Vorbereitungen so sehr in die Länge gezogen, wie das Erleben des Festes kurz ausfällt.“

Die Unfähigkeit, alles zu seiner Zeit zu feiern oder aber zu betrauern, ist nicht geschwunden. Wer widersteht heute der Spekulatiusseligkeit, die schon im Oktober in den Supermärkten verbreitet wird? Wer greift nicht zu, wenn bereits in der Woche vor Heiligabend die sogenannten Weihnachtsartikel verbilligt werden? Und wer hat sich das Wissen bewahrt, dass man sich erst nach dem 24. Dezember „Frohe Weihnachten“ wünschen kann, dann aber mindestens bis Epiphanie?

Chesterton erinnert uns daran, dass einst „die Vorbereitung die Form einer strengen Adventszeit hatte, mit Fasten am Heiligen Abend. Ging man aber zum Weihnachtsfest über, setzte es sich fort (…) in einer ununterbrochenen Festzeit der Freude von wenigstens zwölf Tagen.“ Kein Luxus also, ließe sich sagen, ohne vorbereitende Askese, keine Erlösung ohne Buße.

Warum aber überbieten die Menschen sich noch immer darin, die Zukunft möglichst phantastisch auszumalen, immer mit der Politikerfloskel „nach vorne zu schauen“, statt die Vergangenheit zu ehren, um aus ihr zu lernen und an ihr Halt zu gewinnen? Chesterton hat eine Antwort parat. „Die Zukunft“, schreibt er in „Was unrecht ist an der Welt“ (1910), sei nun einmal eine „leere Wand, auf die jeder seinen Namen schreiben kann, so groß er will; die Vergangenheit finde ich schon mit unentzifferbarem Gekritzel bedeckt, wie Plato, Jesaias, Shakespeare, Michelangelo, Napoleon. Die Zukunft kann ich so enge werden lassen wie mein eigenes Selbst; die Vergangenheit muss so weit und mannigfach bleiben wie die ganze Menschheit.“

Chesterton, der reaktionäre Demokrat und liberale Katholik, stimmt nicht ein in den billigen Singsang von der Gegenwart als dem jeweiligen Gipfelpunkt der Zivilisation. Sein Blick auf die Vergangenheit ist realistischer. „Es gab so viel flammenden Glauben“, konstatiert er, „den wir nicht wahren, so viel strenges Heldentum, das wir nicht nachahmen können (…). Die Zukunft ist eine Zuflucht vor dem grimmigen Wettbewerb unserer Vorväter. (…) Diese ganze moderne Pose ist am Ende nichts anderes, als dass die Menschen neue Ideale erfinden, weil sie sich an die alten nicht heranwagen. Sie sehen mit Begeisterung in die Zukunft, weil sie Angst haben, zurückzusehen.“

Ein Widerspruch gegen die geschichtsblinde Feier des Zukünftigen, diesen Triumph des Ausgedachten über das Wirkliche und damit der Vorstellung über die Vernunft, ist Weihnachten auch insofern, als es sich auf ein einmaliges, ganz konkretes Geschehen in der Vergangenheit bezieht. Die Feier dieses Ereignisses lässt sich nicht je nach Konjunktur vorverlegen oder verschieben. Es bleibt mit stählernen Seilen an den fixen Termin gebunden.

Weihnachten mitsamt seinen Bräuchen ist, so Chesterton 1935, ein Muster für ein Ritual, und Rituale bedeuten, „gewisse sinnlose Dinge zu tun, weil sie etwas bedeuten. Das Prinzip der modernen Routine dagegen ist es, gewisse sinnvolle Dinge zu tun, (…) sie aber so auszuführen, als ob sie bedeutungslos wären.“ Das moderne Weihnachten ist demnach vom guten Ritual zur schlechten Routine geworden.

