Kategorie: Tagebuch

Deutschland im Marianengraben

Manche Sätze tragen ein Fragezeichen, doch sie sind ein einziges Ausrufezeichen: „Und warum denn noch nicht?“, war ein solcher Satz. Ich hörte ihn unlängst mit mindestens drei Fragezeichen, sehr laut und sehr von oben ausgesprochen, doch es war keine Frage. Es war Ausdruck eines kolossalen Unverständnisses. Da tat sich binnen Sekunden eine Kluft auf, so tief wie der Marianengraben. Ein solches „Und warum denn noch nicht?“ wäre die angemessene Reaktion gewesen, hätte jemand ganz heiter eröffnet, er besitze zuhause einen Lottoschein, der zu einem Gewinn von zehn Millionen Euro berechtige, aber habe ihn seit zwei Jahren nicht eingelöst. Oder wenn jemand gelassen erklärt hätte, ihm stehe eine lebenslange Leibrente zu, aber er komme nicht dazu, sein Bankkonto anzugeben. Ja warum denn nicht? Was steht dem Großglück im Weg?

Foto: A. Kissler

Doch es verhielt sich kolossal anders. Der Marianengraben verlief an anderer Stelle. Dass der Mann, der ihn gerade vermessen hatte, ihn von oben herab diagnostizierte, ist ihm nicht vorzuwerfen. Er war größer, jünger, blonder als sein Gegenüber, das ein Gegenunter war. Als solches stand es vor ihm, unter ihm und spürte die Silbenkanonade auf sich niedergehen: „Und warum denn noch nicht?“ Die Heftigkeit des Anwurfs hatte ihn überrascht. Gerade eben war man sich noch jovial begegnet, und nun eröffnete das Gegenober ein Vorwurfsfeuer. Aus dem Nichts, so schien es. Man kannte sich, flüchtig, aber länger. Guten Morgen – Auf Wiedersehen – Wie geht es der Familie – Was machen die Schlagzeilen: All das hatte ihren regelmäßigen Begegnungen den Schein der Vertrautheit gegeben.

Nun riss der Schein entzwei. Zu Boden schaute der kleinere Mann, als lägen da die Fetzen ihrer Konventionen, ihres vergangenen Einvernehmens, die Scherben des Verständnisses. Oberflächlich war es gewesen, doch kein Trug, keine Lüge. So war es ihm erschienen. Der andere, der mit diesen schrecklichen sechs Silben zum Riesen angewachsen war, zum Goliath der Ferne, hatte sich in Sekundenfrist aus jeder Vertrautheit herauskatapultiert. Und ihn, den kleineren Mann, verlegen gemacht, in einem Wimpernschlag ihn verstoßen aus der Gemeinde der Gleichwertigen, Gleichgesinnten. Anklage und Schuldspruch fielen zusammen in diesem Tribunal des Alltags, für alle erkennbar, alle hörbar. Warum sonst hätte der größere, der jüngere, der blonde Mann sonst just mit diesen sechs Silben die Stimme erhoben, so dass es jeder vernehmen, und den Abstand durch einen Schritt erweitert, so dass es jeder sehen musste? Er wollte ein Exempel statuieren in der Lobby.

Bewusst vielleicht nicht, aber unbezwingbar war aus dem Mitmensch der Widerpart geworden. Was, mag der kleinere Mann gedacht haben in diesen grauenhaften Sekunden, habe ich mir zuschulden kommen lassen? Er trug eine Maske, doch es schien, als schwitzte er dahinter. Er wich zurück, krümmte sich ein wenig, wurde leiser mit jedem Wort, das er heraus stammelte, schüchtern, stotternd, stolpernd. Er wollte sich erklären, gerne auch entschuldigen, aber was eigentlich hatte er sich zuschulden kommen lassen? Er fiel aus allen Wolken hinab auf Beton. Er war noch nicht geimpft.

Das verstand der andere, der Hiesige, der Ansässige ganz und gar nicht. „Und warum denn noch nicht?“ Er hatte für vieles, für fast alles Verständnis, er lebte in Berlin und tat es gern. Aber damit war wirklich eine Grenze erreicht. Auch ihm wurde es heiß unter der Virenschutzmaske. Da ging man jahrein, jahraus an dieser Pforte vorbei, grüßte sich, scherzte, „auf Augenhöhe“, jawohl, er hatte keine Vorurteile gegen türkischstämmige Deutsche, gar keine. Den Begriff „Gastarbeiter“ hielt er für rassistisch. Keiner Unterschriftenliste für mehr, für bessere, für nachsichtigere Integration hatte er sich je verweigert. Und nun das. Der Pförtner wollte sich nicht impfen lassen. Welch Ausmaß an Verstocktheit. Da blieb noch viel zu tun.

Die Zeit drängte. Er musste rasch hinein ins Gebäude, der andere heraus auf seinen Wachtposten. Sie würden sich wieder begegnen. In ein paar Stunden schon. Morgen auch und übermorgen. Der kleinere Mann würde stumm in seinem Tee rühren und nicht aufschauen. Der größere Mann würde rascher vorbeigehen und lauter telefonieren. Sie waren Fremde geworden. Der Marianengraben hatte sie verschlungen.

Herr Spahn, Professor Wieler und ihr Publikum

Kein Tag vergeht ohne Medienkonferenz des Bundesgesundheitsministers. Auch am heutigen Freitag stellte Jens Spahn sich den Fragen der Bundespressekonferenz. Als Überbringer schlechter Nachrichten hat Deutschlands oberster Corona-Manager Routine entwickelt. Leicht von den Lippen ging ihm die Bestandsaufnahme: „Die Lage bleibt angespannt. Die Fallzahlen steigen wieder.“

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So oder so ähnlich klingt es seit Monaten, unterbrochen von Schüben der Erleichterung. Mittlerweile ist es fast egal, ob die Sätze stimmen oder nicht: Die Botschaft hat sich erschöpft. Spahn dringt nicht mehr durch.

Dasselbe Schicksal widerfährt seinem Kompagnon auf dem Podium, Lothar Wieler. Der Chef des Robert-Koch-Instituts ist notorisch in Sorge – aus seiner Sicht zurecht, denn „die Fallzahlen steigen.“ Gemeint freilich sind stets und ausschliesslich die Zahlen der Inzidenz, der positiven Tests pro 100.000 Menschen.

Wie sollen diese nicht steigen, wenn sich das Testgeschehen dank Schnell- und Selbsttests intensiviert? Wieler gab zu Protokoll: „Durch die Selbsttests wird die Dunkelziffer sinken. Wir werden ja mehr Fälle ermitteln dadurch, und das wollen wir ja auch.“

Spahn und Wieler sind in einer Endlosschleife gefangen. Sie starren auf die eine Zahl, die aber an Aussagekraft verliert, desto beharrlicher sie zum Universalschlüssel der Pandemie erklärt wird. Monokausalität führt zur Monotonie. Das Publikum wendet sich ab.

Wenn sie ihren Ton und ihre Betrachtungsweise nicht ändern, führen Spahn und Wieler bald nur noch Selbstgespräche.

Was hat die Achtundsechziger so ruiniert?

Es ist ja nicht so, dass ich nur gelitten hätte. Im Gegenteil. Ich bin ein Kind der Achtundsechziger in jenem Sinn, dass ich von ihnen erzogen wurde. Anders war es in der späten alten Bundesrepublik nicht oder nur unter allergrößten Anstrengungen möglich. Die Eltern waren keine Achtundsechziger, doch erzogen wurde man von Lehrern, Freunden, Sängern, den Umständen, und diese waren alle Achtundsechziger. Sie misstrauten Traditionen und Autoritäten und der Macht und teurer Kleidung. Sie wollten lässig sein, Kumpel sein und anders als alles Vorgefundene. Achtundsechzig war für uns, die Nachgeborenen, zu gegenwärtig, um hinterfragt zu werden. Wir waren so jung, wie sie ewig bleiben wollten.

