Indien

Sie haben den Ganges im Blick. Sie stehen da, zu zweit, getrennt durch eine halb geöffnete Tür, die vom Gastraum in die Küche führt. Fremd sind sie beide. Das Foto, das fast die ganze Wand neben der Tür ausfüllt, zeigt die schönste Inderin, wie sie lächelt, ohne die Lippen zu öffnen. Ein Punkt thront auf ihrer Stirn, die Augen sind glänzende Saphire, die Finger zehn schüchterne Tänzer. Grün und gelb und rot ist das Gewand der schönsten Inderin. Weiß und grau ist es hier.

Sie haben sich die Heimat in die Gaststube geholt. Wer sie betritt, sieht erst die ferne Prinzessin an der Wand, dann ihren Landsmann an der Theke, wie er zu Boden blickt. Ein Tuch nach Piratenart bedeckt seinen Kopf. Er grübelt, ohne zu lächeln. Zeit zu blicken und zu grübeln hat er viel, der Gastraum ist leer. Gestern war er es, vorgestern fast. Jeder Morgen ist eine verwegene Hoffnung. Niemand mag sich zu den Dreien gesellen, nicht zum Koch, nicht zum Wirt, nicht zur starren Tänzerin mit ihrem Hoheitsschimmer.

Nachmittags, wenn die Stube schließt, muss die Holde allein lächeln. Ihre beiden Freunde sitzen dann auf den Lehnen von Kinderbänken im Stadtpark. Mit gekrümmten Rücken und nun flackernden Blicken tauschen sie Worte aus, selten wie die Saphire im Bild, die ihre Rückkehr erwarten. Viel zu sagen haben sie einander nicht. Es ändert sich wenig im herbstlichen Deutschland, zwischen Küche und Park, Pizza und Ganges.

Darum nämlich sind sie gezogen in das Haus an der Hauptstraße mitsamt ihrer lächelnden Braut. Sie wollten Pizza backen, denn die Deutschen mögen das teigige Rund. Ist es nicht so? Viele Arten hält die bunte Speisekarte auf den vier Tischen bereit, mit Salami und mit Ananas, mit Käse und mit Thunfisch. Schnitzel gibt es auch und Ente. An Limonade herrscht kein Mangel.

Doch man muss ein Foto sein aus sehr fernen Tagen, um über den so grausam mangelnden Zuspruch das Lächeln nicht zu verlieren. Sind die Teig- und Fleischgerichte andernorts, bei der Konkurrenz in dreihundert Meter westlicher und zweihundert Meter nordwestlicher Entfernung besser? Ist der Boden zu dick, der Belag zu wuchtig?

Sie haben alles versucht: Aus einem Wirtshausschild wurden deren zwei, damit auch der rasende Fahrer die lockende Inschrift erspähe. Auf der Straße steht ein drittes, das nach Bedarf aufgestellt werden kann. Passanten sind oft in sich versunken. Auch Flugblätter haben sie verteilt, selbst Lohn und Brot schon angeboten: „Fahrer gesucht“ steht auf einem Zettel hinter der Glasscheibe. Hat der Koch, hat der Wirt ihn geschrieben?

Sie suchen noch immer – den Fahrer, die Kunden, das Lächeln, das sie an die Prinzessin verschenkten. Der trotzige Deutsche mag sich von Indern nicht italienisch bekochen lassen. Den Winter wollen sie abwarten. Ganz weiß soll es werden. Auf der Parkbank wollen sie Schnee liegen sehen. Im Frühjahr dann werden sie die Koffer packen, den Ganges noch fester im Blick und die Tänzerin auf der Schulter: ein seltsames Trio.