Durch den vermeintlich egalitären Verzicht auf „bestimmte Jahreszahlen, Jahreszeiten und symbolische Handlungen“ habe der Mensch sich freiwillig neu versklavt, sich „im alten griechischen Sinne des Wortes (…) zum Idioten gemacht“, zum Menschen ohne besondere Bedeutung, zum Mann ohne Eigenschaften. Allein das wahre Weihnachten in seinem bedeutungsvollen Ritual kann laut Chesterton die Selbstverzwergung verhindern: „Jeder Mensch, der Weihnachten in seinem eigenen Zuhause hochhält, widersteht der tragischen Umformung seines Hauses in einen Bienenstock.“

Wodurch vollbringt das wahre Weihnachtsfest diese Leistung, abseits seines Charakters als Senkblei in die Vergangenheit und individualisierendes Ritual? Weihnachten hat zunächst die Botschaft, dass „etwas geschehen ist“. Diese schlichte Tatsache deutet Chesterton 1925 als Veto gegen die damals wie heute grassierende, sich zum dernier cri der Aufklärung aufputzende „evolutionäre Ethik“. Deren Grundannahme, vertreten und verteidigt etwa von Neoatheisten und Hirnforschern und Evolutionsbiologen und Utilitaristen, besagt, dass es im Fluss der Zeiten keine festen Punkte gibt, sondern nur Abstufungen, keine Ereignisse, nur Prozesse und ergo auch keine feste Moral, nur eine flexible Ethik.

In Chestertons Worten: „Weil die Bestie nur langsam Mensch wird, argumentieren sie, dass eine Bestie zu sein nur langsam unmenschlich macht.“ Alles werde eine Frage des Graduellen, wenn es keine absoluten Maßstäbe gibt. Die „dramatische und krisenhafte Seite“ von Weihnachten schütze vor diesem Trugbild. Die konkrete und unwiderrufliche Menschwerdung Gottes habe schlagend bewiesen, dass einmalige Ereignisse, Haltepunkte im ewigen Werden, dieses Werden dauerhaft zu wandeln vermögen. Es ist eben nicht alles im Fluss, manches stockt auch oder springt. „Etwas ist geschehen. Und lesen wir die Geschichte richtig, ist seither vielleicht gar nichts mehr geschehen.“

Das antievolutionäre Ereignis zu Betlehem ist für Christen in erster Linie Grund zur Freude. An der Freude solle man die Christen, Weihnachtsmenschen allesamt, erkennen. Chesterton erklärt in seinem theologischen Hauptwerk, dem „Unsterblichen Menschen“ (1925), „eine ganz unnatürliche Freude“ zum Erkennungszeichen der ersten Christen.

Diese nämlich, „eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von Barbaren und Sklaven und armen belanglosen Leuten“, waren in ihrer Freude nicht zu erschüttern, obwohl sie zugleich erklärten, „dass Gott tot wäre und dass sie selbst ihn hätten sterben sehen.“ Etwas „im Ton der Verrückten“ ließ aufhorchen, diese Leute meinten wortwörtlich, was sie sagten, „ein neues Meteorgestein schien auf die Erde herabgefallen zu sein. Mit seltsamer Plötzlichkeit (…) schienen sich in Gegenwart dieser Menschen die Proportionen aller Dinge zu verschieben.“ Mit Weihnachten und mit Ostern war die Welt eine andere geworden. Tod war nicht mehr Tod und die Freude darüber unüberwindlich.

Zu Bethlehem im Stall – in einer Höhle, wie Chesterton seit seiner Reise ins Heilige Land nicht müde wurde zu betonen, – geschah tatsächlich Wunderbares, eine „Umwälzung der Welt (…) Mit voller Berechtigung darf man behaupten, dass es von der Sekunde an keine Sklaven mehr geben konnte. (…) Zukünftig konnte ein Mensch nicht mehr bloßes Mittel zum Zweck sein, auf keinen Fall Mittel zu eines anderen Menschen Zweck.“