Foto: A. Kissler

Erwachsen werden, das hieß, den Geist, der einen umwehte, zu verstehen, den Geist von Achtundsechzig. Hieß begreifen, warum die Lehrer wurden, was sie waren, und weshalb auch uns es frommte. Kein Marcuse war nötig, kein Adorno, doch das feuchte Gras unter den Zehen, der Schoppen vom Bio-Weingut, das kommunale Kino, der Kaffee aus Nicaragua, die Schokolade aus dem Eine-Welt-Laden, Haare unter den Achseln. Achtundsechzig, das waren andere Genüsse und frische Gedanken. Und immer der Blick auf ein Versprechen: dass das Leben ein Fluss ist, dessen Geschwindigkeit unsere Füße machen.

Irgendwann wurde ich wirklich erwachsen und emanzipierte mich von den Emanzipierten. Nicht im Groll, doch aus eigenem Antrieb, aufrechten Gangs. Wege werden zu den eigenen, wenn man die Richtung ändert. Trittsicherheit gewinnt man nicht in fremden Fußstapfen. Der Geist will mehr, als die Seele anderen versprach. Adieu denn, adieu, bleibt den Genüssen verbunden und dem tieferen Schwur, haltet für verwandelbar, was euch drückt, fragt nach, hakt nach, redet in den Sonnenuntergang hinein und hofft am Morgen, das Licht sei für euch aufgegangen.

Heute hat der Marsch durch die Institutionen nicht die Macht, aber die Achtundsechziger verwandelt. Der Apparat, gegen den sie rebellierten, hat sie zu Apparatschiks gemacht. Die Altachtundsechziger und die Neuachtsechziger treffen sich im Rechthaberischen. Sie fragen nicht, sie stellen fest. Sie hinterfragen nicht die Macht, sie wollen Macht. Sie klöppeln sich Dogmen. Sie fremdeln nicht mit dem System, sie sind es. Nicht überall, nicht immer, natürlich, aber längst allgemein geworden ist ihre Vernarrtheit in den Status quo. Sie wollten agieren und wurden Reaktionäre.

Wie kam es dazu? Was hat die Achtundsechziger so ruiniert? Ich vermute: Die Widerstände sind zu schwach geworden. Auf roten Teppichen organisiert man keine Revolten. Im Applausorkan ruft man nicht zum Barrikadensturm. Der Geist der Achtundsechziger, wie er sich in SPD und CDU und traditionell den Grünen manifestiert, wie er zur ewigen Krönungsmesse lädt in Medien und Büchern, ist fraglos geworden – und also stellt er keine Fragen mehr. Er hat das Gedankenfett des Saturierten angesetzt. Gesellschaft und Politik haben sich in ihren wesentlichen Protagonisten entschieden, gut zu finden, was die Achtundsechziger einmal als gut erkämpfen mussten, den Internationalismus, den Antimilitarismus, den Antikapitalismus, das Gefühl, den Leib, das ewige Gespräch. Die Wirklichkeit auf der Anklagebank des Vorgestellten. So wurden aus Differenzerfahrungen Dominanzgesten: Bist du schon oder wirst du noch?

Die Pandemie bringt es an den Tag. Sie zwingt uns alle, uns zu ihr zu verhalten. Sie ist die Probe auf das Exempel unseres Selbstverständnisses. Sie entstellt Ängste zur Kenntlichkeit. Sie formt uns nach dem Bild, das wir uns von anderen machen. Systemkritiker verteidigen Systeme, weil sie systematisch Rendite einstreichen. Staatsskeptiker sprechen den Staat von allen Sünden frei, weil er sie nährt, mal geistig, mal im Fleisch. Widerständler preisen die Verhältnisse, die sie zum Experten schlagen. Das Denken verpufft im Haben, der Ehrgeiz im Sein. Links geht es nur an der Ampel voran.

Die Pandemie zeigt: Wer Freiheit nicht vermisst, der war nie frei.

Angst ist keine Lebensform

Optimismus, sagt das Bonmot, sei nur ein Mangel an Information. Man müsse eine rosarote Brille tragen und weite Teile der Wirklichkeit ausblenden, um sich in dieser komplett wohlzufühlen. Man werde nie erwachsen, wenn man vor den Schattenseiten der Welt davonlaufe. Dummen Optimismus, blinden Optimismus, gefährlichen Optimismus: das gibt es. Wir leben nicht auf Wolke 7, und wer daran wider alle Erfahrung festhält, der wird zur Witzfigur, zum Tagträumer. Den belächelt man, den nimmt man nicht ernst. Schau dich doch um, entgegnet man ihm, dann werden dir die Augen aufgehen, ja übergehen vor all dem Elend, den Schwierigkeiten. Unerschütterliche Optimisten können unfassbare Nervensägen sein. Manche Probleme sind echte Probleme und nicht nur verpackte Chancen. Manche Krisen sind kein Geschenk, sondern führen schnurstracks in die Katastrophe. Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Foto: A. Kissler

Was es aber auch gibt: dummen Pessimismus, blinden Pessimismus, gefährlichen Pessimismus. In diesen Tagen bekommen wir eine Ahnung, was es heißt, unter dem Banner einer Düsternis zu leben, die noch die kleinste Freude niederdrückt. Weihnachten, sagt ein Ärztepräsident, könne zum „Fest mit Todesrisiko“ werden. Die Lage, sagt ein Bundespräsident, sei „bitterernst“. Ein Ministerpräsident aus Bayern erklärt, „es zerrinnt uns zwischen den Fingern“. Ein Ministerpräsident aus Sachsen weiß, dass beim medizinischen Personal „eine große Angst vor Weihnachten“ herrsche. Ein Ministerpräsident aus Thüringen rät zum Geburtsfest Christi, „einfach negativ bleiben“. Auch wenn damit sachlich korrekt beschrieben ist, dass negative medizinische Testergebnisse eine gute Botschaft sind, gilt das Motto weit über den konkreten Zusammenhang hinaus. Wir alle drohen uns im Negativen einzukapseln. Oder uns einspinnen zu lassen?

Vorsicht bleibt die Mutter der Porzellankiste, und Unvernunft macht nie gesund. An der Ernsthaftigkeit der jeweiligen Anlässe, deretwegen Minister- und Ärzte- und Bundespräsidenten zu bitteren Worten greifen, gibt es nichts zu deuteln. Es wäre eine Realitätsleugnung ganz eigener Art, hielte man solche und zahlreiche andere Äußerungen für unbegründet, die Gefahr, die sie beschwören, für eingebildet. Das wäre dann tatsächlich ruchloser Optimismus nach dem Muster jener Blumenkinder, die auf Schlachtfeldern Kanonen bekränzen und dadurch den Krieg hinfort zu zaubern meinen. Ein Risiko bleibt ein Risiko.

Dumm aber ist ein Pessimismus, der erst mit allem und dann nur noch mit dem Schlimmsten rechnet. Ein solcher Pessimismus raubt den Menschen alle Neugier, den Gedanken jede Kraft. Worüber sollte man sich den Kopf zerbrechen, wenn jeder Tag mit schicksalsergebener Gewissheit nur eine neue Weggabelung markiert, an der jedes Mal mit destruktiver Zuverlässigkeit ein Pfad in den noch tieferen Abgrund eingeschlagen wird? Der Mensch hat keinen Anlass, sich das Hirn zu zermartern, wenn das Resultat aller Überlegung schon im vornherein feststeht: Schlimm war’s, schlimm ist’s, schlimmer wird es werden. Der Mensch wird dann zum Spielball böser Zahlen, die er nur quittieren kann. Er wird zurückgestuft auf die Funktionsweisen Furcht und Fatalismus – und dann und wann eine kleine Erleichterung, eine Lockerung für das Gemüt im Lockdown des Kopfes.