Gott war schließlich herabgestiegen „wie ein Ausgestoßener“, hatte sich den Hirten in einer Höhle gezeigt, nicht an einer Akademie. So entstand das Christentum als Religion der kleinen Dinge und der kleinen Leute. Genau so musste es kommen, denn Gott ist der Mittelpunkt aller Welt, „und ein Mittelpunkt ist unendlich klein.“

Papst Pius XI. verlieh Chesterton, diesem modernen Kirchenvater, posthum den Titel Defensor fidei, Verteidiger des Glaubens. Die kaum zu zählenden Weihnachtsbetrachtungen Chestertons zeigen auf das Schönste, warum er diesen Titel verdient.

(erschien zuerst in der Tagespost vom 22.12.2011)

Immer am Rand lang

Wer etwas zu sagen hat, der sagt es am Rande. Entscheidend ist selten, was auf Kongressen oder bei Tagungen, bei Ministertreffen oder Verhandlungsgesprächen Thema wird. Entscheidend ist fast immer, was an deren Rande geschieht. Der Rahmen bestimmt über das Bild, die Lobby schlägt das Podium, der Wandelgang das Forum. Zentrifugal ist unser Leben.

Eine Landesministerin verkündet den schlagenden Satz „am Rande der Klausur“ ihrer Fraktion. Der Beitrittsvertrag der Europäischen Union mit Kroatien wird „am Rande des EU-Gipfels“ unterzeichnet. Der britische Premierminister trifft sich mit der deutschen Kanzlerin „am Rande des Gipfels“. Der chinesische Außenminister bekennt sich zum Euro „am Rande eines Besuchs bei Guido Westerwelle“.

Ein Bundesminister gibt Entwarnung im Anti-Terror-Kampf „am Rande der Innenministerkonferenz“. Neue Unternehmensziele verkündet ein Automanager „am Rande der Tokio Motor Show“. Dass Theo Zwanziger nicht mehr DFB-Präsident sein will, erfahren wir „am Rande der DFB-Jahresabschlussfeier“. Auch „am Rande der dritten Kommunalarchivtagung“ werden Pflöcke eingeschlagen, und sollte dereinst ein Krieg ausbrechen, wird man ihn „am Rande der UN-Abrüstungskonferenz“ erklären.

Dahinter steckt mehr als Begriffsroutine und Schweigegebot. Die Dauergegenwart angeränderter Äußerungen addiert sich zu einer politischen Geographie ganz eigener Art. Gemeinhin will niemand am Rand stehen, will jeder dabei sein und also mittendrin. Ins Zentrum drängt es das Ich, zum Kern der Sache und des Ansehens will es vordringen und selbst Mitte werden.

Die eigene Mitte zu finden ist wiederum das anspruchsvolle Ziel sowohl gelingender Lebensführung als auch erfolgreicher Politik für die Masse, für die Mitte. Dort wähnen sich die großen Parteien allesamt, weil dort auch der Bürger selbst sich verortet. Am Rand geht es einflusslos zu und extrem, am Rand lauern Gefahr und schlechte Laune, der Rand ist das Gossenkind unserer Republik. Eigentlich.

Schwer tun sich auch jene, die an den Rand geschoben werden, ohne es zu wollen. Denen die Teilhabe erschwert wird, das Mittun in der Republik, weil sie nicht alle Zutrittsbedingungen erfüllen für die neue Mitte, zu alt sind, zu krank, zu schwach, zu fremdländisch, zu wenig autonom, zu wenig schön. Es ist kein erfüllendes Leben, dort draußen am Rand, weit weg von den Märkten und Alleen.

Die Rede aber von den Schicksalsnachrichten und den mal epochalen, mal regionalen Neuigkeiten, die vom Rande her auf uns kommen, zeigt: Es ist der Rand, der die Mitte macht. An den Grenzen verdichtet sich alles Zentrale, wird erst als solches erkennbar. Der Rand ist die zugespitzte, die nach außen geschleuderte Mitte. Am Ende aller Abwägung steht der Rand. So wohlfeil die Parole zuweilen auch nachgeplappert sein mag: Am Rande haben wir das Leben ganz. Der Mensch ist ein randständiges Wesen.