Blind ist ein Pessimismus, der seine überwältigende Kraft aus einer starren Blickrichtung bezieht. Der komödiantischen Witzfigur des Optimisten, der vor jedem Abgrund die Augen verschließt und hofft, dass das Gewitter fern bleibt, wenn er nicht hinsieht, entspricht die tragische Gestalt des Pessimisten, der nicht aufhören kann, das Unheil zu fixieren – und nur das Unheil. Man kann ebenso in das Gelingen wie in das Untergehen verliebt sein. Letztere Liebe wird meistens erwidert. Zum Straucheln, wusste Kleist, braucht es nichts als Füße. Zum Untergehen nicht einmal die. Es reicht, bewegungslos die Augen auf ein Unglück zu heften, und schon wird es haften bleiben im Kopf, in der Seele. Der blinde Pessimist blendet wie der blinde Optimist alle Wirklichkeit aus, die seiner Weltempfindung widerspricht. Er richtet sich die Realität zu. Beide treiben dem Leben seine Neuheit und den Menschen ihre Neugier aus.

Gefährlich ist ein Pessimismus, der es sich im Teilnahmslosen einrichtet. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass das Schlimme des Schlimmeren Feind ist, wird man wehrlos vor jeder nächsten Gefahr. Ein neuer Standard ist ja gesetzt: die „große Angst“, die stete Negativität, der unwiderrufliche Ernst. Die Lagen mögen sich dann ändern – und jede Bedrohung erlischt irgendwann –, bleiben werden das Achselzucken, mit dem man sie hinnimmt, und die erlahmende Widerstandskraft. Gabelt sich ein Weg oft genug und wählt man dieselbe fatale Richtung, dreht man sich unweigerlich im Kreis. Der Circulus vitiosus ist nicht teuflisch, weil da ein Fluch waltet. Er ist teuflisch, weil und wenn der Mensch sich daran gewöhnt, dass der Kreislauf das Normale sei. Wer nur Böses und nichts Neues unter der Sonne erblickt, ergibt sich dem Bösen.

Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe schreibt in seinem Roman „Von Zeit und Fluss“ über das „große Webstück aus blinder Grausamkeit, Hass, Schmutz, Lust, Tyrannei und Ungerechtigkeit, aus Freude, Zuversicht, Liebe, Mut und Hingabe, aus dem das Leben besteht und das die Welt ausmacht“ – das ganze Leben, die ganze Welt. Angst ist keine Lebensform. Frohe Weihnachten.

Morsche Kirche, ranzige Träume

Auf vieles ist in der Kirche Verlass: auf das Amen, auf den Heiligen Abend, auf die Austrittszahlen. Einmal im Jahr werden sie in vollendeter Zerknirschungsroutine zur Kenntnis gebracht. Man nimmt hin, was zu ändern man keinen Antrieb verspürt. Vom bedeckten Glaubenshimmel regnet es Austrittszahlen herab, vorhersehbar wie Nebel im November und offenbar so wenig zu verhindern wie dieser. Man schrumpfe, man werde weiter schrumpfen, so sei das eben in bindungsskeptischen, traditionsfernen, pluralistischen Gesellschaften. Die späte Moderne mache keine Gefangenen. Fehlt nur ein „Glotzt nicht so fromm, gewöhnt euch dran!“ für die schüttere Schar.

Als liberalem Staats- und Zivilbürger kann mir das egal sein. Ein weltanschauliches Produkt, das keine Kunden mehr findet, verschwindet vom Markt der Deutungsangebote. Eine Botschaft, die nur tauben Ohren gepredigt wird, kann nicht hinreichend attraktiv sein. Da stimmt etwas im Kern nicht. Zur Religionsfreiheit gehört die Freiheit, sich von Religion abzuwenden. Wenn immer mehr Menschen davon Gebrauch machen und die Kirchensteuerzahlung einstellen, kann sich darin ein Fortschritt der Freiheit zeigen. Warum sollen Tradition und Konvention eine Fassade aufrechterhalten, hinter der sich nur noch ein großer Geldsack, ein Fass Sentimentalität und ein Kübel Selbstgerechtigkeit verbergen?

Andererseits lässt mich als getauften Abendländer der Ruin der Kirchen nicht kalt. Wer an ein weiterhin ziviles, freies Miteinander in Europa und, darüber hinaus, in der Welt glaubt, der steht in der Schuld des Christentums – ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Und wer sich die Hoffnung nicht rauben lassen will, dass die Welt mehr sei als Gegenwart, mehr als Kalkül und mehr als Schicksal, der wird in Trauer an jeder leeren, umgewidmeten oder verrammelten Kirche vorbeigehen und sich denken: Dort also flossen einmal die Quellen des Sinns und des Trosts, der Bildung und der Zuversicht, die diesen schönen Kontinent bewässerten.

Deshalb ist die Selbstabdankung der Kirchen ein objektives und allgemeines Problem. Nicht unter dem Ansturm der Feinde kapitulieren sie hierzulande, sondern vor dem süßen Gift, das sie selbst sich bereiten: dem Gift der Ununterscheidbarkeit. Die Kirchen möchten keinen Anstoß mehr erregen, keinen Ärger mehr machen, keine Ausgrenzung mehr erfahren. Sie sehnen sich nach einem kommoden Glück, nach Anerkennung und, wie es verräterisch heißt, Augenhöhe mit der Welt. Statt nach dem, was droben, schauen sie nach unten und genießen die Wonnen der Gewöhnlichkeit. Rahmen wollen sie eine Welt, die zu erlösen sie berufen wären. Der festliche Rahmen ist ihr Sonntags-, das mehrheitstaugliche Politisieren ihr Alltagsgeschäft geworden. Zwischen Posaunenbraus und Blockflöte gehen sie der eigenen Stimme verlustig.

Darum war es höchstens in seiner Dichte, nicht aber in der Tendenz überraschend, was sich zutrug an einem Sonntag im Juli im Erzbistum Berlin. Zur dünn besuchten Messe in einer mittlerweile reichlich überdimensionierten Betonkirche der 1950er Jahre hatte ein Diakon das Predigtamt übernommen. Die schräg getragene grüne Schärpe zeichnete ihn aus. Die Eucharistie lag in den Händen eines schwarzafrikanischen Priesters. Der Diakon, vollbärtig, weißhaarig, gekrümmten Gangs, las der Kirche die Leviten. Engagiert betete er ein Sündenregister herunter, das nur zwei Schlüsse zuließ: Diese Kirche ist das Letzte. Kein Wunder, dass dieser Kirche die Menschen davon laufen.

Gewinnend kann Selbstkritik sein, gilt sie dem eigenen Selbst. Dann deutet sie auf Nachdenklichkeit und Souveränität. Oft aber ist Selbstkritik ein besonders großer Lautsprecher für Vorhaltungen an andere. Letztlich kritisierte der Prediger nicht seine Kirche, sondern die Kirche der anderen, die seinen Vorstellungen nicht genüge – und darum, so der Anlass der Philippika, werde die Kirche zurecht leer und leerer. Der kleinen Gemeinde klingelten die Ohren. Sie mussten sich anhören, dass diese Kirche, der sie dennoch die Treue halten, ein schlimmer Laden sei. Sie wurden Zeuge einer Abbrucharbeit an Ruinen. Werden sie künftig froher zum Gottesdienst kommen und ihn stärker getröstet verlassen? Gewiss nicht. Destruktion ist nie anziehend. Destruktiv war dieses Zetern zur Gänze.

Der Prediger schalt das Festhalten der Kirche an der Jungfrauengeburt (von der Wissenschaft überholt), die verweigerte Weihe von Frauen zu Diakoninnen und von verheirateten Männern zu Priestern (von der Geschichte überholt), das angeblich fehlende Gespräch der Kirche mit Grünen und Linken und Atheisten, die fehlende Bereitschaft der Kirche zu neuer Liturgie. Zu preisen wusste er nur Hans Küng (Jahrgang 1928) und Teilhard de Chardin (gestorben 1955). Mit einem Wort: Schrott, wohin man heute blicke, antiquiertes Gebaren überall, Falschheiten ohne Ende, ein einziges Elend. Das Bild einer maximal unansehnlichen Kirche zeichnete der zornige Diakon vor den Wenigen, die sich noch angezogen fühlen von ihr. Ihnen rollte er einen schweren Stein vor die Seele: Schaut sie euch an, eure Kirche, so schlimm steht es um sie. Bald werde sie vermutlich nur noch Museum sein, diese Kirche, eure Kirche. Mit solch düsterem Ausblick schloss er eine Rede, die den stumm beiwohnenden Priester sichtbar befremdete. Fühlte er sich in Geiselhaft genommen von soviel teutonischem Furor?

Alles, was der Prediger predigte, war von der Meinungs- und Religions- und Verkündigungsfreiheit gedeckt. Doch im täppischen Verlangen, politische Bündnispartner, die er längst im Sack hat, noch einmal zu umgarnen, verheerte er den Glauben. Er sah nicht, dass sich die Diagnose, die er stellte, gegen ihn kehrte. So war er getreues Abbild einer in ihrem und an ihrem Reichtum sterbenden Kirche. Vor fast leeren Bänken steigert sich die Kirche in ein derart martialisches Rechthabenwollen hinein, dass man sich nur weiter von ihr abwenden kann. Sie überbringt statt einer frohen eine böse Botschaft und liefert jene Austrittsgründe passgenau, die sie zu suchen vorgibt. Sie verscherzt es sich mit dem kleinen Rest, um billigen Beifall von den Vielen zu bekommen, denen sie egal ist. Sie klagt im toten Sound der 1960er und 1970er Jahre eine (Kirchen-)Politik ein, die andernorts zum Niedergang ausschlug. Warum nur, warum soll der Sinn- und Trostsucher bei einer Kirche anlanden, die Selbstekel und Politphrasen frei Haus liefert, den Schlüssel zum guten Leben aber verlegt hat?

Morsch wie die Bauten der 1950er Jahre ist diese Kirche, die sich lustvoll ihr Totenglöcklein läutet. Bald wird sie erreicht haben, was sie befürchtet und doch vorantreibt: das Selbstgespräch mit sich selbst, Zeter und Mordio vor dem Spiegel. Die Welt braucht nicht noch mehr Claquere. Europa hat Besseres verdient als ranzige Träume.

Das Denkmal, der Hass und Bismarcks Tränen

Nikolsburg – sagt das noch jemandem etwas? Die Stadt heißt heute Mikulov und liegt in der Tschechischen Republik. Als sie noch Nikolsburg hieß, war sie Teil des Habsburgerreiches. In Nikolsburg wurde am 28. Juli 1866 mit einem Vorfrieden der Grundstock gelegt für den Friedensvertrag zwischen dem siegreichen Preußen und dem unterlegenen Österreich. Im Nikolsburger Schloss weinte Otto von Bismarck. So schreibt es der gewesene preußische Reichskanzler in seinen Erinnerungen. König Wilhelm I. nämlich schien Bismarcks Rat in den Wind zu schlagen und sich der „militärischen Mehrheit“ anzuschließen. Bismarck drang auf Friede und Verständigung – zunächst erfolglos: „Ich stand schweigend auf, ging in mein anstoßendes Schlafzimmer und wurde dort von einem heftigen Weinkrampf befallen.“

Foto: A. Kissler

Ob Bismarck wirklich geweint hat, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, ob er am nächsten Tag wirklich „in der Stimmung“ war, „dass mir der Gedanke nahe trat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden, vier Stock hohen Fenster zu fallen“. Auch das steht in den „Gedanken und Erinnerungen“ von 1890. Heute hätte Bismarck allen Grund zu düsteren Gedanken. Gerade wurde sein Denkmal im Hamburger Schleepark mit roter Farbe beworfen. Gerade wird diskutiert, ob und falls ja, in welcher Weise, Bismarck-Denkmäler stehen bleiben sollen. Es gibt deren rund 700 in Deutschland. Auch anderen Heroen der Vergangenheit soll es an den Kragen gehen. Der eine, heißt es, sei Nationalist gewesen, der andere Rassist, ein Dritter habe sich auf unerträgliche Weise zu Frauen geäußert. Denkmäler können sich nicht wehren. Sie stehen stumm und schweigen.

Umso lauter wird der Furor der Aktivisten. In vielen Ländern des Westens wollen sie den öffentlichen Raum säubern von Zumutungen, denen sie nicht standhalten wollen. Allem Hass gereicht zum Vorteil, was sonst Nachteil ist: Unbildung. Darum wächst er epidemisch. Die militante Geste, das Hinwegräumen und Abservieren des Überkommenen, braucht keinen Gedanken, keinen Diskurs, kein Argument. Weg soll für alle, was einige stört. Die Radauelite entscheidet stellvertretend für eine Mehrheit, um die sie sich nicht bemüht. Eine größere Misstrauenserklärung an die Zeitgenossen ist nicht denkbar als die Unterstellung, jene könnten das Vergangene nicht vom Gegenwärtigen trennen; als die Unterstellung, jeder nähere sich einem Denkmal auf Knien, weil er falsch denke, blind blicke. Der dumme Mensch ist der Normalfall in den Augen derer, die sein Sichtfeld reinigen wollen.

Der Mensch misstraut sich selbst, will es nicht eingestehen und macht die eigene Unvernunft den anderen zum Vorwurf: So lautet der bewusstseinspolitische Status quo des Jahres 2020, nicht nur, aber besonders auf der Linken. Das Ende der Diskurse wird ausgerufen, weil die Mühe des Nachdenkens auch eigene Anstrengung bedeutete. Abweichende Meinungen werden als moralische Defekte gebrandmarkt, weil die eigene Meinung auf instabilen Füßen ruht. Ein Kulturkampf ohne Kultur findet statt, eine Abbau ohne Aufbau, ein stehendes Meinungsgericht. Nicht nach Gründen wird gefragt, sondern nach Motiven; nicht Rechte sollen hergestellt, sondern Exempel statuiert werden. Odo Marquard befürchtete schon vor über 30 Jahren die Tribunalisierung der Wirklichkeit, wenn das „Rechtfertigungsverlangen“ ubiquitär werde, es in alle Ritzen dringe. Heute lautet die Parole: Rechtfertige dich oder stimme uns zu!

Hass auf die Vergangenheit ist wie jeder Hass eine dumme Sache. Ohne jeden Zweifel darf und muss in einer offenen Gesellschaft diskutiert werden, ob dieser oder jener Altvorderer heute noch auf einen Sockel gehört. Ich selbst bin alles andere als ein Bismarckianer und auch sofort bereit zuzugestehen, dass der belgische König Leopold II. buchstäblich Blut an den Fingern hatte. Es gibt keinen Grund, ihm im nationalen Pantheon zu salutieren. Öffentliche Akte des Hasses aber sind immer gegen die Republik gerichtet, da sie Selbstermächtigung an die Stelle von Partizipation setzen. Sie nehmen den Ausgang einer Diskussion vorweg, deren Anfang sie verhindern. Es sind totalitäre Selbstauskünfte, die keinen Demokraten kalt lassen dürfen. Gegen Abgründe ist ein anderes Kraut gewachsen: das aufklärende Gespräch, die Selbstvergewisserung einer Gesellschaft. Wir nannten es Bildung.

Die Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen, im neuen Bildersturm tobe sich die Wut nicht nur auf besonders ambivalente Figuren aus, sondern auf die gesamte Vergangenheit. Schwinden soll, was an alte Zeiten erinnert, das Meiste zumindest. Und warum? Zum Einen, wie gesagt, weil Vergangenheit nur versteht, wer sie durchdringt; diesen Aufwand scheuen Aktivisten gern. Zum Anderen, weil Gilbert Keith Chesterton – kennt ihn noch jemand? – uns noch immer durchschaut. Chesterton schrieb 1920, das moderne Denken sei „durch ein Gefühl der Müdigkeit“ und durch „die Angst vor dem Vergangenen“ gekennzeichnet, „eine Angst nicht nur vor dem Schlechten in der Vergangenheit, sondern auch vor dem Guten, das in ihr lag.“ Nur die Zukunft sei „eine leere Wand, auf die jeder seinen Namen schreiben kann, so groß er will. Die Vergangenheit finde ich schon mit unentzifferbarem Gekritzel bedeckt, wie Plato, Jesaias, Shakespeare, Michelangelo, Napoleon. Die Zukunft kann ich so eng werden lassen wie mein eigenes Selbst; die Vergangenheit muss so weit und mannigfach bleiben wie die ganze Menschheit.“

Damit dürfte der tiefere Grund für die neue Lust der Bilderstürmerei gefunden sein: Eine Tabula Rasa wollen die Rasenden errichten, um sich selbst unvergleichlich genießen zu können. Wer vor keinem Maßstab besteht, kämpft gegen Maßstäbe an. So kriecht einmal mehr aus der stärksten Überzeugung das kleinste Ich hervor.