Der Weihetag

Deutschland war verschwunden. Zurückgelassen hatte es ein sehr großes, sehr weißes Stück Tuch. Darunter lag vielleicht das alte, bekannte Land mit seinen Wiesen und Häusern, seinen Gänsen und Menschen, seinen Sorgen und Nöten und Freuden, wer konnte es wissen. Man sah ja nur das große, weiße, sehr dicht gewebte Tuch den lieben langen Tag. Zöge man es weg, wäre vielleicht eine ganz andere Region zum Vorschein gekommen, ein Flecken, in dem der Honig fließt oder der Wermut und Worte die einzige feste Nahrung sind. Deutschland wäre endgültig Geschichte. Wer weiß das schon.

Der Nebel wollte sich also nicht teilen, die Sonne war ein Gerücht, als die Kälte in die Kleider kroch und eine wachsende Schar dem Glockenklang folgte. Man schrieb das Fest Elisabeths von Thüringen. Vierundzwanzig Lebensjahre hatten der ungarischen Königstochter genügt, um sich ewig ins Weltgedächtnis einzuschreiben. Etwas älter war der Mann, zu dessen Ehre sich die Schar versammelte. Aus ganz Bayern und darüber hinaus strömte sie ins winzige Bettbrunn, wo auf den Namen Salvator eine prächtige und prachtvoll heitere Barockkirche hört. „Gehet und berichtet, was ihr hört und seht“ steht unter dem Deckengemälde in jünglingszarter Schnörkelschrift. Und so taten sie es, und so wollen wir es tun.

Der junge Mann trug zu Beginn, beim Einzug, die Stola quer, wie es Diakonensitte ist, hielt ein Gewand und eine Kerze in Händen. Knapp drei Stunden später hatte der Kardinal ihm die Stola vor der Brust gekreuzt und das Gewand übergezogen. Er war nun und für immer Priester. Das einzige laut vernehmbare Wort des jungen Mannes war jenes, mit dem die Zeremonie endete: „Libenter“ – „Gern“. So lautete die Antwort auf des Kardinals allerletzte Ermahnung in einer langen Reihe von Ermahnungen: Er solle doch nach seiner ersten Messe deren drei weitere lesen und auch „bitten für mich“, „etiam pro me ora.“

So endete im direkten Austausch von Ich und Du, im Gebet des einen für den anderen, der ihn doch gerade erhoben hatte in den neuen Stand, eine sehr öffentliche Feier. Es war eine liturgische Reise von den Amplituden der Freude zu den Höhen des unwiderruflich Ernsten und rasch retour und wieder zurück. Auch der Alltag, für den die Feier wetterfest machen sollte, lag unter einem Tuche verborgen.

Der Priester, hörten wir, bekleide das „secundi meriti munus“, das „Amt des zweiten Ranges“, ist also immer auf die Plätze verwiesen hinter dem einen allein, der Meister genannt werden darf. Und diese Nachrangigkeit in allem will teuer erstanden sein, mit Gerechtigkeit nämlich und Standhaftigkeit, Barmherzigkeit, Tapferkeit, „iustitiam, constantiam, misericordiam, fortitudinem“.