Donald Trump, Don Giuseppe und das Elend der Berichterstattung

Hass ist keine Meinung, heißt es. Hetze bereite den Boden für Gewalt, und gegen beides helfe Haltung, die richtige Haltung. Dieser Dreiklang wird heute selten bezweifelt. Ganz falsch ist er nicht. Hass vergiftet den Diskurs (kann aber trotzdem eine Meinung sein), Hetze macht dumm, sich und andere (muss aber nicht in Gewalt münden), eine innere Haltung sollten wir alle haben (es muss aber nicht unbedingt dieselbe sein). Fast zum Schimpfwort wurde Haltung, als sie mehr und mehr zum Vereinsabzeichen verkam, das sich die moralisch Rechtgesinnten gegenseitig ans Revers heften. Für solche Zweckentfremdung kann die Haltung nichts, wohl aber jene, die sie als Surrogat der Vernunft nehmen. Womit wir bei der deutschen Auslandsberichterstattung gelandet wären und bei Donald Trump.


Gilbert Keith Chesterton sagte einmal, als ihn die Angriffe auf die Kirche gar zu sehr nervten: Eine Organisation, die alles falsch mache, wäre ein ebenso großes Mirakel wie ein Verein, der alles richtig mache, und wie dieser ein Gottesbeweis. In solche theologischen Höhen muss sich nicht aufschwingen, wer die hiesige Berichterstattung über den amerikanischen Präsidenten verfolgt. Ein Stoßseufzer aber darf’s schon sein, gerne auch in der klassisch gewordenen Form des Wolfgang Ambros: „Zwickt’s mi, i man i tram! Des derf net wohr sein, wo samma daham?“ Gute Frage. Wo samma daham, wo sind wir z’Haus, wir Medienkonsumenten, wenn wir die Zeitung aufschlagen, einen der unzähligen Texte über Donald Trump lesen – gab es vor Donald Trump wirklich Donald-Trump-freie Zeitungen, gab es überhaupt Zeitungen, womit waren sie gefüllt? –, wenn wir also zum Beispiel am 3. Juni 2020 die „Berliner Morgenpost“ oder einen anderen Titel der Funke Mediengruppe aufschlagen und einen Korrespondentenbericht aus den Vereinigten Staaten lesen.

Der Text auf Seite 7 unter der Überschrift „Trump lässt Soldaten aufmarschieren. Der US-Präsident will das Militär gegen seine eigenen Bürger einsetzen – und nutzt die Krise zur Selbstinszenierung“ beginnt so, exakt so: „Er – und schwach? Das darf nicht sein. Die Berichte über seine vorübergehende Flucht in den Sicherheitsbunker des Weißen Hauses am vergangenen Freitag lagen Donald Trump noch übel im Magen, als er am späten Pfingstmontag überraschend im Rosengarten des Weißen Hauses ans Mikrofon trat, um sich krampfhaft die Aura der Stärke zu verleihen.“

Ja, liebe Närrinnen und Narrhalesen, da schreibt jemand, der erst im Kopf, dann im Magen und schließlich im Bauch des Donald Trump sitzt, ein Hellseher mit gastroenterologischen Spezialkenntnissen. Solche innere Rede ist ein bewährtes Mittel in Arztromanen und Krimis: „Er – und schwach? Das durfte nicht sein. Professor Schanze-Schönhausen ließ noch einmal den Blick über den Befund schweifen, ehe er ihn energisch zusammenknüllte und angeekelt in den Papierkorb warf. Sein Herz pochte wild. Nun hatte er den ihm so verhassten Paul von Sigmaringen ganz in seiner Hand.“ Oder aber: „Er – und schwach? Das durfte nicht sein. Don Giuseppe hatte gerade seine Cohiba zu Ende geraucht, als da wieder dieses Schrillen in seinem Ohr war. Und dann kamen die Bilder zurück, schlimme Bilder, grausame Bilder. Heftig schoss das Blut in seinen Kopf. Alles in ihm krampfte sich zusammen. Mit Don Giuseppe legte man sich nicht an. Sein Augenlid zuckte, als er zum Telefonhörer griff und mit leiser, aber bebender Stimme Filippos Tod befahl.“

Auf Seite 7 in der „Berliner Morgenpost“ und womöglich in 13 weiteren Zeitungen der Funke Mediengruppe an jenem 3. Juni stand jedoch nicht der Vorabdruck eines Unterhaltungsromans aus dem Hause Bastei, sondern, wie gesagt, der Bericht des USA-Korrespondenten aus Washington. Dieser stellte sich vor, Donald Trump habe eine Magenverstimmung, zeige ein krampfhaftes Verhalten und sei überhaupt ein Schurke, wie er im Groschenroman steht. Ihm, dem mustergültigen Groschenromanschurken, widmete der Korrespondent eine erzählerische Skizze von immerhin elf Absätzen, einer halben Zeitungsseite. Liebhaber greller Effekte kommen auf ihre Kosten. Wer „Dunkle Schatten über Hohenstein“ mag und „Konferenz der Killer“ schätzt, der muss „Trump lässt Soldaten aufmarschieren“ einfach lieben.

Gleich im zweiten Absatz darf Trump „in unversöhnlichem Ton“ aussprechen, was gewiss schon mancher Präsident vor ihm aussprach, nur eben in versöhnlichem Ton, mutmaßlich: dass er, Trump, ein „Präsident für Recht und Ordnung“ sei. Ein Präsident für Unrecht und Anarchie wäre dann doch selbst für Groschenromanverhältnisse eine gar zu unwahrscheinliche Sache. Trump, erfahren wir im dritten Absatz, stellte als Reaktion auf die landesweiten Proteste gegen die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten einen Einsatz des US-Militärs im Inland in Aussicht, was laut im vierten Absatz erwähnter, aber nicht benannter „Experten“ viele „verfassungsmäßige Fragen“ aufwerfe – sofern mit dem granatenmäßig schnoddrigen Ausdruck verfassungsrechtliche Fragen gemeint sind, stimmt das. Als guter Gegenspieler hat sodann ein demokratischer Gouverneur seinen Auftritt. Ihm zufolge kauere Trump „zu Füßen der Autoritäten in der ganzen Welt“. Ein solches bildkräftiges Zitat hätte auch ich mir in meinem Romandebüt nicht entgehen lassen. Es ist das erste Zitat, das nicht von Trump stammt, und reichert das in scharfem Schwarz-Weiß gehaltene Bild weiter an.

Im fünften Abschnitt nennt der Erzähler von der „Berliner Morgenpost“ Trumps Gebaren ein „militärisches Muskelspiel“ – so lautet die Formulierung, die kein Zitat ist und in der wir also die Einschätzung des auktorialen Erzählers selbst erblicken dürfen. Dieser weiß im sechsten Abschnitt zu berichten, Trump wolle in Washington mit Soldaten „ein Exempel statuieren“, rund um das „hermetisch abgeriegelte Gelände des Weißen Hauses“. Meines Wissens zählte das Weiße Haus auch unter Obama, Carter und Kennedy zu den am besten geschützten Immobilien dieses Planeten. Oder gab man sich vor Trump mit liquiden Gittern, angelehnten Türen zufrieden? „Hermetisch abgeriegelt“ ist das Weiße Haus im sechsten Abschnitt vor allem deshalb, weil im ersten Abschnitt von Trumps „vorübergehender Flucht in den Sicherheitsbunker des Weißen Hauses“ die Rede war. Solche repetierende Arbeit am Motiv ist nötig, um Atmosphäre zu verdichten. Der Erzähler von der „Morgenpost“ ist mit allen stilistischen Wassern gewaschen. Er weiß, was man nicht nur bei Bastei weiß: Einmal Schurke, immer Schurke, nur nicht die Leser verwirren.