Auch von der „geistlichen Arznei“, die des jungen Mannes Lehre künftig sein solle, der „spiritualis medicina populo Dei“, für das Volk Gottes, sprach der Kardinal, und auch von himmlischer Weisheit, bewährten Sitten ging das ernste Wort, „caelestis sapientia, probi more“. Nichts Geringeres stand und steht schließlich auf dem Spiel als die Würde des jungen Mannes, gleichsam zum Gehilfen des Moses und der zwölf Apostel erwählt zu werden, „in adiutorium Moysi et duodecim Apostolos“. Ist es ein Wunder, dass der Beistand fast aller Heiliger in einer fünfzehnminütigen Litanei erfleht wurde, damit des jungen Mannes Knie etwas weniger zitterten, beim Gang in diese Ahnenreihe? „Orate pro nobis.“

Der Kardinal sprach auch in seiner nun fremd klingenden deutschen Muttersprache vom „ewigkeitsschweren Augenblick“, der sich ereigne im Moment der Weihe, in der Stille also, wenn zwei Hände ein Dach formen auf eines anderen Haupt. Und dann hinkt die Sprache hinterher, so gut es eben geht in allem vorläufigen Menschenwerk, formt die ehernen Worte, „accipe spiritum sanctum“, „empfange den Heiligen Geist“.

Gesungen wurde auch, vom Freudenöl, „oleo laetitia“, und einem Lebenspfand, „fons vivus“, von Trost und Gnade und Herrlichkeit. Von einem Weg ohne Makel und der Ehrfurcht vor den Geboten. Von Lippen voller Anmut. Von Milde und Recht. Von Vernunft und Güte. Von Liebe.

Er wird nun einen langen Weg gehen, der junge Mann, und sehr hoffen, nie allein zu sein in den Nebeltälern und nie auf den Sonnengipfeln. Das Tuch wird ein Land der Seele ihm offenbaren, in dem der Honig wie Wermut schmecken kann. Wer weiß das schon.

Indien

Sie haben den Ganges im Blick. Sie stehen da, zu zweit, getrennt durch eine halb geöffnete Tür, die vom Gastraum in die Küche führt. Fremd sind sie beide. Das Foto, das fast die ganze Wand neben der Tür ausfüllt, zeigt die schönste Inderin, wie sie lächelt, ohne die Lippen zu öffnen. Ein Punkt thront auf ihrer Stirn, die Augen sind glänzende Saphire, die Finger zehn schüchterne Tänzer. Grün und gelb und rot ist das Gewand der schönsten Inderin. Weiß und grau ist es hier.

Sie haben sich die Heimat in die Gaststube geholt. Wer sie betritt, sieht erst die ferne Prinzessin an der Wand, dann ihren Landsmann an der Theke, wie er zu Boden blickt. Ein Tuch nach Piratenart bedeckt seinen Kopf. Er grübelt, ohne zu lächeln. Zeit zu blicken und zu grübeln hat er viel, der Gastraum ist leer. Gestern war er es, vorgestern fast. Jeder Morgen ist eine verwegene Hoffnung. Niemand mag sich zu den Dreien gesellen, nicht zum Koch, nicht zum Wirt, nicht zur starren Tänzerin mit ihrem Hoheitsschimmer.

Nachmittags, wenn die Stube schließt, muss die Holde allein lächeln. Ihre beiden Freunde sitzen dann auf den Lehnen von Kinderbänken im Stadtpark. Mit gekrümmten Rücken und nun flackernden Blicken tauschen sie Worte aus, selten wie die Saphire im Bild, die ihre Rückkehr erwarten. Viel zu sagen haben sie einander nicht. Es ändert sich wenig im herbstlichen Deutschland, zwischen Küche und Park, Pizza und Ganges.

Darum nämlich sind sie gezogen in das Haus an der Hauptstraße mitsamt ihrer lächelnden Braut. Sie wollten Pizza backen, denn die Deutschen mögen das teigige Rund. Ist es nicht so? Viele Arten hält die bunte Speisekarte auf den vier Tischen bereit, mit Salami und mit Ananas, mit Käse und mit Thunfisch. Schnitzel gibt es auch und Ente. An Limonade herrscht kein Mangel.

Doch man muss ein Foto sein aus sehr fernen Tagen, um über den so grausam mangelnden Zuspruch das Lächeln nicht zu verlieren. Sind die Teig- und Fleischgerichte andernorts, bei der Konkurrenz in dreihundert Meter westlicher und zweihundert Meter nordwestlicher Entfernung besser? Ist der Boden zu dick, der Belag zu wuchtig?