Im siebten Abschnitt führt der Erzähler „Abendnachrichten von CNN bis MSNBC“ an, die Trumps Rede – welche aber? – als „skandalös“ und „erschütternd“ bezeichnet hätten. Das freilich, werter Epiker der Funke Mediengruppe, sind schwache, zudem oft voreingenommene Gewährsleute, weshalb sie zurecht im Opaken bleiben und namenlos. Mit Leichtigkeit hätten sich gewiss „Abendnachrichten von Fox News bis One America News Network“ finden lassen, die Trumps Reden und Handeln Beifall zollten. Auch das wären dann freilich Binnenreferenzen gewesen nach dem Motto: Journalisten zitieren Journalisten, um sich selbst eine Stimme zu geben. „Nachbessern!“, schriebe da ein strenger Lektor an den Rand des Skripts von „Trump lässt Soldaten aufmarschieren“.

Der achte Abschnitt schreibt von – wie wir lernten: durchaus in ihrem Wahrheitsgehalt umstrittenen – Einsätzen mit „Tränengas- und Blendgranaten“ gegen „Protestler“ und zitiert wieder eine Stimme des Trump-kritischen Senders CNN, der sich an das Gebaren von „Möchtegerndiktatoren“ erinnert fühlt. Abschnitt neun liefert den erzählerischen Höhepunkt: Trump ging nicht, nein, er „stiefelte“ zur nahegelegen St.-John’s-Kirche. Wie es eben Brauch ist, mittags um 12 im Wilden Westen, oder nachts, wenn die Schakale kreisen und der alte Powaudy ein letztes Mal das Pferd sattelt. Begleitet wurde der Präsident nicht vom Geheimdienst, sondern von „Heerscharen des Secret Service“, und an der Kirche ließ er sich nicht fotografieren, nein, er „posierte“, und dann ging er nicht zurück, nein, er „zog wieder ab“. Jedes Wort ein Hieb, jedes Verb ein Stich.

So schreibt man, um Leser in den Bann zu ziehen, die im neunten Abschnitt vergessen haben könnten, was man die acht Abschnitte zuvor dargelegt hatte. Diese Geschichte kennt nur einen Verbrecher und ewig nur diesen. Mit einem angemessen düsteren Ausblick endet das beklemmende Stück: Trump könnte „wirklich das Militär gegen die eigene Bevölkerung in Stellung bringen.“ Die Kraft zur Unterscheidung zwischen 330 Millionen Amerikanern und einer kleinen Gruppe an Plünderern und Kriminellen bringt der Text nicht auf. So bleibt in dieser Erzählung nur der Wahnsinn übrig als Motiv im Kopf des Donald Trump.

Die als Korrespondentenbericht verkaufte Erzählung „Trump lässt Soldaten aufmarschieren“ ist in ihrer radikal einseitigen Machart bezeichnend und bitter. So schreibt man, wenn man erfinden muss, was nicht vorliegt. So hämmert man Botschaften, denen man selbst nicht ganz traut, in ermattete Ohren. So ersetzt man Information durch Mission, Differenzierung durch Simplifizierung, Urteilen durch Aburteilen. Derzeit wird so leider an vielen, vielen Stellen, sei es im Fernsehen, sei es im Radio oder der Presse, über Amerikas Präsident berichtet, und das ist fatal für alle Beteiligten. Moralischer Überdruck und rhetorische Totaloffensive erwecken den falschen Eindruck, eine sachliche Berichterstattung über Donald Trump sei weder nötig noch möglich.

Wer auf Überwältigung aus ist, misstraut aber der Kraft des Arguments. Wer nicht berichtet, sondern seine Affekte arrangiert, verabschiedet sich aus der Realität, über die zu berichten er vorgibt. Es gibt wahrlich genug an Donald Trumps Politik zu kritisieren. Es gibt genug zu berichten, genug zu tadeln, auch scharf zu tadeln. Scham- und pietätlos etwa war der Versuch, Floyds gewaltsamen Tod, die überraschend gute Entwicklung der Arbeitslosenzahlen und „equal justice under the law“ zur bizarren Aussage zu verquicken, heute würde auch Floyd sich freuen, „das ist ein großartiger Tag für ihn, das ist ein großartiger Tag für alle“. Die Behauptung jedoch, dass er stiefelt, wo andere gehen, gereicht Trump nicht zum Nachteil.

Schauen wir ins Internet und in ältere Zeitungen, so merken wir, dass es sich bei „Trump lässt Soldaten aufmarschieren“ vielleicht doch um einen Auszug aus einem größeren Werk handelt, einem Werk, dem wir den Arbeitstitel geben könnten „Die hasserfüllten Augen des Donald T.“ oder „Mister Trump und wie er die Welt zerstörte“. Derselbe deutsche Autor schrieb schon, Trump habe „weder Herz noch Verstand“ (1.6.2020), Trump nehme „für seine Widerwahl Tausende Tote in Kauf“ (6.5.2020), Trump zeige „gefährliche Dummheit“ (23.10.2019), Trump sei ein „Gefährder des Weltfriedens“ (14.10.2019), eine „veritable Bedrohung für die Weltordnung“ (21.12.2018), dieser „Brandstifter mit den größten Zündhölzern“ (4.8.2019) befinde sich „am Abgrund“ (22.8.2018) oder zumindest „im freien Fall“ (21.12.2018). Solche Rede ist nur eins: maßlos, obsessiv, obskur. Da fehlt es an professioneller Gefühlskontrolle.

Wie gesagt: Hass ist nicht verboten, Hass kann eine Meinung sein. Nie aber hinterlässt Hass Erkenntnis, nie klärt er auf, nie findet er einen freien Blick auf die Welt. All das sollte man von Korrespondentenberichten erwarten und vom politischen Journalismus generell. Je höher die Flammen schlagen, desto kühleren Kopf braucht ihr Chronist.

Auch der Geist braucht eine Lobby

Der Geist hat keine Lobby, und davon profitiert nur die Geistlosigkeit. Ohne Geist nämlich keine Begeisterung, ohne Begeisterung keine Daseinsfreude, ohne Daseinsfreude keine schöpferische Kraft und ohne schöpferische Kraft keine Zukunft. Der Mensch dieser Tage hat sich eingekapselt in ewiger Gegenwart, weil er dem Geist nichts mehr zutraut und vom Morgen nichts erwartet oder nur Schlechtes. Weil er nicht sein will, was er ist: ein geistiges Wesen.

Foto: A. Kissler

Am viel zu oft, viel zu leicht zitierten Satz vom Geist, der wehe, wo er will, ist das Wollen die Pointe. Der Geist hat demnach einen Willen. Der Stoff hat, frei nach Adorno, seine Tendenz, der Geist aber seinen Willen. Wer sich je entflammen ließ von einem Lied, einem Gedicht, einer Erzählung, der spürt die Wirkungen des Geistes ganz körperlich. Geist sucht Verbündete, es gibt ihn nicht im Monolog. Geist ist sich selbst nie genug. Er ist die Kraft, die bejaht, die Energie, die verbindet, ein Echo für uns. Geistlos ist ebenso das Unrhythmische wie das Monotone. Die Maschine hat keinen Geist, und ein Mensch würde geistlos, wollte er nur funktionieren. Oder anderen nur ein Funktionieren abverlangen, mal in ökonomischer, mal in politischer, mal in ideologischer Hinsicht. Keine Freiheit ohne Geist, kein Geist ohne Freiheit.

Den Geist drängt es nach vorne, er ist kein Besitzstandswahrer und darum in Deutschland ein Fremdling. Damit der Geist wehen kann, muss der Mensch das Gatter der Gewöhnung verlassen. Stabilitätsnarren können gute Untertanen sein, aber nur schlechte Freiheitswesen. Unmöglich, wie es phrasenhaft heißt, kann Zukunft gewonnen werden, wenn man sie als Rechenexempel deutet oder bloße Fortsetzung der Gegenwart oder Übung im Gehorsam. Was immer der Geist im Einzelnen wollen mag: die gerade Linie will er nicht. Dass Überraschungen zum Guten ausschlagen können und Zukunft kein Drohwort ist, ist die Kernbotschaft des Geistes.

Neben der Kunst sollten auch Politik und Wissenschaft sich den Zumutungen des Geistes öffnen. Wer forscherische Neugier und freies Denken skandalisiert, darf sich nicht wundern, wenn er eine geistferne Politik erntet, eine Politik, in der alles „auf Kante genäht“ ist und „auf Sicht“ gefahren wird, eine Politik, in der die Exekutive zu ihrem Souverän wie mit einem begriffsstutzigen Erziehungsberechtigten spricht: „Unsere gemeinsame Leistung ist nämlich das, was bei uns glücklicherweise nicht eingetreten ist. (…) Freuen wir uns über alles, das jetzt wieder geht, und nutzen wir es. (…) Wenn wir das hinbekommen, (…) das wäre was.“ Kein Geist kann solches Lallen wollen.

Bei Rudolf Kassner heißt es, der Mensch ohne Rhythmus sei der Fanatiker. Vom Mensch ohne Geist gilt der Zusammenhang erst recht. Es gibt auch einen Fanatismus der Mittelmäßigkeit. Der Mittelmäßige, so Kassner, habe keinen „Bezug auf sich selber als auch auf den Gegenstand, oder er kann diesen Bezug nur durch Übertreibung finden.“ Wir alle sind vor Bequemlichkeit und Mittelmäßigkeit nicht gefeit. Wo wir uns aber an diese gewöhnen und uns nicht heraustreiben lassen aus uns und aus dem Bestehenden, da wächst sich Geistlosigkeit zum Ungeist aus. Auch deshalb: Keine Angst vor dem Geist, keine Scheu vor dem Morgen, keine Panik vor der Freiheit.

Guts Nächtle, Deutschland

Im Stollen der Vergangenheit sind viele Schächte. In den meisten brennt noch Licht, und in vielen lebt ein Klang. Es sind nicht nur Gerüche und Geschmäcker, die uns an Vergangenes erinnern, sondern erst recht Geräusche. Musik fasst Zeitalter zusammen, unsere eigenen und unsere gemeinsamen. Töne rühren an Saiten, die wir überwunden meinten. So kam es, dass ich die Überschrift dieser Tage auf einer CD von 2004 fand. Sie benennt die Übung der Gegenwart auf mehr Ebenen, als es ihr Verfasser hat ahnen können damals. Alles heute nämlich kommt darauf an, zu wissen, was das ist, was es bedeutet, wie es einem gelingt: „Rechtzeitig gehen“ ist hohe Kunst geworden.

Foto: A. Kissler

„Rechtzeitig gehen“ war der Titel eines musikkabarettistischen Programms, das ich damals in Mannheim sah, im „Schatzkistl“, vermutlich 2004 oder 2005. Man saß an Tischen, Sekt vor sich oder Wein, Käsehappen oder Würstchen. Vorne am Klavier saß der glatzköpfige Herr Töpel, gut gelaunt, programmatisch höflich, systematisch unzynisch, und also ein Gegenentwurf zu den üblichen Besserwisserkabarettisten, die in jedem Lachen eine politische Gesinnungstat wittern. Arnim Töpel spielte ausnehmend gut Klavier. Später kaufte ich mir auch seine Musik-CD und hörte sie viele Male. Am meisten beeindruckte damals wie heute der Titel des Programms: „Rechtzeitig gehen“. Kann man das überhaupt? Hat man das in der Hand? Ist es überhaupt erstrebenswert?

„Das Geheimnis der Macht ist Beständigkeit“, heißt es einmal in der britischen Politsatire „Yes Minister“. So sprunghaft sich auch ein Alphatierchen gebärden mag: Dauern will es, die immerselben Kunststücke vor wechselndem Publikum zum Besten geben, bis der Letzte das Licht ausmacht, und dieser Letzte ist man nie selbst. Der selbstbestimmte und darum glückliche Abgang ist eine Kunst, die selten gelingt. Man lese Roger Scrutons Aufsatz „Rechtzeitig sterben“: Der Tod sei „ein Licht entlang des Weges, der auf ihn hinführt.“ Man schaue in die Krankenhäuser mit ihren beatmeten Patienten. Auf Statistiken und Kurven und Grenzlinien. Man hat es selten in der Hand, und meistens ist das gut so. Doch welche Verheißung schlummert in der Vorstellung, das Leben biete lebenslang die Möglichkeit, rechtzeitig zu gehen, ohne für immer zu verschwinden. Arnim Töpel sagte damals: „Wir planen und regeln alles Mögliche und wappnen uns doch zu wenig für die Zukunft.“

Bestechend der Einfall, einen Abend lang am Klavier nachzudenken über eine Dorfgemeinschaft der reifen Aussteiger, der Fourtysomethings. Diese, rund 300 Leute, sollten sich ein leerstehendes Dorf suchen in Mecklenburg-Vorpommern und dort einander in Ruhe lassen. Das mache man viel zu selten. Der Einsatz sei also gering, der Preis hoch: In der Phantasie des Klavierspielers lebte man dann „entspannt, zufrieden und gelassen.“ Das Dorf der rechtzeitig aus den Städten Gegangenen werde nicht daran leiden, woran das ganze Land leide, an Schlafdefizit. „Wir werden“, sprach damals der Mann am Klavier, „regiert, gelenkt und geleitet von Leuten, die sich damit brüsten, den Schlaf überwunden zu haben. Welchen Steuerkompromiss wollen wir denn erwarten, morgens um vier, von einer Runde dämmernder Sekundenschläfer?“ Anders werde es in Meck-Pomm. Ein siebenmonatiger Winterschlaf sei dort Pflicht, und so „werden wir etwas schaffen, was uns keiner je zugetraut hätte. Wir werden ein ausgeglichenes, ein sympathisches, ein zufriedenes Völkchen. Drum gute Nacht, Deutschland.“ So endete das Programm. So endet die CD.

Das war natürlich ein Witz. Auch dem Mann am Klavier dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass selbst in Mecklenburg-Vorpommern Häuser nicht verschenkt werden, dass Lebenshaltung kostet und Rücklagen am Beginn des fünften Jahrzehnts nicht ausreichen, falls vorhanden. Ein Witz war auch die Vorstellung des Bühnenpianisten, es könnten sich 300 Leute finden, die wie er zu derart frühem Zeitpunkt selbst entscheiden möchten, „wie, wo und mit wem“ sie die „nächsten Jahrzehnte alt werden wollen“. Schon damals wollte niemand mit gerade mal 40 Jahren alt werden. Erst recht nicht heute. Da beginnt die zweite Hälfte des Lebens mit den Silver Agers, der Generation 60+. Wir leben in einer „infantilen Gesellschaft“ – mein nächstes Buch wird davon handeln.

Der Mut zum Antizyklischen erweist heute seine prophetische Kraft. Rechtzeitig zu gehen ist Politikern aufgegeben, die sich für unersetzbar halten, den Beharrungskünstlern und Stetigkeitsidioten, die das bloße Verweilen mit Munterkeit verwechseln und Dauer für Substanz nehmen. Auch ich bin sehr dafür, an Bewährtem festzuhalten. Aber eben nur an Bewährtem. Was uns gestern schon stolpern ließ, wird auch morgen nicht zur Leuchte taugen. Wer die Verknotung der Wirklichkeit für Gedankenarbeit hält, wird nie eine Wirklichkeit finden, die er durchdringt. Rechtzeitig gehen sollten Ideen, die alterten, ohne je die Blüte ihrer Jahre zu erreichen.