Sie haben alles versucht: Aus einem Wirtshausschild wurden deren zwei, damit auch der rasende Fahrer die lockende Inschrift erspähe. Auf der Straße steht ein drittes, das nach Bedarf aufgestellt werden kann. Passanten sind oft in sich versunken. Auch Flugblätter haben sie verteilt, selbst Lohn und Brot schon angeboten: „Fahrer gesucht“ steht auf einem Zettel hinter der Glasscheibe. Hat der Koch, hat der Wirt ihn geschrieben?

Sie suchen noch immer – den Fahrer, die Kunden, das Lächeln, das sie an die Prinzessin verschenkten. Der trotzige Deutsche mag sich von Indern nicht italienisch bekochen lassen. Den Winter wollen sie abwarten. Ganz weiß soll es werden. Auf der Parkbank wollen sie Schnee liegen sehen. Im Frühjahr dann werden sie die Koffer packen, den Ganges noch fester im Blick und die Tänzerin auf der Schulter: ein seltsames Trio.

Wo man begraben wird

Manche Monate wurden erfunden, damit sie Wort werden und Bild. Der April ist so launisch, dass er Wendehälsen und Diven eine unversiegbare Rechtfertigung gibt. Im Mai greift der Maler zum Pinsel, um neu anzufangen, neu zu lieben, neu zu erschaffen. Der September gibt den Tagen ihre schönsten Farben, der Oktober taucht sie in Gold. Und dann und nun lädt der November zum Kehraus mancher Hoffnung, zur Stille, zum Blick nach innen.

November ist der Monat, da kein Haus man sich mehr baut und also unbehaust dem Schnee entgegen schlendert. November sind die Tage, da man einsam im Nebel wandert und sich seltsam dabei erfährt. November sind kreisendes Laub im Wirbel der Chaussee. November ist der Geruch von Erde, feuchter Morgenluft und Nebelnacht. November ist immer schon der, an den wir denken, ehe wir ihn erfahren. Im Futteral der Bilder steckt er fest vertaut.

Traurig macht der November weit weniger als der Juni oder Juli. Wenn alles eingestellt scheint auf Rückschau, Vergänglichkeit, Melancholie, fühlt der Melancholiker sich pudelwohl. Er braucht nicht irre zu gehen an einer Welt, die rasend nur um sich kreist. Der Periphere rückt in die Mitte einer zentrifugalen Entschleunigung, die allgemein ist.

Im November also fiel mir wieder ein: Heimat ist, wo du begraben wirst. So ähnlich sagte es der alte Mann, der mir ungefragt eröffnete, er habe vor nunmehr vierzig Jahren, als er hierher zog, nach einem ersten Rundgang durch den Ort sofort gewusst: Hier willst du begraben sein. Gewiss war damals auch und sehr viel Liebe im Spiel, niemand zieht ganz leicht von dannen. Das Bekenntnis aber bleibt von kristalliner Klarheit. Das Grab wird uns wahr sprechen.

Wie die meisten Novembergedanken ist auch dieser eher sachlich denn traurig. Der ehemals junge Mann wusste – in der Nachhut eines Krieges, der Tod und Mord und Heimatlosigkeit und viele Gräber „in fremder Erde“ über die Welt gebracht hatte –, dass ihm einst die Stunde schlagen würde und dass sie es bitte hier tun solle. Dann würde sich sein Leben runden, auf der allerletzten Kehre.

So streckt der ganze November sich aus. Er ist ein Pfeil, kein Kreis, ein Weckruf, kein Abgesang. Er bricht die morschen Zweige, damit der Boden wachsen kann. Er hebt die Blätter, um sie einmal wenigstens flattern zu lassen, in freier Verzückung sonnenwärts. Er ist Episode, die schwindet und wiederkehrt, gerade so Epoche macht und tröstet. Ich mag ihn.

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