Der Mann am Klavier, die Bühnenfigur, nicht identisch mit Herrn Töpel, sprach unmittelbar vor der Pause im Überschwang inneren Hippietums die Unwuchten aus, die uns heute mehr denn je bedrängen, zwischen Corona, Greta und Rezession – von denen damals nicht die Rede sein konnte, 2004, als es plötzlich sehr böse vom Klavier zu mir an den Tisch im „Schatzkistl“ drang: „Was Deutschland braucht, das ist ein Krieg, eine Naturkatastrophe oder drei Monate Zwangsurlaub für alle. Noch haben wir die Wahl. Was meinen Sie, was damit gespart werden könnte? Drei Monate keine quälenden Sitzungen, deren Ergebnis sowieso keiner wahr haben will. Drei Monate Produktionsstopp, Ausnahmen nur für das Nötige. Alles andere läuft über Ebay. Und das wird verstaatlicht. (…) Wir sollten endlich aufhören uns zu fragen, was können wir uns leisten, sondern endlich einmal klären, was wollen wir uns leisten? Und dann genügt womöglich eine winzige politische Änderung: Nur wer wiedergewählt wird, darf aufhören.“

Soweit der ausnahmsweise einmal böse Piano Man, diese Bühnenrolle. Die Ausgangsbedingungen verbleiben natürlich komplett fiktiv. Krieg und Katastrophe zwingen kein Glück je herbei, sondern mögen uns nur eins: verschonen. Diesen einen kindlich schönen Gedanken aber wähnte ich im innersten Schacht verstaut, aus dem er nun emporsteigt im April des verrückten Jahres 2020: Dass der Lohn einer erfolgreichen Wahl nicht das fortgesetzte Regieren wäre, sondern die Erlaubnis zum Abgang. Dass der Wähler denen, die ihn gut und wach regiert haben, mit dem Diplom die Entlassungsurkunde überreicht. Ein Klaps auf die Schulter noch, ein „Danke“, eine Träne der Rührung, ein neues Beginnen. Im Hamsterrad ist jede Bewegung ein Kreislauf, jedes Auf schon ein Ab. Glücklich das Land, dessen Illusionen rechtzeitig gehen. Mit Mut voran.

Corona und der Abschied vom Weltbürgertum

Hat es Sinn, viele Worte und manchen Gedanken an die Corona-Krise zu verschwenden? Draußen singen die Vögel, der Himmel trägt sein schönstes Blau, die Sonne strahlt, als gäbe es kein Morgen. Und wirklich kein Morgen gibt es für jene, die täglich ihr Leben lassen, nach viraler Infektion. So landet dieser Tage noch der unschuldigste Gedanke an seinem schlimmstmöglichen Ende. Die Schönheit lügt, denke ich, der blühende Baum lügt, frei nach Adorno, und doch ist da Schönheit, Aufbruch, Neuanfang, unbezwingbar. Von allem aber auch das Gegenteil.

Foto: A. Kissler

Natürlich ist es falsch zu sagen, nach dieser Krise werde nichts mehr sein wie zuvor. Das Allermeiste wird nach dieser Krise exakt so sein wie vor der Krise. Menschen werden Geschichten schreiben und Geschichte machen. Da wird Hass sein und Niedertracht und Fürsorge und Liebe. Die Erde wird nicht untergehen, die Menschheit nicht aussterben. Wir werden uns nicht lebenslang verbarrikadieren, nicht jahrelang mit Mundschutz durch die Supermärkte schleichen. Es wird wieder eine Normalität geben, ein menschliches Minimum. Die Kontinuitäten werden wie immer unterschätzt, die Brüche überschätzt.

Vieles wird sich dennoch ändern. Mehr Digitalisierung wird es geben, mehr Reserve im Umgang miteinander, vor allem aber: weniger Weltbürgertum. Diese Folge scheint mir noch nicht begriffen. Das Bekenntnis zum Weltbürgertum war bis hinein in den März 2020, mit und ohne Goethe, die schönste Krone, die man sich verleihen konnte. Künstler, Politiker, Poeten ohne Zahl taten es. Sie seien Weltbürger, sagten sie. Gebürtig zwar in diesem oder jenem Land, das sie Vaterland zu nennen sich nicht trauten, jene oder diese Sprache redend, die sie Muttersprache nannten, von Herzen aber Weltbürger. Denn nur das sei kein Zufall: auf diese Erde geworfen zu sein wie Milliarden andere auch. Seid umschlungen. Der Rest ist Kontingenz.

So hörten wir Sympathisches und stimmten zu: Dass uns mehr verbinde als trenne. Ja. Dass jeder Mensch des Menschen Bruder sei oder Schwester. Ja. Dass die Zeit der Nationalstaaten vorbei sei. Ja. Dass die Probleme zu groß seien, um allein gelöst zu werden. Ja. Dass Deutschland unsere Herkunft, Europa unsere Zukunft sei. Ja. Dass man mehrere Heimaten haben könne. Ja. Dass wir nur einen Planeten hätten. Ja. Dass die Sprache der Menschheit universal sei. Ja. Dass wir alle Weltbürger seien.

Nein. Das sind wir nämlich nicht. Warum sonst lautet das zweite Schlüsselwort dieser Tage neben und nach Corona-Krise Rückholaktion? Gerade keine Heimsuchung ist solche Heimholung, sondern rettende Tat. Der Deutschlandfunk vermeldete am 27. März 2020 in seinen Nachrichten um 6h00: „Die Rückholaktion der Bundesregierung für die wegen der Corona-Pandemie im Ausland gestrandeten Deutschen wird nun doch noch mindestens zwei Wochen dauern. Der Krisenbeauftragte des Auswärtigen Amts, Hartmann, sagte der Deutschen Presse-Agentur, bislang seien Menschen aus Hauptferienzielen wie Ägypten, Marokko oder der Dominikanischen Republik zurückgeholt worden. (…) Zahlreiche Staaten haben wegen der Pandemie ihre Grenzen geschlossen und Flugverbindungen gestrichen. Außenminister Maas hatte deshalb in der vergangenen Woche angekündigt, zusammen mit Reiseveranstaltern und der Lufthansa Bundesbürger aus Ländern zurückzuholen, aus denen es keine regulären Flüge mehr gibt. Insgesamt geht es um etwa 200000 Reisende, von denen bis Mitte der Woche mehr als 150000 nach Deutschland gebracht wurden.“

Ich höre es und frage mich ganz naiv: Warum werden Menschen in das Land zurückgebracht, dessen Staatsbürgerschaft sie besitzen, wenn doch angeblich jeder überall zu Hause ist? Hatte Barack Obama gelogen, als er 2008 in Berlin unter Beifall erklärte: „Menschen der Welt, dies ist unser Augenblick“? Haben all die Künstler gelogen, die ihre Identität auf ihr globales Unterwegssein gründeten? All die Politiker und Wissenschaftler, die uns erklärten, das Nomadentum sei unsere Berufung, die Internationalität unsere Chance? Wir trügen alle den Pass der Vereinten Nationen mit uns? Ja und nein. Wahr war und bleibt die Schönheit des Gedankens, dass unser Geist auf Entgrenzung angelegt ist, dass er sich mit keiner Grenze zufrieden gibt, erst recht nicht mit den Grenzen unserer Geburt. Gelogen aber war der Ton der Verheißung, der alles Eigene, alles Vorgefundene zum Vorläufigen erklärte. Wer sich verlieren soll, ohne sich gefunden zu haben, verliert alles.

Das merken wir nun präzise in unserer Seele, unserem Geist, unseren Träumen: Wenn es um die Frage geht, wo wir einen existenziellen Kampf, einen Kampf womöglich um Leben und Tod durchfechten, wo wir widrigenfalls sterben wollen, dann wird der allergrößte Teil der Menschheit darauf mit dem Wort von der Heimat antworten. Und in der Fremde wird man, wenn es Spitz auf Knopf kommt, die Fremden ihren sekundären Status merken lassen. Unmenschlich geht es hoffentlich dennoch nicht zu, die Menschenrechte müssen weltweit und unbedingt gelten. In der Not aber blüht uns nur eine Hoffnung, eine Herkunft. Das Pathos vom Weltbürgertum zerschellt an jeder Rückholaktion.

Dass der Mensch aus Krisen etwas lerne, ist eine vage Hoffnung. Vielleicht aber nehmen wir diese Lektion zur Kenntnis: Zuhause sind wir da, wo wir verstanden werden, weil wir einander verstehen. Zuhause sind wir nicht da, wo wir ein Bett haben und ein Dach über dem Kopf und unseren Hut ablegen. Zuhause ist nicht nur ein Gefühl – und Heimat ist auch ein Ort.

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